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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
06. Juli 2015

"Das Menschliche fällt oft weg" - Pflegealltag im Krankenhaus

Immer mehr Patienten, immer weniger Pfleger: In vielen Krankenhäusern ist der Pflegenotstand längst Alltag. Wenn eine Krankenschwester fast 20 Patienten versorgen muss, bleibt vieles auf der Strecke.

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Leise summt der alte Mann vor sich hin. Sein Krankenbett steht auf einem Flur des Klinikums Nürnberg, da haben ihn die Krankenschwestern besser im Blick. "Sie sind gestern 90 geworden", begrüßt Renate Deinzer den Patienten und nimmt seine Hand. Der alte Mann freut sich, auch wenn er die stellvertretende Stationsleiterin der Onkologie nicht richtig versteht. "Ich komme später noch einmal zu Ihnen" sagt Deinzer. Dann muss die 55-Jährige weiter. Ob sie es heute wirklich noch einmal schafft, bei dem Patienten vorbeizuschauen?

Nicole Hartmann hat am Elisabethenstift-Krankenhaus in Darmstadt mehr als 20 Jahre als Pflegerin in der Psychiatrie gearbeitet. "Wir müssen jeden Tag Patienten enttäuschen", sagt die 44-Jährige. Prioritäten setzen, überlegen, was ich weglassen oder auf später verschieben kann, so sehe der Alltag aus. "Als ich auf der Station angefangen habe, hatten wir vier Pfleger für 20 Patienten. Heute ist da noch einer, unterstützt von einer unqualifizierten Hilfskraft."

Am Helios Klinikum im niedersächsischen Helmstedt wurden Fachbereiche erweitert, mehr Personal gab es nicht. "Da bleibt Arbeit liegen, das ist nicht mehr zu schaffen", sagt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Dagmar Lehmann. Hinzu kommen Überstunden, weniger Freizeit, der Verzicht auf die Mittagspause.

In vielen Krankenhäusern fehlt an allen Ecken und Enden Personal. 162.000 Stellen sind es bundesweit, allein 70.000 davon in der Pflege, hat die Gewerkschaft Verdi ausgerechnet. Während der Nacht muss eine Fachkraft in deutschen Krankenhäusern nach Verdi-Angaben im Schnitt fast 19 Patienten versorgen.

Krankenschwester Deinzer schiebt einen Pflegewagen über den Flur. "Die Arbeit hat sich unglaublich verdichtet", sagt sie. Früher kam der Patient montags zur Magenspiegelung, mittwochs zum Ultraschall. "Heute machen wir das oft an einem Tag." Vor allem aufmunternde Gespräche kommen zu kurz, für Zuwendung fehlt die Zeit. "Der menschliche Auftrag, der fällt oft weg." Den schwitzenden Patienten bei großer Hitze mal mit einer kühlenden Waschung erfrischen - keine Zeit.

Eine andere Krankenschwester ergänzt: "Ich will nicht mehr Geld, wir brauchen mehr Personal. Was nützt mir ein höheres Gehalt, wenn ich trotzdem jeden Abend fix und fertig nach Hause komme?" Mehr als die Hälfte der Pflegekräfte im Nürnberger Klinikum arbeitet in Teilzeit. Viele wollen sich eine volle Stelle auch nach einer Auszeit für die Familie nicht zumuten.

Die Krankenhausstrukturreform, die 2016 kommen soll, verspricht den Kliniken in drei Jahren bis zu 660 Millionen Euro für zusätzliche Pflegekräfte. Was sich nach viel Geld anhört, bedeutet für das Nürnberger Klinikum auf jeder Station 0,1 Stellen mehr, etwa vier Stunden Pflegezeit. "Das wird den Pflegenotstand nicht beseitigen", sagt Peter Schuh, Klinikleiter für Personal- und Patientenversorgung.

Hartmann beobachtet, dass immer mehr aus dem Pflegeberuf aussteigen. "Die setzen sich lieber im Supermarkt an die Kasse, als weiter in der Pflege zu arbeiten". Nachwuchsmangel ist deshalb ein großes Problem, immer weniger Leute wollen den Job machen. "Wir können noch nicht einmal alle bewilligten Stellen besetzen", erklärt Hartmann. Zum Einsatz kommen deshalb häufig Leihkräfte. "Das ist qualitativ eine Katastrophe, die kennen sich im Haus nicht aus." Bei so wenig Personal seien Gefahren für die Patienten nicht auszuschließen.

Das Klinikum Nürnberg kann noch alle Stellen besetzen, doch auch hier spürt man den Rückgang der Bewerberzahlen. Zudem brechen viele ihre Ausbildung nach der Probezeit ab. "30 Prozent steigen nach einem halben Jahr aus", sagt Pflegedienstleiterin Hannelore Erb. Wie viele andere Kliniken bemüht sich das Nürnberger Krankenhaus zunehmend um Pflegekräfte aus dem Ausland. Das Problem: In vielen Ländern ist die Pflegeausbildung ein Studium, die Praxis fehlt. "Die müssen wir an die Hand nehmen, wie Schüler im zweiten Ausbildungsjahr", sagt Erb.

Renate Deinzer macht ihre Arbeit trotz aller Anstrengung immer noch Spaß. "Wichtig ist, dass man auch mal was für sich tut." An einer Wand der Station hängt eine Tafel mit den Aufgaben des Tages. Ein Feld ist mit "Heute wichtig" überschrieben. Darin steht: "Eiskaffee".

 



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