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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
19. Juni 2006

Gesundheitsbezogene Lebensqualität beim lokal begrenzten Prostatakarzinom

Die endoskopische extraperitoneale radikale Prostatektomie im Vergleich zur permanenten interstitiellen Brachytherapie Sigrun Holze, Jochen Ernst, Reinhold Schwarz, selbständige Abteilung Sozialmedizin, Universität Leipzig.
Die Behandlung maligner Tumorerkrankungen hat in den letzten Jahren an Bedeutung und Erfolgsaussichten gewonnen. Aufgrund neuer Methoden des Screenings werden Karzinome immer häufiger in einem frühen, klinisch lokalisierten Stadium diagnostiziert. Mitbedingt durch die Verbesserung der medizinischen Therapiemöglichkeiten wird die Heilungschance dadurch positiv beeinflusst. Kurative Methoden wie die operative Therapie und die Strahlentherapie sind daran vornehmlich beteiligt. Sie verlängern das krankheitsfreie Überleben, werden aber auch begleitet von einschränkenden Neben- und Spätfolgen. Neue Therapieverfahren müssen somit nicht nur hinsichtlich ihres Gewinnes an Überlebenszeit, sondern auch hinsichtlich ihrer Folgewirkungen beurteilt werden. In der Onkologie wird die Aufmerksamkeit zunehmend darauf gerichtet, Behandlungsmaßnahmen einzusetzen, welche die Lebensqualität der Patienten so wenig wie möglich beeinträchtigen. Bei der Therapie des lokal begrenzten Prostatakarzinoms wird daher große Hoffnung auf innovative Verfahren wie die endoskopische extraperitoneale radikale Prostatektomie (EERPE) und die permanente interstitielle Brachytherapie (PBT) gesetzt. Als Vorteil beider Methoden wird neben dem minimal-invasiven Charakter des Eingriffs insbesondere eine niedrigere Rate an lebensqualitätsmindernden Folgebeschwerden diskutiert. Im Rahmen der Outcome-Forschung kann die Lebensqualitätsmessung beim lokalisierten Prostatakarzinom heute als integraler Bestandteil neben der Untersuchung von Überlebenszeiten, Remissions- und Rezidivraten der Patienten angesehen werden. Der Beitrag folgt der Fragestellung, wie sich beide Verfahren hinsichtlich der posttherapeutischen Lebensqualität darstellen.
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Erkrankung und Therapie: Allgemeine Aspekte
Nach Angaben des Robert-Koch-Institutes werden in Deutschland jährlich etwa 40.600 Prostatakarzinome diagnostiziert [2]. Gemessen an der Neuerkrankungsrate stellt es damit in Deutschland die häufigste maligne Tumorerkrankung des Mannes dar. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass die Inzidenz des Prostatakarzinoms seit 1980 um 65% gestiegen ist, mitbedingt durch die Einführung neuer Screeningprogramme. Insbesondere die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) lässt Karzinome in einem frühen, symptomfreien Stadium der Erkrankung entdecken. Aufgrund verbesserter medizinischer Diagnose- und Therapiemöglichkeiten liegt die 5-Jahre-Überlebensrate beim Prostatakarzinom inzwischen bei etwa 80% [2].
Die Behandlung des Prostatakarzinoms erfolgt stadienabhängig (TNM-Klassifikation) und kriterienorientiert, unter Berücksichtigung von Gleason-Score und prätherapeutischem PSA-Wert. Trotz der verbesserten Früherkennungsmaßnahmen bleibt es im Einzelfall schwierig einzuschätzen, ob sich der Tumor ausbreiten oder symptomlos bleiben wird. Der Unterscheidung von behandlungsbedürftigen und nicht bzw. noch nicht zu therapierenden Fällen kommt daher große Bedeutung bei der Indikationsstellung zu. Die zentrale Frage bei der Wahl des Therapieverfahrens besteht in der Abwägung von Risiko und Benefit. Wenn therapeutische Interventionen auch zunächst zum Ziel haben, krankheitsbedingte Verluste zu verringern, so ist es gleichzeitig zielführend, dass der Nutzen der Behandlung vermeintliche Beeinträchtigungen aufwiegt.
Zur Behandlung des lokalisierten Prostatakarzinoms werden typischerweise die radikale Prostatektomie und die Strahlentherapie eingesetzt (Abbildung 1). Beide Methoden erhöhen die Chance einer Heilung, bringen jedoch auch signifikante, die Lebensqualität einschränkende Folgewirkungen mit sich. Zu den häufigsten und für den Patienten wesentlichsten Komplikationen nach der Therapie zählen Inkontinenz und erektile Dysfunktion. Aber auch symptombezogene Belastungen wie Schmerzen oder Müdigkeit sowie Einschränkungen von Funktionsfähigkeiten wirken sich negativ auf das Wohlbefinden der betroffenen Männer aus. Die endoskopische extraperitoneale radikale Prostatektomie und die permanente interstitielle Brachytherapie stellen innovative Therapieformen dar. Sie werden im Zusammenhang mit einem geringeren Ausmaß an Neben- und Spätfolgen für den Patienten diskutiert [11,13].
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Endoskopische extraperitoneale radikale Prostatektomie (EERPE)
Die EERPE ist ein spezifisches Verfahren der laparoskopischen radikalen Prostatektomie. Diese operative Methode – einschließlich der Etablierung einer nervenschonenden, potenzerhaltenden Technik – wurde an der Klinik und Poliklinik für Urologie am Universitätsklinikum Leipzig entwickelt und kontinuierlich verbessert [14,15,17]. Überzeugende Operationsergebnisse haben dazu beigetragen, dass das Verfahren seitdem von verschiedenen deutschen und europäischen Zentren übernommen wurde. Der Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt. Über fünf kleine Hautschnitte unterhalb des Bauchnabels werden die notwendigen Operationsinstrumente in das Becken eingebracht. Ein am Anfang der Operation eingeführter Ballon drängt das Bauchfell und die dahinter liegenden Darmanteile zurück. In diesen künstlich geschaffenen Hohlraum werden die Instrumente eingebracht. Eine Kamera ermöglicht es dem Chirurgen, das Operationsfeld auf einem Monitor in bis zu fünfzehnfacher Vergrößerung zu überblicken und so die Bewegungen der Operationsgeräte zu kontrollieren [14-16]. Vorteil der Vorgehensweise ist die Schonung des umliegenden, gesunden Gewebes. Das Risiko für Begleiterscheinungen wie etwa Entzündungen oder Verletzungen wird minimiert. Ein weiterer Vorteil besteht in der optimierten Möglichkeit, bei entsprechenden Kriterien das Gefäß-Nervenbündel zu erhalten, welches in erster Linie für den Erhalt der Erektionsfähigkeit wichtig ist.

Permanente interstitielle Brachytherapie (PBT)
Vorteil der interstitiellen Brachytherapie ist die Einsetzung der Strahlenquelle direkt im erkrankten Organ. Dies erlaubt es, eine sehr hohe Dosis in einem umschriebenen Zielvolumen zu applizieren. Gleichzeitig wird die Dosis im umgebenden gesunden Gewebe deutlich reduziert. Zwei methodisch unterschiedliche Brachytherapie-Verfahren stehen zur Behandlung des Prostatakarzinoms zur Verfügung: (1) die interstitielle Brachytherapie mit permanenten Seed-Implantaten (Jod-125 oder Pallium-103) und (2) die temporäre interstitielle Brachytherapie mit einer schrittbewegten Strahlenquelle (z.B. Iridium-129) [6,19].
Bei der Therapie des lokal begrenzten Karzinoms findet die permanente Seed-Implantation Anwendung. Hierbei werden ca. 2,5 mm lange Radioisotopen-Präparate (Seeds) in die Prostata eingebracht. Diese geben kontinuierlich ihre nur wenige Millimeter weit in das Gewebe eindringende Strahlung ab. Mit dieser Methode können Harnröhre, Enddarm und Nerven weitgehend von der Bestrahlung ausgespart werden. Als Vorteile werden der minimal-invasive Charakter des Eingriffs, die geringere perioperative Morbidität sowie eine niedrigere Rate an lebensqualitätsmindernden Folgebeschwerden wie Harninkontinenz und Erektionsstörungen angeführt [5,13]. Insbesondere die dreidimensionale Bestrahlungsplanung und die konformierende Bestrahlungstechnik haben zu einer Wirksamkeitsverbesserung der Strahlentherapie geführt. In Deutschland hat die Brachytherapie mittels permanent implantierter Strahlenquellen vor allem in den letzten fünf Jahren eine zunehmende Anwendung und Akzeptanz gefunden. Die Behandlungszahlen sind jedoch im Vergleich zu anderen Verfahren noch gering [8].

Gesundheitsbezogene Lebensqualität als Therapiekriterium
Der Begriff Lebensqualität spielt eine wichtige Rolle in der Bewertung von Nutzen und Erfolg einer onkologischen Therapie und ihrem Einfluss auf das Wohlbefinden der Patienten. Diese Relevanz wird sicherlich forciert durch die Modernität des Begriffes Qualität im Gesundheitswesen allgemein. Für Erkrankungen wie das lokale Prostatakarzinom wird die lebensqualitätsbezogene Diskussion besonders relevant, da von einem kurativen Therapieansatz mit entsprechend langen symptomfreien Zeiten ausgegangen wird und verschiedene, miteinander konkurrierende Behandlungsalternativen existieren [4]. Lebensqualität ist ein umfassender Begriff, der gleichzeitig unterschiedliche Dimensionen des menschlichen Befindens berücksichtigt. Die Beurteilung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität erfolgt dabei jeweils aus der Sicht des Patienten, da Belastungen und Einschränkungen individuell unterschiedlich wahrgenommen und bewertet werden.
Die Lebensqualität von Krebspatienten muss – entgegen allgemeiner Auffassung – nicht zwangsläufig dauerhaft beeinträchtigt sein. Wenn dies auch zu bestimmten Zeitpunkten, wie zu Beginn der Krankheit oder nach einem Rezidiv die Regel ist, gilt es nicht generell. Die Bewertung hängt ebenso davon ab, wie erfolgreich die Krankheitsbewältigung geschieht. Es ist daher schwierig, die Lebensqualität der Betroffenen extern zu beurteilen.
Therapiebedingte Belastungen wie Übelkeit, körperliche Dysfunktionen, Schmerzen oder Müdigkeit können kurzzeitig sein oder auch andauern. Sie können das seelische oder körperliche Befinden einschränken oder sich auf die sozialen Beziehungen auswirken. Die Lebensqualitätsforschung stellt die Instrumente bereit, mit denen diese Beeinträchtigungen gemessen werden können [18]. Vermittelt über die subjektive Patienteneinschätzung werden damit Rückschlüsse auf behandlungsbedingte Belastungen gewonnen, welche auch einen Hinweis auf die Effizienz eines Therapieansatzes geben. Voraussetzung für eine zuverlässige Erfassung der Lebensqualität ist die Verwendung geeigneter, reliabler und valider Messinstrumente, welche auch patientenfreundlich und somit praktikabel sein sollten. In der Onkologie hat sich seit Ende der 1980er Jahre der von der EORTC (European Organization für Research and Treatment of Cancer) Study Group on Quality of Life entwickelte Fragebogen als Standardinstrument zur Erfassung der Lebensqualität (EORTC-QLQ C-30) durchgesetzt [3]. Er liegt inzwischen in 15 Sprachen vor und erlaubt den Vergleich von Studien auch auf internationaler Ebene. Er kann durch krankheitsspezifische Instrumente ergänzt werden, welche auf besondere Auswirkungen des jeweiligen Tumors und seiner Behandlung fokussieren.

Methode und Stichprobe der Studie
Im Rahmen einer im Jahr 2005 durchgeführten explorativen Studie wurden Patienten mit lokal begrenztem Prostatakarzinom nach Therapieabschluss zu ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität befragt. Eine Randomisierung war aufgrund geringer Fallzahlen und des vorgesehenen Zeitrahmens nicht möglich. Die Stichprobe umfasste zunächst insgesamt 160 Prostatakarzinom-Patienten – TNM-Stadium bis T2b bei Diagnosestellung – deren Behandlung mit EERPE bzw. PBT sechs Monate zurücklag. Die Patienten wurden nach Absprache mit den behandelnden Klinikärzten im Rahmen der Tumornachsorge angesprochen und über die Studie aufgeklärt. Nach Darlegung von Zielstellung und Ablauf der Untersuchung lehnten 23 Patienten eine Mitarbeit ab, so dass 137 Personen (86%) für die Befragung zur Verfügung standen. Sechs Monate nach der Erstbefragung (T1) erfolgte eine postalische Zweitbefragung (T2). Von den 137 angeschriebenen Patienten sendeten zu T2 insgesamt 117 ihre auswertbaren Fragebögen zurück. 7 von den 137 angeschriebenen Patienten hatten eine weitere Befragung abgelehnt bzw. waren unbekannt verzogen, 2 Patienten waren verstorben, 11 Personen sendeten den Fragebogen nicht bzw. unausgefüllt zurück. In die Auswertung gehen die 117 Patienten ein, zu denen sowohl zu T1 als auch zu T2 auswertbare Daten vorlagen. 75 der Patienten waren mit EERPE behandelt worden, 42 mit PBT. Das Lebensalter der Patienten zum Zeitpunkt der Therapie lag im Mittel bei 65 (EERPE) bzw. 66 (PBT) Jahren. Die jüngsten Patienten waren 47 Jahre alt, die ältesten 80 Jahre. Altersbedingte Unterschiede zwischen beiden Befragungsgruppen sind nicht zu verzeichnen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über soziodemographische Stichprobenmerkmale.
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Die Befragung der Patienten erfolgte mittels eines standardisierten Fragebogens. Der Längsschnittcharakter der Studie ermöglicht es, die Differenziertheit der interessierenden Indikatoren zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Abhängigkeit von der Behandlungsmethode einzuschätzen. Die Lebensqualitätsdaten in ihren verschiedenen Dimensionen wurden mit dem Frageinstrument EORTC QLQ-C30 erfasst [1]. Dieser setzt sich aus fünf Funktionsskalen, einer Skala zur Einschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes und neun Symptomskalen zusammen. Mittels der Funktionsskalen werden unter anderem die körperliche Funktion des Patienten (Ausführung körperlicher Tätigkeiten), die Rollenfunktion (Fähigkeit zur Ausübung persönlicher und beruflicher Rollen) und die soziale Funktion (Wahrnehmung sozialer Kontakte, Familienleben) erfasst. Die Symptomskalen ermitteln Fatigue, Übelkeit und Schmerzen sowie weitere Allgemeinsymptome (z.B. Schlafstörungen, Appetitmangel). Die Summenscores der Skalen, zusammengesetzt aus jeweils mehreren Einzelitems, werden auf Werte zwischen 0 und 100 linear transformiert. Ein hoher Wert in den Funktionsskalen repräsentiert eine hohe Einstufung an vorhandener Funktionsfähigkeit, entspricht somit einer guten Lebensqualität. Die Bewertung der Symptomskalen erfolgt analog dazu. Ein hoher Wert bezeichnet eine hohe Symptomausprägung und Lebensqualitätseinschränkung.
Der Zielstellung folgend, die Beeinflussung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität durch die jeweiligen Therapieverfahren zu eruieren, konzentriert sich die Auswertung auf folgende Fragen: (1) Wie bewerten die befragten Patienten ihre Lebensqualität in den einzelnen Dimensionen? (2) Welche Unterschiede zeigen sich beim Vergleich der beiden innovativen Therapiemethoden? (3) Verändern sich die Parameter der gesundheitsbezogenen Lebensqualität im zeitlichen Verlauf der Untersuchung? Mittelwertvergleiche zwischen beiden Gruppen wurden im Rahmen der Auswertung mittels t-Test für unabhängige Stichproben geprüft. Für den Vergleich in Langzeitperspektive diente der t-Test für gepaarte Stichproben.


Ergebnisse
Wie Tabelle 2 verdeutlicht, fühlen sich die Patienten nach der Therapie in ihren Funktionsbereichen weniger stark belastet als angenommen. Die angegebenen Mittelwerte der Skalen liegen mit Werten zwischen 88,2 und 73,4 im oberen Bereich. Die körperliche Funktion erfährt die geringsten Einschränkungen. Diese Dimension bezieht sich auf die allgemeine körperliche Verfassung und eruiert, ob die Patienten Schwierigkeiten bei körperlichen Anstrengungen hatten oder Hilfe bei alltäglichen Aufgaben benötigten. Die Bewertung der globalen Lebensqualität fällt bei beiden Gruppen mit 67,1 bzw. 72,3 (EERPE zu T1 bzw. T2) und 64,1 bzw. 63,9 (PBT zu T1 bzw. T2) etwas geringer aus als die der einzelnen Funktionsskalen. Ähnliche Verteilungen der Skalen finden sich auch in Arbeiten zur perkutanen Strahlentherapie und zur retropubischen radikalen Prostatektomie [4,7,11].
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Der Gruppenvergleich zeigt hinsichtlich der Funktionsskalen ähnliche Tendenzen für beide Therapiemethoden. Leicht signifikante Unterschiede zwischen den beiden untersuchten Stichproben sind lediglich in zwei Bereichen zu verzeichnen: Die Patienten nach EERPE bewerten ihre emotionale Situation zum Zeitpunkt T1 mit einem Mittelwert von 75 um 8,5 Punkte niedriger als die Patienten der PBT (83,5). Hier liegt die Vermutung nahe, dass dieser Unterschied weniger auf die Behandlungsmethode zurückzuführen ist, als stärker auf den differenten sozialen Status der beiden Patientengruppen. Wie die Auswertung der soziodemografischen Daten verdeutlicht, sind die befragten Patienten der PBT seltener verwitwet und leben häufiger in fester Partnerschaft, was auf eine größere familiäre Integration und soziale Kohärenz schließen lässt und gerade zum Zeitpunkt einer schweren Erkrankung auch das emotionale Befinden positiv beeinflusst. Einen leicht signifikanten Unterschied – zugunsten von EERPE – gibt es zudem hinsichtlich der globalen Lebensqualität zum Messzeitpunkt T2. Bei der Bewertung dieser Dimension schätzen die Patienten ihren Gesundheitszustand und ihre Lebensqualität insgesamt ein. Hierbei fließen alle Beschwerden und Einschränkungen ein, welche durch Therapie und Erkrankung hervorgerufen werden. Die schlechteren Werte nach PBT ein Jahr nach dem Behandlungseingriff können unter anderem damit zusammenhängen, dass sich bei strahlentherapeutischen Verfahren spezifische Nebenwirkungen zum Teil verzögert einstellen können. Zudem kann in den Bewertungsmaßstab mit einfließen, dass sich Patienten nach einer Operation ‚sicherer’ und ‚geheilter’ fühlen, da das Tumorgewebe – anders als bei der Strahlentherapie – ‚sichtbar’ aus dem Körper entfernt worden ist.
Im Bereich der Symptomskalen zeigt sich, dass Fatigue und Schlaflosigkeit bei den Patienten die generellen Problembereiche darstellen. Fatigue ist beschreibbar als ein komplexer Zustand quälender und andauernder Müdigkeit, der das alltägliche Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Er sollte gerade im Zusammenhang mit schweren körperlichen Leiden wie Tumorerkrankungen und als Folge eingreifender Therapien ernst genommen werden. Schlafstörungen und reduzierte Schlafqualität werden von den befragten Patienten häufig verbindend angeführt.
Die hier vorliegenden erhöhten Werte sind ein Ausdruck dafür, dass neben der Erkrankung auch die damit einhergehende Behandlung für die Betroffenen eine hohe psychische Belastung darstellt. Die getrennten Lebensqualitätsbewertungen zum Zeitpunkt T1 zeigen, dass die Patienten nach EERPE leicht höhere Werte angeben. Sie fühlen sich stärker durch Fatigue und Schlaflosigkeit belastet. Die Mittelwertunterschiede hinsichtlich Fatigue sind jedoch statistisch nicht signifikant. Zum Zeitpunkt T2 verlaufen die Einschätzungen beider Gruppen annähernd gleich. Die Symptome Fatigue und Schlaflosigkeit sind ein Jahr nach der Behandlung damit bei beiden Gruppen in einem ähnlichen Maß ausgeprägt. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass sie stärker auf die Erkrankung und einen therapeutischen Eingriff allgemein zurückzuführen sind als auf die spezifische Therapiemethode.
Auch im Bereich Schmerzen finden sich leichte Differenzen. Die Tendenz ist hier gegenläufig. Die Patienten der PBT geben zu T1 stärkere Schmerzwerte an. Ursächlich hierfür können therapiebedingte Wirkungen sein wie auch differente subjektive Schmerzwahrnehmungen zwischen operativ und strahlentherapeutisch behandelten Patienten. Möglicherweise besitzen Patienten, die sich für diesen Eingriff entschieden haben, eine höheres Schmerzempfinden und haben aus diesem Grund ein strahlentherapeutisches Vorgehen gewählt. Ein Jahr nach der Behandlung nähern sich die Werte beider Gruppen einander an. Die geringsten Differenzen zwischen beiden Therapiemethoden ergeben sich für die Symptome Übelkeit, Kurzatmigkeit und Verstopfung. Auch in den Bereichen Appetitmangel und Durchfall zeigen sich keine signifikanten Mittelwertunterschiede (Tabelle 2).
Die längsschnittliche Betrachtung verdeutlicht, dass die Mittelwerte für EERPE weder in den Funktions- noch in den Symptomskalen signifikante Unterschiede aufweisen. Die Patienten bewerten ihre Lebensqualität zu beiden Messzeitpunkten annähernd gleich. Für die PBT sind leichte Differenzen in den Dimensionen Schmerzen und Schlafstörung zu verzeichnen, während das Schmerzempfinden zum Zeitpunkt T2 geringer wird, nehmen Schlafprobleme im Vergleich zu T1 zu (Abb. 2 u. 3).

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Vergleich zur Allgemeinbevölkerung
Ein Vergleich mit Männern der Allgemeinbevölkerung , welche zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität (EORTC QLQ-C30) befragt wurden, verdeutlicht therapiebedingte Einflüsse. Aus einer Stichprobe von 2037 Personen wurde eine Teilstichprobe von 193 Männern gebildet, welche der Alterszusammensetzung der Gruppe der 117 befragten Prostatakarzinom-Patienten entspricht und als Kontrollgruppe fungiert ( Tabelle 1). Die Angaben der Allgemeinbevölkerung wurden zusammen mit den Befragungsergebnissen der Patientengruppe zum Messzeitpunkt T2 ausgewertet. Mittels t-Test wurde für die Patientengruppe und die Kontrollgruppe geprüft, ob sich die berechneten Mittelwerte beider Gruppen signifikant unterscheiden. Während sich im Bereich der Funktionsskalen nur geringe, nicht signifikante Differenzen abbilden, zeigen die Symptomskalen in mehreren Bereichen deutliche Ungleichheiten (Abb. 4). Stärkere Beeinträchtigungen der Patientengruppe finden sich insbesondere in den Skalen Schlafstörungen und Fatigue und können als Zeichen verstärkter psychischer Belastung gewertet werden. Hinsichtlich der angeführten Schmerzen zeigt sich eine gegenläufige Tendenz. Hier geben die Probanden der Kontrollgruppe höhere Schmerzwerte als die Prostatakarzinom-Patienten an. Bedingt kann dies unter anderem durch eine selektive Symptomwahr-nehmung sein. Wie auch in anderen Studien kann gefolgert werden, dass Krebspatienten – im Gegensatz zur Allgemeinbevölkerung – bei der Antwortgabe nur die Schmerzen in die Bewertung einbeziehen, die unmittelbar mit ihrer Erkrankung und der damit verbundenen Therapie zusammenhängen [9].
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Zusammenfassung
Die Suche nach Möglichkeiten und technischen Modifikationen, welche eine Verbesserung der Lebensqualität und Herabsetzung der Komplikationen nach therapeutischen Eingriffen erzielen, ist eine wesentliche Aufgabe der Forschung. Innovative Methoden wie die endoskopische extraperitoneale radikale Prostatektomie und die permanente interstitielle Brachytherapie sind im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen daher von besonderem Interesse. Anliegen des Beitrages war der Vergleich beider Methoden hinsichtlich der therapiebedingten gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Die Messung erfolgte mit Hilfe des standardisierten, multidimensionalen Instrumentes QLQ-C30 des EORTC. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität ist ein mehrdimensionales Konstrukt, welches auf der Bewertung der Patienten und ihrer Lebenssituation insgesamt beruht. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die untersuchten Therapieoptionen hinsichtlich des postoperativen Verlaufs der Lebensqualität wenig unterscheiden. In den funktionsspezifischen Dimensionen sind insgesamt kaum Einschränkungen zu verzeichnen. Geringe Unterschiede zwischen den untersuchten Therapiegruppen sind lediglich in der emotionalen Dimension zu finden – welche jedoch stärker auf die unterschiedlichen soziodemografischen Faktoren der Untersuchungsgruppen zurückzuführen sind und weniger auf therapiebedingte Differenzierungen – sowie hinsichtlich der globalen Lebensqualität. Am stärksten belastet fühlen sich die Patienten nach der Therapie durch Fatigue und Schlafstörungen. Dies spiegelt sich auch im Vergleich mit Männern der Allgemeinbevölkerung wider. Kleinere Unterschiede, die sich sechs Monate nach der Behandlung zwischen beiden Therapiegruppen zeigen, gleichen sich ein Jahr nach der Therapie weitgehend aus. Festzuhalten bleibt, dass ein großer Fortschritt der Krebsbehandlung der letzten Jahre darin liegt, die Lebensqualität der Patienten zu evaluieren und diesen Aspekt verstärkt bei der Auswahl der Therapiemethode zu berücksichtigen.

Quelle: Literatur
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