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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
30. Oktober 2008

Akute myeloische Leukämie: Einfluss der Therapiestrategien auf die Lebensqualität

Patienten mit einer akuten myeloischen Leukämie (AML) hatten vor 25 Jahren eine mediane Lebenserwartung von wenigen Monaten, die 2-Jahresüberlebensrate lag unter 5%. Durch die Intensivierung der Chemotherapie und die Einführung der Stammzelltransplantation (SCT) in der Erstlinientherapie beträgt die Langzeitüberlebensrate für Erwachsenen inzwischen 30-40% und für Kinder 60%. Der Einfluss einer allogenen Stammzelltransplantation oder einer konventionellen Chemotherapie (CCT) auf die Lebensqualität von Patienten mit AML ist allerdings wegen fehlender Langzeituntersuchungen aus Studien nicht bekannt. Die deutsche AML-Intergroup hat deshalb eine Untersuchung der Lebensqualität von Patienten mit einem mindestens rückfallfreien 5-Jahresüberleben nach Erstlinienbehandlung initiiert. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die allogene Stammzelltransplantation im Vergleich zur konventionellen Chemotherapie langfristig einen signifikant schlechteren Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten hat.
Der zur Untersuchung der Lebensqualität der AML-Patienten eingesetzte Fragebogen bestand aus drei Teilen: Im ersten Teil wurden die Patienten nach Komorbiditäten und ihre berufliche Situation vor und nach der Diagnose befragt sowie nach ihrem aktuellen ECOG Performance-Status. Der zweite Teil des Fragebogens bestand aus dem EORTC Quality of Life Score Questionnaire (QLQ-C30), der heute in Europa das Standardinstrument zur Lebensqualitätserfassung in der Onkologie darstellt. Der Kernfragebogen besteht aus 30 Fragen, welche zu fünf Funktionsskalen (körperliche Funktion, Rollenfunktion, emotionales Befinden, kognitive Funktion und soziale Funktion) und drei Symptomskalen zusammengefasst werden, sowie einzelnen Fragen zu Symptomen und zum allgemeinen Gesundheitszustand (Schmerz, Fatigue, Diarrhoe und Obstipation). Im dritten Teil wurden die Patienten ersucht, Leukämie-spezifische späte Auswirkungen anzugeben und die Veränderungen in ihrem Leben nach dem Beginn der Erkrankung zu bewerten.

Die Studienzentren stellten Daten zur Verfügung über Alter, Geschlecht, Laktatdehydrogenase-Level, Thrombozytenzahl, Karyotyp, Therapiebeginn und Therapiestrategie.

Einschlusskriterien waren die Diagnose einer AML nach der FAB-Klassifikation (French - American - British - Cooperative Group), ein Alter zwischen 15 und 60 Jahren zum Zeitpunkt der Diagnose und eine Post-Remissions-Therapie mit SCT oder CCT.

419 von 818 Patienten sandten den Fragenbogen beantwortet zurück, dies entsprach einer Rücklaufquote von 51,2%. Von diesen Patienten wurden 170 in erster kompletter Remission mit einer Stammzelltransplantation behandelt (121 allogen, 49 autolog), 249 hatten eine konventionelle Chemotherapie erhalten. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren die Patienten median 42 Jahre alt, die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 8 Jahre. Patienten die eine allogene SCT erhalten hatten waren median 38 Jahre alt, Patienten mit autologer SCT 39 Jahre und damit deutlich jünger als die Patienten aus der Chemotherapiegruppe (medianes Alter 47 Jahre). Da die Gruppe der autolog Transplantierten numerisch sehr klein war, wurde sie von weiteren Analysen ausgeschlossen.

Von den Patienten, die den Fragebogen beantwortet hatten, gaben 88% an, dass sie an einer weiteren Krankheit oder einem weiteren Krankheitssymptom litten. Die am häufigsten genannten waren Rückenschmerz (43%) gefolgt von Sehstörungen (29%) und Bluthochdruck (27%). Sehstörungen, Operationen wegen eines grauen Stars und hormonelle Behandlungen waren in der Gruppe der allogen Transplantierten signifikant häufiger als in der Chemotherapiegruppe. Auch waren chronische Hautprobleme in der Gruppe der Transplantierten etwas häufiger.

ECOG-Performance-Status, Berufstätigkeit und Behinderung
Nach dem ECOG activity index wiesen 45% der mit Stammzelltransplantation behandelten Patienten eine normale Aktivität auf im Vergleich zu 60% der mit konventioneller Chemotherapie behandelten Patienten.

Das höhere Alter war erwartungsgemäß assoziiert mit einer geringeren Berufstätigkeit. Es gab allerdings keine signifikanten Unterschiede, wenn man Patienten jünger als 50 Jahre aus der Transplantations- und Chemotherapiegruppe miteinander verglich. Einen Schwerbehindertenausweis hatten 60% der Patienten aus der Gruppe mit allogener SCT und 35% der Patienten aus der Chemotherapiegruppe.

QLQ-C30
Alle im QLQ-C30 erhobenen Funktionen mit Ausnahme physische Leistungsfähigkeit und Schmerz waren in der Gruppe der transplantierten Patienten schlechter als in der mit Chemotherapie behandelten Gruppe.

Emotionale Funktionen („sind Sie angespannt, gereizt, depressiv, machen Sie sich Sorgen“), Fatigue, finanzielle Schwierigkeiten, soziale Funktionen und allgemeiner Gesundheitszustand lagen im EORTC-QLQ30 Fragebogen unterhalb eines Scores von 70 bei beiden Gruppen. Allerdings waren die Scores von allen Variablen in der Chemotherapiegruppe höher als in der Gruppe der Transplantierten.

Positives und negatives persönliches Ergebnis
Probleme bestanden bei den transplantierten Patienten häufiger im Bereich Freizeitaktivitäten, gesellschaftliche Aktivitäten und finanzielle Angelegenheiten. Ebenfalls häufiger wurden von der Transplantationsgruppe Einschränkungen im sexuellen Bereich und therapiebedingte Nebenwirkungen berichtet als in der Chemotherapiegruppe.

Die positive Lebenseinstellung unterschied sich nicht in beiden Gruppen (64% und 63%). Für Klinker sicher erstaunlich war das Ergebnis, dass fast zwei Drittel der Patienten ihre Lebeneinstellung seit ihrer Leukämie-Erkrankung als positiv verändert dargestellt hatten. 50% gaben an, dass sich ihr Verhältnis zu Freunden, Familie und Kollegen gebessert hatte.

Eine multivariate Analyse des allgemeinen Gesundheitsstatus (global health status) mindestens 5 Jahre nach Diagnose ergab, dass eine Begleiterkrankung (OR 6,62; CI: 3,79-11,59), Alter über 45 Jahre bei Diagnose (OR 2,10; CI: 1,38-4,53) und eine allogene Stammzelltransplantation (OR 2,10; CI 1,18-3,71) unabhängige negative Faktoren für den allgemeinen Gesundheitsstatus sind.

Die Lebensqualität war somit in fast allen gemessenen Bereichen für die Gruppe der allogen Transplantierten schlechter als die Lebensqualität der mit konventioneller Chemotherapie behandelten Patienten, obwohl die allogen transplantierten Patienten im Median 9 Jahre jünger waren und das Alter eine unabhängige Variable für einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität ist.

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die langfristige Einschränkung der Lebensqualität in der Diskussion der Therapieoptionen bei den AML-Patienten mehr berücksichtigt werden sollte, wenn für sie der Benefit einer allogenen Stammzelltransplantation nicht eindeutig ist.

as

Quelle: Impact of different post-remission strategies on quality of life in patients with acute myeloid leukemia.
Dorle Messerer1, Jutta Engel1,2, Joerg Hasford1, Markus Schaich3, Gerhard Ehninger3, Cristina Sauerland4, Thomas Büchner5, Andrea Schumacher5, Rainer Krahl6, Dietger Niederwieser6, Jürgen Krauter7, Arnold Ganser7, Ursula Creutzig8, Hartmut Döhner9, Richard F. Schlenk9 for the German AML Intergroup

1 Department of Medical Informatics, Biometrics, and Epidemiology; University of Munich;
2 Munich Cancer Registry of the Munich Comprehensive Cancer Center;
3 Department of Internal Medicine I, University of Dresden;
4 Department of Medical Informatics and Biomathematics, University of Münster;
5 Department of Internal Medicine A, University of Münster;
6 Department of Hematology/Oncology, University of Leipzig;
7 Department of Hematology, Hemostasis, and Oncology; Hannover Medical School;
8 Department of Hematology and Pediatric Oncology“, Children’s Hospital, University of Münster and
9 Department of Internal Medicine III, University of Ulm, Germany

Correspondence: Dorle Messerer, Institut für Med. Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Universität München (IBE); Marchioninistr. 15; D-81377 München, Germany. E-mail:dorle@messerer.info


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