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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

06. Juli 2015 EGFR-Mutationstest bei Lungenkrebspatienten - Anspruch und Wirklichkeit

Interview mit Dr. James Spicer, King‘s College London at Guy‘s Hospital, London.

Ein Mutationstest sollte heute bei jedem Patienten mit einem fortgeschrittenen NSCLC und einem Nicht-Plattenepithelkarzinom der Lunge (z.B. Adenokarzinom) durchgeführt werden, bevor über die Therapie entschieden wird. Der Onkologe Dr. James Spicer vom King‘s College London at Guy‘s Hospital, London, und seine Kollegen untersuchten, wie weit verbreitet der EGFR-Test bei Lungenkrebspatienten in Kliniken ist.

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James SpicerJournal Onkologie: Herr Dr. Spicer, was waren die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung?

Spicer: Wir wissen, dass die EGFR-Mutation für etwa 10% der europäischen Patienten und etwas mehr noch für die asiatischen Patienten in der Entstehung von Lungenkrebs eine wichtige Rolle spielt. Nun stellt sich die Frage, wie Patienten mit dieser Mutation identifiziert werden. 3 Medikamente sind in Europa für die Behandlung von Lungenkrebspatienten mit EGFR-Mutation zugelassen. Patienten mit dieser Mutation haben wir also viel anzubieten und es sollte Standard sein, bei Patienten mit einem Adenokarzinom der Lunge einen EGFR-Mutationstest durchzuführen.

Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass viele Patienten keinen Zugang zu diesem Test haben und deshalb auch keinen Zugang zu den relevanten Medikamenten. Deshalb führten wir eine Befragung von 562 Onkologen in 10 Ländern durch, um herauszufinden wie häufig die EGFR-Testung durchgeführt wird. Die Beantwortung der Fragen dauerte etwa 10 Minuten und so erhielten wir schnell Informationen von einer großen Gruppe verschreibender Ärzte.

Wir fanden heraus, dass es in den verschiedenen Ländern Unterschiede gibt. Wir müssen diese Ergebnisse natürlich vorsichtig interpretieren, da es sich ja um eine Befragung und um keine Studie handelt und wir keine Patientendaten analysiert haben. Doch nach unserer Befragung wurde in ostasiatischen Ländern wie Japan, Korea oder Taiwan häufiger ein EGFR-Mutationstest durchgeführt als in Nordamerika oder in Europa.

Dann fragten wir nach den Gründen, warum ein Mutationstest durchgeführt wurde oder nicht. Wir wissen beispielsweise, dass eine EGFR-Mutation unabhängig vom Alter oder vom Raucherstatus vorhanden sein kann. Aber viele der verschreibenden Ärzte in dieser Befragung machten Aussagen wie: „Ich orientiere mich am Raucherstatus“ oder „Ich orientiere mich am Alter des Patienten, ob ich den Test durchführen lasse oder nicht“. Das ist wirklich nicht angemessen, da viele bekannte und breit publizierte Guidelines empfehlen, dies gerade nicht zu tun. Der Grund dafür, dass in den ostasiatischen Ländern der Test häufiger durchgeführt wird, dürfte sein, dass dort die Chance für ein positives Testergebnis etwa 3x so hoch ist.

Eine Sache konnten wir nicht direkt herausfinden und zwar, welcher Zugang zu dem Mutationstest besteht. Die unterschiedliche Verfügbarkeit des EGFR-Mutationstests könnte auch ein Grund dafür sein, dass ein signifikanter Anteil der Patienten nicht getestet wurde.

Journal Onkologie: Sie meinen, der Zugang zum EGFR-Mutationstest ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gut?

Spicer: Ja, ich denke das ist eine wichtige und vorsichtige Interpretation unserer Daten, da wir uns an gut informierte Mediziner gewandt haben, die interessiert daran waren, an dieser Befragung teilzunehmen. Obwohl es wenig Evidenz dafür gibt, wie die Verschreibung im klinischen Alltag aussieht, sind sogar unsere Schätzungen noch zu optimistisch und in der „real world“ wird wahrscheinlich bei noch weniger Lungenkrebspatienten ein EGFR-Mutationstest durchgeführt.

Ein weiteres und für mich das interessanteste und wahrscheinlich wichtigste Ergebnis unserer Befragung war, dass, sogar wenn ein EGFR-Mutationstest durchgeführt wurde - und für den bezahlt wurde, - die Therapieentscheidung noch vor dem Erhalt des Testergebnisses getroffen wurde.

Journal Onkologie: Was sind die Gründe dafür?

Spicer: Wenn ich einen Mutationstest in meiner Klinik anfordere, dann dauert es etwa 1 Woche, bis das Ergebnis vorliegt, und das ist ziemlich schnell. Doch insbesondere, wenn man den Test in einer anderen Klinik oder in einem anderen Labor durchführen lassen muss, kann es vielleicht 2 Wochen oder sogar noch länger dauern, bis man das Ergebnis erhält. Wenn es zu lange dauert und der Patient krank ist, dann ist die Versuchung groß, mit einer Therapie zu beginnen, auch wenn diese nicht die richtige sein mag. Auch die Patienten wollen unbedingt schnell mit einer Therapie beginnen. Doch der Patient hat keinen Nachteil davon, wenn sich der Therapiebeginn um ein paar Tage verzögert und er dafür nach dem Vorliegen der Ergebnisse die richtige Therapie bekommt.

Journal Onkologie: Wie ließe sich die Situation verbessern?

Spicer: Durch die Weiterbildung der Ärzte und durch Guidelines, um die „best practice“ zu verbreiten. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Ärzte den Test nicht durchführen können, auch wenn sie es noch so sehr wollen, wenn sie keinen Zugang zu einem bezahlbaren und schnell durchführbaren Test haben. In den meisten Institutionen startete man mit den Mutationstests um 2008 herum und für die Ärzte war es eine eine ziemlich Umstellung, Gentests anzubieten. Ich denke, in einigen Jahren werden sich alle daran gewöhnt haben und es wird Routine werden.

Journal Onkologie: Wie sensitiv sind die EGFR-Tests? Ist das von Labor zu Labor unterschiedlich?

Spicer: Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Techniken, doch generell sind die verfügbaren EGFR-Tests ausreichend sensitiv. Tatsächlich sind die Tumoren eine Ansammlung von Milliarden unterschiedlicher Zellen und viele unterscheiden sich voneinander. Es gibt verschiedene Klone, einige möglicherweise mit einer Mutation, einige auch ohne und deshalb kann der Anteil eines Tumors, der durch eine Mutation bestimmt wird, sehr variieren. Es gibt also keinen Grund für einen ultimativ sensitiven Test.

Journal Onkologie: Ist der EGFR-Status während einer Therapie stabil?

Spicer: Der EGFR-Status ändert sich definitiv unter der Therapie. So kommt der Gedanke auf, dass nicht nur ein Test allein notwendig ist. Vor Kurzem war das noch gar nicht relevant. Falls man eine Mutation findet, dann gibt man das passende Medikament so lange wie es wirkt, und dann wenn es nicht mehr wirkt eine Chemotherapie. Doch jetzt kommen wieder neue Medikamente, die speziell für resistente Mutationen entwickelt wurden. Wenn man einen Patienten mit einer zielgerichteten Therapie behandelt, dann treibt man den Tumor in Richtung Resistenz. Mit dem Zugang zu neuen Medikamenten ist ein wiederholter Test sinnvoll. Um herauszufinden, welche der Medikamente der nächsten Generation eingesetzt werden können, ist eine neue Biopsie notwendig und ein weiterer molekularer Test. Es wird für den Patienten in Zukunft alles noch komplizierter werden.

Vielen Dank für das Gespräch!


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