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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
16. Oktober 2015

Wenn die Seele wehtut - Eine Arzt-Sprechstunde für Flüchtlinge

Im bayerischen Zirndorf kümmert sich ein pensionierter Mediziner um kranke Flüchtlingskinder. Die Sprachbarrieren sind bei den Sprechstunden in der Erstaufnahmeeinrichtung nicht das einzige Problem.

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Die kleine Dunja und ihre Schwester Dina schauen misstrauisch, als Doktor Helfried Gröbe sich mit einer Handpuppe zu ihnen setzt. "Der ist genauso ängstlich wie ihr", sagt Gröbe auf Englisch zu den beiden Flüchtlingskindern. Dunja und Dina verstehen den Satz nicht, doch die sanfte Stimme des 75-Jährigen beruhigt sie: Die Schwestern werden zutraulicher. Vorsichtig hört Gröbe die hustenden Patientinnen ab. Dann streckt der Vater der beiden Mädchen ihm sein Handy entgegen. Mit einem Übersetzungsprogramm hat er geschrieben: "Können die Sprache nicht. Sind jetzt seit sechs Tagen in der Vorhölle." Im mittelfränkischen Zirndorf.

Gröbe würde gerne etwas sagen, doch der Vater versteht nicht einmal Englisch. So bleibt nur ein etwas ratloser und mitleidsvoller Blick. "Viel Kommunikation ist nicht möglich, das meiste ist non-verbal", sagt Gröbe. Die fehlenden Dolmetscher seien ein großes Problem. "Die banalen Dinge kann man schon erfassen. Aber wenn es um Traumatisierung und psychosoziale Probleme geht, ist die Sprache unbedingt erforderlich."

Der aus der Pension wiederaktivierte Arzt sieht bei seinen Patienten in Zirndorf Folternarben und behandelt Fluchtverletzungen von Kindern, die mitbekommen haben, wie neben ihnen die Eltern ertrunken sind. Teils kümmert er sich um kleinere Kinderkrankheiten wie Fieber, Durchfall und Husten, die dem Stress und der Enge der Erstaufnahmeeinrichtung geschuldet sind. Oft sind die Probleme aber psychischer Natur. "Da gibt es gestandene Väter, die weinend dasitzen und verzweifelt sind", sagt Gröbe. "Psychosozial bin ich dann oft überfordert. Und ich weiß ja, was für ein Marathon in Deutschland noch auf sie zukommt."

Bis zu 60% der Patienten in Zirndorf sind nach seinen Schätzungen traumatisiert. "Das sollte man nicht unterschätzen, auch wenn sie in meinem Raum auch lachen können." Seit Kurzem unterstützt eine Psychiaterin das Ärzteteam einmal pro Woche.

Den beengten, kurzfristig aus dem Boden gestampften Untersuchungsraum hat Gröbe mit Bildern seiner Arbeit für "Ärzte für die Dritte Welt" und Kinderpostern etwas heimeliger gemacht. "Ich versuche einen Ort zu schaffen, wo sich die Flüchtlinge zumindest zehn Minuten wohlfühlen können und ihnen zugehört wird", sagt er. Seine Sprechstunde in Zirndorf hat er seit einem Jahr. Zweimal pro Woche von 9.00 Uhr bis 11.30 Uhr - so steht es in mehreren Sprachen an der Tür zur provisorischen Praxis.

Das Angebot ist gefragt: Ständig klopft es an der Tür. Manchmal drängeln sich Flüchtlinge vor, aus Angst, die Essensausgabe oder den Bus zur Weiterfahrt zu verpassen. Dann muss geschlichtet werden - mit Händen und Füßen. "Ich bleibe immer da, bis alles leer ist", sagt Gröbe. Meist ist das erst nachmittags - also weit nach 11.30 Uhr.

Rund 1000 Menschen leben der Regierung von Mittelfranken zufolge zurzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf. An einem durchschnittlichen Tag kommen bis zu 60 Patienten zu Gröbe. In der kalten Jahreszeit werden es vermutlich noch mehr. Die Gesellschaft für Virologie warnte bereits: Durch die Flucht geschwächte Menschen, die auf engem Raum zusammen leben, infizierten sich besonders leicht.

Am Anfang war Gröbe allein, inzwischen wird er von fünf ehrenamtlichen Sprechstundenhilfen unterstützt. Zwei Kinderkrankenschwestern, die der ehemalige Chefarzt noch aus seiner Zeit in der Nürnberger Kinderklinik kennt, sagten spontan ihre Hilfe zu. Sie verteilen auch Nummern im Wartezimmer. Eine Nummer bedeutet für Gröbe aber nicht zwangsläufig auch ein Patient: Die meisten Kinder haben mehrere Geschwister - oft noch im Säuglingsalter. Dazu zwickt es den Papa dann mal im Rücken, die Mama plagt Husten.

Im Schrank liegen griffbereit Medikamente, denn in Apotheken kann Gröbe seine Patienten nicht schicken: Flüchtlinge haben keine Versichertenkarte und oft keinerlei Sprachkenntnisse. Politisch wird gerade diskutiert, ob Flüchtlinge eine Gesundheitskarte bekommen sollen, um ihre medizinische Versorgung zu erleichtern. Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen haben sich bereits dafür entschieden, eine solche elektronische Gesundheitskarte einzuführen.

So lange sich nichts ändert, zählt Gröbe weiter Pillen aus Großpackungen ab und schreibt Hinweise zur Einnahme in Zeichensprache auf Zettel. Zwar kümmert sich die Regierung von Mittelfranken um Logistik, Gerätschaften und Medikamente - das A und O in der Behelfs-Praxis ist aber Improvisation.

"Nach einer Sprechstunde bin ich oft ganz schön erschlagen", gesteht Gröbe. "Bin ich jedem Flüchtling gerecht geworden? Ich kann ja nur punktuell helfen, eigentlich müsste die Hilfe viel umfassender sein." Seine Motivation? Die Erinnerung an die eigene Flucht aus der DDR und die Dankbarkeit der Flüchtlinge - auch die von Dina und Dunja.

 



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