Donnerstag, 13. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Imfinzi NSCLC
Imfinzi NSCLC
JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
07. November 2004

Bewegungstherapie: Neuer Ansatz beim Fatigue-Syndrom

Fernando C. Dimeo, Charité Campus Benjamin Franklin, Berlin
Das Fatigue-Syndrom der Tumorpatienten ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Während der Behandlung (Chemotherapie bzw. Bestrahlung) sind in der Regel organische Ursachen der Beschwerden feststellbar. Die häufigsten von ihnen (Anämie, Elektrolytenverschiebung, Ernährungsmangel als Folge der Mucositis oder des Durchfalls) bilden sich nach Ende der Therapie zurück. Andere (Hypothyreose als Folge von Schilddrüsenresektionen bzw. Bestrahlung im Halsbereich, Hypogonadismus) bleiben bestehen und erklären die Persistenz des Problems nach Ende der Behandlung. Auch die Nebenwirkungen der Medikation (Schmerzmittel, Antihistaminika, Benzodiazepine) können Müdigkeit und Schläfrigkeit verursachen. Die anhaltende Müdigkeit nach Abschluss der Behandlung ist jedoch häufig auf die Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit zurückzuführen.
Die geringe Belastbarkeit der Tumorpatienten entsteht als Folge der Krankheit und der Therapie und resultiert aus einer Summe von Faktoren. Die Behandlung mit Anthrazyklinen oder hochdosiertem Cyclophosphamid kann eine Einschränkung der linksventrikulären Funktion und damit eine Reduktion der Pumpreserve bewirken. Metastasierte Tumoren, Pleuraergüsse oder Lungenresektionen resultieren in einer Abnahme der Vitalkapazität und Veränderungen des Ventilations-/Perfusionsverhältnisses. Therapiebedingte Nieren- oder Knochenmarkschädigungen können durch verschiedene Mechanismen (Reduktion der Produktion von Erythropoetin, Abnahme der Anzahl von Blutstammzellen, Veränderungen in der lokalen Produktion von Wachstumsfaktoren) eine Anämie verursachen. Die Myopathie als Folge der Behandlung mit Glukokortikoiden bzw. der Immunsuppression mit Ciclosporin bei Patienten nach allogener Stammzelltransplantation resultiert in einem Verlust von Muskelmasse und -kraft.
Als Folge dieser Veränderungen ist die Fähigkeit, Sauerstoff aufzunehmen und zu transportieren, erheblich eingeschränkt. Bereits bei mittleren Anstrengungen kann die Sauerstofftransportkapazität des Körpers überfordert sein. Die arbeitende Muskulatur ist deswegen nicht mehr im Stande, Energie aerob bereitzustellen. Die Energieproduktion durch die anaerobe Glykolyse ist weniger effektiv und geht mit einer hohen metabolischen Belastung (Azidose, Elektrolytenverschiebung) einher. Aus diesem Grund ermüden die Patienten bei Aktivitäten wie Treppensteigen oder Spazierengehen bereits nach wenigen Minuten. Die geringe Belastbarkeit führt dazu, dass die Patienten sich übermäßig anstrengen müssen, um die alltäglichen Aktivitäten zu bewältigen. In der Tat haben wir bei Patienten mit einem Fatigue-Syndrom sogar bei geringen Anstrengungen Herzfrequenzen von über 150 Herzschlägen pro Minute festgestellt. Dieses Phänomen erklärt die rasche Erschöpfung und die anhaltende Müdigkeit der Patienten. Da die Betroffenen nicht im Stande sind, sich körperlich zu belasten, schränken sie ihre Aktivitäten ein. Kurzfristig erreichen sie dadurch eine Reduktion der Beschwerden, aber auf Dauer entsteht als Folge der übermäßigen körperlichen Schonung ein Bewegungsmangel, der zu einem weiteren Verlust von Muskelmasse führt. Die Patienten befinden sich dann in einem Teufelskreis von reduzierter Aktivität, rascher Erschöpfung und Muskelabbau.

Körperliche Aktivität wirkt der Fatigue entgegen
Für die erfolgreiche Behandlung des Fatigue-Syndroms bei Tumorpatienten ist daher ein neuer Ansatz erforderlich: Nicht körperliche Ruhe, sondern richtig dosierte Belastungen sind angezeigt. Regelmäßige körperliche Aktivität kann vielen Nebenwirkungen der Therapie und den krankheitsbedingten Einschränkungen entgegenwirken. Die Erfahrung mit gesunden Sportlern und Patienten mit chronischen Erkrankungen zeigt, dass ein Ausdauer- bzw. Krafttraining eine Zunahme der Muskelmasse und der Konzentration aerober Muskelenzyme, des Plasmavolumens und der gesamten Hämoglobinmasse sowie eine Verbesserung der Herzfunktion und damit eine deutliche Zunahme der maximalen Sauerstoffaufnahme bewirken. Aus diesem Grund wird körperliche Aktivität seit Jahren in der Rehabilitation von Patienten mit chronischen Erkrankungen (u.a. koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, chronisches Niereversagen, chronische obstruktive Lungenerkrankung) benutzt. Diese Kenntnisse werden jedoch erst seit wenigen Jahren in der Therapie des Fatigue-Syndroms bei Tumorpatienten angewendet.

Auswirkungen des Trainings
In den letzten Jahren haben mehrere Studien die Auswirkungen eines Ausdauer- bzw. Krafttrainings auf die Leistungsfähigkeit, die Fatigue und die Beschwerden von Tumorpatienten in unterschiedlichen Situationen evaluiert (Tabelle 1). Die Befunde dieser Untersuchungen belegen eindeutig die positiven Effekte der körperlichen Aktivität bei Patienten mit neoplastischen Erkrankungen: ein Ausdauer- bzw. Krafttrainingsprogramm während und nach der Behandlung (Chemo- bzw. Strahlentherapie) resultiert in einer Zunahme der Leistungsfähigkeit, einer Reduktion der Nebenwirkungen der Therapie und einer geringeren Fatigue. Körperliche Aktivität bewirkt auch durch Veränderungen in der Aktivität von Neurotransmittern eine Abnahme der depressiven Beschwerden und des gesamten psychischen Stresses. Aus diesem Grund stellt körperliche Aktivität einen wesentlichen Bestandteil der Behandlung des Fatigue-Syndroms bei Tumorpatienten dar.

Richtlinien für die Gestaltung von Trainingsprogrammen
Mittlerweile liegen ausreichende Erfahrungen über die Anwendung von körperlicher Aktivität bei Tumorpatienten vor, um Richtlinien für die Gestaltung von Trainingsprogrammen aufzustellen. Bei der Wahl der Aktivitäten sollten die Möglichkeiten und Vorlieben der Patienten berücksichtigt werden. Grundsätzlich können an einem Training alle Patienten teilnehmen, bei denen keine absoluten oder relativen Kontraindikationen vorliegen. Bei akuten Erkrankungen und in gewissen Situationen (u.a. Fieber, Schmerz, bei Beschwerden, die während der Aktivität zunehmen, bei neu aufgetretenen Beschwerden, instabiler Angina pectoris, nicht eingestellter Hypertonie oder Diabetes mellitus) sind körperliche Belastungen untersagt. 0

Kardio- und nephrotoxische Zytostatika, Ganzkörperbestrahlung, Immuntherapie
Bei Tumorpatienten können als Folge der Therapie spezielle Situationen entstehen, die auch eine Kontraindikation für körperliche Aktivität darstellen. Nach der Gabe von potenziell kardio- und nephrotoxischen Zytostatika (Anthrazykline, 5-Fluorouracil, Cyclophosphamid, Taxane, platinhaltige Substanzen) sollten sich die Patienten mindestens 24 Stunden körperlich schonen. Dadurch werden eine zusätzliche kardiale Belastung bzw. eine belastungsbedingte Abnahme der Nierendurchblutung während des Trainings vermieden, welche die Toxizität dieser Agentien potenziell erhöhen können. Das gleiche gilt für Patienten, die eine mediastinale bzw. Ganzkörperbestrahlung erhalten.
Bei Chemotherapien, die aus mehreren Zyklen bestehen, sind körperliche Belastungen in den behandlungsfreien Tagen in der Regel möglich. Die Bestrahlung über begrenzte Körperareale stellt keine Kontraindikation für die Durchführung eines Trainingsprogramms dar. In der Tat führt ein körperliches Training bei diesen Patienten zu einer Reduktion der therapiebedingten Beschwerden wie z. B. Müdigkeit oder Übelkeit. Eine Immuntherapie (zum Beispiel mit Interferon oder Interleukin-2) geht sehr häufig mit Grippe-ähnlichen Symptomen und anhaltender Müdigkeit einher. In der Regel nehmen diese Beschwerden nach wenigen Tagen ab, so dass für die Patienten ein körperliches Training bis zum nächsten Behandlungszyklus möglich ist.
Die Erfahrung mit Patientinnen, die bei einem Mammakarzinom eine adjuvante Therapie mit Antikörpern gegen HER-2 (Trastuzumab, Herceptin®) erhalten, ist sehr begrenzt. Assoziiert mit einer Chemotherapie kann diese Behandlung eine Herzinsuffizienz hervorrufen. Aus diesem Grund dürfen diese Patientinnen an einem Trainingsprogramm nur unter strenger medizinischer Kontrolle bzw. Kontrolle der kardialen Funktion teilnehmen.

Thrombozytopenie
Als Folge der Chemotherapie bzw. der Bestrahlung entstehen häufig spezielle Situationen, die bei der Gestaltung eines Trainingsprogramms berücksichtigt werden müssen. Die onkologische Behandlung verursacht häufig Veränderungen des Blutbildes. Aufgrund des Blutungsrisikos sind bei einer Thrombopenie von weniger als 20.000/ml sämtliche körperliche Belastungen untersagt. Bei Thrombozyten zwischen 20.000 und 50.000/ml ist bei unauffälligen Blutdruckwerten ein Ausdauertrainingsprogramm unter kontrollierten Bedingungen (unter Umständen unter ärztlicher Aufsicht) möglich. Ein Krafttraining bzw. intensive körperliche Belastungen, die eine Erhöhung des Blutdrucks bewirken, sollten erst ab Thrombozytenwerten von mehr als 50.000/ml absolviert werden.

Anämie
Die Anämie als Folge von Chemotherapie oder Bestrahlung bewirkt eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit. Obwohl bei den meisten Patienten ein körperliches Training sogar bei Hämoglobinkonzentration unter 10 g/dl möglich ist, muss die Trainingsintensität in solchen Fällen angepasst werden, um Beschwerden zu vermeiden.

Neutropenie
Eine Leuko- bzw. Neutropenie stellt keine Kontraindikation für ein körperliches Training dar. Wir haben in eigenen Studien gezeigt, dass ein Ausdauertraining in diesen Situationen sogar zu einer schnelleren Regeneration der Hämatopoese führt. Bei diesen Patienten sollten jedoch spezifische hygienische Vorsichtsmaßnahmen (u. a. Tragen von Mundschutz, Händedesinfektion, Vermeidung von Menschenmengen) eingehalten werden.

Trainingsprogramm während und nach der Therapie
Die Gestaltung eines Trainingsprogramms für onkologische Patienten während und nach der Therapie richtet sich nach den gleichen Prinzipien wie für Gesunde oder andere Patienten mit chronischen Erkrankungen. Das Training sollte mehrmals pro Woche stattfinden und als Einzelübungen bzw. in der Gruppe durchgeführt werden. Ein Ausdauertraining kann täglich, ein Krafttraining alle zwei Tage durchgeführt werden. Die Übungen sollten sich über 30 bis 45 Minuten pro Einheit erstrecken, die Belastungsintensität darf 80% der maximalen Belastbarkeit (maximaler Puls bzw. maximale Kraft) nicht überschreiten. Als Belastungsform kommen vor allem aerobe Aktivitäten wie Joggen, schnelles Gehen (Walking), Radfahren, Rudern oder (wenn keine Kontraindikationen vorliegen) Schwimmen in Frage.
Um die bestmöglichen Ergebnisse in kurzer Zeit zu erreichen, kann das Trainingsprogramm am Anfang entsprechend dem Prinzip des Intervalltrainings gestaltet werden: Die Patienten absolvieren Belastungen von kurzer Dauer (ein bis drei Minuten) bei einer Intensität entsprechend ca. 80% der maximalen Herzfrequenz und erholen sich danach über ein bis drei Minuten. Die Belastungen werden so oft wiederholt, bis die angestrebte Trainingszeit erreicht ist. Diese Grundsätze können angewandt werden, wenn der klinische Status des Patienten stabil ist und keine Kontraindikationen vorliegen. Bei begleitenden Erkrankungen des kardiorespiratorischen Systems oder des Halteapparats kann eine Anpassung der Belastungsintensität erforderlich sein. In einigen Fällen (z. B. bei älteren Patienten oder nach einer kardiotoxischen Chemotherapie) ist vor Beginn des Trainings eine kardiale Abklärung mittels Ruhe- und Belastungs-EKG und Echokardiographie unentbehrlich.
Die meisten Erfahrungen über die Anwendung von körperlicher Aktivität beziehen sich auf Patienten mit hämatologischen Neoplasien (Lymphom und Leukämie) nach intensivierten Chemotherapieprotokollen sowie bei Patientinnen mit Mammakarzinom. Die Prinzipien, die dabei angewendet werden, gelten jedoch auch für Patienten mit anderen neoplastischen Erkrankungen. Aktuelle Untersuchungen evaluieren die Effekte von körperlicher Aktivität bei Patienten, die eine konventionelle Chemotherapie erhalten sowie bei Patienten nach Lungenresektionen.
In letzter Zeit entstand die Hypothese, dass körperliche Aktivität einen Effekt auf die Funktion des Immunsystems haben kann. Die wissenschaftliche Evidenz bezüglich dieses Phänomens ist jedoch gering. Obwohl davon ausgegangen wird, dass übermäßige Anstrengungen eine hemmende Auswirkung auf die Immunaktivität haben können, ist der Einfluss regelmäßiger Belastungen mittlerer Intensität auf die Immunabwehr nicht ausreichend untersucht worden. Es kann deswegen nicht beurteilt werden, welche Auswirkungen ein Trainingsprogramm auf das Immunsystem hat. Jedoch können Bewegung und Sport mehreren negativen Folgen von Tumorerkrankungen und deren Therapie entgegenwirken. Ein Ausdauer- und Krafttrainingsprogramm führt zu einer Zunahme der Leistungsfähigkeit, reduziert die Beschwerden, hellt die Stimmung auf und bewirkt damit eine insgesamt verbesserte Lebensqualität. Deshalb sollte körperliche Aktivität für onkologische Patienten während und nach der Therapie empfohlen werden.

Anzeige:
Venclyxto
Das könnte Sie auch interessieren
Bayern gegen Leukämie – Gemeinsamer landesweiter Aktionstag für Typisierung am 25. Mai 2018
Bayern+gegen+Leuk%C3%A4mie+%E2%80%93+Gemeinsamer+landesweiter+Aktionstag+f%C3%BCr+Typisierung+am+25.+Mai+2018
© RFBSIP / Fotolia.com

Jedes Jahr erkranken in Deutschland laut Robert Koch-Institut Berlin rund 11.000 Menschen neu an Leukämie. Mit einer Stammzellspende können sie gerettet werden, jedoch gibt es für jeden zehnten Patienten noch immer keinen passenden Spender. Deshalb sind am 25. Mai alle Bayern aufgerufen, sich als Stammzellspender gegen Leukämie typisieren zu lassen. Die DAK-Gesundheit in Bayern unterstützt gemeinsam mit zahlreichen...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Bewegungstherapie: Neuer Ansatz beim Fatigue-Syndrom"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.