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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

10. September 2010 Frauen in der Medizin: „Die Politik muss es richten“

Die Medizin wird weiblich. Frauen machen inzwischen 60% der Medizinstudierenden aus. Sie haben ein ausgezeichnetes Abitur gemacht, sind Spitzenstudentinnen, und dennoch: Frauen sind beim Einstieg in den medizinischen Beruf unterrepräsentiert, denn viele gehen schon während des Studiums „verloren“. Erst recht unterrepräsentiert sind sie in Spitzenpositionen in Universitäten und Kliniken. Bei einem Frauenanteil von 50 Prozent bei den Promotionen besetzen gerade mal 4 Prozent eine C4-Professur.
Andererseits gibt es in strukturschwachen Regionen bereits einen Mangel an praktisch tätigen Ärzten sowohl im niedergelassenen Bereich als auch in den Kliniken. Noch gravierender ist das Nachwuchsproblem: 35 Prozent der Mediziner üben ihren Beruf nicht oder nicht in Deutschland aus.

Das Problem ist erkannt – und die Lösung? Der Arztberuf muss wieder attraktiver werden, Familie und Beruf darf nicht „entweder oder“ bedeuten. Bundesarbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen sagte während des 71. Medizinischen Fakultätentages in Hannover, man müsse kinder- und familienfreundliche Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Praxen schaffen.
JOURNAL ONKOLOGIE wollten wissen, wo es konkrete Ansätze geben könnte oder bereits gibt.

Interview

Mit Professor Dr. Wieland, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg

0 Herr Professor Wieland, Sie sind Ärztlicher Direktor und Direktor der Klinik für Urologie am Caritaskrankenhaus St. Josef in Regensburg. Wie sehen Sie das Problem Ärztemangel, was kommt auf uns zu?
 
Wir steuern auf eine Katastrophe zu. In fünf Jahren werden Krankenhäuser in strukturschwachen Gegenden große Schwierigkeiten haben, noch einen Arzt zu finden, der bereit ist dort zu arbeiten.

Auf der anderen Seite beenden viele Frauen ein Medizinstudium, ohne je den Arztberuf als Vollzeitberuf auszuüben, und diejenigen, die in den Arztberuf einsteigen, sind nur solange als Arzt tätig, solange es mit der Familie bzw. der Familienplanung vereinbar ist. Das ist in meinen Augen eine große Ressourcenverschwendung, die wir uns auf die Dauer nicht leisten können, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Medizinstudium 7x so teuer ist wie ein Jurastudium. Viele Mediziner gehen zudem ins Ausland, wo sie bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung finden.

Gerade die Urologie gilt immer noch als eine typische „männliche Domäne“. Wie viele weibliche Mitarbeiter haben Sie in Ihrem Team?
 
In meinem Team habe ich vier Ärztinnen. Für den Bereich Urologie ist das ein relativ hoher Frauenanteil, der aber durchaus zunimmt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen im Medizinerberuf und gerade auch in chirurgischen Fächern ungeheuer diszipliniert, zielstrebig und belastbar sind. Wenn sie sich ein Ziel gesetzt haben, dann wird dies konsequent verfolgt.
 
Wären Teilzeitstellen eine Lösung?
 
Das wäre in bestimmten Bereichen möglich, und Bestrebungen sind bereits im Gange. Aber beispielsweise in der Chirurgie kann man nur schwer in Teilzeit arbeiten.

Das Problem kann meiner Meinung nach nur auf politischer Ebene gelöst werden, z. B. indem man Doppelstellen schafft im Sinne eines „Jobsharings“, damit sich zwei Kolleginnen eine Stelle teilen können, so dass die eine arbeitet, während die andere ihre Familie organisiert.


Interview

Mit Dr. Hartung, Caritas-Krankenhaus St. Josef, Regensburg

1 Herr Dr. Hartung, die Geschäftsführung im Caritas Krankenhaus St. Josef wird durch die Sana Kliniken AG wahrgenommen. Sie sind einer der Geschäftsführer im St. Josef und gleichzeitig Generalbevollmächtigter für Bayern, Sachsen, Thüringen und Mitglied der Geschäftsleitung der Sana Kliniken AG. Wie sehen Sie das Problem Ärztemangel?

Das Problem halte ich für überdimensioniert dargestellt – in den größeren Kliniken. Viele Mediziner, die ins Ausland gehen, kommen auch wieder zurück. Allerdings ergreifen viele Studierende ihren Beruf nicht, vor allem Frauen. Hier kommt eine große Aufgabenstellung auf uns zu. Wir sind dabei, Konzepte zu erarbeiten, um den Arbeitsplatz familienfreundlicher zu gestalten. Es ist geplant, Kinderkrippen in strukturschwachen Gegenden anzusiedeln, und wir erarbeiten Teilzeitmodelle. Da die Ärzte nach einem Bezugsarztsystem arbeiten, welches eine personelle Konstanz in der Patientenbehandlung gewährleistet, muss hier das Problem der strukturierten Übergabe gelöst werden.

Was dringend benötigt wird, ist eine Betreuung älterer Kinder, zum Beispiel eine Hausaufgabenbetreuung, für die man an der Klinik Räumlichkeiten anbietet. Mit diesem Thema beschäftigt sich derzeit eine Arbeitsgruppe.

Welche Ansatzpunkte bestünden auf politischer Ebene?

Eine engere Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene und weniger Bürokratisierung wären sehr wünschenswert. Die Kommunen sind in ihren Entscheidungswegen noch sehr langsam. So ist zum Beispiel das Vorhaben gescheitert, an der Klinik einen Kindergarten anzubinden, weil diejenigen, die auswärts in einer anderen Gemeinde wohnen, verpflichtet sind, ihre Kinder im ortsansässigen Kindergarten anzumelden.

Ein gutes Beispiel für eine familienfreundliche Politik findet man meiner Meinung nach in Frankreich. Dort gibt es das Familiensplitting zur Berechnung der Einkommenssteuer – ähnlich wie bei uns das Ehegattensplitting. Für jeden Elternteil gilt der Divisor 1, für das erste und zweite Kind der Divisor 0,5 und für das dritte wieder der Divisor 1. Dieses Modell dient der Steuergerechtigkeit, entlastet Familien mit Kindern und schafft ihnen die finanziellen Möglichkeiten für die Kinderbetreuung.

Quelle:


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