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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

08. Oktober 2012 Nierenzellkarzinom – Update

ASCO 2012

A. J. Schrader, Urologische Universitätsklinik Ulm.

Anlässlich der Hauptversammlung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2012 wurden wiederum knapp 100 Studien zur Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms vorgestellt, was das Andauern des hohen Interesses an dieser Erkrankung sowie auch seine Rolle als Modell-Tumorerkrankung eindeutig widerspiegelt. Dieser Artikel hat zum Ziel, einige herausragende Arbeiten mit (un)mittelbarer klinischer Relevanz zu identifizieren, komprimiert darzustellen und zu diskutieren.

Das Nierenzellkarzinom (renal cell carcinoma, RCC) ist nach dem Prostata- und dem Urothelkarzinom das dritthäufigste urologische Malignom. Die Diagnose RCC wird in Deutschland pro Jahr etwa 15.000 mal gestellt (1). Aufgrund seines oft aggressiven Wachstumsmusters, der häufig frühen Metastasierung und bis heute fehlender kurativer Therapieoptionen im metastasierten Stadium führt das RCC bei etwa 6.000 Patienten pro Jahr zum Tod. Nahezu alle diese Patienten mit metastasiertem Tumorleiden benötigen zur Verbesserung ihres Allgemeinzustandes, ihrer Lebensqualität sowie ihres progressionsfreien Überlebens und Gesamtüberlebens eine systemische Therapie.

Auch wenn es bislang für Patienten mit metastasiertem RCC (mRCC) nach wie vor keine realistische Chance auf Heilung gibt, stehen uns seit wenigen Jahren eine Reihe an Multikinase-Inhibitoren (Sunitinib, Pazopanib, Sorafenib, Axitinib und in Kürze wahrscheinlich Tivozanib), mTOR-Inhibitoren (Temsirolimus, Everolimus), monoklonalen Antikörpern (Bevacizumab) sowie natürlich nach wie vor die unspezifischen Immuntherapeutika Interferon (IFN)-a und Interleukin (IL)-2 zur Verfügung. Diese Substanzen, gerade in Sequenz appliziert, haben gezeigt, dass sie das Potential besitzen, den Erkrankungsverlauf signifikant zu verzögern. Ferner kann diese große Auswahl an Substanzen dazu beitragen, die Behandlung zumindest theoretisch zu individualisieren, tumorbedingte Symptome zu lindern und die Prognose damit zu verbessern.

Kardiotoxizität unter zielgerichteter Therapie

Die zielgerichtete („targeted“) Therapie ist seit einigen Jahren der Standard in der Behandlung des mRCC. Ebenfalls sind in dieser Zeit mehrere Arbeiten erschienen, die sich mit der Evaluation einer potentiellen Kardiotoxizität dieser zielgerichteten Substanzen, insbesondere der Multikinase-Inhibitoren, beschäftigten (2, 3). Anlässlich der aktuellen ASCO-Jahrestagung stellten Hall et al. (4) aus Stanford eine Arbeit vor, in der sie 159 Patienten, die von 2004 bis 2010 aufgrund eines mRCC mittels „targeted therapy“ systemisch behandelt wurden, retrospektiv analysierten. Die Frequenz der beobachteten kardiovaskulären Ereignisse unter diesen Substanzen war erstaunlich hoch und lag zwischen 51% und 68% für die Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKIs) sowie Bevacizumab. Die Anzahl der Patienten, die mTOR-Inhibitoren erhielten, war relativ klein, jedoch schien hier die Rate an kardiovaskulären Ereignissen/Toxizität niedriger zu liegen (33-38%). Auch der Anteil der Patienten, die einen Abfall der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) zeigten, war im Mittel mit 14% überraschend hoch. Die Autoren folgerten daraus, dass kardiovaskuläre Ereignisse/Toxizität unter zielgerichteter Therapie häufig zu beobachten und oft von klinischer Relevanz seien, und dass zur Früherkennung ein engmaschiges kardiologisches Monitoring erfolgen sollte.

Eine weitere sehr große und prospektiv angelegte Arbeit zu diesem Thema wurde von Frau Haas et al. (5) vorgestellt. Auch sie beschäftigten sich mit der Frage, mit welchen Formen und Ausprägungen an Kardiotoxizität man unter einer Behandlung mit TKIs rechnen muss. Hier wurden diejenigen 1.292 Patienten prospektiv evaluiert, die im Rahmen der ASSURE-Studie (ECOG 2805) ambulant mittels Sunitinib, Sorafenib oder Placebo behandelt wurden. In diesem Patientenkollektiv, in dem im Gegensatz zur Studie von Hall et al. (4) nur primär herzgesunde Patienten eingeschlossen worden sind, wurden die Patienten dreimonatlich mittels MUGA (Multi Gated Acquisition)-Scans untersucht. In dieser Studie lag die Rate der Patienten, die einen mindestens 16%igen Abfall der LVEF aufwiesen, unter Sunitinib bei lediglich 2,3%, unter Sorafenib bei 1,8% und im Placebo-Arm bei 1,0%. Quasi alle Abfälle der LVEF waren reversibel. Nur 5 Patienten zeigten kardioischämische Attacken während dieser Studie. Das Fazit der Autoren war, dass zumindest primär herzgesunde Patienten unter systemischer Therapie mittels TKIs ein – wenn überhaupt – minimal erhöhtes Risiko tragen, signifikant unter kardiovaskulärer Toxizität zu leiden.

Neue Multikinase-Inhibitoren

Motzer et al. (6) stellten die finalen Ergebnisse der Studie TIVO-1 vor, in der Tivozanib (AV-951) als ein neuer hochpotenter, u.a. auch gegen die VEGF-Rezeptoren-gerichteter TKI prospektiv in einer Phase-III-Studie gegen Sorafenib getestet wurde. Tivozanib wurde in der Standarddosis von 1,5 mg/d appliziert, seine Halbwertszeit beträgt etwa 4 Tage. Alle Patienten litten an einem klarzelligen RCC, waren zuvor nephrektomiert worden und durften im Vorfeld keinerlei anti-VEGF(R)-gerichtete oder mTOR-inhibierende Therapie erhalten haben. Die objektive Ansprechrate im Tivozanib-Arm (n=260) betrug 33%, im Sorafenib-Arm 23%. Weitere 52% bzw. 65% erreichten eine Stabilisierung ihrer Tumorerkrankung. Das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) betrug für Tivozanib 11,9 Monate und für Sorafenib 9,1 Monate (HR 0,8, p=0,04). Die Toxizität in beiden Behandlungsarmen war in vielerlei Hinsicht vergleichbar, allerdings entwickelten die Patienten unter Tivozanib häufiger arterielle Hypertonie (44% vs. 34%) sowie Dysphonie (21 vs. 5%), während die Patienten, die mit Sorafenib behandelt wurden, häufiger unter Diarrhoe litten (32% v. 22%), Palmar- oder Plantarerytheme aufwiesen (54% vs. 13%) und über Alopezie berichteten (21% vs. 2%). Die gute Verträglichkeit von Tivozanib wurde dadurch unterstrichen, dass Dosisreduktionen (12% vs. 43%) sowie toxizitätsbedingte Behandlungspausen (18% vs. 35%) signifikant seltener unter Tivozanib als unter Sorafenib beobachtet wurden.

Die häufigste Begleitnebenwirkung bzw. Begleiterscheinung unter Tivozanib war die Erhöhung des Blutdruckes. Hier erfolgte eine Analyse, inwieweit die Blutdruckerhöhung unter Therapie mit dem therapeutischen Ansprechen korrelierte. Es zeigte sich eindeutig, dass Patienten, die mit einem Anstieg des Blutdruckes reagierten, ein signifikant längeres medianes PFS aufwiesen als Patienten, die keinen Anstieg ihres diastolischen oder systolischen Blutdruckes unter Therapie aufwiesen. So hatten Patienten, die unter Tivozanib einen diastolischen Blutdruck von > 90 mmHg entwickelten ein medianes PFS von 18,3 Monaten, die Kontrollgruppe (≤ 90 mmHg) nur von 9,1 Monaten (HR=0,55; 95% KI 0,38-0,78; p=0,001). Motzer et al. (6) schlussfolgerten, dass unter Tivozanib der Anstieg des Blutdruckes einen Indikator bzw. prädiktiven Faktor für die individuelle Effektivität der Substanz darstellen könnte. Die Zulassung von Tivozanib in der Behandlung des mRCC wird erwartet.

Rini et al. (7) stellten eine Analyse zur Effektivität und Pharmakokinetik unter Axitinib in der Erstlinie vor, einem weiteren Multikinase-Inhibitor, der im letzten Jahr seine Effektivität in der Zweitlinie im Rahmen einer Phase-III-Studie belegen konnte (8). Basis der aktuellen, 2012 vorgestellten Phase-II-Studie war, dass im Vorfeld gezeigt werden konnte, dass unter der Applikation einer konstanten Dosis dieses oralen TKIs die Plasmaspiegel patientenindividuell signifikant variieren, und dass nach Dosistitration bzw. -erhöhung der Plasmaspiegel wiederum signifikant ansteigen kann. Ferner zeigten Patienten mit niedrigerem Plasmaspiegel kürzere progressionsfreie Überlebenszeiten.

Die im Rahmen der vorgestellten Phase-II-Studie behandelten Patienten erhielten primär 5 mg Axitinib 2x täglich. Sofern ihr Blutdruck nicht signifikant anstieg (> 150/90 mmHg) und sie nicht unter Grad-3/4-Nebenwirkungen litten, konnte die Dosis potenziell erhöt werden. Eingeschlossen wurden 213 Patienten. Das erste Ergebnis der Studie war, dass Patienten, die unmittelbar aufgrund unter Axitinib aufgetretener Toxizität von einer Dosiseskalation ausgeschlossen wurden, schon primär tendenziell ein längeres PFS aufwiesen als die Patienten, die weniger Nebenwirkungen unter Axitinib hatten (16,4 vs. 14,5 Monate). Auch die Ansprechrate schien unter Patienten, die Nebenwirkungen zeigten, höher zu sein als unter Patienten ohne Komplikationen (59% vs. 43%). Entsprechend zeigte sich ein signifikant höherer Axitinib-Plasmaspiegel unter Patienten mit Nebenwirkungen im Vergleich zu Patienten ohne signifikante Nebenwirkungen (AUC12: 234 vs. 99 ng·h/ml; p<0,0001). Anschließend wurde von Rini et al. (7) noch einmal das Ansprechen in den Gruppen differenziert, die nach 14 Tagen Therapie eine AUC12 ≥ 150 ng·h/ml vs. < 150 ng·h/ml zeigten. Hier gab es ebenfalls deutliche Vorteile für die Gruppe mit höherem Plasmaspiegel: PFS: 13,9 vs. 11,0 Monate; objektives Ansprechen: 59% vs. 40%.

Ähnlich wie zuvor für Tivozanib in der TIVO-1-Studie beschrieben (6), erwies sich auch hier der Anstieg des Blutdrucks als signifikanter Parameter für das Ansprechen auf das Präparat, so dass für Axitinib ebenfalls gefolgert wurde, dass ein Anstieg des Blutdrucks ein guter Indikator für das Ansprechen auf den TKI darstellen könnte. Ferner korrelierte der Anstieg des Blutdrucks mit der Serumkonzentration des Medikaments. Die Schlussfolgerung der Autoren war, dass unter TKIs, hier explizit Axitinib, ein gewisser Plasmaspiegel erreicht werden muss, der ansonsten bei Patienten individuell unter einer kontinuierlichen Standarddosis variieren kann. Folglich könnte/müsste zukünftig die Dosierung dieser TKIs individualisiert werden, um optimale Behandlungsergebnisse zu erreichen.

Dass eine Dosiseskalation die Effektivität von TKIs steigern kann, wurde bereits vor einigen Jahren für Sorafenib dargestellt (9-11). Ferner lassen diese Ergebnisse zur Dosis- und damit Wirkungssteigerung von Axitinib die Ergebnisse der AXIS-Studie in einem etwas anderen Licht erscheinen, in der nur im Axitinib-Arm die Dosierung gesteigert werden durfte (8).

Zwei Arbeiten beschäftigten sich mit dem Thema, ob die Inhibition der HGF/MET-Signaltransduktion (ein möglicher Escape-Mechanismus unter anti-VEGF(R)-gerichteter Therapie) eine effektive Behandlungsmöglichkeit des vortherapierten mRCC darstellen könnte. Puzanov et al. (12) stellten eine kleine Phase-I-Studie vor (n=20), welche das Ansprechen auf eine Kombination aus Sorafenib mit Tivantinib (ARQ 197), einem MET-Blocker, evaluierte. 70% der Patienten waren vor-therapiert, 80% wiesen ein klarzelliges RCC auf. Mittels dieser Therapiekombination wurde zumindest unter den Patienten mit konventioneller Histologie eine mediane Progressionsfreiheit von 12,7 Monaten erreicht. Das Ansprechen auf diese Kombination korrelierte jedoch nicht in allen Fällen mit der nachgewiesenen MET-Expression des Primärtumors.

Eine zweite Arbeit zu diesem Thema stellten Choueiri et al. (13) vor, in der Patienten mit vortherapiertem mRCC mittels Cabozantinib behandelt wurden. Cabozantinib (XL 184) ist ein weiterer TKI, der jedoch neben dem VEGF-Signaltransduktionsweg auch die HGF/MET-Schiene blockiert. Hintergrund war wieder die Durchbrechung der Resistenz gegenüber einer anti-VEGF(R)-gerichteten Therapie sowie der Versuch der effektiven Behandlung der RCC-Subgruppe, die gegenüber einer solchen Behandlung primär refraktär zu sein scheint (ca. 26% aller Patienten (14)). Die therapeutische Effektivität der Blockade des HGF/MET-Signaltransduktionsweges, zusätzlich zum VEGF(R)-Signaltransduktionsweg, wurde zuvor bereits für andere Tumorerkrankungen gezeigt: Prostatakarzinom (15), Schilddrüsenkarzinom (16, 17), Leberzellkarzinom (18), Mammakarzinom (19) und Ovarialkarzinom (20). In der Studie von Choueiri et al. (13) wurden 25 Patienten mit zum Teil schwer vortherapiertem, progredientem mRCC mit Cabozantinib (140 mg/d) behandelt. 88% hatten bereits eine anti-VEGF(R)-gerichtete Therapie erhalten, 60% eine den mTOR-Weg blockierende Behandlung, 52% sogar beides. Unter Cabozantinib konnte in diesem kleinen, speziellen Kollektiv eine Ansprechrate von 28% und eine Erkrankungsstabilisierung bei weiteren 52% aller Patienten beobachtet werden. Nur 1 Patient (4%) zeigte eine primär progrediente Tumorerkrankung. Das mediane PFS betrug 14,7 Monate. Die Toxizität in diesem Patientenkollektiv war in etwa vergleichbar mit der, die man unter anderen für das RCC bereits zugelassenen TKIs gesehen hat. Weitere Evaluationen zu Cabozantinib, auch beim mRCC, sind in verschiedenen Dosierungen der Substanz geplant. 2 Phase-III-Studien sind überdies auch beim kastrationsresistenten Prostatakarzinom bereits geöffnet (COMET 1+2).

Patientenpräferenz in der „Targeted Therapy“

Eine der ersten Studien, die die Präferenz von urologischen Patienten zum Hauptstudienendpunkt macht, wurde von Bernard Escudier et al. (21) präsentiert. Die PISCES-Studie verglich die Sequenz Pazopanib/Sunitinib, jeweils über 10 Wochen appliziert, mit der umgekehrten Sequenz Sunitinib/Pazopanib. Die Studie sollte evaluieren, ob mögliche Unterschiede zwischen den Substanzen bzgl. der Verträglichkeit und ihres Nebenwirkungsprofils für die Patienten relevant waren, und welches Präparat sie am Ende der Sequenz bevorzugten. Es wurden 82 Patienten im Sunitinib/Pazopanib-Arm und 86 Patienten im Pazopanib/Sunitinib-Arm eingeschlossen. Letztlich präferierten 70% der Patienten, deren Urteil am Ende in die Auswertung aufgenommen werden konnte, Pazopanib, während 22% der Patienten berichteten, lieber mittels Sunitinib behandelt worden zu sein. 8% artikulierten keine Präferenz. Auch die behandelnden Ärzte wurden befragt, das Ergebnis war vergleichbar (61% vs. 22% vs. 17%). Als Ursache für ihre Pazopanib-Präferenz nannten die Patienten mehrheitlich eine bessere Lebensqualität, seltener oder schwächer auftretende Fatigue-Symp-tomatik, Geschmacksveränderungen, orale Schleimhautläsionen, Übelkeit und Erbrechen, Hand-Fuß-Syndrome, Appetitverlust und auch Diarrhoe. Letzteres verwunderte, da gleichzeitig vorgestellt wurde, dass die Patienten unter Pazopanib mit 42% numerisch häufiger an Diarrhoe litten als unter Sunitinib (32%). Auch Nausea (33% vs. 30%) und Appetitverlust (20% vs. 19%) wurden nicht seltener unter Pazopanib als unter Sunitinib protokolliert. Ein wichtiges Ergebnis der Studie war somit, weiter evaluieren zu wollen, warum die von den Patienten angegebene, durch bestimmte Nebenwirkungen verursachte Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität nicht in allen Fällen mit der Frequenz und Ausprägung der vom Arzt dokumentierten Komplikationen unter den verschiedenen Präparaten korrelierte. Dosisreduktionen waren bei 13% bzw. 20% der Patienten notwendig, die mittels Pazopanib bzw. Sunitinib behandelt wurden. Die Relevanz dieser Daten wird jedoch erst dann endgültig erfasst werden können, wenn in Kürze die Ergebnisse der COMPARZ-Studie vorliegen, welche zum Ziel hat, die Effektivität zwischen Sunitinib und Pazopanib in der Erstlinie direkt zu vergleichen.

Immuntherapie mit/der Zukunft?

Nachdem über 2 Jahrzehnte das mRCC mit mäßigem Erfolg mittels einer unspezifischen Immuntherapie (überwiegend IFN-a und IL-2) behandelt worden ist (22), wurde die Immuntherapie nach Einführung der zielgerichteten Therapeutika de facto verlassen.

BMS-936558 ist ein monoklonaler vollhumaner Antikörper, der gegen PD-1 (programmed death 1) gerichtet ist. Das PD-1/PD-1-Ligand (PD-1L)-System trägt zur Inaktivierung aktiver T-Zellen bei (23). Bei Patienten mit mRCC konnte gezeigt werden, dass eine hohe Expression von PD-1/PD-1L mit einer schlechteren Prognose und einer aggressiveren Tumorbiologie korreliert (24). McDermott et al. (25) stellten anlässlich der letzten ASCO-Hauptversammlung eine aktuelle Studie zur Effektivität und Sicherheit des PD-1-Antikörpers BMS-936558 vor, die auch 34 Patienten mit vortherapiertem RCC einschloss (25, 26). Die Patienten wurden 4x in 2-wöchentlichem Abstand behandelt; im Falle eines Ansprechens konnte die Behandlung fortgesetzt werden. 74% der RCC-Patienten waren bereits mittels antiangiogenetischer Therapie vorbehandelt worden, in 59% sogar u.a. mit unspezifischer Immuntherapie. Die Nebenwirkungen unter der Behandlung mit BMS-936558 waren überwiegend mild. Am häufigsten trat Fatigue auf (38%); typisch für ein Immuntherapeutikum war eine in 24% aller Fälle zu beobachtende Hautreaktion. 27% der Patienten zeigten nach Applikation des Antikörpers eine partielle Remission. Der Behandlungserfolg schien nicht entscheidend von der Dosierung (1 bzw. 10 mg/kg Körpergewicht) abzuhängen. Besonders auffällig war unter der Therapie mit BMS-936558, dass einige Läsionen signifikant ansprachen, während gleichzeitig neue Metastasen auftraten. Auch dies ist aus der Zytokin-basierten Immuntherapie-Ära bekannt. Ebenfalls augenscheinlich war, dass, obwohl bei allen Patienten nach 96 Wochen die Behandlung gestoppt wurde, einige weiterhin längerfristig stabil blieben, ein weiterer großer Vorteil gegenüber der Behandlung mittels anti-VEGF(R)- oder mTOR-gerichteter Substanzen. Von einer Subpopulation der Patienten konnte darüber hinaus evaluiert werden, ob ihr Primärtumor PD-1L-positiv war. Hier zeigte sich ein Ansprechen auf die Therapie in keinem Fall für PD-1L-negative Tumore, jedoch bei einem guten Drittel der Patienten, die PD-1L in ihrem Primärtumor exprimierten. Auch dies könnte bei der Behandlungsentscheidung mit dem Antikörper BMS-946558 hilfreich sein. Weitere Ergebnisse dürfen wir in den nächsten Jahren, als Monotherapeutikum oder in Kombination mit anderen zielgerichteten Therapeutika, mit Spannung erwarten.

Prospektive Studien bilden oft nicht die Behandlungsrealität ab

Häufig können die in prospektiv angelegten Phase-III-Studien erreichten Ergebnisse in der Behandlungsrealität nicht abgebildet werden. Dies liegt sicher nicht zuletzt an einer dezidierten Selektion der Patienten, die sich für die Teilnahme an diesen sog. „Zulassungsstudien“ qualifizieren. Heng et al. (27) evaluierten retrospektiv die Patientenkollektive 17 amerikanischer bzw. britischer Zentren, die mittels anti-VEGF(R)-gerichteten Substanzen behandelt wurden (Sunitinib, Sorafenib, Pazopanib, Axitinib, Bevacizumab). 2.076 Patienten mit mRCC wurden identifiziert; 1.182 hätten in den meisten Phase-III-Studien (die sog. „Standardeinschlusskriterien“ voraussetzten) behandelt werden können, d.h. sie hätten sich grundsätzlich aufgrund ihres Allgemeinzustandes, ihrer Laborparameter, des histologischen Subtyps, des Nephrektomiestatus und der Abwesenheit von ZNS-Filiae für die Teilnahme an einer Phase-III-Studie qualifiziert. 894 Patienten wurden retrospektiv als „nicht studiengeeignet“ klassifiziert. Die von Heng et al. (27) vorgestellte Gegenüberstellung der beiden Patientengruppen zeigte nicht nur, dass die Ansprechraten unter den theoretisch studiengeeigneten Patienten signifikant höher war (30% vs. 21%) und sie signifikant länger lebten (28,8 vs. 14,5 Monate), sondern auch, dass das Kriterium „studientauglich“ auch in der Multivariat-Analyse mit einer sig-nifikant besseren Prognose korrelierte. Diese Analyse zeigte eindrucksvoll, dass Ergebnisse aus Phase-III-Studien nicht in vollem Umfang auf das Gesamtpatientenkollektiv übertragen werden können, und dass wertvolle Erkenntnisse auch (zusätzlich) mittels Registern und Phase-IV-Analysen erhoben werden sollten/müssen.

Weitere anlässlich der ASCO-Tagung vorgestellte Studien unterstreichen das Behandlungspotential mittels TKI-Sequenztherapie (28). Inzwischen liegen auch umfangreiche Daten für Pazopanib in der ≥ 2. Linie vor (29). Peer et al. (30) stellten darüber hinaus eine retrospektive Untersuchung von Patienten vor, die aufgrund eines ossär metastasierten RCC entweder Sunitinib allein (n=51) oder in Kombination mit Bisphosphonaten (n=41) erhielten. Diese ersten Ergebnisse sprechen deutlich für den kombinierten Einsatz in diesem Patientenkollektiv.

Ferte et al. (31) zeigten eindrucksvoll, dass nach Absetzen einer VEGF(R)- bzw. mTOR-inhibierenden Systemtherapie mittels Sorafenib (n=84) bzw.Everolimus (n=52) im Progress die Tumorwachstumsgeschwindigkeit exponentiell zunimmt. Die Autoren plädierten dafür, auch beim langsamen, insbesondere bei klinisch insignifikantem Progress das (zu) rasche Absetzen der „targeted“ Therapie in jedem Einzelfall zu überdenken.

Zusammenfassung

Bis heute hat keines der neuen zielgerichteten Therapeutika – als Mono- oder Kombinationstherapie – kuratives Potenzial gezeigt, jedoch verdanken wir der breiter werdenden Palette neuer Substanzen die Möglichkeit, bei vielen Patienten mit mRCC prolongierte stabile Erkrankungsphasen zu erreichen und Therapiesequenzen tumor- und patientenspezifisch gestalten zu können. Axitinib hat kürzlich die EU-Zulassung erhalten, Tivozanib dürfen wir erwarten. Mit BMS-936558 scheint die Immuntherapieforschung wieder einen Hoffnungsträger hervorgebracht zu haben. Klinische Symptome unter TKI-Therapie, insbesondere der Blutdruckanstieg, könnten gute Wirksamkeit oder auch einen suffizienten Plasmawirkspiegel indizieren. Entsprechend könnte letztgenanntem zukünftig im Therapiemonitoring eine entscheidendere Rolle zukommen.



 

Prof. Dr. med. Andres Jan Schrader

Stellv. Klinikdirektor und ltd. Oberarzt der Urologischen
Universitätsklinik Ulm
Prittwitzstraße 43
89075 Ulm

Tel.: 0731/50058013
Fax: 0731/50058002
E-Mail: ajschrader@gmx.de


Abstract

A. J. Schrader, Urologische Universitätsklinik Ulm

On the occasion of the 2012 Annual Meeting of the American Society of Clinical Oncology (ASCO) again almost 100 studies were presented dealing with advances in the treatment of advanced renal cell carcinoma (RCC). This demonstrates the constant high interest in this disease including its role as a model malignancy. This review article aims to present and discuss some selected studies with direct or of potentially high clinical relevance.

Keywords: metastatic renal cell carcinoma, ASCO 2012, review, novel, therapy


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  • HNSCC: Pembrolizumab als Monotherapie und als Partner einer Platin-basierten Chemotherapie erfolgreich in der Erstlinie
  • Ösophaguskarzinom: Relevante OS- und PFS-Verlängerung durch Pembrolizumab + Chemotherapie in der Erstlinie
  • 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-024-Studie bestätigen deutliche Überlegenheit für Pembrolizumab mono vs. Chemotherapie beim NSCLC mit hoher PD-L1-Expression
  • Neuer Anti-ILT4-Antikörper zeigt in Kombination mit Pembrolizumab erste vielversprechende Ergebnisse bei fortgeschrittenen Tumoren
  • Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch das fernmetastasenfreie Überleben bei komplett resezierten Hochrisiko-Melanomen im Stadium III
  • HIF-2α-Inhibitor MK-6482 beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom: Vielversprechende Wirksamkeit auch bei Nicht-RCC-Läsionen
  • Neuer Checkpoint-Inhibitor: Vielversprechende erste Studiendaten für Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab in Kombination mit Pembrolizumab