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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

24. Januar 2019
Seite 1/3
HZL: Multiple Therapieoptionen und eine (fast) normale Lebenserwartung

B. Wörmann, Ambulantes Gesundheitszentrum der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Die Haarzell-Leukämie (HZL) ist eine seltene, maligne Erkrankung des lymphatischen Systems. Das klinische Bild ist durch Zytopenien, Splenomegalie und Allgemeinsymptome charakterisiert. Der Verlauf ist schleichend. Die Therapie mit Purin-Analoga erzielt Remissionsraten > 95% mit einer medianen Remissionsdauer von 5-15 Jahren. Weitere wirksame Arzneimittel sind Anti-CD20- und Anti-CD22-Antikörper, Interferon-alpha und BRAF-Inhibitoren. Die HZL ist eine chronische Erkrankung. Bei gutem Ansprechen auf die Therapie hat die Mehrzahl der Patienten eine normale Lebenserwartung.
Bei der HZL werden 2 Formen unterschieden:
  • klassisch
  • Variante
 
Morphologisch weisen diese Zellen einen zentralen Nukleus mit dichtem Chromatin und einen prominenten Nukleolus auf. Gemeinsam ist den beiden Formen die Expression von CD103 auf reifen B-Zellen. Die beiden Formen unterscheiden sich pathogenetisch, immunphänotypisch, im Therapieansprechen und auch im Verlauf. Die Unterschiede sind graphisch in Abbildung 1 dargestellt und detailliert in Tabelle 1 aufgelistet.
 
Abb. 1: Haarzell-Leukämie, klassisch und Variante.
Haarzell-Leukämie, klassisch und Variante

 
 
Tab. 1: Haarzell-Leukämie, klassisch und Variante (mod. nach (3)). *nach CD (Cluster of
Differentiation)-Klassifikation, bestimmt in der multiparametrischen durchflusszytometrischen Immunphänotypisierung
  Klassische Haarzell-
Leukämie
Haarzell-Leukämie
Variante
Relative Häufigkeit (%) 90-95 5-10
Geschlechtsverteilung 4:1 (M:W) 1-2:1 (M:W)
Alter (median, Jahre) 50-55 > 70
Lymphozytose im
peripheren Blut (%)
≤ 10 ≥ 90
Hämoglobin Anämie
bei 85% der Patienten
häufig normal
Thrombozyten Thrombozytopenie
bei 80% der Patienten
häufig normal
Immunphänotyp* reife B-Zelle,
CD11c+, CD103+, CD25+
reife B-Zelle,
CD11c +, CD103+/-, CD25-
Genotyp BRAF-V600E-Mutation BRAF-Wildtyp
 
 

 
Epidemiologie
 
Die HZL hat in Deutschland eine Inzidenz von etwa 0,3/100.000 Personen und gehört damit zu den seltenen, malignen Erkrankungen. Das mittlere Erkrankungsalter der klassischen HZL liegt zwischen 50 und 55 Jahren. Die Altersspanne ist sehr breit, Kinder sind nicht betroffen. In den letzten Jahren wird die HZL tendenziell früher entdeckt, wenn eine hämatologische Zytopenie inzidentell bei Blutbildanalysen aus anderen Gründen diagnostiziert und weiterer Diagnostik zugeführt wird. Bei Männern tritt die Erkrankung 4-5x häufiger auf als bei Frauen (1). Die Ursache der HZL ist nicht geklärt. Als exogener Risikofaktor wird u.a. die Exposition gegenüber Insektiziden oder Herbiziden diskutiert. Berufstätige im landwirtschaftlichen Bereich haben ein höheres, Raucher ein niedrigeres Erkrankungs-risiko (2).
 

Symptome
 
Charakteristisch für die HZL sind Zytopenie und Splenomegalie (3). Die Zytopenie ist bedingt durch eine progrediente Insuffizienz des Knochenmarks, verursacht durch die Kombination aus leukämischer Infiltration, Hämatopoese-supprimierenden Zytokinen, einer Retikulinfaser-Vermehrung mit progredienter Knochenmarksfibrose und durch die Folgen der Splenomegalie.
 
Die Symptome sind bedingt durch
  • Anämie mit allgemeiner Schwäche und Müdigkeit (Fatigue), Blässe und verringerter Belastbarkeit
  • Neutropenie mit vermehrter Infektneigung, v.a. Pneumonien und Herpes-Infektionen
  • Thrombozytopenie mit vermehrter Blutungsneigung
  • Splenomegalie mit Thrombozytopenie und Druckgefühl im linken Oberbauch.
Etwa 70% der HZL-Patienten haben eine Panzytopenie. Sehr ausgeprägte Splenomegalien sind in den letzten Jahren seltener geworden, möglicherweise aufgrund einer früheren Diagnosestellung.
 

Diagnose
 
Die Diagnostik geht von der häufigsten Erstmanifestation mit peripherer Zytopenie von einer oder von mehreren Zellreihen aus. Formal lässt sich der diagnostische Algorithmus in Basis- und Spezialuntersuchungen unterteilen (Tab. 2).
 
Eine molekulargenetische Untersuchung ist i.d.R. nicht erforderlich, wenn die immunphänotypische Untersuchung eindeutig ist. Der Nachweis einer BRAF-V600E-Mutation kann nützlich in der differentialdiagnostischen Abgrenzung gegenüber anderen indolenten Non-Hodgkin-Lymphomen und der HZL-Variante sein.
 
Tab. 2: Diagnostik bei Verdacht auf Haarzell-Leukämie (mod. nach (3)). *nach CD
(Cluster of Differentiation)-Klassifikation, bestimmt in der multiparametrischen
durchflusszytometrischen Immunphänotypisierung
  Methode/Material Schwerpunkt
Basis Anamnese Exposition gegenüber
möglichen Schadstoffen?
Frühere Blutbilder?
körperliche Untersuchung Splenomegalie,
Lymphadenopathie
peripheres Blut Differentialblutbild,
einschl. Retikulozyten,
automatisiert und mikroskopisch
Sonographie Abdomen, Bestimmung der
Milzgröße
Spezial peripheres Blut durchflusszytometrische
Immunphänotypisierung
Knochenmark-Biopsie Histologie
Immunhistochemie
Faserfärbung
peripheres Blut oder
Knochenmarkmaterial
BRAF-V600E bei uneindeutiger Diagnose
in den vorangehenden Untersuchungen
 
 
 
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