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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
13. Februar 2017
Seite 1/2

„Standardchemo-, Targeted- oder Immuntherapie: Alter allein kein Einschränkungskriterium“

Interview mit Prof. Dr. med. Wolfgang Schütte, Krankenhaus Martha-Maria Halle-Dölau.
Etwa die Hälfte aller Lungenkrebspatienten ist älter als 70, das mediane Alter liegt bei 71 Jahren. In den klinischen Studien sind ältere Patienten aber schlecht abgebildet. Wie ist das Vorgehen im klinischen Alltag? Woran orientieren sich die Therapieentscheidungen? Darüber sprach Prof. Dr. Wolfgang Schütte mit JOURNAL ONKOLOGIE.
Prof. Dr. Wolfgang Schütte
JOURNAL ONKOLOGIE: Herr Prof. Schütte, entscheidet man sich bei älteren Patienten grundsätzlich für eine weniger aggressive Therapie?

Schütte:
Eine gut durchgeführte Untersuchung (1) konnte zeigen, dass das Alter der Patienten bei der Therapieentscheidung im klinischen Alltag interessanterweise eine noch größere Rolle spielt als die Komorbiditäten. Der Vorteil einer weniger intensiven Behandlung bei älteren Lungenkrebspatienten ist in Studien aber nicht belegt. Diese kommen eher zu dem Ergebnis, dass auch ältere Patienten eine Standardtherapie gut tolerieren.


JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Chemotherapieregime werden bei älteren Patienten häufiger eingesetzt?

Schütte:
Viele Behandler neigen dazu, bei den älteren Patienten entweder eine Monotherapie oder eher Carboplatin als Cisplatin zu geben. Diese Entscheidung sollte allerdings stärker von den Komorbiditäten als vom Alter abhängig gemacht werden.


JOURNAL ONKOLOGIE: Gibt es bei den Targeted-Therapien und den Immuntherapien Einschränkungen für ältere Patienten?

Schütte:
In Bezug auf die zielgerichteten Therapeutika gibt es keine Einschränkungen für ältere Patienten, sie sind ebenso effektiv bei älteren wie bei den jüngeren Patienten und sollten großzügig eingesetzt werden. Denn die molekularen, zielgerichteten Therapien sind von den Nebenwirkungen her betrachtet auch viel günstiger als die Chemotherapie. Deshalb sollte auch bei älteren Patienten unbedingt die molekulare Diagnostik durchgeführt werden – ausgenommen, der Patient lehnt jede lebensverlängernde Therapie ab. Aber das ist sehr selten. Außerdem geht es bei der Therapie nicht nur um Lebensverlängerung, sondern auch darum, die Lebensqualität zu verbessern bzw. die tumorbedingten Symptome zu lindern.

Was die Immuntherapie betrifft, so hat eine Meta-Analyse (2) gezeigt, dass auch die Immuntherapie bei älteren Patienten genauso gut wirkt wie bei den jüngeren und mit keiner erhöhten Toxizität einhergeht.


JOURNAL ONKOLOGIE: Wie wird bei der Therapieentscheidung vorgegangen?

Schütte:
Im klinischen Alltag werden die Patienten auf Targets untersucht – d.h. ob eine bestimmte Mutation vorliegt. Doch nur etwa 10% haben ein therapierbares Target und können mit zielgerichteten Medikamenten behandelt werden. Das heißt, 90% erhalten im Moment noch eine Standard-Erstlinienchemotherapie. Wahrscheinlich können in Kürze Patienten mit einer hohen PD-L1-Expression (≥ 50%) auch eine Immuntherapie als Erstlinientherapie erhalten. Etwa 30-40% der Patienten besitzen eine hohe PD-L1-Expression. Somit würde aber immer noch etwa die Hälfte als Firstline-Behandlung eine Standardchemotherapie bekommen.


JOURNAL ONKOLOGIE: Wer für eine zielgerichtete Therapie in Frage kommt, soll eine zielgerichtete Therapie erhalten. Aber die Immuntherapie wirkt doch auch bei diesen Patienten?

Schütte:
Die Immuntherapie wirkt erstaunlicherweise bei den Patienten, für die eine zielgerichtete Therapie möglich ist, nicht so gut. Wer also eine zielgerichtete Therapie bekommen kann, sollte diese auch definitiv bekommen – keine Immuntherapie.


JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Erklärung gibt es dafür?

Schütte:
Eine Immuntherapie wirkt besser bei heterogenen Tumoren, die durch zahlreiche Mutationen entstanden sind, da diese mehr Antigene präsentieren. Bei den Tumoren mit einem Target hat eine einzelne Mutation ganz wesentlich zu deren Entstehung beigetragen. Sie sind demnach homogener – so die Theorie.

 
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