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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

01. Juni 2010 CME-Fortbildung: Management kutaner Nebenwirkungen von EGFR-Inhibitoren

Andreas Wollenberg, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Bei einer Therapie mit Inhibitoren des epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors (Epidermal Growth Factor Receptor, EGFR) werden häufig kutane Nebenwirkungen und dabei insbesondere akneiforme Exantheme beobachtet. Letztere gelten als klinischer Prädiktor für ein Therapieansprechen, können allerdings wie andere kutane Nebenwirkungen die Akzeptanz und Compliance beeinträchtigen und damit den Erfolg der potenziell wirksamen Therapie gefährden. Ziel dieser Übersichtsarbeit ist es, den behandelnden Onkologen, Gastroenterologen, Pneumologen oder Gynäkologen mit den kutanen Nebenwirkungen der EGFR-Inhibitoren und der notwendigen Basisversorgung der betroffenen Patienten vertraut zu machen, um damit nicht nur das Management dieser Nebenwirkungen, sondern auch die Lebensqualität und Prognose der Patienten zu verbessern.
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Der zur ErbB-Familie zählende EGF-Rezeptor (ErbB1, HER1) wird in verschiedenen soliden Tumoren, unter anderem in fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen (NSCLC), Pankreaskarzinomen, kolorektalen Karzinomen (CRC), Kopf-Hals-Tumoren und Mammakarzinomen exprimiert. Bei Überaktivierung des EGF-Rezeptors kommt es zur verstärkten Generierung von Wachstumssignalen, die mit einer Zunahme der Zellproliferation, Zellmotilität, Angiogenese und Metastasierung einhergehen, während die Apoptose gehemmt wird [1]. In Tumorzellen ist die Überaktivität des EGF-Rezeptors mit einer Resistenz gegenüber Chemotherapie und Bestrahlung assoziiert. Klinisch geht die EGFR-Überaktivität mit fortgeschrittenen Krankheitsstadien, verringertem Gesamtüberleben und ungünstiger Prognose einher [2].

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Tab. 1: Typ und Einsatz der in Deutschland zugelassenen EGFR-Inhibitoren


Die Beeinflussung des EGFR-vermittelten Signalwegs gilt heute als besonders vielversprechender Ansatz für eine zielgerichtete Tumortherapie. In den letzten zehn Jahren wurden daher zahlreiche Substanzen untersucht, die den überaktivierten EGF-Rezeptor auf unterschiedliche Weise hemmen. Klinisch am weitesten entwickelt sind niedermolekulare, oral applizierbare Inhibitoren der intrazellulären EGFR-Tyrosinkinase (EGFR-TKI) sowie monoklonale EGFR-Antikörper (EGFR-AK), die die Bindung endogener Liganden wie EGF oder TGF alpha an die extrazelluläre Rezeptordomäne verhindern. EGFR-Inhibitoren zählen heute bei zahlreichen fortgeschrittenen Tumoren zu den etablierten Therapieoptionen und werden als Monotherapie oder zusätzlich zu einer Chemotherapie (CTX) oder Strahlentherapie (RTX) breit eingesetzt (Tab. 1).

Als zielgerichtete Substanzen weisen die bisher zugelassenen EGFR-Inhibitoren insgesamt ein günstiges Verträglichkeitsprofil auf, wobei bei einer Monotherapie besonders das im Vergleich zu vielen konventionellen Chemotherapeutika sehr niedrige Neutropenie-Risiko auffällt [3-7]. Da EGF-Rezeptoren aber auch von proliferierenden undifferenzierten Keratinozyten der epidermalen Basalzellschicht und der äußeren Haarwurzelscheide exprimiert werden [8, 9], induzieren sowohl EGFR-Tyrosinkinase-Inhibitoren als auch EGFR-Antikörper bei fast allen Patienten an Haut und Haaren unerwünschte Wirkungen.

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Abb. 1: Beginn kutaner Nebenwirkungen bei einer Therapie mit EGFR-Inhibitoren


Kutane Nebenwirkungen von EGFR-Inhibitoren

Überblick und zeitlicher Verlauf (Abb. 1)

Als früheste und klinische bedeutsamste kutane Nebenwirkung einer Therapie mit EGFR-Inhibitoren werden akneiforme Exantheme (Rash) beobachtet. Die Exantheme beginnen bei der Mehrzahl der Patienten schleichend innerhalb der ersten drei Behandlungswochen, können aber durchaus noch im späteren Therapieverlauf auftreten. Prädilektionsstellen der akneiformen Exantheme sind wie bei Acne vulgaris die seborrhoischen Areale des Gesichts und des oberen Thoraxbereichs. Hals und Nackenregion sowie Brust und Schultern sind ebenfalls häufiger, der behaarte Kopf seltener betroffen.

Mit zunehmender Therapiedauer wird die Haut bei fast allen Patienten dünner, trockener und mechanisch empfindlicher. Nach frühestens 4-wöchiger Behandlung entwickeln sich bei vielen Patienten langsam an Schwere zunehmende sebostatische Hautveränderungen. Diese umfassen trockene, empfindliche Haut, juckende Austrocknungsekzeme sowie Rhagaden besonders im Bereich der Finger und Zehen. Relativ selten werden auch Schleimhautveränderungen beobachtet, die ebenfalls mit einer erhöhten Empfindlichkeit einhergehen. Haarveränderungen mit Elongation der Wimpern und Augenbrauen sowie Alopezie sind kasuistisch beschrieben. In der Regel erst nach mehr als 2-monatiger Therapiedauer entwickeln einzelne Patienten Paronychien, die sehr schmerzhaft sein können.

Die kutanen Nebenwirkungen von EGFR-Inibitoren bilden sich üblicherweise nach Therapieende spontan und vollständig zurück. Während der Behandlung sind die oftmals mit Juckreiz, Brennen, Spannungsgefühl und Schmerzen einhergehenden Hautreaktionen für die Patienten sehr unangenehm und werden besonders bei ausgeprägten akneähnlichen Exanthemen im Gesicht als stigmatisierend empfunden. Bei starken, über längere Zeit bestehenden Effloreszenzen oder inadäquater Therapie kann die psychosoziale Belastung so groß sein, dass sich einzelne Patienten zum Abbruch einer potenziell wirksamen Therapie entschließen [10].

Akneiforme Hautreaktionen

Das klinische Erscheinungsbild akneiformer Exantheme ist hoch variabel. Schweregrad und klinische Bedeutung sind in den ersten Wochen einer EGFR-Blockade besonders ausgeprägt und verringern sich im weiteren Behandlungsverlauf.
In der Frühphase werden bei leichten akneiformen Exanthemen meist einzeln stehende, follikulär gebundene Papeln und Pusteln im Gesicht und oberen Thoraxbereich beobachtet, die auf Kopfhaut, Brust und Rücken übergreifen können (Abb. 2). Einige Patienten berichten über leichten Juckreiz.

Moderate akneiforme Hautreaktionen sind durch schwere Hautveränderungen bei größerer Flächenausdehnung gekennzeichnet, die aber nur gelegentlich schmerzen oder von Juckreiz begleitet sind.
In der Spätphase ist die Pustelbildung rückläufig, wobei nach Eintrocknen der Pusteln oftmals gelbliche Schuppenkrusten entstehen (Abb. 3).

Als klinische Sonderformen aus dem Bereich der akneiformen Exantheme können bei einer EGFR-Inhibitor-The-rapie auch Rosazea-artige Hautveränderungen mit diffusen Erythemen und Teleangiektasien (Abb. 4) [11] oder perifollikuläre Xanthome als klinische Maxi-malvariante der follikulären Destruktionsreaktion auftreten [12].

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Abb. 2 und Abb. 3: Frühphase und Spätphase eines leichten akneiformen Exanthems bei Therapie mit EGFR-Inhibitoren


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Abb. 4: Rosazea-ähnliche Hautveränderungen bei EGFR-Blockade


Häufigkeit und Schweregrad akneiformer Hautreaktionen

Inzidenz und Schwere der durch EGFR-Inhibitoren verursachten Hautreaktionen sind zwar vor allem von konstitutionellen Faktoren des Patienten abhängig, variieren aber auch in Abhängigkeit von der Substanz und dem Therapieschema. Bei reinen EGFR-Inhibitoren wie Cetuximab, Erlotinib, Gefitinib und Panitumumab entwickeln circa 50 bis 90% der Patienten überwiegend milde oder mittelgradige akneiforme Exantheme (Tab. 2).

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Tab. 2: Häufigkeit und Schwere akneiformer Exantheme bei EGFR-Blockade


Zur Differenzierung der Schwere des EGFR-Inhibitor-induzierten Exanthems verwenden Onkologen üblicherweise die Klassifizierung nach den Common Terminology Criteria for Adverse Events des US-amerikanischen National Cancer Institute (NCI-CTCAE), die zuletzt 2009 aktualisiert wurde [19] (Tab. 3).

Für Dermatologen steht dagegen der Effloreszenztyp des Exanthems im Vordergrund, wobei zwischen mildem, mittelgradigem oder schwerem makulopapulösen oder papulopustulösen Exanthem unterschieden wird. Zur quantitativen Verlaufsbeurteilung akneiformer Hautläsionen bei einer EGFR-Blockade wurde in Anlehnung an ein Score-System der perioralen Dermatitis [20] in München ein eigenes Klassifizierungssystem entwickelt. Der sogenannte WoMo-Score bewertet die Flächenausdehnung des Körper- und Gesichtsbefalls jeweils mit einem Zahlenwert zwischen 0-100. Die Parameter Erythem-Intensität, Erythem-Verteilung, Papeln, Pusteln und Schuppung/Krusten werden semiquantitativ mit jeweils 0 bis 3 Punkten gewichtet. Bei einem Gesamt-Score zwischen 0 und 20 werden die akneähnlichen Hautveränderungen als leichte, von 21 bis 40 als mittelgradige und über 40 als schwere Exantheme klassifiziert [21].

Rash als Prädiktor für Therapieansprechen

Die Entwicklung akneähnlicher Exantheme in den ersten Wochen einer Behandlung mit EGFR-Inhibitoren ist verschiedenen Studien zufolge prädiktiv für ein Therapieansprechen und mit einem besseren Gesamtüberleben assoziiert. Für den EGFR-TKI Erlotinib zeigte die BR.21-Studie bei chemotherapeutisch vorbehandelten Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC, dass Patienten mit Rash vom Grad >1 fast 8 Monate länger lebten als Patienten ohne diese Hautreaktion (median 11,1 vs. 3,3 Monate; p<0,001) [3]. Bei Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom zeigten sowohl die PA.3-Studie als auch die AViTA-Studie einen Überlebensvorteil bei Patienten mit akneiformem Exanthem in den ersten Behandlungswochen [15, 16].
Bestätigt wurden diese Daten durch aktuelle Ergebnisse der FLEX-Studie, die für den EGFR-Antikörper Cetuximab im Gesamtkollektiv ebenfalls eine Korrelation zwischen der Entwicklung früher akneähnlicher Hautreaktionen und dem Gesamtüberleben fand. Patienten mit Rash im 1. Therapiezyklus lebten danach median 15,0 Monate (vs. 8,8 Monate ohne Rash) [22]. Welchen Einfluss Interventionen zur Prophylaxe oder frühen Therapie akneähnlicher Hautreaktionen auf die Korrelation zwischen Rash und Gesamtüberleben haben, ist derzeit noch unklar.

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Tab. 3: Schweregrade bei akneiformem Rash* (nach National Cancer Institute – Common Terminology Criteria for Adverse Events [NCI-CTCAE], Version 4.02 vom 15.9.2009
* definiert als Erkrankung mit Papeln und Pusteln, die typischerweise im Gesicht, am Kopf sowie im oberen Brust- und Rückenbereich auftreten


Sebostatische Hautveränderungen

Nach mehrwöchiger Therapie mit EGFR-Inhibitoren entwickelt sich bei den meisten Patienten eine zunehmende Hautempfindlichkeit, die unmittelbar auf eine Blockade des EGF-Rezeptors zurückgehen dürfte. Die Haut wird trocken, rissig, dünn und empfindlicher gegenüber mechanischer Belastung. Teils resultiert ein ausgesprochenes Exsiccationsekzematid bis hin zum Eczema craquele. Viele Patienten leiden unter dem assoziierten Juckreiz und berichten zusätzlich über eine stark erhöhte Lichtempfindlichkeit. Circa 25% der Patienten entwickeln nach längerer Therapie mit EGFR-Inhibitoren Rhagaden an Fingern oder Zehen (Abb. 5), die schmerzhaft und berührungsempfindlich sind und zudem eine schlechte Heilungstendenz aufweisen.

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Abb. 5: Rhagade unter EGFR-Blockade


Schleimhauteffekte

Relativ selten wird auch über eine erhöhte Empfindlichkeit und Verletzbarkeit der Schleimhäute im Mundbereich sowie der Anal- und Genitalschleimhaut berichtet. Auf dem Boden einer durch EGFR-Inhibitoren induzierten Stomatitis können bakterielle und virale (z.B. durch Herpes simplex) Superinfektionen entstehen, die eine weiterführende Diagnostik mit Abstrichen erfordern.

Paronychien

Zwischen 10% und 30% aller Patienten entwickeln unter einer EGFR-Inhibitor-Therapie Paronychien (Abb. 6). Hierbei werden sowohl Gram-positive als auch Gram-negative Bakterien und Candida-Spezies nachgewiesen [23]. Die als stochastisches Ereignis mit zumeist infektiösem Cofaktor erst nach 2- bis 3-monatiger Behandlungsdauer auftretenden Entzündungen beginnen meist am Nagelfalz der Großzehe, können aber auch alle anderen Zehen betreffen. Bei Paronychien an den Fingernägeln ist am häufigsten der Daumen betroffen.

Paronychien können sehr schmerzhaft sein, wobei die Patienten besonders unter Druckschmerzen leiden. Neben entzündlichen Veränderungen, überschießendem Granulationsgewebe und Eiterabgang vom Nagelwall kann es auch unter dem Nagelorgan zur Eiterbildung kommen. Der Krankheitsverlauf bei einer EGFR-Blockade ist zwar überwiegend leicht oder moderat, bei nicht adäquater Behandlung können Paronychien aber zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) führen [24].

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Abb. 6: Paronychie nach mehrmonatiger Therapie mit einem EGFR-Inhibitor


Haarveränderungen

Haarwachstumsstörungen sind eine eher seltene Nebenwirkung und treten ebenfalls erst nach mehrmonatiger Therapie mit EGFR-Inhibitoren auf. Dabei wachsen die Haarschäfte insgesamt feiner und lockiger heraus, das Haarwachstum ist verlangsamt, und die Haare (Haupt- und Barthaare) werden brüchiger [10]. In seltenen Fällen ist die EGFR-Blockade mit einer Alopezie assoziiert [25].

Neben gelegentlichen Fällen einer Vellushaarhypertrichose im Gesichtsbereich wurde vereinzelt über eine massive Elongation der Augenwimpern berichtet, die besonders bei Brillenträgern zu Problemen führen kann [26].

Management kutaner Nebenwirkungen

Basisversorgung durch den Onkologen

Bereits bei Besprechung einer vorgesehenen Therapie mit EGFR-Inhibitoren sollte der Patient durch den behandelnden Onkologen über Art, Schwere und zeitlichen Verlauf möglicher kutaner Nebenwirkungen umfassend aufgeklärt werden. Im Zusammenhang mit den üblicherweise frühzeitig im Therapieverlauf auftretenden akneiformen Hautreaktionen sollte auch deren Bedeutung als günstiges Zeichen für ein Therapieansprechen thematisiert werden. Zugleich sollte der Patient möglichst konkrete Tipps zur Hautreinigung und Pflege erhalten und auf den notwendigen Lichtschutz hingewiesen werden. Ebenso sollten die Risiken durch Hautverletzungen angesprochen und Maßnahmen zur Verringerung der Infektionsgefahr empfohlen werden. Hilfreich sind die über den Außendienst einiger pharmazeutischer Unternehmen erhältlichen bebilderten Patientenbroschüren zum Vorgehen bei Hautnebenwirkungen der EGFR-Inhibitoren.

Allgemeine Vorsichts- und Pflegemaßnahmen

Um Hautverletzungen zu vermeiden, ist eine erhöhte Vorsicht bei allen Tätigkeiten mit mechanischer Belastung der Haut, wie dem Tragen schwerer Gegenstände, Gartenarbeit, aber auch Rasur erforderlich. Die Patienten sollten ihre Finger- und Fußnägel nicht zu kurz und nicht „rund“, sondern „gerade“ schneiden. Um Druckstellen an den Füßen zu vermeiden, sollten möglichst weite, bequeme Schuhe getragen werden.

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Tab. 4: Haut-Irritationen, die bei längerer Therapie mit EGFR-Inhibitoren vermieden werden sollten


Um der bei einer längeren EGFR-Blockade zu erwartenden Hautaustrocknung entgegen zu wirken, sollten die in Tab. 4 angegebenen Irritationen möglichst vermieden oder zumindest so weit wie möglich eingeschränkt werden. Hände und Körper sollten nur mit seifenfreien Reinigungsmitteln (Syndets) oder schonenden flüssigen Hautreinigungsmitteln mit lauwarmem Wasser gewaschen werden. Dabei sollte die Duschdauer auf 5 bis 10 Minuten, die Badedauer auf maximal 15 Minuten begrenzt werden. Hände und Körper sollten anschließend sehr vorsichtig abgetrocknet und unmittelbar danach mit rückfettenden, bevorzugt harnstoffhaltigen Hautpflegeprodukten sorgfältig eingecremt werden (Beispiele Tab. 5).

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Tab. 5: Zubereitungen zur schonenden Hautreinigung und Hautpflege bei trockener Haut (Auswahl)


Therapie akneiformer Hautveränderungen im Gesicht und im Bereich des Körperstamms

Aufgrund der großen Unterschiede in der Art, Ausdehnung und im Schweregrad der Hautveränderungen, aber auch im individuellen Ansprechen auf die angewendeten therapeutischen Maßnahmen, sollte die Behandlung kontinuierlich an die individuelle Situation des betroffenen Patienten angepasst werden. Prinzipiell orientiert sich die Therapie an der bei Akne und Rosazea üblichen Vorgehensweise, wobei die Wirksamkeit dieser Maßnahmen bei EGFR-Inhibitor-induzierten Exanthemen zumeist nicht durch kontrollierte klinische Studien nachgewiesen wurde und überwiegend empirisch erfolgt.

Der Onkologe sollte als Standardvorgehen einen einfachen Algorithmus zur Therapie häufiger Hautnebenwirkungen einsetzen und bei unzureichendem Therapieerfolg zeitnah einen Dermatologen hinzuziehen. Mehrere solcher Algorithmen sind plausibel und etabliert, ein einheitliches Vorgehen existiert derzeit nicht.

Leichte Verlaufsformen können mit einer Monotherapie mit Metronidazol- oder Erythromycin-haltigen Externa (z.B. Metrocreme® oder Aknemycin®) behandelt werden. Mittelschwere Verlaufsformen sprechen gut auf eine ebenfalls rein äußerliche, im Wechsel durchgeführte Therapie mit Nadifloxacin (z.B. Nadixa® Creme) und Prednicarbat (z.B. Dermatop® Creme) an. Dieses Schema zeigte schnellen Wirkeintritt, gute Effektivität und kontinuierliche Verbesserung des Hautbefundes über mehrere Wochen [27].

Die orale Therapie mit Tetracyclinen (z.B. Minocyclin 2 x 50 mg/d oder Doxycyclin 2 x 100 mg/d) ist ebenfalls gut etabliert, die gute Wirksamkeit dürfte allerdings eher auf den entzündungshemmenden Paraeffekt als die antimikrobielle Wirkung der Substanzklasse zurückzuführen sein [28]. Eine prophylaktische orale Dauermedikation mit Tetracyclinen ist, obwohl grundsätzlich wirksam, Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen und wird derzeit nicht allgemein empfohlen [10].
Wenn die Hautreaktionen durch das Standardvorgehen nicht zufriedenstellend kontrolliert werden können, sollte der Patient zur weiteren Behandlung an einen erfahrenen Dermatologen überwiesen werden.

Therapie von Hautveränderungen am behaarten Kopf

Der frühzeitige Beginn einer systemischen Antibiotikatherapie verhindert normalerweise die Manifestation akneiformer Hautveränderungen an der Kopfhaut. Kleine, einzeln stehende follikuläre Pusteln können mit alkoholischen Antibiotika-Lösungen (z.B. mit Erythromycin) behandelt werden, die sich mit einem Wattestäbchen oder Zellstoff-Tupfer auf die betroffenen Stellen exakt auftragen lassen.

Therapie sebostatischer Hautveränderungen (trockene Haut, Juckreiz, Rhagaden)

Patienten mit trockener Haut und Juckreiz profitieren von regelmäßigen und konsequenten Pflegemaßnahmen, die neben einer schonenden Hautreinigung und regelmäßigen Hautpflege auch einen sorgfältigen Lichtschutz mit starken Lichtschutz-Präparaten (LSF >20) umfassen sollten. Zur Hautreinigung eignen sich seifenfreie Reinigungsmittel (Syndets) sowie Duschöle und medizinische Ölbäder (Beispiele Tab. 5). Zur Hautpflege im Gesichts- und Halsbereich sollten rückfettende Cremes verwendet werden, für die Körperpflege eignen sich harnstoffhaltige Pflegelotionen (Beispiele Tab. 5).

Bei persistierendem Juckreiz sind Polidocanol-haltige Externa (z.B. Optiderm® Fettcreme, Recessan® Salbe) indiziert. Bei starkem Juckreiz, der zu Schlafstörungen führt, kann vor dem Schlafengehen die Einnahme eines sedierenden Antihistaminikums mit Clemastin (z.B. Tavegil® Tabletten) oder Hydroxyzin (z.B. Atarax® Tabletten) erwogen werden. Die Abheilung von Rhagaden an den Fingerspitzen oder Zehen wird durch Bildung eines feuchten Okklusivmilieus gefördert. Hydrokolloidverbände (z.B. Varihesive® extradünn) schützen die Fissuren zugleich gut vor mechanischen Belastungen und sollten für mehrere Tage auf den betroffenen Fingern oder Zehen belassen werden. Entzündete Rhagaden erfordern gegebenenfalls die Behandlung mit einer Tetracyclin-haltigen Salbe (z.B. Aureomycin® Salbe) und sollten durch den Dermatologen behandelt werden.

Therapie von Paronychien
Bei Paronychien im Frühstadium ist eine antisepetische Lokaltherapie mit zum Beispiel Octenidin (z.B. Ocetenisept® Lösung) oder Polyhexanid (Lavasept®) indiziert. Die entzündeten Bereiche sollten außerdem zweimal täglich (morgens und abends) parallel lokal antimykotisch und antibiotisch mit Ciclopirox-Olamin (z.B. Batrafen® Creme) und Fusidinsäure (z.B. Fucidine® Creme) behandelt werden. Bei Beschädigung des Nagelhäutchens sollte ergänzend alle zwei Tage ein Ciclopirox-haltiger Nagellack (z.B. Nagel-Batrafen®) im Nagelfalzbereich aufgetragen werden.

Wenn der Patient auf diese Maßnahmen nicht anspricht, sollte er umgehend an einen erfahrenen Dermatologen überwiesen werden. Eine fachdermatologische Therapie ist auch bei Paronychien mit überschießendem, mittels Kürette oder Skalpell abzutragendem Granulationsgewebe erforderlich sowie bei eitrigen Veränderungen, die eine systemische Antibiotikatherapie (nach Antibiogramm) erfordern.

Indikationen für eine Eskalationstherapie durch Dermatologen

Generell sollten alle Patienten, deren Hautveränderungen auf die vom behandelnden Onkologen eingeleiteten Maßnahmen zur Basisversorgung nicht ausreichend ansprechen, zur Weiterbehandlung an einen erfahrenen Dermatologen überwiesen werden. Dies gilt auch für Patienten, die sich erstmalig mit schwerem Rash, atypischen Hautveränderungen mit ungewöhnlichen Einzeleffloreszenzen oder ungewöhnlichem Verteilungsmuster, großflächigen Hautveränderungen am behaarten Kopf oder eitrigen Paronychien bei ihrem behandelnden Arzt vorstellen. Bei hämorrhagisch-nekrotisierenden oder blasenbildenden Hautveränderungen ist unverzüglich ein erfahrener Dermatologe hinzuzuziehen oder sogar die Einweisung in eine Hautklinik zu erwägen.

Fazit für die Praxis

Um Patienten mit kutanen Nebenwirkungen einer EGFR-Blockade optimal versorgen zu können, ist eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. Kurze Wege zwischen den Onkologen, Gastroenterologen, Pneumologen, Gynäkologen und Strahlentherapeuten einerseits, sowie den hinzugezogenen Dermatologen andererseits sind die Voraussetzung für eine zeitnahe Behandlung. Nicht alle Ärzte verfügen über weitreichende Erfahrungen in der Behandlung dieser relativ neuen Nebenwirkungen. Große Erwartungen werden daher in den geplanten Aufbau lokaler Netzwerke gesetzt, die, über ganz Deutschland verteilt, die Situation der mit EGFR-Inhibitoren behandelten Patienten weiter verbessern dürften.

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Prof. Dr. med. Andreas Wollenberg

Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Ludwig-Maximilians-Universität
Frauenlobstraße 9-11
80337 München

wollenberg@lrz.uni-muenchen.de


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Abstract

Andreas Wollenberg, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Ludwig-Maximilians-Universität München.

During treatment with inhibitors of the epidermal growth factor receptor (EGFR), cutaneous side effects are frequently observed, in particular acneiform exanthemas. The latter are considered a clinical predictor of therapeutic response. However, similar to other cutaneous side effects, they can impair therapy acceptance and compliance and put at risk the success of the potentially effective therapy. It is the goal of this overview to make the oncologists, gastroenterologists, pneumonologists or gynecologists in charge of treatment aware of the cutaneous side effects of EGFR inhibitors and of the necessary basic care of the patients concerned in order to not only improve the management of these side effects but also the patients’ quality of life and the prognosis.

Keywords: cutaneous side effects, compliance, EGFR inhibitors

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