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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
08. Juni 2017

No-Go Dickleibigkeit: Fat Studies in Deutschland

Dick sein ist out: Wer heute dick ist, dem wird das Leben schwergemacht. Während vor nicht allzu langer Zeit füllige Körper als Zeichen von Attraktivität, gutem Leben, Wohlstand und Macht galten, erscheinen sie heute als geradezu anstößig. Denn: Dicke haben nicht nur Probleme, sie machen auch Probleme – so die einhellige Meinung. Dicke Menschen sind somit vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. Inspiriert durch die Entwicklung der Fat Studies in englischsprachigen Ländern haben Prof. Dr. Lotte Rose, Essens- und Körperforscherin an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), und Friedrich Schorb, Soziologe am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, den Sammelband „Fat Studies in Deutschland – Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung“ herausgegeben – die erste Publikation zu Fat Studies in Deutschland.
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Der Band vereint Beiträge, die sich aus unterschiedlichen disziplinären, professionellen und praktischen Perspektiven kritisch mit der Stigmatisierung von dicken Körpern und dicken Menschen in Deutschland auseinandersetzen.

Fat Studies problematisieren nicht dicke Körper an sich, sondern den gesellschaftlichen Umgang mit ihm. Sie fragen also nicht wie Medizin und Gesundheitspolitik danach, warum hohes Körpergewicht schädlich und zu reduzieren ist, sondern warum und wie es zum Problem erklärt wird und welche Folgen dies für die betroffenen Menschen hat. Damit ergreifen sie Partei gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung der Menschen mit hohem Körpergewicht und setzen sich ein für die Anerkennung der Vielfalt der Körper und ihres Volumens. Fat Studies knüpfen dabei an die Anliegen anderer stigmatisierter Gruppen an, die sich gegen ihre Diskriminierung auch in der Wissenschaft erfolgreich zur Wehr gesetzt haben. Vorbilder sind hier die Gender- und Queerstudies oder auch die Disabilitystudies.

Wie werden dicke Menschen abgewertet? Ihnen wird unterstellt, eine unzureichend ausgebildete Selbstdisziplin und Triebkontrolle zu haben, die sie maßlos essen lässt. Zudem gelten Dicke als süchtig und damit  psychisch krank. Es wird von einer Epidemie der Übergewichtigkeit gesprochen, mit der eine Ansteckungsgefahr konstruiert wird, mit der die Dicken die Schlanken und den gesellschaftlichen Wohlstand bedrohen. So heißt es, die massenhafte kollektive Gewichtszunahme sei für den Fortbestand der Menschheit gefährlicher als der Welthunger, für das Ökosystem Erde ähnlich zerstörerisch wie der Klimawandel und für die Stabilität der Volkswirtschaften höchst bedrohlich, da der Anstieg der Hochgewichtigen zu einem Zusammenbruch der Gesundheitssysteme führe. Letztlich käme es erstmals seit Generationen zu einer rückläufigen Lebenserwartung in den Industrieländern. „Diese Diskursfiguren erscheinen rational, erweisen sich aber bei näherem Blick als sehr politisch. Dass defizitäres Ernährungsverhalten von Individuen zur Ursache von gesellschaftlichen Bedrohungen erklärt wird, ignoriert schließlich auf populistische Weise das vorhandene differenzierte Wissen zu ökologischen und volkswirtschaftlichen Gefährdungen. Zudem wird Dickleibigkeit erfolgreich individualisiert. Das Individuum ist daran schuld – ein Bild, das verdeckt hält, dass veränderte Nahrungs- und Lebensverhältnisse ganz wesentlich dafür sorgen, dass Körper heute anders sind als zu früheren Zeiten.“, erklärt Rose.

In dieser kritischen Stimmungslage geraten dicke Menschen in einen sie diskriminierenden Aufmerksamkeitsfokus. Sie müssen damit leben, dass ihre Körper als unnormal, schädlich und hässlich gelten, und sie aufgrund ihres Körpers abgewertet werden. Sie erfahren auch den permanenten Druck, etwas dafür zu tun, das hohe Körpergewicht zu reduzieren. Diese Aufforderungen erscheinen legitim, fürsorglich und verantwortungsvoll gegenüber den betroffenen Menschen, verschärfen aber letztlich psychischen Stress und soziale Isolation.

Wie weit die Ablehnung des dicken Körpers reicht, lässt sich mit aktuellen Daten belegen: In einer Studie der Krankenkasse DAK gaben 71% der Befragten an, dicke Menschen unästhetisch zu finden, 15% vermeiden bewusst den Kontakt zu ihnen, 37% der Befragten sorgen sich, selbst dick zu sein und 17% machen gerade eine Diät zur Gewichtsreduktion. In einer Umfrage unter Schülerinnen und Schülern in den USA, Kanada und Island gaben die Befragten aus allen drei Ländern an, dass ein hohes Körpergewicht der mit Abstand häufigste Anlass für Diskriminierung an ihrer Schule sei.

Auch die mediale Inszenierung dicker Körper transportiert stigmatisierende Effekte: „Bereits berühmte Protagonisten der Kinder- und Jugendmedien konditionieren junge Menschen auf den dünnen Körper. Fat Sex ist in Spielfilmen allenfalls einen Lacher wert. Es gibt nur wenige Filme, die Sex mit Dicken nicht ins Lächerliche ziehen, die dann aber auch beim Publikum für Aufregung sorgen. Der Mangel an symbolischer  Repräsentanz sexueller dicker Körper erschwert hochgewichtigen Menschen die Entwicklung einer sexuellen Identität“, betont Rose.

Fachkräfte der Sozialen Arbeit beteiligen sich ungewollt ebenso an der Stigmatisierung der Menschen mit hohem Körpergewicht, wenn sie völlig selbstverständlich Dickleibigkeit nur als Ausdruck von fehlender sozialer Angepasstheit sehen und dicken Menschen helfen wollen, Gewicht zu reduzieren. „Sie reflektieren dies noch viel zu selten kritisch, wagen auch kaum die Vision der Vielfalt von Körpern – und dies, obwohl doch die anti-normalistische Anerkennung von Diversität zu den zentralen Paradigmen Sozialer Arbeit gehört“, so Rose.

„Während die politischen und juristischen Anstrengungen zur Verhinderung von sozialen Diskriminierungen in den letzten Jahren wertvolle Erfolge erreicht haben und die öffentlichen Auseinandersetzungen dazu, wie die Gleichstellung stigmatisierter Gruppen zu sichern ist und sie vor Missachtungen und Exklusion zu schützen sind, zugenommen haben, scheinen die ‚Dicken‘ davon bislang fast gänzlich ausgenommen. Obwohl die Sensibilität dafür gestiegen ist, dass und wie Menschen aufgrund von Behinderung, Alter, Geschlecht und Ethnie, sexueller Orientierung und Religion Benachteiligung erfahren und die Gleichstellung dieser Gruppen mit dem ‚Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz‘ (AGG) gesellschaftlich als Norm festgeschrieben wurde, gibt es eine kritische Bewegung gegen die tagtäglichen Diskriminierungen von Menschen mit hohem Körpergewicht in Deutschland erst in Ansätzen. Die sozialen Drangsalierungen und Exklusionen dicker Menschen werden in der Öffentlichkeit noch kaum als solche wahrgenommen, geschweige denn thematisiert“, so Rose. „Gleichwohl zeichnen sich auch Veränderungsimpulse ab: In Deutschland wird anlässlich der geplanten Novellierung des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes (AGG) eine Ergänzung um die Kategorie ‚Körpergewicht‘ bzw. ‚äußeres Erscheinungsbild‘ öffentlich diskutiert. Im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit an der Frankfurt UAS gehört das Seminar zur Diskriminierung von Menschen mit hohem Körpergewicht zum Standardangebot.“

Der Sammelband bietet einen umfangreichen Datenfundus zu den Lebenswelten von Menschen mit hohem Körpergewicht. Thematisiert werden rechtliche Fragen des Diskriminierungsschutzes, die Darstellung von Dickleibigkeit in der medialen Öffentlichkeit und der Umgang mit hochgewichtigen Menschen in den helfenden Berufen des Gesundheits- und Sozialwesens. Zudem werden Strategien einer anti-diskriminierenden Körperpolitik und -praxis in Kunst, Kultur, sozialer Bewegung und Wissenschaft vorgestellt.
 
Frankfurt University of Applied Sciences
Literaturhinweise:
Fat Studies in Deutschland – Hohes Körpergewicht zwischen Diskriminierung und Anerkennung, Herausgegeben von Lotte Rose / Friedrich Schorb, Beltz Verlag, Weinheim Basel, 248 Seiten, ISBN: 978-3-7799-3464-6, 24,95 Euro, erschienen: 07.04.2017



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