Donnerstag, 18. April 2019
Navigation öffnen

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

05. September 2014 Erfahrungen mit nab-Paclitaxel in der klinischen Praxis

Interview mit Prof. Dr. Tjoung-Won Park-Simon, Hannover.

nab-Paclitaxel (Abraxane®) ist ein lösungsmittelfreies Taxan, das sich in Studien beim metastasierten Brustkrebs wegen seines im Vergleich zu herkömmlichen Taxanen überlegenen Nutzen-Risiko-Profils bewährt hat. Über ihre Erfahrungen mit nab-Paclitaxel in der klinischen Praxis sprach Frau Professor Tjoung-Won Park-Simon, Stellvertretende Klinikdirektorin an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Hannover, mit JOURNAL ONKOLOGIE.

Anzeige:
 

JOURNAL ONKOLOGIE: Frau Professor Park-Simon, welchen Stellenwert hat nab-Paclitaxel (Abraxane®) in Ihrer Praxis?

Park-Simon: Das Medikament ist beim metastasierten Mammakarzinom zugelassen, und wir setzen es gemäß dieser Zulassung ein. Im Rahmen von Therapiestudien haben wir nab-Paclitaxel auch in der neoadjuvanten Situation mit gutem Erfolg eingesetzt.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie schätzen Sie aus klinischer Sicht die Effektivität von Abraxane® im Vergleich zu konventionellem Paclitaxel ein?

Park-Simon:
Wenn eine Chemotherapie in der metastasierten Situation indiziert ist, will man ein möglichst schnelles Ansprechen und nach Möglichkeit auch eine Lebensverlängerung bei guter Lebensqualität. Es gibt Studien, die für bestimmte Subgruppen mit nab-Paclitaxel ein längeres Überleben nachgewiesen haben im Vergleich zu konventionellem Taxan. Dies betraf stark vorbehandelte und mit Anthrazyklin vorbehandelte Frauen. Taxane erzielen auch nach Taxan-Vorbehandlung sehr gute Ergebnisse in der metastasierten Erkrankungssituation. In der klinischen Routine ist eine höhere Effizienz des nab-Paclitaxels, wie sie in klinischen Studien gezeigt wurde, schwierig zu messen. Sehr gut nachvollziehbar ist v.a. das leichtere Handling und die deutliche Verbesserung der Verträglichkeit. Ein großer Vorteil von nab-Paclitaxel ist die Möglichkeit, die Dosis zu variieren. Im Unterschied zu konventionellem Paclitaxel ist es möglich, mit einer höheren Dosierung auch ein höheres Ansprechen zu erzielen, da eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung besteht und aufgrund der Formulierung eine bessere Verteilungskinetik erreicht wird. Mit konventionellem Paclitaxel hat man bezüglich der Dosierung Begrenzungen, da es immer in Lösungsmittel aufgenommen werden muss.

JOURNAL ONKOLOGIE: Worin sehen Sie noch die Vorteile von Abraxane®?

Park-Simon:
Das nab-Paclitaxel gelangt durch die Nanopartikelformulierung und einen aktiven, selektiven Transport in das Zielgewebe wodurch die Gewebepenetration im Vergleich zum konventionellen Paclitaxel  verbessert wird. Der große Vorteil von Abraxane besteht sicherlich in dem deutlich günstigeren Nebenwirkungsprofil. Die Hämatotoxizität ist geringer und es gibt keine Hypersensitivitätsreaktion, da der Lösungsvermittler Cremophor nicht benötigt wird. Deshalb lässt sich nab-Paclitaxel auch schneller applizieren. Die Infusionszeit beträgt 30 Minuten. Beim konventionellen Paclitaxel hingegen scheint die Bioverfügbarkeit umso höher zu sein, je länger die Infusionszeiten sind. Wird es schneller infundiert, muss man mit einer geringeren Wirksamkeit rechnen. Das alles muss bei nab-Paclitaxel nicht berücksichtigt werden. Klinisch ergeben sich daraus Vorteile im Handling.

Da nab-Paclitaxel höher dosierbar ist, muss man mit höheren Raten an Neuropathien rechnen. Das heißt, einige Taxan-Nebenwirkungen treten bei nab-Paclitaxel weniger auf, weil es lösungsmittelfrei verabreicht werden kann, andere wiederum, wie die Neuropathie, können intensiver sein, weil man mit nab-Paclitaxel die Dosis eskalieren kann.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie handhaben Sie das Therapiemanagement?

Park-Simon:
Ein Teil der Nebenwirkungen von nab-Paclitaxel, z.B. die periphere Neuropathie, aber auch Übelkeit oder Nageltoxizität, lassen sich abschwächen, wenn vor der eigentlichen Chemotherapie eine Infusion mit Ringerlösung durchgeführt wird. Wir geben den Patientinnen eine 500 ml-Infusion vorher, anschließend die halbstündige Abraxane®-Infusion und danach noch einmal 250 ml Kochsalzlösung. Die Hände werden gleichzeitig gekühlt mit Kühlpads. Mit dieser Volumengabe können wir bei der Mehrzahl der Patientinnen gleichzeitig auf Antiemetika und Cortison komplett verzichten. Auch die Neuropathie und die Nageltoxizität sind deutlich geringer ausgeprägt. nab-Paclitaxel kann, wie auch das konventionelle Taxan, sowohl im dreiwöchentlichen Intervall als auch wöchentlich verabreicht werden. Hieraus ergeben sich Vorteile für das Therapiemanagement. Die Möglichkeit der wöchentlichen oder dreiwöchentlichen Verabreichung in unterschiedlichen Dosierungen eröffnet einen Spielraum, der es erlaubt, individueller sowohl auf die Bedürfnisse der Patientin als auch auf die Nebenwirkungen einzugehen. Für Frauen, die weiter weg wohnen und nicht jede Woche zur Chemotherapie kommen können, bietet sich zum Beispiel das 3-wöchentliche Schema an. Patientinnen, die Nebenwirkungen entwickeln, kann man mit dem wöchentlichen Schema besser dosieren und steuern. Allein durch eine gute Therapie lassen sich viele Nebenwirkungen kontrollieren, und die Patientinnen haben eine bessere Lebensqualität.

Ein weiterer Vorteil gegenüber dem konventionellen Paclitaxel besteht darin, dass nab-Paclitaxel alkoholfrei ist. Die Paclitaxel-Lösung enthält Ethanol, worüber wir durch den Rote-Hand-Brief aufmerksam gemacht worden sind. Aufgrund eines aktuellen Falls haben wir uns informiert und von unserem Apotheker erfahren, dass die Alkoholkonzentration in einer Infusion mit konventionellem Paclitaxel der eines Glases Bier entsprechen kann. Für eine trockene Alkoholikerin kann das zu viel sein. Ich finde es interessant, sich das einmal vor Augen zu führen.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie gut wird Abraxane® von den Patientinnen akzeptiert?

Park-Simon:
Aus der Alltagserfahrung heraus kann ich bestätigen, dass nab-Paclitaxel sehr gut angenommen wird, da es natürlich gewisse Vorteile bietet. Ein großer Vorteil besteht darin, dass wir das Medikament relativ schnell applizieren können. Die kürzere Applikationszeit von 30 Minuten wird von den Patienten sehr geschätzt.

Wir erleben auch die Situationen, dass die Patienten das konventionelle Paclitaxel nicht tolerieren und Hypersensitivitätsreaktionen auf den Lösungsvermittler Cremophor entwickeln. Wenn wir dann auf Abraxane wechseln, wird dies viel besser toleriert, und von daher ist die Akzeptanz der Patientinnen natürlich sehr gut.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie erfolgt bei Ihnen die Betreuung der Patientinnen?

Park-Simon:
Wichtig ist, dass sich das Fachpersonal liebevoll um die Patientinnen kümmert, dass sie darauf achten, dass die Hände gekühlt werden und die Begleitinfusionen laufen. Das sollte in jeder Klinik gegeben sein.

JOURNAL ONKOLOGIE: Was ist Ihr Fazit?

Park-Simon:
nab-Paclitaxel ist ein effektives Medikament, das wir sowohl in der metastasierten als auch schon in der neoadjuvanten Situation im Rahmen von Studien mit dem guten Ansprechen eingesetzt haben. Die Stärken von nab-Paclitaxel sind das bessere Nebenwirkungsprofil, die Möglichkeit der Dosisanpassungen, kürzere Infusionszeiten und dass die Lösung kein Ethanol enthält. Vor allem das gute Nebenwirkungsmanagement verbunden mit der besseren Lebensqualität sind gerade in der metastasierten Situation sehr wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das könnte Sie auch interessieren

Bis zu 40 Prozent mehr Leberkarzinome entdecken – dank Ultraschallverfahren mit kombinierten Bluttests

Bis zu 40 Prozent mehr Leberkarzinome entdecken – dank Ultraschallverfahren mit kombinierten Bluttests
© Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

In Deutschland erkranken jährlich circa 9000 Menschen an Leberkrebs – und die Häufigkeit der Erkrankung nimmt deutlich zu. In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Zahl der Neuerkrankungen verdoppelt. Ein gängiges Verfahren zur Diagnose dieser Erkrankung ist die Ultraschalluntersuchung: Mithilfe der modernen Sonografie lässt sich gutartiges Gewebe sehr exakt von bösartigem unterscheiden. Wenn die Ultraschalldiagnostik mit speziellen Bluttests kombiniert wird,...

Individualisierte Schmerztherapie

Individualisierte Schmerztherapie
© Dan Race / Fotolia.com

Schmerz ist eine komplexe Empfindung. Der menschliche Körper besitzt ein weitverzweigtes Netzwerk aus Schmerzrezeptoren und Schmerzleitungen.  Schmerzen können bei Krebserkrankungen durch das Wachstum eines Tumors oder auch durch unerwünschte Begleiterscheinungen von Therapien verursacht werden.  Um das Schmerzerleben adäquat behandeln zu können, ist es notwendig, eine individuelle Schmerztherapie durchzuführen. Die Mitarbeit der Betroffenen ist dabei...

Deutsche Bevölkerung hat große Angst vor Krebs und weiß wenig über moderne Krebstherapien

„Vor welcher Krankheit haben Sie persönlich am meisten Angst, dass Sie daran erkranken könnten?“ – Diese Frage stellte das Meinungsforschungsinstitut forsa in einer aktuellen repräsentativen Umfrage. Ergebnis: 57 Prozent der befragten Deutschen nennen Krebs an erster Stelle. Damit führt Krebs das Feld der gefürchtetsten Krankheiten mit großem Abstand an. Wie gleichzeitig ermittelt wurde, hat nur ein Drittel der Befragten* in letzter Zeit...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Erfahrungen mit nab-Paclitaxel in der klinischen Praxis"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.