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GESUNDHEITSPOLIK VON JOURNALMED.DE
12. November 2013

Ausbildung mit Handicap

Marie Schenk wollte Informatikerin werden. Mit ihrer starken Sehbehinderung war das jedoch nicht möglich. Aufgeben? Auf keinen Fall! Stattdessen entschied sie sich für eine kaufmännische Ausbildung. Den Einstieg suchte sie zunächst über verschiedene Praktika. Bei dem Automobilhersteller Audi hat es dann mit einem Ausbildungsplatz geklappt. "Ich war die erste Auszubildende bei Audi mit einer Sehbehinderung. Für diese Chance bin ich sehr dankbar", sagt sie.

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Für Jugendliche mit Handicap ist es oft nicht leicht, einen Ausbildungsplatz zu finden. Zwar sind Unternehmen ab 20 Beschäftigten dazu verpflichtet, mindestens 5% schwerbehinderte Menschen einzustellen. Machen sie das nicht, müssen sie eine Ausgleichsabgabe zahlen. Häufig zahlten die Betriebe jedoch lieber die Abgabe, als den Arbeitsplatz behindertengerecht umzubauen, sagt Ulrike Jansen von der Aktion Mensch. Im Schnitt besetzten Firmen nur vier Prozent ihrer Jobs mit Schwerbehinderten.

Eine Behinderten-Toilette bauen oder eine Rampe für Rollstuhlfahrer: Solche Maßnahmen scheuen viele Arbeitgeber. Hinzu kommt der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Arbeitnehmer. Es braucht immer die Zustimmung des Integrationsamtes, um sie zu kündigen. Dazu kommt die häufig eingeschränkte Leistungsfähigkeit. "Die meisten scannen den Bewerber mehr nach seinen Defiziten als nach seinen Fähigkeiten", kritisiert Jansen. Dabei seien die Jugendlichen oft besonders motiviert. Jugendliche mit Handicap müssen sich deshalb häufig stärker als andere um einen Ausbildungsplatz bemühen. Doch sie sind dabei nicht allein.

Unterstützung bietet vor allem die Arbeitsagentur. Sie hat Reha-Berufsberater, die bei der Suche nach der passenden Ausbildungsart helfen. Mit ihnen sollten Jugendliche spätestens ein Jahr vor Ausbildungsbeginn Kontakt aufnehmen. "Die jeweilige Unterstützung erfolgt nach dem Grundsatz: So normal wie möglich, so speziell wie erforderlich", erklärt Paul Ebsen von der Bundesagentur für Arbeit. Zunächst werde versucht, die Jugendlichen in Betriebe zu vermitteln. Bei der Suche lohnt es sich, nach Firmen Ausschau zu halten, die in der Vergangenheit gegenüber Menschen mit Handicap besonders aufgeschlossen waren - und etwa von Integrationsämtern schon einmal ausgezeichnet wurden.

"Manchmal ist eine Ausbildung in einer Werkstatt für Behinderte aber die bessere Alternative", sagt Ebsen. Ist wegen der Art und Schwere der Behinderung keine Regelausbildung möglich, gibt es sogenannte Fachpraktikerausbildungen. Die angepassten Berufe können Menschen mit Handicap in den 52 Berufsbildungswerken (BBW) erlernen.

"Die besondere Stärke der Berufsbildungswerke liegt in einem ganzheitlichen Konzept", berichtet Hanna Buse von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke. Berufsschule, Praxis, Beratung und - je nach BBW - Internat befinden sich auf einem Gelände. "Ein klassisches Bewerbungsverfahren gibt es nicht. Die Aufnahme ist abhängig von ärztlichen und psychologischen Tests seitens der Arbeitsagenturen", erklärt Buse. Ein Schulabschluss sei nicht notwendig.

Insgesamt bieten die BBW 240 Berufe an - vom Änderungsnäher bis zum Zahntechniker. Die Ausbildung verläuft dual: Insgesamt sind mindestens 26 Wochen Praktikum in einem Betrieb außerhalb des BBW vorgesehen. Nach der Ausbildung hilft das BBW bei der Jobsuche. Hat ein Mensch ein so starkes Handicap, dass auch eine Fachpraktikerausbildung nicht möglich ist, bleibt die Möglichkeit, ohne Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten.

Ob nun Regel- oder Fachpraktikerausbildung, Betrieb oder BBW: Hat der Bewerber erst einen Ausbildungsplatz gefunden, muss der Arbeitsplatz häufig behindertengerecht gestaltet werden. Die Arbeitsagentur und die Integrationsämter unterstützen dabei sowohl beratend als auch finanziell. Außerdem kann der Arbeitgeber Zuschüsse für Personalkosten oder Berufskleidung bekommen.

Bei der Abschlussprüfung können Azubis weiter Prüfungshilfe bekommen. So können sie bei der zuständigen Industrie- und Handelskammer eine Zeitverlängerung beantragen, um eine eventuelle Benachteiligung auszugleichen. Auch können sie um eine Einzel- statt einer Gruppenprüfung bitten. "Ich habe etwas mehr Zeit für die Tests bekommen. Außerdem wurden die Aufgaben für mich digital aufbereitet", erzählt Schenk.

Marie Schenk hat es inzwischen geschafft - die heute 24-Jährige konnte aufgrund guter Noten ihre Ausbildung sogar um ein halbes Jahr verkürzen. Im Anschluss wurde sie von Audi übernommen. Ihr nächster Traum: Eine Weiterbildung im Personalbereich. Aufgeben? Das kenne sie nicht.

 



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