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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
15. November 2016

Gelassen durch den Joballtag: Was Achtsamkeit für den Beruf bringt

Noch eine Aufgabe mehr und noch eine: So mancher Berufstätige fühlt sich im Dauerstress. Wer auf der Suche nach Strategien zur Stressprävention ist, stößt fast zwangsläufig auf das Konzept Achtsamkeit. Wie funktioniert das? Und für wen ist das etwas? Man stelle sich vor: Im Büro steht ein Meeting an, und der Chef kommt mit folgender Idee an: Alle, die um den Konferenztisch herumsitzen, sollen eine Minute die Auge schließen. Sie sollen sich klarmachen, wie sich der Raum anfühlt, in dem sie gerade sitzen, und ihren Atem spüren. Sie sollen ihren Körper wahrnehmen und kurz überlegen, worum es ihnen bei dem Treffen geht. Dann machen alle die Augen wieder auf, und voll konzentriert geht das Meeting los. Die Vorstellung klingt völlig esoterisch? Solche Übungen werden bereits in Firmen praktiziert. Das Konzept dahinter heißt Achtsamkeit. Befürworter versprechen sich davon mehr Konzentration - doch was ist dran?
Achtsamkeit scheint in Mode zu sein: Ähnlich wie sich Yoga-Studios im ganzen Land verbreiten, gibt es heute kaum noch eine Kleinstadt ohne Achtsamkeitskurs. Das Konzept hat eine Antwort auf ein Problem, dass viele Beschäftigte haben: Stress. Inzwischen hat deshalb auch die Arbeitswelt Achtsamkeit entdeckt. Prioritäten setzen, Grenzen ziehen und sich fokussieren: Wer Achtsamkeit beherrscht, soll darin besser werden. Das spricht Berufstätige an, deren Arbeit sich zunehmend verdichtet und die das Gefühl haben, dass sie ihre To-do-Liste nicht mehr in den Griff kriegen. "Man sollte da aber keinem Hype unterliegen", sagt Prof. Johannes Michalak von der Universität Witten/Herdecke, der zum Thema Achtsamkeit forscht. "Achtsamkeit hilft bei der Stressprävention und bei vielen körperlichen und psychischen Störungen, ist aber kein schnelles Allheilmittel."

Das Konzept kommt ursprünglich aus dem Buddhismus und geht in seiner hier praktizierten Form häufig auf den Amerikaner Jon Kabat-Zinn zurück. Der Biologe hat Ende der 70er Jahre das Programm "Mindfulness-Based Stress Reduction" entwickelt, ein achtwöchiger Kurs, den er ursprünglich zur Behandlung von Patienten einsetzte, die als austherapiert galten. Das waren Menschen mit chronischen Erkrankungen oder psychischen Beschwerden, bei denen Medikamente nicht halfen. Für sie entwickelte er die Achtsamkeitstherapie mit Prinzipien, die aus dem Bereich östlicher Meditationstraditionen und dem Yoga stammen. "Achtsamkeit ist eine Haltung, die man durch Meditation versucht, einzuüben. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu sein und sich wohlwollend zu begegnen", erklärt Prof. Michalak.

Ein Beispiel: Hat man an einem Tag mehr Punkte auf der To-do-Liste, als man schaffen kann, ist man meistens schon morgens beim Frühstück gestresst. Dabei ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts passiert - es gibt zu dem Zeitpunkt noch keine Aufgabe, die unerledigt geblieben ist. Wer Achtsamkeit praktiziert, versucht erst einmal, sich auf den Moment zu konzentrieren und wahrzunehmen, was die eigenen Gefühle sind, erklärt Günter Hudasch, der im Vorstand vom MBSR-MBCT-Verband ist, dem Zusammenschluss der Achtsamkeitslehrer in Deutschland. Statt intuitiv auf die volle To-do-Liste mit Stress zu reagieren, tritt man einen Schritt zurück. Durch diesen Ausstieg kann man mit einem klareren Kopf eine Entscheidung treffen, wie mit der Situation umzugehen ist. "Eigentlich ist es ein Programm, mit dem man Freiheit gewinnt", sagt er.

Während Achtsamkeit als Behandlungsmethode in der Psychotherapie und im klinischen Kontext recht gut erforscht ist, gibt es im Vergleich dazu wenig Forschung zum Thema Achtsamkeit und Arbeitswelt. Eine, die sich damit befasst, ist Ute Hülsheger, assoziierte Professorin an der Fakultät für Psychologie und Neurowissenschaft an der Universität Maastricht. In einer Studie konnte sie zeigen, dass Menschen, die bei der Arbeit im direkten Kontakt mit anderen sind, weniger Stress erleben, wenn sie achtsam sind. "Wir wissen aber zum Beispiel noch nicht, ob Achtsamkeit bei der Stressprävention besser wirkt als andere Methoden wie die Progressive Muskelprogression", sagt sie. Wer davon träumt, mit Achtsamkeit seine persönliche Leistungsfähigkeit zu optimieren, sollte ebenfalls vorsichtig sein. "Wir wissen noch nicht mit Sicherheit, ob Achtsamkeit die Leistung erhöht", sagt Hülsheger.

Und noch in einem anderen Punkt sind sich alle drei Experten einig: Stimmen die Rahmenbedingen bei der Arbeit nicht, weil es zum Beispiel zu wenig Personal oder zu viele Aufgaben gibt, dann hilft auch kein Achtsamkeitskurs, um diese Probleme zu lösen. "Es besteht die Gefahr, dass dem Mitarbeiter die Verantwortung zugeschoben wird, sich noch mehr zu optimieren", sagt Hülsheger. Doch ist das nicht der Fall, könne Achtsamkeit eine gute Methode sein, um sich selbst eine Strategie für den Umgang mit Stress anzueignen.

Wer sich damit befassen will, kann sich erst einmal autodidaktisch selbst einlesen. Eine andere Möglichkeit ist, einen Kurs zu besuchen. Einige Krankenkassen bezuschussen sie inzwischen, hier lohnt es sich, einmal nachzufragen. Bei der Auswahl des Lehrers sollte man auf eine qualifizierte Ausbildung sowie auf eine langjährige Praxiserfahrung achten, rät Prof. Michalak. Außerdem macht man am besten vorab einen Gesprächstermin aus, um sich anzuschauen: Kann ich dem Lehrer vertrauen? Kann ich mich auf ihn einlassen?

Wenn sich auf Achtsamkeit einlassen kann und Zugang bekommt, hat im besten Fall viel zu gewinnen. "Man sagt, man ist damit besser im Kontakt mit sich und seinen Werten", sagt Hülsheger. Und wer weiß: Im besten Fall geht mit der Achtsamkeitsübung zu Beginn des Meetings das Treffen einfach schneller und konzentrierter vorbei.
 
dpa



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