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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
09. März 2018

Auswege aus der Not gesucht – Die neue Regierung und die Altenpflege

Können die Menschen in Deutschland heute erwarten, im Pflegefall friedlich alt zu werden? Die in den Startlöchern stehende Regierung will die Not lindern - und stößt auf viel Skepsis. Die Kanzlerin bekam einen drastischen Einblick. "Es gibt Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen", hielt der Pflege-Azubi Alexander Jorde vor der Bundestagswahl in der ARD-Wahlarena Angela Merkel entgegen. "Das sind Menschen, die haben dieses Land aufgebaut nach dem Weltkrieg. Die Pflege ist so überlastet." Merkel versprach daraufhin vage: "Es wird mehr Standard da reinkommen." In wenigen Tagen nun wird die neue Regierung vereidigt – und in der Altenpflege hoffen viele auf die Linderung ihrer Not. Was sind die Probleme? Welche Perspektiven bietet die Koalition?
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Der CDU-Mann Jens Spahn versicherte in einem seiner ersten Interviews als designierter Gesundheitsminister, er wolle dafür sorgen, dass der Pflegeberuf attraktiver werde. Pflege bewege "jeden in Deutschland". Mit Spannung wird nun erwartet, was der 37-Jährige beim Deutschen Pflegetag am kommenden Donnerstag ankündigen wird.

Nadine Nachtigall ist Pflegefachkraft in einem Berliner Heim. "Den derzeitigen Mangel an Pflegekräften merken wir jeden Tag", sagt sie. Täglich hilft sie den alten Bewohnerinnen und Bewohnern beim Anziehen, der Körperpflege, beim Essen und Einnehmen von Arnzei. Sie liebe den Beruf. "Ich möchte den alten Menschen den letzten Lebensabschnitt erleichtern." Doch als sie vor fünf Jahren angefangen habe, sei der Fachkräftemangel weniger spürbar gewesen.

"Da die Zeit oft knapp ist und in den Einrichtungen Personal fehlt, bleibt viel liegen", erläutert Nachtigall. Sie hätte gern öfters eine halbe Stunde mehr für Gespräche mit den Bewohnern oder Angehörigen. "Das machen wir dann oft zwischen Tür und Angel." In ihrem Wohnbereich betreuen in der Frühschicht eine Fachkraft und drei Helfer 31 Bewohner – nachts sind es eine Fachkraft und ein Helfer für das ganze Haus mit 94 Bewohnern. "Wir sind dabei im Vergleich zu anderen Einrichtungen noch gut aufgestellt."

Zwischen Pflege und Politik liegt eine Kluft. Der CDU-Abgeordnete Erwin Rüddel forderte die Pflegenden im Februar auf Twitter auf, "gut über die Pflege zu reden" – und erntete Empörung. "Ich finde Verstorbene in den Zimmern, immer wieder. Keiner bekommt es mit. Es ist zu viel Arbeit. Das ist grässlich", schrieb eine Frau.

Bessere Bezahlung durch flächendeckende Tarifverträge, eine Ausbildungsoffensive, Anreize für mehr Vollzeit – das versprechen Union und SPD. Und 8.000 neue Fachkraftstellen per Sofortprogramm. "Die Zahl 8.000 hat mich erschreckt", sagt Nachtigall. "Das ist auf alle Einrichtungen gerechnet nicht viel."

Genau genommen etwa eine Zwei-Drittel-Stelle für jede der rund 13.000 Einrichtungen. Das rechnet Heinz Rothgang aus Bremen vor, einer der renommiertesten Pflegeforscher des Landes. "Doch das Hauptproblem ist, dass die Heimbetreiber offene Stellen ohnehin kaum besetzen können", sagt er. Der Stellenmarkt sei leer gefegt.

Die 8.000 neuen Pflegekräfte sollen von der Kranken- statt von der Pflegeversicherung bezahlt werden. Dahinterliegende finanzielle Interessen könnten Betroffenen eigentlich egal sein, wenn sie nicht oft konkrete Auswirkungen hätten. "Da passiert viel Unsinn", kritisiert Diakonie-Präsident Ulrich Lilie. So kämen viele Pflegebedürftige in den letzten Jahren noch drei, vier Mal aus ihrem Heim in eine Klinik. "Die Krankenhäuser verdienen daran, dass sie unnötige Einweisungen bekommen", sagt Lilie. Überlastete Pfleger riefen oft den Rettungswagen – aus Zeitnot.

Lilie zitiert eines der Zehn Gebote. "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren." Er meint: "Wir sind alle gefragt, was uns unsere Eltern und Großeltern wert sind." Alle müssten die Aussicht haben, in Frieden alt werden zu können. "Viele denken heute, wenn ich abgeschoben werde, gebe ich mir vorher die Kugel."

Die Experten sind sich einig: Viele Probleme in der Pflege ließen sich mit mehr Geld lösen. "Was jetzt an höheren Löhnen und besserer Personalausstattung geplant ist, droht aber zu 100% von den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen bezahlt werden zu müssen", sagt Rothgang. Heute schwankt der Eigenanteil für Heimbewohner laut dem jüngsten Barmer-Pflegereport im Schnitt zwischen 1.107 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt und 2.252 Euro in Nordrhein-Westfalen. Wenn die Betroffenen oder ihre Angehörigen das nicht zahlen könne, springt die Sozialhilfe der oft klammen Kommunen ein.

"Wir müssen aufpassen, dass man die Menschen, die sich etwas für ihr Alter zurückgelegt haben, nicht bestraft", mahnt Lilie. Von Pflegekosten belastet seien – ohne Systemwechsel hin zu einer großzügigeren öffentlicher Finanzierung – reihenweise Angehörige der Mittelschicht. Heute kann rund ein Drittel der Betroffenen die Eigenanteile nicht aufbringen.

Selbst wenn Spahn in der neuen Merkel-Regierung die Probleme lindern könnte: Altenpflege bleibt eine wachsende Aufgabe. Schon vor sechs Jahren prognostizierte die Bertelsmann-Stiftung eine Personallücke von 500.000 Vollzeitstellen bis 2030. Widerlegt ist die Prognose bis heute nicht. "Die Situation wird sich nicht entspannen", sagt Rothgang. "Die Mehrzahl der Wähler wird als Betroffene oder Angehörige Erfahrungen mit Pflege sammeln."

Nadine Nachtigall will in dem Beruf bleiben. "Das Spannende ist, immer wieder neu Menschen auf enge Weise kennenzulernen." Gerade macht sie eine Weiterbildung für palliative Versorgung – um sich noch besser um sterbenskranke Menschen kümmern zu können.
 
Quelle: dpa



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