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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
07. November 2004

Die „ältere Frau“ in der Gynäkologischen Onkologie: Immer noch zu wenig in Studien berücksichtigt

Etwa die Hälfte aller Patientinnen mit Mamma- und Ovarialkarzinom gehört zu der Altersgruppe der über 65-Jährigen. „Umso schlimmer ist die Tatsache zu werten, dass ältere Patientinnen in Studien kaum repräsentiert sind und uns somit evidenzbasierte Daten zu Diagnose und Therapie älterer Krebspatienten weitgehend fehlen“, kritisierte Dr. Jalid Sehouli, Charité Berlin. Daher sind klinische Studien notwendig, die speziell für ältere Tumorpatienten konzipiert sind und die Grundlage für eine rationale Therapieentscheidung schaffen. Diese Patientengruppe schien auch der American Society of Clinical Oncology (ASCO) so wichtig, dass sie dieses Thema zu einem der Schwerpunkte ihres diesjährigen Jahrestreffens in New Orleans erklärte.
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In den meisten onkologischen Studien ist bisher ein Alter über 65 Jahre als Ausschlusskriterium definiert. Patientinnen mit einem Alter über 80 Jahre sind sogar in Studien überhaupt nicht präsent. Eine auf dem ASCO vorgestellte Untersuchung der AGO-Studiengruppe Ovarialkarzinom (Harter et al., # 5081) untermauert diesen Fakt noch einmal. In dieser Studie wurden die Charakteristika von Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom analysiert, die im Rahmen von klinischen Studien (AGO oder NOGGO) behandelt wurden (n=139) und von Patientinnen, die außerhalb von Protokollen (n=135) ihre Therapie erhielten. Patientinnen innerhalb von klinischen Studien hatten ein medianes Alter von 57,2 Jahren, Patientinnen außerhalb von Studien von 66,2 Jahren. Das Alter wurde als häufigster Grund für eine Nicht-Teilnahme an Studien aufgeführt. Dieses Vorgehen ist völlig unverständlich für die Experten, da die meisten neueren Studien sowohl der AGO als auch NOGGO keine Altersbegrenzung in den Einschlusskriterien definiert haben.
Die Definition der „älteren Frau“ sollte auf biologischen Parametern und nicht auf dem numerischen Alter basieren. Denn das chronologische Alter eines Tumorpatienten kann nur einen ersten Hinweis auf mögliche erhöhte Risiken bei der Behandlung geben und ist damit nur ein untergeordneter Gradmesser dafür, wie intensiv jemand behandelt werden darf. Inzwischen belegen mehrere Studien, dass ein höheres Alter nicht unbedingt ein Grund für ein schlechteres Therapieansprechen sein muss. Sogar dosisdichte Regimes, können auch älteren Patientinnen verordnet werden. Die Untersuchung von Kümmel et al. (#589) weist nach, dass sowohl bei jüngeren Frauen als auch bei Patientinnen über 60 Jahre mit Mammakarzinom nur in 1% aller Fälle auf Grund von Unverträglichkeiten eine Dosisreduktion bei dosisdichten Therapieschemata notwendig war.
Eine weitere retrospektive Untersuchung zeigte, dass Patientinnen im Alter über 60 Jahre signifikant seltener eine Lymphonodektomie und eine Chemotherapie erhielten (# 8161). Komorbitäten waren allerdings bei den älteren Patientinnen nicht viel häufiger als bei ihren jüngeren Leidensgenossinnen und auch der Tumor der älteren Patientin unterscheidet sich nicht wesentlich vom Tumor der jüngeren Patientin. Die Arbeitsgruppe von Koensgen et al. #5137) wies nach, dass die Tumorbiologie bei Patientinnen mit primärem und rezidiviertem Ovarialkarzinom nicht altersmäßig unterschieden werden kann. Das Tumorbefallsmuster war in beiden Gruppen vergleichbar.

Risikoadaptiert vorgehen und Lebensqualität berücksichtigen
Eine aktuelle Studie liefert dem Kliniker Evidenz für das risiko- und altersadaptierte Vorgehen im Management des Mammakarzinoms (#505). Die IBCSG-Studie untersuchte hierzu die Rolle der Axilladissektion bei Patientinnen mit einem Alter über 60 Jahren. Insgesamt konnten 473 Patientinnen in einem Zeitraum von 1993-2002 in die prospektive randomisierte Studie eingeschlossen werden. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 6 Jahre. 234 Patientinnen erhielten bei der Brustoperation eine Axilladissektion, 239 keine Lymphknotenentfernung. Die Gruppen waren hinsichtlich des medianen Alters (74 Jahre) und anderer relevanter Charakteristika ausgeglichen. Sowohl im krankheitsfreien als auch im Gesamtüberleben zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Dagegen erwies sich die Einschätzung der Lebensqualität sowohl durch den Arzt als auch durch die Patientin als signifikant unterschiedlich: Patientinnen ohne Axilladissektion wiesen eine bessere Lebensqualität auf. Unter Berücksichtigung dieser Studie erscheint der Einsatz der Sentinel-node-Technik bei der älteren Patientin besonders interessant, so Sehouli.

Fazit für den klinischen Alltag
„Die optimierte Behandlung älterer Patienten ist ein sehr wichtiges Thema für die Zukunft der Krebsbehandlung“, so die Schlussfolgerung von Prof. Margaret Tempero, der diesjährigen Kongresspräsidentin der ASCO. Die Definition des älteren Patienten sollte auf biologischen Parametern und nicht auf dem numerischen Alter basieren. Mit einer risikoadaptierten, individuellen Therapie lässt sich der ältere Patient ebenso gut behandeln wie ein jüngerer. Sehouli schloss sich diesen Worten an und bekräftigte, dass zur Optimierung der Therapie eine bessere Einbeziehung älterer Patienten in Studien erfolgen sollte.

Bettina Reich

Quelle: Roundtable Diskussion anlässlich des 40. Jährlichen Kongresses der Amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (ASCO) in New Orleans sowie Post-ASCO-Pressegespräch der NOGGO in Berlin.


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