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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
30. Juni 2016

Schneller Brexit nützt allen - auch Großbritannien

Kann sich die britische Wirtschaft neu strukturieren, um sich gegen die massiven Folgen des Brexits zu wappnen? Das ist die entscheidende Frage für den international renommierten Makroökonomen Prof. Dr. Helmut Wagner von der FernUniversität in Hagen. Gewinner des Ausscheidens wird es für den Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, nicht geben, am wenigsten das Vereinigte Königreich. Das zentrale Problem für Prof. Wagner ist die gefährliche Schieflage der britischen Wirtschaft: Der Norden Englands ist industriell geprägt, doch hat das Land seine Industrie "sträflich vernachlässigt". Bleibt in Südengland die Finanzmetropole London erhalten?

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Nach Ansicht von Wagner wird die britische Wirtschaft in den ersten Jahren nach dem Austritt etwa 4 bis 5% ihres Sozialproduktes verlieren, vielleicht auch noch mehr. Wagner: "Die Abwertung, die bereits unmittelbar nach dem Referendum drastisch ausgefallen ist, wird wahrscheinlich noch zunehmen." Importe ins Vereinigte Königreich werden also wesentlich teurer.

Britische Exporte - von denen zurzeit 44% in die EU gehen - werden andererseits preiswerter. Theoretisch. Einerseits drohen neue Zölle und Handelshemmnisse. Andererseits ist von der ehemals starken Industrie auf der Insel nicht mehr viel vorhanden. Der Dienstleistungssektor wurde seit vielen Jahren "überpointiert". Sollten die Briten ihre Industriestruktur jetzt wieder aufbauen können, könnten sie bei wesentlich schwächerem Pfund bessere Absatzmöglichkeiten erzielen. Wagner: "Aber erst dann könnte man von dem Abwertungseffekt profitieren. Bis dahin verliert Großbritannien durch die höheren Importpreise nur. Doch ob das Königreich die extreme Schieflage wieder etwas bereinigen kann, ist für mich sehr fraglich.“

Die engen Verflechtungen der noch vorhandenen Industrien mit den kontinentaleuropäischen bedingen, dass über den Ärmelkanal hinweg mit einer ausgefeilten Logistik eng und zeitlich abgestimmt kooperiert wird. Vor allem Bauteile für die britische Produktion, die vom Kontinent eingeführt werden, steigen durch die Abwertung im Preis. Es ist also ein Rechenexempel, wie sich das Endprodukt im Preis verändert. Folge könnten drastische Beschäftigungseinbrüche sein.

Wie groß das Minus bei Handel, Produktion und Beschäftigung sein wird, hängt stark davon ab, welche Konditionen das Königreich mit der EU für die zukünftigen Handelbeziehungen aushandeln kann. Wagner kann sich vorstellen, dass diese nicht besonders günstig sein werden: "Vielleicht wird die EU "die Daumenschrauben anziehen", um anderen Staaten, die mit ihrem Austritt drohen, zu zeigen, dass das Sanktionen nach sich zieht." Die Drohungen, neben Zöllen weitere Handelsrestriktionen einzuführen, hält er daher für realistisch: "Es kommt dann sicher zu einer Art Rezession, das heißt einem starken Rückgang des Bruttoinlandsprodukts. In den nächsten drei bis fünf Jahren ist mit einer Bereinigungs- und Anpassungskrise zu rechnen."

Folgen für Finanzdienstleistungssektor

Zu spüren bekommen wird die Folgen des Brexit auch der Finanzplatz London: "Der Finanzsektor wird überproportional betroffen werden, auch kurzfristig", ist sich Wagner sicher. Viele Banken und Finanzdienstleister könnten ihre Zentralen aus der britischen Hauptstadt verlegen. Dies würde auch in diesem Bereich einen deutlichen Beschäftigungseinbruch zur Folge haben. "Es hängt viel davon ab, wie sich jetzt die in London ansässigen großen Finanzhäuser, insbesondere aus China und den USA, positionieren."

Großbritannien war für China immer ein "Brückenkopf", um die EU-Märkte zu erobern. Bisher sind in London zahlreiche chinesische Finanzdienstleistungsunternehmen ansässig, die von hier aus weltweiten Handel betreiben. "Wenn Großbritannien nicht mehr Teil der EU ist, fragt man sich, ob London immer noch der optimale Standort dafür ist."

Lähmende Unsicherheiten

Wie die Banken und Finanzdienstleister reagieren, panisch oder abwartend, ist von zentraler Bedeutung. Warten sie erst ab mit der Entscheidung, ob sie abwandern, welche Schritte die EU unternimmt?

Viele Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben darauf vertraut, dass es nicht zum Brexit kommt. Helmut Wagner geht davon aus, dass es tatsächlich oft keinen Plan B - B für Brexit - gibt: "Dort dürfte es sehr hektisch zugehen, um sich eine gute Lösung einfallen zu lassen. Häufig wird man erst einmal abwarten: Was machen unsere Partnerunternehmen? Was die großen? Um dann zu entscheiden: Was ist für uns das Beste? Keiner will der erste sein, der überhastet entscheidet. Daher dürfte es eine mehrjährige Phase großer Unsicherheit geben. Doch für die Wirtschaft gibt es fast nichts Schlimmeres als Unsicherheit!"

Wegen dieser und vieler anderer Unwägbarkeiten werden viele Unternehmen Investitionen und grundsätzliche Entscheidungen verschieben, bis sie genauere Informationen erhalten. Diese Unsicherheit verbreitet sich, auch Konsumenten werden beispielsweise mit teuren Anschaffungen warten, bis sie wissen, ob und wie sie betroffen sind. Wagner: "Ein Teufelskreis aus Abwertung, Handelshemmnissen, gelähmten Investoren und Konsumenten! Das Ganze kann zur Abwärtsspirale werden. Etwas Ähnliches hat Japan nach der Krise 1990 durchgemacht."

Im Hinblick auf den "Faktor Zeit" rät Prof. Wagner daher allen Beteiligten zu einem schnellen Brexit, um die Phase der Unsicherheit schnell zu überwinden.

Weitere Gefahren durch Finanzkrise

Zumal noch eine weitere Gefahr droht: Großbritannien ist - wie alle Länder mit hohen Finanzdienstleistungsanteil - durch die Ungleichgewichtung in seiner Wirtschaftsstruktur Finanzkrisen viel stärker ausgesetzt ist als etwa Deutschland. Wagner: "Wir wissen nicht, wann die nächste Finanzkrise kommt. Aber sie kommt. Wie Großbritannien sie besteht, wird ganz von seiner Reformwilligkeit und -fähigkeit abhängen."

Folgen für Wirtschaft in EU und Deutschland

Der EU drohen bei einem fünfprozentigen britischen BIP-Rückgang laut seriösen Schätzungen etwa 1 bis 2% minus: Importiert das Königreich weniger, sinken die Exporte von EU und Deutschland. Jedoch exportiert die EU nur etwa 6% ins Königreich, die Exporte aus Deutschland liegen bei 8%. Daher sind die Folgen für die EU und Deutschland nicht so stark wie für Großbritannien.

Können Finanzmetropolen wie Frankfurt profitieren? Im Prinzip ja, meint Wagner, doch hat London den "natürlichen Vorteil" der Sprache: Im Finanzsektor sind "native Speaker" ganz eindeutig im Vorteil. Und viele "Banker" werden ihrem Unternehmen ungern nach Kontinentaleuropa folgen.

 
Quelle: FernUniversität in Hagen



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