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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
25. Juli 2017

Arsen tötet Tausende Menschen in Indien

Hornhaut, dunkle Flecken, Krebs - Unzählige Menschen leiden in Indien und Bangladesch, weil sie vor Jahrzehnten unbewusst mit Arsen verseuchtes Wasser getrunken haben. Ein engagierter Forscher und eine kleine Gruppe Mediziner versuchen, ihnen zu helfen.
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Als Afruja in ihrer Hochzeitsnacht zum ersten Mal den nackten Oberkörper ihres Mannes sah, erschrak sie. "Hilfe, eine Schlange", sei es ihr entfahren, erzählt die Mittzwanzigerin von dem Abend vor zwölf Jahren. Der Mann, an den die damalige Jugendliche verheiratet wurde, hatte lauter dunkle Flecken auf der Haut. Er war nicht der einzige im ostindischen Dorf Kalyani, der so aussah. Und als er acht Jahre später mit Mitte 30 an Krebs starb, war das ebenfalls nichts Ungewöhnliches.

"Ich habe den Menschen in den Dörfern beigebracht, dass sie durch das Trinken von Arsen-verseuchtem Wasser unheilbar krank geworden waren", erzählt der Chemiker Dipankar Chakraborti, der das Institut für Umweltforschung an der Jadavpur Universität in Kolkata (früher Kalkutta) leitet. "Vorher hatten viele gedacht, sie würden für etwas bestraft, was sie im vorherigen Leben getan hatten."
 
Es gibt keine genauen Statistiken darüber, wie viele Menschen in Indien und dem benachbarten Bangladesch Arsenvergiftungen erlitten haben – auch weil die Ursache einer Krebserkrankung schwer nachweisbar ist. Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge sterben aber jedes Jahr Tausende Menschen in der Region an den Folgen des Arsenkonsums.

Das Grundwasser kommt aus dem Himalaya und enthält natürlich vorkommendes Arsen. Die Vereinten Nationen schätzten schon vor 15 Jahren, dass in Bangladesch bis zu 77 Millionen Menschen Wasser mit einem Arsengehalt von mehr als 0,05 Milligramm pro Liter trinken. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) genannte Höchstwert liegt bei 0,01 Milligramm. Chakraborti hat nach eigenen Angaben in Indien schon das 40-fache gemessen, in Bangladesch sogar das 700-fache.

In Indien sind laut Nationalem Hydrologie-Institut rund 50 Millionen Menschen betroffen – die meisten im Bundesstaat Westbengalen. Rund 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kolkata lebt Afruja heute mit ihrem zehnjährigen Sohn bei der Familie ihres toten Ehemannes. Auch ihr Schwiegervater ist an Krebs gestorben, die Schwiegermutter und fünf weitere Verwandte sind krank.

Der Ort liegt in der Gemeinde Deganga, zu der etliche Dörfer gehören. Ein Großteil der Bewohner lebt von der Landwirtschaft. Schlammige Straßen führen an grünen Feldern vorbei; Hühner, Kühe, Ziegen und Enten laufen herum. Rund 17.000 Menschen leben hier in meist einfachen Backsteinhäusern. Davon sind nach Angaben des Bewohners Shankar Prasad Dey, der mit dem Forscher Chakraborti zusammenarbeitet, in den vergangenen 22 Jahren 1.200 krank geworden und 300 gestorben. Fast jede Familie sei betroffen.

Die Brüder Adaitwo und Sribas Pal, die ihr Alter auf etwa 60 und 55 Jahre schätzen, haben sieben ihrer 20 Familienmitglieder verloren. Auch ihnen geht es schlecht. Adaitwo musste der rechte Fuß amputiert werden. Der Oberkörper von Sribas ist mit Flecken übersät, und er hat Schwierigkeiten beim Atmen. Sein Zustand ist offensichtlich ernst.

Die Medikamente für Sribas müssen in Kolkata – zwei bis drei Autostunden entfernt – gekauft werden und kosten etwa 1.500 Rupien (rund 20 Euro) im Monat. Die Familie muss sich dafür von Kredithaien Geld leihen. Arbeiten kann der Obstverkäufer Sribas längst nicht mehr. Von den Behörden komme keine Hilfe, klagen die Brüder.

Mittlerweile gibt es in vielen Dörfern aufbereitetes Flusswasser zu trinken. Das verseuchte Wasser wird allerdings immer noch genutzt – zum Baden, Waschen von Kleidung und zur Bewässern von Kartoffeln, Reis, Blumenkohl und anderem Anbaugemüse. So gelangt das Arsen laut Chakraborti in ganz Westbengalen ins Essen. Welche Folgen das noch haben wird, bleibe abzuwarten. Der Bundesstaat hat mehr Einwohner als Deutschland.

Chakraborti war 1988 nach 13 Jahren an Hochschulen in verschiedenen Ländern nach Kolkata zurückgekehrt, als er von dem Arsen-verseuchten Wasser in seiner Heimat erfuhr. Im Laufe der Jahre hat er überall in Westbengalen sowie in anderen Bundesstaaten und in Bangladesch Wasser untersucht und den betroffenen Menschen Haar-, Nagel- und Urinproben entnommen. Auch in Teilen der 15-Millionen-Metropole Kolkata hat der Forscher hohe Arsenwerte im Trinkwasser gemessen.

Der Arsengehalt des Grundwassers war in Indien erstmals 1983 festgestellt worden, aber erst Jahre später wurde das Problem durch Chakraborti weitläufig bekannt: Er veröffentlichte zahlreiche Studien und organisierte zwei internationale Konferenzen in den 1990er Jahren. Er legte sich zudem häufig mit der westbengalischen Regierung an, der er vorwirft, ihn mundtot machen zu wollen, weil er ihre Fahrlässigkeit enthülle.

Der drahtige, kleine Mann mit graumeliertem Bart ist 76 Jahre alt. Er komme für 17 Kinder aus den Dörfern finanziell auf, erzählt er. Die überwiegende Mehrheit der Zeit verbringt er in seinem Büro, mit zu einem halben Schneidersitz angewinkeltem Bein vor dem Laptop.

Dort hat er eine Powerpoint-Präsentation mit 150 Folien erstellt. Eine davon enthält den Text einer E-Mail, die laut Chakraborti ein damaliger WHO-Berater für Umweltgesundheit in Südasien ihm Anfang des Jahres 2.000 geschrieben hat. "Viel Glück mit dem Arsen-Thema. Ich werde es zum Glück bald los sein", steht dort. Der Berater habe sich für eine Frührente entschieden, heißt es weiter. "Ich bin es satt, für etwas zu kämpfen, das niemanden interessiert."

Die Menschen in der Region hatten in den 1970er Jahren angefangen, Grundwasser zu trinken, weil die WHO und Unicef das Bohren sogenannter Rammbrunnen als saubere Wasserquelle und Alternative zum Oberflächenwasser gefördert hatten. Dieses hatte Cholera und andere Krankheiten verursacht. Vom Arsen im Grundwasser wusste damals niemand.

Eine Anfrage zu der E-Mail beantwortet die WHO nicht. Eine Unicef-Sprecherin in Indien will sich ebenso wenig zur Rolle des UN-Kinderhilfswerks bei der Entstehung der Arsen-Krise äußern. Sie betont aber, dass Unicef viel Arbeit leiste, um den Betroffenen zu helfen – etwa durch Wasseranalysen, die Entwicklung von Technologien zum Filtern des Arsens und das Ausarbeiten von Strategien für sauberes Trinkwasser.

Eine Arsenvergiftung äußert sich meist zuerst durch sogenannte Keratose – eine schmerzhafte, juckende Hornhaut – an den Handflächen und Fußsohlen, die sich in der Folge ausbreitet. Hinzu kommt danach oft eine Hyperpigmentierung der Haut – die dunklen Flecken, die Afruja an eine Schlange erinnerten. Es kann zu Krebserkrankungen der Haut und anderer Organe kommen – manchmal erst Jahrzehnte nach der Vergiftung, je nachdem, wie viel Arsen wie lange getrunken wurde.

Auch Nervenkrankheiten können eine Folge sein, wie der Neurologe Subhash Chandra Mukherjee erklärt. Zu den Symptomen gehörten Kribbeln und Taubheitsgefühl in Händen und Füßen, brennender Schmerz in den Beinen bis hin zu Muskelschwund. "Manche Patienten können im Winter wegen des brennenden Gefühls keine Kleidung an den Beinen tragen", sagt er. Andere seien extrem lichtempfindlich und könnten ihre Häuser bei Tag nicht verlassen.

Mukherjee gehört zu einer Gruppe von Medizinern, die hin und wieder auf eigene Kosten mit Chakraborti in die Dörfer fährt, um die Kranken zu behandeln und Tests durchzuführen. Hilfe leisteten dort nur Freiwillige wie sie und Nichtregierungsorganisationen, erzählt der pensionierte Neurologie-Chef des Krankenhauses Medical College in Kolkata. "Es gab nie ein ernsthaftes Bemühen irgendeiner Regierung." Es gebe viele andere Probleme in Indien, zudem seien die meisten Betroffenen arm, sagt Mukherjee. "Solange keine wichtige Person eine solche Krankheit bekommt, kümmert es keinen."

Chakraborti erzählt, was passierte, als die Rammbrunnen erstmals nach Westbengalen kamen: "Die Leute sind aus ihren Dörfern geflüchtet und haben "Teufelswassser" gerufen." Sie hätten Angst gehabt, weil das Wasser von unter der Erde stammte. "Aber Unicef, die WHO und die indische Regierung haben ihnen gesagt: Ihr bekommt wunderbares Wasser und könnt das ganze Jahr über ernten." So hätten sich die Rammbrunnen durchgesetzt, bis es Millionen waren, erklärt Chakraborti. "Letztlich hat sich gezeigt, dass es tatsächlich Teufelswasser war."
 
dpa



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