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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

18. Oktober 2013 Bevacizumab: neue Standardoption beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom

Interview mit Prof. Dr. med. Annette Hasenburg, Universitätsklinikum Freiburg i. Br.

Mit dem Angiogenesehemmer Bevacizumab (Avastin®) steht erstmals seit gut 10 Jahren wieder eine Substanz zur Verfügung, die das Potential hat, die Prognose von Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom zu verbessern. Bevacizumab ist zugelassen für die Primärbehandlung sowie für die erste Rezidivtherapie bei Patientinnen mit Platin-sensiblem Ovarialkarzinom, die primär noch keine anti-VEGF-gerichtete Substanz erhalten haben. Im Rahmen der Primärbehandlung wird Bevacizumab in Kombination mit Carboplatin/Paclitaxel und danach als Monotherapie über insgesamt 15 Monate eingesetzt. Im ersten Rezidiv erhalten die Patientinnen Bevacizumab bis zum Progress und als Chemotherapie Carboplatin/Gemcitabin.

Prof. Dr. med. Annette Hasenburg, Freiburg

JOURNAL ONKOLOGIE: Welchen Patientinnen bieten Sie Bevacizu-mab im Rahmen der systemischen Primärbehandlung an?

Hasenburg: Liegen keine Kontraindikationen vor, bieten wir Bevacizumab initial jeder Patientin mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom an, die unter die Zulassung fällt, also ab Stadium IIIB bis IV (1). Besonders wichtig ist die zusätzliche primäre Behandlung mit Bevacizumab für Patientinnen, die makroskopisch nicht tumorfrei operiert wurden.

JOURNAL ONKOLOGIE: Was versprechen Sie sich von der zusätzli-chen Bevacizumab-Gabe für Ihre Patientinnen?

Hasenburg: Die Hinzunahme von Bevacizumab zur Chemotherapie hat in großen randomisierten Phase-III-Studien - so z.B. den beiden first-line-Studien GOG-0218 (2) und ICON-7 (3) - die mediane progressionsfreie Überlebenszeit der Patientinnen signifikant verlängert im Vergleich zur alleinigen Chemotherapie. In der Zulassungsstudie GOG-0218 betrug der durch Bevacizumab induzierte Vorteil im Median über 6 Monate. Unabhängig davon bedeutet die Verlängerung der progressionsfreien Zeit einen Lebensqualitätsgewinn für die Patientinnen, da sie länger ohne Tumorprogress und damit auch länger ohne Symptomatik sind.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wo sehen Sie den größten klinischen Benefit von Bevacizumab - in der Primär- oder in der Rezidivtherapie?

Hasenburg:
In der Primärtherapie habe ich die Sicherheit, dass die Patientin Bevacizumab auf jeden Fall einmal bekommen hat. In der Rezidivsituation gibt es immer Patientinnen, die aus verschiedensten Gründen Bevacizumab nicht mehr erhalten, z.B. weil ihr Allgemeinzustand zu schlecht ist, um noch einmal eine Kombinationschemotherapie zu erhalten. Möglicherweise haben wir in ein paar Jahren Daten, die den Benefit einer Re-Induktion von Bevacizumab im Rahmen der Rezidivtherapie belegen. Dann könnten die Patientinnen, die Bevacizumab bereits initial erhalten haben, doppelt profitieren.

Dennoch sollte man das mit jeder Patientin individuell besprechen. Manchen Patientinnen ist die Primärbehandlung mit Bevacizumab über insgesamt 15 Monate zu lang. Andere empfinden es psychologisch als belastend, alle 3 Wochen den Arzt zu kontaktieren, weil sie immer wieder an ihre Erkrankung erinnert werden. Für diese Patientinnen ist Bevacizumab im ersten Rezidiv eine wichtige Option. Für die Erhaltungstherapie in der Primärbehandlung mit Bevazicumab spricht dagegen, dass die Patientinnen im Median ein halbes Jahr länger rezidivfrei überleben und ihnen in dieser Zeit die Belastungen der Rezidivdiagnose und -therapie erspart bleiben.

JOURNAL ONKOLOGIE: Auf der diesjährigen Jahrestagung der "Society for Gynecologic Oncology" wurden neue Ergebnisse der GOG-0218 zum Platin-freien Intervall unter Primärbehandlung mit Bevacizumab präsentiert. Was zeigen die Daten?

Hasenburg: Die aktuellen Daten aus der Studie GOG-0218 zeigen, dass die frühe Behandlung mit Bevacizumab das Platin-freie Intervall - also die Zeitspanne ab letzter Carboplatin-Gabe bis zum erneuten Tumorprogress - nahezu verdoppelt. Die Verlängerung von 7,6 auf 14,3 Monate entspricht einer relativen Risikoreduktion um fast 40% (HR=0,61). Darüber hinaus zeigte sich, dass der Anteil der Patientinnen, die nach 6 bzw. 12 Monaten ab letzter Chemotherapie-Gabe noch ohne Progress waren, unter der fortgeführten Bevacizumab-Gabe jeweils deutlich höher lag. So war beispielsweise nach 1 Jahr noch über die Hälfte der Patientinnen unter Bevacizumab-Therapie ohne Progress, aber nur etwa ein Drittel der Patientinnen im Kontrollarm ohne Bevacizumab (4).

JOURNAL ONKOLOGIE: Was bedeutet das konkret für die Patientinnen?

Hasenburg: Das längere Platin-freie Intervall bedeutet einen unmittelbaren Vorteil für die Lebensqualität der Patientinnen, weil sie länger ohne Tumorprogress und länger ohne Chemotherapie sind. Die Bevacizumab-Monotherapie ist viel besser verträglich als die Chemotherapie. Eine andere Diskussion, die wir führen müssen, ist: Was bedeutet das längere Platin-freie Intervall prognostisch? Ein Teil der Patientinnen, die früher Platin-resistent waren, sind dank Bevacizumab jetzt - nach der bisherigen Einteilung - Platin-sensibel. Bislang galt die Platin-freie Zeit als prognostischer Faktor. Ob das auch so ist, wenn der Effekt auf Bevacizumab beruht, müssen wir prüfen.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie gut vertragen die Patientinnen Bevaci-zumab im Rahmen der first-line-Behandlung?

Hasenburg: Bevacizumab wird von den Patientinnen sehr gut vertragen. Potentielle Nebenwirkungen sind selten und in der Regel gut handhabbar. Im Vordergrund steht die Hypertonie, die sich bei der Mehrzahl der Patientinnen medikamentös gut einstellen lässt. Das Risiko für thromboembolische Ereignisse ist leicht erhöht. Gastrointestinale Perforationen habe ich persönlich bislang bei keiner Patientin beobachtet.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie bewerten Sie den klinischen Stellenwert von Bevacizumab für die Primärbehandlung des Ovarialkarzinoms?

Hasenburg: Mit Bevacizumab haben wir erstmals seit Jahren wieder einen therapeutischen Fortschritt für unsere Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom erzielt. Bevacizumab erreicht bei guter Verträglichkeit eine signifikante Verlängerung der progressionsfreien Überlebenszeit. Für uns ist die zusätzliche Behandlung mit Bevacizumab eine neue Standardtherapie.

Vielen Dank für das Gespräch!

Birgit-Kristin Pohlmann, Nordkirchen

Mit freundlicher Unterstützung der Roche Pharma AG


Literaturhinweise:

(1) Fachinformation Avastin®, Stand Juli 2013.
(2) Burger R, et al. NEJM 2011, 365: 2473-83.
(3) Perren TJ, et al. NEJM 2011, 365: 2484-96.
(4) Randall L, et al. SGO 2013, Poster #287.


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