Sonntag, 11. April 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Piqray
Piqray
JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
26. März 2021
Seite 1/3

Leitliniengerechte Systemtherapie des HCC: Verschiebung zuvor etablierter Therapielinien

Interview mit PD Dr. med. habil. Thorsten Oliver Götze, Institut für Klinische Krebsforschung IKF GmbH, Frankfurt.
Beim hepatozellulären Karzinom (HCC) gibt es viele Neuerungen bezüglich Bildgebung und Therapie, die sich in der soeben aktualisierten S3-Leitlinie wiederfinden (1). JOURNAL ONKOLOGIE hat über den daraus resultierenden aktuellen Therapiealgorithmus sowie über die aktuelle Studienlage und künftige Kombinationen mit PD Dr. Thorsten Oliver Götze, dem Medical Director des Instituts für Klinische Krebsforschung IKF GmbH in Frankfurt am Main, gesprochen.
Anzeige:
Ibrance
Ibrance
 
PD Dr. Thorsten Oliver Götze
PD Dr. Thorsten Oliver Götze
Herr PD Dr. Götze, soeben wurde die aktualisierte S3-Leitlinie für das HCC und biliäre Tumoren veröffentlicht (1). Welche Änderungen sind enthalten und wie wirken sich diese auf den Therapiealgorithmus aus?

In kurzer Zeit haben sich für die Behandlung des fortgeschrittenen HCC nach langer Durststrecke eine Reihe neuer Medikamente, respektive Therapiekombinationen etabliert. In erster Linie ist natürlich die Erstlinientherapie Atezolizumab + Bevacizumab zu nennen (2): Die Kombination aus dem Immuncheckpoint-Inhibitor Atezolizumab und dem Anti-VEGF-Antikörper Bevacizumab wurde randomisiert gegen die langjährige Standardtherapie Sorafenib im Rahmen der IMbrave150-Studie verglichen (2). In die Studie eingeschlossen wurden Patienten mit Child-Pugh-Stadium A und ECOG-Performance-Status (PS) 0-1 ohne Koinfektion mit Hepatitis B und C. Das mediane Gesamtüberleben (mOS) war zum Zeitpunkt der Analyse mit der Kombination noch nicht erreicht gegenüber 13,2 Monaten mit Sorafenib, das progressionsfreie Überleben (PFS) lag für die Kombination bei 6,8 Monaten vs. 4,3 Monaten mit Sorafenib. Auch bezogen auf die Lebensqualität zeigte sich eine signifikante Verbesserung der medianen Zeit bis zur definitiven Verschlechterung (Time To Deterioration) zugunsten der Kombinationstherapie.

Aufgrund der beeindruckenden Daten soll konform der Leitlinie eine Erstlinientherapie mit der Kombination Atezolizumab + Bevacizumab bei HCC-Patienten im Child-Pugh-Stadium A und BCLC-Stadium B oder C, mit Fernmetastasen oder einer Tumorlokalisation, die lokoregionär nicht kontrolliert oder reseziert werden kann, angeboten werden.

Patienten mit einer Kontraindikation für die Kombinationstherapie soll eine Erstlinientherapie mit einem der beiden zur Verfügung stehenden Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) Lenvatinib oder Sorafenib angeboten werden.

Der TKI Sorafenib ist auf Basis der Ergebnisse der SHARP-Studie der langjährige Standard in dieser Therapiesituation (3). Durch die 2018 publizierten Daten der Phase-III-Studie REFLECT konnte sich Lenvatinib als TKI in der Erstlinie aufgrund von Nichtunterlegenheit etablieren (4). Im Rahmen dieser Studie wurden Patienten mit ECOG-PS 0-1 mit einem Tumorbefall der Leber ­≤ 50%, Albumin ≥ 2,8 g/dl, Gesamtbilirubin ≤ 3 mg/dl und fehlender Invasion des Ductus hepatocholedochus (DHC) oder des Pfortaderhauptstammes eingeschlossen. Es zeigte sich ein mOS für Lenvatinib von 13,6 Monaten und 12,3 Monaten für Sorafenib. Lenvatinib ermöglichte sogar ein längeres PFS von 7,4 Monaten vs. 3,7 Monate für Sorafenib und interessanterweise ein objektives Ansprechen (ORR) bei 40,6% nach mRECIST und 18,8% nach RECIST 1.1 bei Lenvatinib gegenüber 12,4% nach mRECIST und 6,5% nach RECIST 1.1 für Sorafenib.

Die eindeutige Überlegenheit der Kombinationstherapie von Atezolizumab + Bevacizumab im Vergleich zur herkömmlichen Sorafenib-Therapie führt zu einer Verschiebung der zuvor etablierten Therapielinien, sodass eine Therapie mit einem zugelassenen TKI nach Progress oder bei Unverträglichkeit von Atezolizumab + Bevacizumab angeboten werden sollte.

Daten zur Therapiesequenz nach Versagen der Kombination Atezolizumab und Bevacizumab liegen aktuell nicht vor. Man muss gegenwärtig davon ausgehen, dass alle bisher etablierten Therapien eingesetzt werden können.

Nach Versagen einer Therapie mit Sorafenib stehen mittlerweile auch mehrere medikamentöse Therapien zur Verfügung. Zum einen stellt Regorafenib, aus der RESORCE-Studie (5) eine Therapieoption, gerade für Patienten, die vergleichsweise gut mit dem Nebenwirkungsprofil von Sorafenib zurechtkamen, zur Verfügung. Zum anderen ist auch das aus der Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms bekannte Cabozantinib auf Basis der CELESTIAL-Studie eine gute Therapieoption (6).

Für Patienten mit einem Alpha-Feto­­protein(AFP)-Wert von ≥ 400 ng/ml liegen belastbare Daten für die Therapie mit dem Anti-VEGF-Rezeptor-2-Antikörper Ramucirumab vor (7), der in der REACH-Studie zeigte, dass Patienten mit einem erhöhten AFP entsprechend bei einem Benchmark von ≥ 400 ng/ml von einer Ramucirumab-Monotherapie profitierten (8), sodass die REACH-2-Studie gezielt dieses Patientengut behandelte (7).

Das mOS für Ramucirumab betrug 8,5 Monate vs. 7,3 Monate mit Placebo. Ein radiologischer Progress zeigte sich nach 3,0 Monaten mit Ramucirumab, gegenüber 1,6 Monaten mit Placebo. Eine gepoolte Analyse der REACH-2-­Studie mit Patienten aus der REACH-Studie, die einen AFP-Wert ≥ 400 ng/ml vor Therapiebeginn aufwiesen, zeigte einen noch etwas deutlicheren Unterschied im mOS zugunsten von Ramucirumab mit 8,1 Monaten gegenüber 5 Monaten (7).

Ich denke, die dargestellten Ergebnisse illustrieren recht anschaulich den aktuellen Wandel in der HCC-Therapie.
Vorherige Seite

Das könnte Sie auch interessieren
Forschung für besseren Schutz vor Gebärmutterhalskrebs
Forschung+f%C3%BCr+besseren+Schutz+vor+Geb%C3%A4rmutterhalskrebs
© Petry

Humane Papillomviren, kurz HPV, sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren der Welt. Einige Virentypen können Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und andere Krebsarten verursachen. Wissenschaftler kooperieren jetzt in einer neuen Studie, um ein HPV-Typ-spezifisches Modell für den Krankheitsverlauf von HPV-Infektionen zu entwickeln. Dazu werden klinische Daten aus großen populationsbasierten Studien der Frauenklinik Wolfsburg in Zusammenarbeit mit einer...

Ausgewogene Ernährung reduziert Krebsrisiko
Ausgewogene+Ern%C3%A4hrung+reduziert+Krebsrisiko
© Daniel Vincek / Fotolia.com

Mit einer ausgewogenen und ballaststoffreichen Ernährung erhält der Körper nicht nur wertvolle Nährstoffe wie Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette, sondern auch wichtige Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Umgekehrt gilt: Mit dem stetigen Bevorzugen bestimmter Lebens- und Genussmittel schadet man der eigenen Gesundheit. „Das heißt, schon mit der Ernährung kann das Risiko für Darmkrebs erhöht oder gesenkt werden“, betont Lars...

Die Björn Schulz Stiftung
Die+Bj%C3%B6rn+Schulz+Stiftung
© Александра Вишнева / fotolia.com

in Deutschland leben derzeit rund 50.000 Familien mit einem lebensbedrohlich oder lebensverkürzend erkrankten Kind. Ihre Zahl steigt, denn dank des medizinischen Fortschritts haben schwerst- oder unheilbar kranke Kinder heute eine höhere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren. In der für die betroffenen Kinder und Angehörigen schwierigen Situation bieten Kinderhospizdienste eine intensive Begleitung sowie eine umfassende Betreuung in einer familiären, kindgerechten...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Leitliniengerechte Systemtherapie des HCC: Verschiebung zuvor etablierter Therapielinien"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.