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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

30. April 2009 Interview: Chemotherapie-Resistenz-Test (EDR®-Test) – Ein neues Hilfsmittel in der onkologischen Rezidivtherapie?

Der Chemotherapie-Resistenz-Test (EDR®-Test) ist ein diagnostisches in-vitro-Verfahren, mit dem an operativ gewonnenem lebenden Tumormaterial Resistenzen gegenüber Chemotherapeutika ausgetestet werden können. Dabei werden Tumorzellen sehr hohen Expositionen der zu testenden Chemotherapeutika ausgesetzt und deren Wachstum mit dem einer unbehandelten Kontrolle verglichen. JOURNAL ONKOLOGIE sprach mit Prof. Jalid Sehouli, Berlin.
Zum EDR®-Test wurden bisher acht klinische Studien mit über 1000 Patienten durchgeführt. Alle diese Untersuchungen zeigen einheitlich sowohl in retrospektiven als auch in prospektiven Ansätzen, dass Therapieversagen mit sehr hoher Genauigkeit vorhergesagt werden kann.

In den USA ist der EDR®-Test vor allem im Bereich der gynäkologisch onkologischen Palliativmedizin weit verbreitet und wird dort von allen großen Krankenkassen (inklusive Medicare) erstattet. In Deutschland existiert seit 2007 ein vorläufiger Erstattungsstatus in Krankenhäusern. Hier besitzt der Test den Status 1 als neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode (NUB) im Rahmen des German Diagnosis Related Groups (G-DRG)-Systems, welcher durch das Institut für Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) vergeben wird.
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Der EDR®-Test wird exklusiv von der Firma TherapySelect GmbH & Co. KG aus Heidelberg (www.therapyselect.de) angeboten. In Deutschland gibt es gerade im Bereich der gynäkologischen Onkologie ein zunehmendes Interesse und Diskussionsbedarf zum EDR®-Test.

Herr Professor Sehouli, Sie haben den EDR®-Test in den letzten zwei Jahren schon über 60 Mal in der Charité eingesetzt. Welchen Eindruck haben Sie von dem Verfahren gewonnen und welchen Vorteil hat der Test Ihrer Meinung nach für den Patienten?

Sehouli: Es wäre ein außerordentliches Hilfsmittel in der gynäkologischen Onkologie, ein valides Testverfahren zu haben, das in der Lage ist, Chemotherapien vor dem Einsatz im Patienten auf Ihre potentielle Wirksamkeit oder Unwirksamkeit zu testen. Durch ein solches Hilfsmittel ließe sich Toxizität vermindern und die Lebensqualität von Patienten verbessern. Gerade in der Rezidivsituation bei massiver Vorbehandlung ist die Therapieentscheidung aufgrund fehlender Ergebnisse aus kontrollierten Studien häufig sehr schwierig.
Im klinischen Alltag begegnen wir zunehmend Patientinnen, die häufig bereits 4, 5 oder mehr Rezidivtherapien hatten. Gerade für dieses Patientinnenkollektiv existieren meist keine klinische Studien.
Bisher sind wir darauf angewiesen, die Wirkung eines Therapeutikums erst nach etwa 3-4 Zyklen zu evaluieren. Gerade in der Palliativsituation ist stets eine kritische Abwägung zwischen Nutzen und Schaden detailliert mit unseren Patientinnen zu besprechen. Der EDR®-Test hat aus diesem Grund unser Interesse geweckt.
Wir haben den EDR®-Test zunächst im Rahmen einer Observationsuntersuchung eingesetzt, ohne die geplante Therapie infolge eines Testergebnisses zu verändern. Auf diese Weise wollten wir die Möglichkeit erhalten, Testergebnis und tatsächliches klinisches Ansprechen zu vergleichen. Zwischenzeitlich ist eine erste Nachbeobachtung unserer Fälle bereits durchgeführt worden. Bei Patientinnen, die mit einer Monotherapie behandelt wurden, entsprach das klinische Ansprechen etwa den Erwartungen, die nach der Studienlage an das Testergebnis gestellt werden müssen. Sub-
stanzen, die als wenig resistent eingestuft wurden, hatten eine höhere Ansprechrate als Substanzen, die als intermediär resistent oder gar als extrem resistent eingestuft wurden. Der Test ist zur Identifizierung unwirksamer Medikamente entwickelt worden. Dies scheinen unsere Daten zu bestätigen. Für die Identifizierung von sensitiven Medikamenten oder sogar der besten Medikation kann der Test keine Aussagen machen.

Zum EDR®-Test gibt es eine große Anzahl prospektiver und retrospektiver Studien. Im November 2008 sind als Abstract zur EORTC-Studie 55971 (NCIC OV13) nochmals prospektive Daten veröffentlicht worden, die gezeigt haben, dass der EDR®-Test ein unabhängiger prädiktiver Faktor für das Versagen von platinbasierter Chemotherapie bei der Erstbehandlung des Ovarialkarzinoms ist. Wie bewerten Sie die klinische Datenlage zum EDR®-Test?

Sehouli: In der neuesten Studie der EORTC konnte prospektiv an 246 primären Ovarialkarzinom-Patientinnen gezeigt werden, dass die Resistenzvorhersage des EDR®-Tests statistisch signifikant mit dem Versagen der Platintherapie korreliert. Die Studie ist aber noch nicht komplett ausgewertet worden und liegt bisher nur als Abstract vor, so dass noch keine definitiven Aussagen gemacht werden können. Auf keinen Fall sollte heute beim primären Ovarialkarzinom oder beim platinsensitiven Ovarialkarzinomrezidiv aufgrund des Testergebnisses die Platintherapie der Patientin vorenthalten werden. Der EDR®-Test ist meiner Meinung nach dasjenige in-vitro-Verfahren, das im Rahmen diverser Studien am vielversprechendsten in der Vorhersage der Resistenz von Chemotherapeutika (in der gynäkologischen Onkologie) ist. Der EDR®-Test könnte daher für einen Einsatz in der Rezidivsituation eine echte Bereicherung sein.

In welcher Behandlungssituation sollte der EDR®-Test eingesetzt werden?

Sehouli: Die Therapieentscheidung beim rezidivierten Ovarialkarzinom hinsichtlich des zu wählenden Chemotherapeutikums setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Im Vordergrund stehen hierbei die Leitlinien, publizierte Phase-III-Studienergebnisse und Zulassungsbe-stimmungen für die jeweiligen Chemotherapeutika sowie der Funktionsstatus der Patientin. Des Weiteren werden Präferenzen des individuellen Patienten berücksichtigt (Zustand des Patienten und Nebenwirkungen auf vorherige Therapien). Auch die Information, welche Therapien durch den EDR®-Test als ungeeignet, da höchstwahrscheinlich resistent, eingestuft worden sind, könnte die Auswahl der Substanzen beeinflussen.
Von der Zusammenstellung „exotischer“ (nicht geprüfter) Kombinationstherapien anhand des Testergebnisses sollte heute auf jeden Fall abgeraten werden.

Was erwarten Sie von der zukünftigen Entwicklung bei der prätherapeutischen Testung von Chemotherapeutika? Führen Sie dazu Studien durch?

Sehouli: Ich bin überzeugt, dass Informationen über das Ansprechen von Chemotherapien (oder anderen Therapien) durch verschiedenartige Analyseverfahren aus den Zellen prätherapeutisch gewonnen werden können. Hierzu sind aufgrund der großen Möglichkeiten der Molekularbiologie und des besseren Verständnisses der Tumorgenese vielversprechende Forschungsaktivitäten begonnen worden. Welches der Verfahren im Endeffekt am erfolgreichsten sein wird, müssen weitere Studienergebnisse klären.
An der Charité gibt es in diesem Zusammenhang ebenfalls mehrere vielversprechende Projekte. Dies war möglich, da wir bereits im Jahr 2000 eine prospektive Tumorbank Ovarian Cancer (www.TOC-network.de) mit inzwischen mehr als 1500 Patientinnen aufgebaut hatten. Eines der wichtigsten aktuellen Projekte ist die Predictor-Studie, bei der ein Genchipverfahren, ein Biochiptest und der EDR®-Test weiter validiert werden. Anhand lebender Tumorzellen wird dabei das in vivo / in vitro Ansprechen von Caelyx® und Topotecan korreliert. Das Konzept wurde von der Nord-Ostdeutschen Gesellschaft für Gynäkologische Onkologie (www.NOGGO.de) zertifiziert. Besonders freut uns bei dieser wissenschaftlichen Untersuchung die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Alle Ergebnisse werden im Konsortium aller Teilnehmer dieser Studie publiziert. Sehr gerne möchte ich dieses Interview dafür nutzen, für die Teilnahme an diesem innovativen Forschungskonzept zu werben. Gerne senden wir den interessierten Institutionen alle Details zu dieser Studie zu.

Kontakt:
Europäisches Kompetenzzentrum für Eierstockkrebs,
Charité/Campus Virchow-Klinikum,
Augustenburger Platz 1,
13355 Berlin,
Tel.: 030-45056052,
e-mail: jalid.sehouli@charite.de

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