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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

10. September 2010 Neue Daten vom ASCO: Kontrovers diskutiert mit Vertretern von Krankenkassen, Pharmaindustrie und Patientenvereinigungen

Über einige der Daten, die aktuell auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt wurden, berichteten Experten der Charité Berlin. In einer sich anschließenden Podiumsdiskussion ging es vor allem um die Umsetzung neuer Therapien sowie um deren Finanzierung.
Mammakarzinom

Neue Erkenntnisse in der Therapie des Mammakarzinoms präsentierte Dipl.-Med. Fakher Ismaeel, Klinik für Frauenheilkunde der Charité Berlin. Eine auf der ASCO-Jahrestagung vorgestellte Studie von Giuliano et al. ging der Frage nach, ob die standardisierte Axilladissektion nach positivem Befund des Sentinel-Lymphknotens noch notwendig ist [1]. Die randomisierte Phase-III-Studie, die 890 Patientinnen mit 1-2 positiven Sentinel-Lymphknoten einschloss, kam zu dem Ergebnis, dass sich kein Unterschied hinsichtlich des Überlebens zwischen Patientinnen mit und ohne Axilladissektion zeigte.

Im Bereich der neoadjuvanten Therapie ist eine Metaanalyse von der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) und der German Breast Group (GBG) besonders erwähnenswert: Es wurden hier 8 Studien mit insgesamt 6.625 Patientinnen, die zur neoadjuvanten Chemotherapie zwischen 1998 und 2006 in Deutschland durchgeführt wurden, ausgewertet [2]. Das Hauptkriterium, die Rate der pathologischen Komplettremissionen, konnte verbessert werden durch eine höhere Kumulativdosis der Anthrazykline und Taxane, bei HER2-neu-positiven Patientinnen durch eine Erhöhung der Zyklen und den Einsatz von Trastuzumab: der gleichzeitige Einsatz von Trastuzumab konnte die Zahl der Komplettremissionen bei HER2-positiven Tumoren um den Faktor 3,2 (p<0,001) steigern.

Ovarialkarzinom

Prof. Jalid Sehouli referierte über Neuigkeiten im Bereich der gynäkologischen Tumore. Für das fortgeschrittene Ovarialkarzinom konnten auf der ASCO-Jahrestagung die positiven Daten einer Studie, die eine Erhaltungstherapie mit Bevacizumab untersuchte, präsentiert werden [3]. In die Studie waren 1.873 Patientinnen mit einem fortgeschrittenen Ovarialkarzinom (medianes Alter: 60 Jahre) eingeschlossen. Durch eine 1-jährige Behandlung mit Bevacizumab nach einer Chemotherapie konnte das progressionsfreie Überleben um nahezu 30% verbessert werden. Wie sich diese Therapie auf das Gesamtüberleben auswirkt, muss noch überprüft werden.

Für die Patienten ist dieser Parameter sehr wichtig, wie die auf der ASCO vorgestellte Studie Expression 2 der NOGGO (Nord-Ostdeutschen Gesellschaft für Gynäkologische Onkologie) zeigte [4]. Positiv auf das Gesamtüberleben wirkt sich die Tumorfreiheit nach einer Rezidivoperation aus, dies konnte eine Analyse der AGO-Ovar mit über 3.000 Patientinnen zeigen [5].

Zervixkarzinom

In der Therapie des Zervixkarzinoms konnte im Rahmen einer Studie unter Leitung von Prof. Sehouli gezeigt werden, dass hinsichtlich Toxizität und Verträglichkeit ein sequentielles Konzept aus vier Zyklen Carboplatin/Paclitaxel dem Standard der Radiochemotherapie überlegen ist [6]. „Wenn wir diese Fortschritte den Frauen zukommen lassen wollen, müssen wir zeitnah die Daten analysieren und kritisch besprechen“, so Prof. Sehouli.

Magen- und Ösophagus-Karzinom

Aktuelle Ergebnisse vom ASCO zu Magen- und Ösophagus-Tumoren präsentierte Dr. Peter Thuss-Patience, Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie der Charité Berlin. Von einer präoperativen Chemotherapie profitieren Patienten mit einem Ösophagus-Tumor mit geringer und mittlerer Tumorlast nicht. Das ist das Ergebnis einer randomisierten Phase-III-Studie mit 195 Patienten [7]. Im fortgeschrittenen Stadium verbessert eine präoperative Radiochemotherapie allerdings das Überleben, besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei den Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus [8].

Eine Verbesserung des perioperativen Therapieregimes beim Adenokarzinom des Magens/Gastroösophagealen Übergangs war das Ziel einer Phase-II-Studie der AIO (Arbeitsgemeinschaft Innere Onkologie der Charité) [9]. Das derzeitige Standardregime Epirubicin/Cisplatin/5-FU wurde dabei durch Docetaxel/Cisplatin/Capecitabin ersetzt, welches sich als effektives und sicheres Therapieschema mit einer pathologisch kompletten Remissionsrate von 15,9% erwies.

In der Palliativtherapie konnte in einer Studie, welche die Wirkung von Bevacizumab allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie untersuchte, keine Verbesserung des Gesamtüberlebens erreicht werden [10]. Es zeichnete sich allerdings ein Benefit für das progressionsfreie Überleben sowie für die Gesamt-Ansprechrate ab, hier schien die Subgruppe der asiatischen Patienten weniger zu profitieren.

Urologische Tumoren

Prof. Kurt Miller informierte über aktuelle Ergebnisse zu den urologischen Tumoren. Eine anti-androgene Therapie kombiniert mit einer Radiochemotherapie erwies sich als effektiv in der Therapie des lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms [11-12]. Das Mortalitätsrisiko sank in der kombinationstherapeutisch behandelten Gruppe signifikant (p=0,033), ebenso war das Risiko der klinischen Progression der Erkrankung geringer. Die Autoren folgern aus diesen Ergebnissen, dass die Kombinationstherapie als neuer Therapiestandard gelten sollte.

Bei Patienten mit metastasiertem und hormontherapierefraktärem Prostatakarzinom konnte die Kombination Cabazitaxel mit Prednison das Gesamtüberleben gegenüber einer Kombinationschemotherapie mit Mitoxantron plus Prednison verlängern. Die Patienten im Rahmen dieser auf der ASCO vorgestellten TROPIC-Studie profitierten außerdem mit einem längeren progressionsfreien Intervall von der Kombinationstherapie [13].
Um die schlechte Prognose für Patienten mit fortgeschrittenem Harnblasenkarzinom zu verbessern, wurde in einer randomisierten Phase-III-Studie von Paz-Ares et al. untersucht, ob eine kombinierte Chemotherapie (Paclitaxel/Gemcitabin/Cisplatin) dem reinen Beobachten/Abwarten (Watchful waiting) überlegen ist [14]. Die Patienten profitierten deutlich hinsichtlich des Gesamtüberlebens sowie des krankheitsfreien Überlebens von der adjuvanten Therapie, weshalb die Autoren der Studie dringend zu einer adjuvanten Chemotherapie bei diesem Patientenkollektiv raten.

Gesundheitsökonomische Aspekte

Die Diskussionsrunde mit Vertretern von Krankenkassen, Pharmaindustrie und Patientenvereinigungen brachte noch andere Aspekte der Krebstherapie ins Gespräch, so z. B. die Finanzierung der Therapien.

Eine besonders hohe Teuerungsrate sieht Frau Prüfer-Storcks, Mitglied des Vorstandes der AOK Rheinland/Hamburg, im Arzneimittelbereich. Um für die hohen Preise eine entsprechende Leistung zu erhalten, wollen die Krankenkassen die Möglichkeit haben, nur mit ausgewählten Krankenhäusern, die nachgewiesener Weise eine bessere Entwicklungsqualität haben, zusammenzuarbeiten. Man könne dies aber bis heute nicht, da „sich die Krankenhäuser vehement dagegen wehren, und dies ist nicht im Interesse des Patienten“.

Dr. Karl-Heinz Grajer, stellvertretender Geschäftsführer der Amgen GmbH, kritisierte, dass sich Staat und Kostenträger weitgehend bei der Finanzierung von Studien zurückhalten, und die Industrie die Hauptlast trägt.

Um die innovativen Ergebnisse der Studien schnell zum Patienten zu bringen, müsse man mehr in Netzwerken denken und sich in Arbeitsgruppen abstimmen, um Empfehlungen zu erarbeiten, so Prof. Sehouli. Am schnellsten werden diese in spezialisierten Zentren umgesetzt. „Wir motivieren die Patientinnen immer wieder, auch über unsere Stiftung, sich an die Zentren zu richten“, so Frau Carolin Masur, Vorstandsmitglied der Stiftung Eierstockkrebs. Dies sei die „einzige Überlebenschance“.
vk

Post-ASCO Pressegespräch: „Moderne Krebstherapie: Was ist machbar – was ist bezahlbar?“. Veranstalter: Nord-Ostdeutsche Gesellschaft für Gynäkologische Onkologie e.V. Charité – Universitätsmedizin Berlin. Berlin, 23. Juni 2010.

1. Giuliano AE, McCall LM, Beitsch PD et al.: ACOSOG Z0011: A randomized trial of axillary node dissection in women with clinical T1-2 N0 M0 breast cancer who have a positive sentinel node. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr CRA506) Abstract No: CRA506.
2. Von Minckwitz G, Untch M, Nueesch E: Impact of treatment characteristics on response of different breast cancer subtypes: Pooled multilayer analysis of the German neoadjuvant chemotherapy trials. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 501).
3. Burger RA, Brady MF, Bookmanet MA et al.: Phase III trial of bevacizumab (BEV) in the primary treatment of advanced epithelial ovarian cancer (EOC), primary peritoneal cancer (PPC), or fallopian tube cancer (FTC): A Gynecologic Oncology Group study. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr LBA1). ASCO 2010 Abstract No: LBA1.
4. Oskay-Özcelik G, Neubert S, Münstedt K et al.: What do primary and recurrent ovarian cancer patients (OC) expect from their doctors? Final results of a German survey in 608 patients. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 5106.
5. Mahner S, Reuss A, Pujade-Lauraine E et al. Prognostic impact of primary surgical outcome on survival after recurrence in patients with advanced ovarian cancer: Analysis of prospective randomized phase III trials. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 5100). Abstract No: 5100.
6. Sehouli J, Blohmer JU, Kuemmel S: Randomized phase III adjuvant study in high-risk cervical cancer: Simultaneous radiochemotherapy with cisplatin (S-RC) versus systemic paclitaxel and carboplatin followed by percutaneous radiation (PC-R): A NOGGO-AGO-Intergroup Study.J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 5005).
7. Mariette C, Seitz JF, Maillard E et al.: Surgery alone versus chemoradiotherapy followed by surgery for localized esophageal cancer: Analysis of a randomized controlled phase III trial FFCD 9901. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 4005).
8. van der Gaast AV, van Hagen P, Hulshof M et al.: Effect of preoperative concurrent chemoradiotherapy on survival of patients with resectable esophageal or esophagogastric junction cancer: Results from a multicenter randomized phase III study. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 4004).
9. Thuss-Patience PC, Kneba M, Hofheinz R et al.: Docetaxel, cisplatin, and capecitabine (DCX) as perioperative chemotherapy in gastroesophageal adenocarcinoma: A phase II study of the Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO). J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 4116).
10. Kang Y, Ohtsu A, Van Cutsem E et al.: AVAGAST: A randomized, double-blind, placebo-controlled, phase III study of first-line capecitabine and cisplatin plus bevacizumab or placebo in patients with advanced gastric cancer (AGC). J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr LBA4007).
11. Warde PR, Mason MD, Sydes MR et al.: Intergroup randomized phase III study of androgen deprivation therapy (ADT) plus radiation therapy (RT) in locally advanced prostate cancer (CaP) (NCIC-CTG, SWOG, MRC-UK, INT: T94-0110; NCT00002633). J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr CRA4504).
12. Mottet N, Peneau M, Mazeron J et al.: Impact of radiotherapy (RT) combined with androgen deprivation (ADT) versus ADT alone for local control in clinically locally advanced prostate cancer. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 4505).
13. De Bono JS, Oudard S, Ozguroglu M et al.: Cabazitaxel or mitoxantrone with prednisone in patients with metastatic castration-resistant prostate cancer (mCRPC) previously treated with docetaxel: Final results of a multinational phase III trial (TROPIC). J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr 4508).
14. Paz-Ares LG, Solsona E, Esteban E et al.: Randomized phase III trial comparing adjuvant paclitaxel/gemcitabine/cisplatin (PGC) to observation in patients with resected invasive bladder cancer: Results of the Spanish Oncology Genitourinary Group (SOGUG) 99/01 study. J Clin Oncol 28:7s, 2010 (suppl; abstr LBA4518.

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