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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

25. Juli 2020 Fortgeschrittenes Ovarialkarzinom: Auch ältere Patientinnen mit Begleiterkrankungen profitieren von Bevacizumab

Der Angiogenesehemmer Bevacizumab ist in der Primärtherapie des fortgeschrittenen Ovarialkarzinoms als Standard etabliert. Finale Daten der nicht-interventionellen Studie (NIS) OTILIA (Ovarian cancer Treatment fIrst-Line wIth Avastin) untermauern den hohen Stellenwert, der sich bereits in den Zulassungsstudien gezeigt hat. Das Besondere: Auch Patientinnen in höherem Alter mit Übergewicht und Begleiterkrankungen profitieren durch ein Plus an progressionsfreiem Überleben (PFS). Ihnen sollte eine zielgerichtete Therapie daher nicht vorenthalten werden.
Pauline Wimberger
Prof. Dr. Pauline Wimberger
Prof. Dr. Jalid Sehouli
Prof. Dr. Jalid Sehouli, Charité Berlin
In Deutschland erkranken jährlich etwa 7.500 Frauen an Eierstockkrebs (1). Obwohl in der Behandlung in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt wurden, ist die Sterblichkeit nach wie vor hoch. Denn bei der Mehrzahl der Patientinnen befindet sich das Tumorgeschehen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose bereits im fortgeschrittenen Stadium. Die Daten der finalen Analyse der NIS OTILIA zeigen nun: Gezielte Therapiestrategien wie mit dem Angiogenesehemmer Bevacizumab (Avastin®) verlängern das PFS (Abb. 1). Damit bestätigen sich die guten Ergebnisse einer Therapie mit Bevacizumab aus den Zulassungsstudien (2). Der Angiogenesehemmer erweist sich auch im klinischen Alltag unabhängig von Komorbiditäten und Alter als wirksam, sicher und gut verträglich. Die Ergebnisse der NIS OTILIA und deren Relevanz für die klinische Praxis erläutern die Experten Prof. Dr. Pauline Wimberger, Universitätsklinikum Dresden, und Prof. Dr. Jalid Sehouli, Charité Berlin, im Interview.
 
Abb. 1: PFS in Abhängigkeit des Alters in der finalen Analyse der NIS OTILIA (mod. nach (2)).
Lupe
Abb. 1: PFS in Abhängigkeit des Alters in der finalen Analyse der NIS OTILIA (mod. nach (2)).
 
Dieses Jahr wurden erste Daten der finalen Analyse der NIS OTILIA vorgestellt, in die ein alltagsnahes Patientenkollektiv eingeschlossen war. Welche Bedeutung haben solche Real-World-Daten für den Praxisalltag?

Wimberger: Real-World-Daten sind extrem wichtig und stellen eine unverzichtbare Ergänzung zu den klinischen prospektiven und randomisierten Studien dar. Der Einsatz eines Medikaments unter Praxisbedingungen, seine Wirksamkeit und Sicherheit, aber auch die Compliance können so gut untersucht werden. Zudem können in Zulassungsstudien aufgrund strenger Ein- und Ausschlusskriterien nicht alle Patientengruppen berücksichtigt werden. Dank der Real-World-Daten können wir prüfen, wie sicher und effektiv ein Medikament in einer Patientenpopulation ist, die die Situation in der Praxis abbildet. In den Zulassungsstudien werden häufig jüngere Patienten mit gutem Allgemeinzustand und geringer Komorbidität eingeschlossen. Für die Praxis ist es aber relevant, wie der Benefit und die Verträglichkeit einer Therapie bei einer älteren oder multimorbiden Patientin mit Diabetes, Übergewicht oder Hypertonie ist.

Sehouli: Dabei ist es wichtig, auch auf sehr seltene Nebenwirkungen zu achten. Sie treten in klinischen Studien manchmal gar nicht auf, da dafür sehr viele Patienten eingeschlossen werden müssten. Real-World-Daten, wie sie die NIS OTILIA liefert, sind daher umso wichtiger für die klinische Praxis. Deshalb sollten wir es aus meiner Sicht unbedingt unterstützen, dass entsprechende Studien weiterhin und vermehrt durchgeführt werden.
Was genau wurde in der NIS OTILIA untersucht?
Sehouli: Die NIS OTILIA hat genau die von Professor Wimberger erläuterten Daten aus dem klinischen Alltag für Bevacizumab erhoben: Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit der First-Line-Therapie mit Bevacizumab in Kombination mit Carboplatin und Paclitaxel mit anschließender Bevacizumab-Erhaltungstherapie über insgesamt 15 Monate. Eingeschlossen werden konnten alle Patientinnen gemäß der Zulassung. Damit entsprachen sie eher dem Praxisalltag als dies in klinischen Zulassungsstudien möglich ist. Insgesamt wurden 824 Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom im FIGO-Stadium IIIB-IV gemäß der FIGO-Klassifikation von 1988 ausgewertet. Dabei haben wir das Gesamtkollektiv, aber auch ältere, komorbide Patientinnen angeschaut und geprüft, ob diese Aspekte Einfluss auf die Verträglichkeit haben. Aus gutem Grund: Manche Patientinnen mit eingestellter Hypertonie bekommen keine Erhaltungstherapie mit Bevacizumab angeboten. Wir konnten aber zeigen, dass bei diesen Patientinnen die Effektivität nicht geringer und die Therapieabbrüche nicht häufiger sind als bei normotensiven Frauen.

Wimberger: Die NIS OTILIA legte den Fokus speziell auf ältere Patientinnen, die häufiger an einem Ovarialkarzinom erkranken. 2014 gab es deshalb eine Änderung der Einschlusskriterien, um ein möglichst großes Kollektiv an Patientinnen jenseits des siebzigsten Lebensjahrs auswerten und aussagekräftige Ergebnisse erzielen zu können.
Was sind die zentralen Ergebnisse der Studie?
Sehouli: Das mediane PFS lag bei 19,4 Monaten (95%-KI: 18,7-20,3 Monate) und war damit vergleichbar mit den Ergebnissen der Zulassungsstudie GOG-0218 mit einem medianen PFS von 18,2 Monaten (3, 4). Dies untermauert sehr gut die Ergebnisse der klinischen Studien. Beim Blick auf die Beobachtungs- und die Zulassungsstudie konnten wir keine Unterschiede in den verschiedenen Subgruppen und der Gesamtpopulation in Bezug auf das PFS feststellen. Bevacizumab ist also auch wirksam bei Patientinnen, die nicht den Einschlusskriterien der Zulassungsstudien entsprechen und zu Therapiebeginn einen schlechteren Allgemeinzustand haben. Es gibt kein Kollektiv, das nicht profitiert. Das gilt auch für ältere, komorbide oder übergewichtige Patientinnen.

Wimberger: Wir haben in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen mit Bevacizumab gemacht und wissen, wie wir die Substanz handhaben müssen. Auch die Hypertonie ist für uns kein Ausschlusskriterium mehr, außer in dem äußerst seltenen Fall einer hypertensiven Krise. Selbst Patientinnen mit einer antihypertensiven Dreifachkombination können unter Bevacizumab gut laufen. Sogar bei einer Thrombose muss nicht pauschal auf Bevacizumab verzichtet, sondern eventuell nur etwas später mit der Therapie begonnen werden. Besonders interessant war, dass auch Patientinnen ohne Tumorrest profitierten.
Welche Ergebnisse zeigt die NIS OTILIA in Bezug auf das Alter?
Wimberger: Die Ergebnisse zeigen ganz eindeutig, dass der Benefit im PFS nicht signifikant schlechter ist als im Gesamtkollektiv und ihnen deshalb diese Therapie nicht vorenthalten werden sollte. Das belegt die NIS OTILIA an einem großen Kollektiv: 45% der eingeschlossenen Patientinnen waren 70 Jahre oder älter, 55% waren jünger. Das mediane PFS bei den jüngeren Patientinnen lag bei 20,0 Monaten, bei den älteren bei 19,3 Monaten (Abb. 1). Sprich, die Patientinnen profitieren von der Therapie mit Bevacizumab unabhängig vom Alter.

Sehouli: Ja, wir waren bei der Studie insgesamt sehr positiv überrascht, dass auch die älteren und komorbiden Patientinnen die Behandlung mit Bevacizumab sehr gut vertragen haben.
Welche Ergebnisse zur Lebensqualität zeigt die Studie?
Wimberger: Mit den erhobenen Scores, dem EORTC, QLQ-C30 und -OV28, konnten wir feststellen, dass die Lebensqualität unter der Therapie nicht gelitten hat. Es gab klinisch relevante Verbesserungen im Laufe der Zeit in Bezug auf Rollenfunktion, soziale Funktionsfähigkeit, Müdigkeit, Übelkeit und Erbrechen sowie Schlaflosigkeit. Bei Appetitlosigkeit und Verstopfung zeigte sich sogar eine deutliche Verbesserung.

Sehouli: Die Ergebnisse zu den Patient-reported Outcomes zeigen, dass die First-Line-Therapie mit Bevacizumab im klinischen Alltag sehr gut toleriert wird.
Wie lautet Ihr Fazit und welche Empfehlungen ergeben sich daraus für die klinische Praxis?
Wimberger: Für mich sind die Ergebnisse der Studie sehr wichtig, da sich gezeigt hat, dass die Therapie mit Bevacizumab auch bei Patientinnen mit relevanten Vorerkrankungen oder höherem Alter gut durchgeführt werden kann und den gleichen günstigen Effekt hat hinsichtlich des PFS wie bei jüngeren, fitteren Patientinnen. Man sollte deshalb beispielsweise auch einer 80-jährigen Patientin die Therapie mit Bevacizumab aus Sorge vor Nebenwirkungen nicht vorenthalten. Denn auch sie kann profitieren. Und der hohe Stellenwert von Bevacizumab in der Therapie des Ovarialkarzinoms wird bleiben, gerade auch mit Blick auf weitere Kombinationstherapien in der Erhaltungstherapie.

Sehouli: Bevacizumab hat sich bei Patientinnen mit neu diagnostiziertem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom als Standardtherapie etabliert. Der Angiogenesehemmer ist auch in der Breite sicher und verträglich. Und es gibt kein Kollektiv, das nicht profitiert. Gegenüber der Patientin ist es daher schwer zu argumentieren, warum sie diese Erhaltungstherapie nicht erhalten soll. Fakt ist, dass Bevacizumab aus der Gynäkoonkologie nicht wegzudenken ist.

Das Interview führte Dr. Beate Fessler

Mit freundlicher Unterstützung von Roche Pharma AG

Literatur:

(1) https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Eierstockkrebs/eierstockkrebs_node.html (zuletzt aufgerufen am 18.06.2020).
(2) Sehouli J et al. DKK 2020; Poster 684.
(3) Burger RA et al. N Engl J Med 2011;365:2473-83.
(4) Burger RA et al. J Clin Oncol (Meeting Abstracts) 2011;29 (15):337s (Abstr. 5023).


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