Donnerstag, 14. November 2019
Navigation öffnen

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

15. Oktober 2019 Periphere neuropathische Schmerzen: Topische Therapie der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie

Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) ist eine für den Patienten belastende Nebenwirkung, die bei der medikamentösen Krebstherapie auftritt. Eine Therapieoption ist das 8%ige Capsaicin-Pflaster Qutenza®. Vorteile dieser lokalen Behandlung sind eine langanhaltende Schmerzlinderung, schnelle Wirksamkeit sowie das Ausbleiben von zentralnervösen Nebenwirkungen und Medikamentenwechselwirkungen.
Die wichtigsten neurotoxischen Zytostatika kommen aus den Wirkstoffklassen der Taxane, Platin-Derivate und Vinca-alkaloide. Die zur Neuropathie führenden Pathomechanismen sowie die Inzidenz und Schwere des Auftretens sind für die Wirkstoffklassen verschieden und hängen auch von der jeweiligen kumulativen Dosis und Expositionsdauer ab. Für die Behandlung von peripheren Neuropathien bietet das hochkonzentrierte Capsaicin-Pflaster eine wirksame Behandlungsoption.

 
Wirkmechanismus von Capsaicin

Capsaicin aktiviert den TRPV1-Rezeptor auf sensorischen Nervenendigungen, wodurch sich der Ionenkanal öffnet. Der Einstrom von Kalzium- und Natrium-ionen löst zunächst eine Welle von Aktionspotenzialen aus, was viele Patienten als Brennschmerz wahrnehmen. Die Erhöhung der intrazellulären Kalziumkonzentration schädigt die Zellen und führt zur reversiblen Defunktionalisierung der Nervenfasern. Der nachhaltige Funktionsverlust ist mit einer Schmerzlinderung für drei und mehr Monate verbunden. Danach bilden sich die Nervenfasern in der Haut wieder zurück (1, 2). Die topische Applikation von Capsaicin 8% ist zugelassen für die Behandlung von peripheren neuropathischen Schmerzen bei Erwachsenen (3, 4).


Schnelle Wirksamkeit bei peripherer Neuropathie

In einem Subkollektiv der nicht-interventionellen QUEPP-Studie zeigten von 15 Patienten mit einer schmerzhaften CIPN 46,7% (n=7) eine mehr als 30%ige Schmerzlinderung und 33,3% (n=5) sogar eine Schmerzlinderung ≥ 50% (1). Damit wurde für CIPN-Patienten eine vergleichbare Wirkung wie in der gesamten Studienpopulation von Patienten mit unterschiedlichen neuropathischen Schmerzsyndromen (n=1.044) gesehen. Die Ergebnisse der QUEPP-Studie belegen auch, dass eine frühe Therapie effektiver ist: Eine kürzere Dauer der bestehenden neuropathischen Schmerzen geht mit einer signifikant besseren und längeren Schmerzreduktion einher (5). Die ELEVATE-Studie verglich die topische Applikation des Capsaicin-Pflasters gegen eine systemische Therapie mit Pregabalin bei Patienten mit verschiedenen peripheren neuropathischen Schmerzätiologien (6). Insgesamt 559 Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen wurden randomisiert und auf den primären Studienendpunkt einer durchschnittlichen Reduktion der Schmerzen laut Numeric Pain Rating Scale (NPRS)-Score um ≥ 30% ab Therapiebeginn bis Woche 8 ausgewertet. Es konnte mit 55,7% vs. 54,5% Schmerzreduktion die Nicht-Unterlegenheit von Capsaicin gegenüber Pregabalin nachgewiesen werden. Die mediane Zeit bis zum Eintritt einer 30%igen Schmerzminderung betrug 7,5 vs. 36,0 Tage und war damit signifikant kürzer unter dem Capsaicin-Pflaster (HR=1,68; 95%-KI: 1,35-2,08; p<0,0001). Auch die Zufriedenheit der Patienten mit dem Capsaicin-Pflaster war deutlich höher. 86,9% der Patienten gaben an, dass sie in den ersten 4 Therapiewochen keine Nebenwirkungen bemerkten – gegenüber 57,7% der Patienten im Pregabalin-Arm. Das Capsaicin-Pflaster generierte überwiegend lokale Nebenwirkungen an der Applikationsstelle. Demgegenüber litten Patienten unter Pregabalin häufig an systemischen Nebenwirkungen, insbesondere Schwindel, Schläfrigkeit und Gewichtszunahme.

Ergebnisse einer aktuell veröffentlichten Studie des Imperial College London mit 16 CIPN-Patienten bestätigen die signifikante Schmerzreduktion mit dem 8%igen Capsaicin-Pflaster und geben Hinweise darauf, dass die Behandlung über die Regeneration und phänotypische Wiederherstellung von sensorischen Nervenfasern krankheitsmodifizierend wirken kann (7).

So führte die Anwendung des 8%igen Capsaicin-Pflasters laut Auswertung von Hautbiopsien zu einer signifikanten Erhöhung und damit Normalisierung von Marker-Proteinen für intraepidermale und subepidermale Nervenfasern innerhalb von drei Monaten nach der Capsaicin-Behandlung.



Annäherungen an die Problematik der CIPN bei Brustkrebs
 
Stefan Paepke
Interview mit Dr. med. Stefan Paepke, München.

Die Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) ist eine häufige Nebenwirkung bei der Therapie von Brustkrebs-Patientinnen. Das Capsaicin-Pflaster Qutenza® kann hier eine effektive Therapieoption sein. Wir sprachen mit Dr. Stefan Paepke, Ltd. OA im Brustzentrum des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München, über diese Problematik.


Was sollten Onkologen über die Behandlung der CIPN mit dem Capsaicin-haltigen Schmerz-Pflaster wissen?

Grundsätzlich ist aus meiner Sicht problematisch, dass die CIPN nur eine von vielen Begleiterscheinungen der Chemotherapie und interindividuell sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Gerade für Patientinnen unter neoadjuvanter Chemotherapie kann die Einschränkung der Alltagstätigkeit durch eine CIPN erheblich sein. Die Datenlage zur Anwendung des 8%igen Capsaicin-Pflasters bei CIPN ist noch gering, aber vielversprechend und wird sich in Zukunft durch bereits geplante Untersuchungen konkretisieren. Im Klinikum rechts der Isar wird das Pflaster bei Patienten mit den verschiedensten Krebserkrankungen eingesetzt – die Erfahrungen sind im Einzelfall sehr gut.


Wie wird eine periphere Neuropathie empfunden?

Das ist vielfältig. Es gibt Ausprägungen, bei denen die Patientinnen von Missempfindungen berichten, und Ausprägungen mit einem brennenden Schmerz. Die Hyperästhesie führt z.B. zu einem sehr unsicheren Gang, weil das Gefühl an den Füßen falsch übersetzt wird. Die CIPN kann auch ein Taubheitsgefühl in Füßen und Händen verursachen. Das kann zur Folge haben, dass Patientinnen nicht mehr Auto fahren können, weil sie Bremse und Gaspedal nicht spüren. Auch Fahrradfahren oder andere sportliche Betätigungen können dadurch erschwert werden. Da das die Lebensqualität der Patientinnen stark beeinträchtigt, ist es wichtig, eine Schmerzreduktion zu erzielen und Missempfindungen zu reduzieren.


Fragen Sie gezielt nach, oder berichten die Patientinnen ohne Nachfrage von diesen Symptomen?

Inzwischen frage ich gezielt nach, und es sind geschätzt 20-25% der Patientinnen, die diese Probleme angeben. Man darf nicht unterschätzen, dass die CIPN nur eine von vielen Nebenwirkungen der Chemotherapie ist. Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen stehen möglicherweise eher im Vordergrund. Die CIPN entwickelt sich oft kumulativ und gerät damit vielleicht auch aus dem Blick, weil zumindest bei den Patientinnen unter primärer Chemotherapie das Therapieende absehbar scheint. Zudem dämpfen einige Mittel wie Kortikosteroide, die antiemetisch begleitend mit den Chemotherapeutika gegeben werden, die CIPN. Daher ist es wichtig, auch früh gezielt nach Symptomen zu fragen, um eine Chronifizierung zu vermeiden.


Wie behandeln Sie eine CIPN? Wann setzen Sie das Capsaicin-Pflaster ein?

Wir setzen ein breites Spektrum komplementärmedizinischer Maßnahmen ein und behandeln zudem ganz klassisch antiphlogistisch und analgetisch. Letzteres geht natürlich nicht auf Dauer. Das Capsaicin-Pflaster ist wirksam, aber in der Anwendung erst einmal aufwendig. Räumlichkeiten und geschultes Personal müssen vorhanden sein. Aus Sicht der Patientinnen ist aber selbst eine 25%ige oder 50%ige Verbesserung eine Sensation, daher muss man es meiner Meinung nach auf jeden Fall probieren.

Ich denke, es würde sich in vielen Praxen etwas ändern, wenn über den Einzelfall hinausgehende Evidenz für die Effektivität des Capsaicin-Pflasters speziell bei der CIPN vorläge.


Wie soll bis zur Evaluierung der Daten mit der CIPN-Problematik umgegangen werden?

Es liegt auf der Hand, dass man bisherige probate Behandlungsstrategien nicht verlässt. Wir wissen leider noch zu wenig, z.B., welche Patientinnen am besten profitieren oder wie lange und in welchen Intervallen therapiert werden muss, um einen anhaltenden Effekt zu erzielen. Wir wissen auch nicht, ob die Art der Chemotherapie eine Rolle spielt – außer, dass verschiedene Regime die CIPN unterschiedlich stark auslösen. Als klar wurde, dass das Capsaicin-Pflaster im Rahmen einer Studie untersucht werden wird, haben viele Kollegen ihre Bereitschaft zur Mitarbeit angeboten. Das heißt für mich: Das Interesse ist da, die Wirksamkeit wurde im Einzelfall gesehen, der Idee, Evidenz zu schaffen, steht man sehr positiv gegenüber. Ich würde meine Kollegen gern dazu auffordern, einzelnen Patientinnen die Therapie mit Qutenza® anzubieten und dann aus den Erfahrungen heraus das Problem der CIPN neu zu fokussieren. Das kann in der eigenen Praxis passieren oder in einer Schmerzambulanz. Die Aufmerksamkeit auf das Problem der CIPN zu lenken ist ein Anfang – und dann werden Erfahrungen und Daten gebraucht.

Vielen Dank für das Gespräch!


Mit freundlicher Unterstützung der Grünenthal GmbH

Dr. rer. nat. Ine Schmale

Literatur:

(1) Leitlinienprogramm Onkologie: Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen – Langversion 1.0, 2016, AWMF-Registriernummer 032/054OL.
(2) Chung MK et al. Nat Neurosci 2008;11(5):555-64.
(3) Mohapatra DP et al. Mol Cell Neurosci 2003; 23(2):314-24.
(4) Fachinformation Qutenza®, Stand: März 2019, Pflichttext und Fachinformation unter: fachinformation.grunenthal.de.
(5) Maihöfner CG et al. Eur J Pain 2014;18:671-79.
(6) Haanpää M et al. Eur J Pain 2016;20:316-28.
(7) Anand P et al. J Pain Res 2019;12:2039-52.


Das könnte Sie auch interessieren

Künstlerische Therapien in der Krebsbehandlung

Künstlerische Therapien in der Krebsbehandlung
© ChenPG / Fotolia.com

Viele Krebspatienten schöpfen durch Musik, Malen oder andere künstlerische Tätigkeiten neue Kraft. Doch lange Zeit reichte der wissenschaftliche Kenntnisstand nicht aus, um die Wirkung von Musik- oder Kunsttherapien zu belegen. Erst in den letzten Jahren wurden hierzu vermehrt psychoonkologische Studien durchgeführt, in denen es gelang, die Steigerung des Wohlbefindens von Patienten durch künstlerische Betätigungen nachzuweisen.

Sonnensünden kommen erst nach Jahrzehnten ans Tageslicht

Sonnensünden kommen erst nach Jahrzehnten ans Tageslicht
© NCT/UCC/Philip Benjamin

Die moderne Krebsmedizin hat bei der Behandlung von Tumorerkrankungen in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt. Das gilt insbesondere auch für Hautkrebs, der durch ein Übermaß an UV-Strahlung ausgelöst wird. Die Hautkrebszahlen steigen. Auch das Dresdner Hauttumorzentrum am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) verzeichnet kontinuierlich mehr Hautkrebspatienten – darunter viele Patienten mit fortgeschrittenen Hauttumoren. Bereits...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Periphere neuropathische Schmerzen: Topische Therapie der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


ESMO 2019
  • PD-L1-positives NSCLC: Pembrolizumab-Monotherapie bei Patienten mit und ohne Hirnmetastasen vergleichbar wirksam
  • Tumormutationslast etabliert sich als prädiktiver Marker für das Ansprechen auf Pembrolizumab bei soliden Tumoren
  • Hohes und langanhaltendes Ansprechen auf Pembrolizumab-Monotherapie bei unterschiedlichen MSI-H-Tumoren
  • Checkpoint-Inhibition in der adjuvanten und metastasierten Situation hat für Patienten mit Melanom das Überleben neu definiert
  • Magenkarzinom/Adenokarzinom des ösophagogastralen Übergangs: Patienten mit MSI-high-Tumoren profitieren besonders von Checkpoint-Inhibition
  • Pembrolizumab + Chemotherapie beim Plattenepithelkarzinom-NSCLC: Überlegenes OS, PFS, ORR und PFS2 gegenüber alleiniger Chemotherapie
  • Frühes TNBC: signifikant verbesserte pCR-Rate durch neoadjuvante Therapie mit Pembrolizumab + Chemotherapie
  • HNSCC: Pembrolizumab-Monotherapie und kombiniert mit Platin-basierter Chemotherapie erfolgreich in der Erstlinie
  • PD-L1-positives Magenkarzinom und AEG: Vergleichbare Lebensqualität unter Pembrolizumab-Monotherapie und Chemotherapie
  • Pembrolizumab-Monotherapie beim vorbehandelten mTNBC: Klarer Trend zu verbessertem Überleben mit zunehmender PD-L1-Expression