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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

19. Juli 2010 Aktuelle Therapiestrategien beim exokrinen Pankreaskarzinom

Stefan Böck, Volker Heinemann, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Klinikum der Universität München – Campus Großhadern

Das Adenokarzinom des Pankreas stellt nach wie vor eine interdisziplinäre therapeutische Herausforderung dar: noch immer ist die Inzidenz nahezu identisch mit der Letalität, was die schlechte Prognose dieser Tumorerkrankung widerspiegelt [1]. Klinisch und wissenschaftlich stehen derzeit Bemühungen im Vordergrund, die perioperative Behandlung (hier vor allem die adjuvante Therapie) zu verbessern, sowie in der palliativen Situation individualisierte Therapiestrategien (sowohl für den Einsatz von Zytostatika als auch Biologicals) zu etablieren.
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Perioperative Therapiestrategien

In Europa wird derzeit die adjuvante Chemotherapie mit dem Nukleosidanalogon Gemcitabin über einen Zeitraum von 6 Monaten als Standardbehandlung nach R0- oder R1-Resektion eines exokrinen Pankreaskarzinoms – unabhängig vom T- oder N-Stadium – betrachtet [1-3]. Nachdem sich in der vorangegangenen ESPAC-1-Studie ein signifikanter Überlebensvorteil auch für eine adjuvante Therapie mit 5-FU/FA (gegenüber keiner adjuvanter Chemotherapie in einem 2 x 2 factorial Design) zeigte [4], wurden die Ergebnisse der ESPAC-3(v2)-Studie mit großem Interesse erwartet: diese große internationale Phase-III-Studie randomisierte 1088 Patienten nach potentiell kurativer Resektion eines Pankreaskarzinoms zwischen einer adjuvanten Therapie mit 5-FU/FA (analog dem Mayo-Protokoll) und einer Behandlung mit Gemcitabin über jeweils 6 Monate [5]. Der primäre Studienendpunkt war das Gesamtüberleben. Hier zeigte sich in der auf dem ASCO 2009 erstmalig vorgestellten präliminären Analyse kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Behandlungsarmen (medianes Überleben: 5-FU/FA 23,0 Monate vs. Gem 23,6 Monate, HR 0,94, p=0,39). Jedoch ergab die Toxizitätsanalyse (sekundärer Endpunkt) eine erhöhte hämatologische Toxizität im Gemcitabin-Arm, wohingegen die nicht-hämatologischen (Patienten-relevanten) Toxizitäten Stomatitis und Diarrhoe im 5-FU/FA-Arm signifikant häufiger auftraten.


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Tabelle 1: Effektivitätsdaten aus 3 randomisierten Studien zur adjuvanten Chemotherapie nach potentiell kurativer Resektion eines Pankreaskarzinoms [3-5].

Diese Ergebnisse bestätigten somit die Effektivitätsdaten der ESPAC-1-und der CONKO-001-Studie (siehe Tabelle 1), sodass die adjuvante Chemotherapie für jeden Patienten nach einer Pankreaskarzinom-Resektion mittlerweile zum Standard gehören sollte. Für beide Schemata (5-FU/FA und Gemcitabin) ist eine valide wissenschaftliche Evidenz vorhanden; die Wahl der einzusetzenden Substanz dürfte sich auch am zu erwartenden Nebenwirkungsprofil orientieren, wobei hier der Gemcitabin-Behandlung möglicherweise eine Präferenz einzuräumen ist.

Für die in den USA aus „traditionellen“ Gründen immer noch eingesetzte adjuvante Radiochemotherapie gibt es weiterhin keine klare Evidenzgrundlage. In einer großen RTOG Phase-III-Studie (RTOG 97-04) wurden alle eingeschlossenen 451 Patienten einer adjuvanten 5-FU-basierten Radiochemotherapie zugeführt, randomisiert wurde jeweils die Chemotherapie (infusionales 5-FU vs. Gemcitabin), welche für 3 Wochen vor und für 12 Wochen nach der Radiatio verabreicht wurde [6]. Das Überleben für Patienten mit Pankreaskopfkarzinom – der primäre Studienendpunkt – war im Gemcitabin-Arm zwar verlängert, diese Differenz (20,5 Monate vs. 16,9 Monate) war jedoch statistisch nicht signifikant (HR 0,82, p=0,09). Eine Aussage zum Stellenwert der adjuvanten Radiatio lässt sich aus dieser Studie jedoch nicht ableiten. Die aktuell verfügbaren Effektivitätsdaten einer kleineren europäischen EORTC-Intergroup-Studie (n=90), die die alleinige adjuvante Gemcitabin-Behandlung mit einer Gemcitabin-basierten Radiochemotherapie verglich, zeigten zudem keinen Vorteil für den Einsatz einer adjuvanten Radiotherapie (krankheitsfreies Überleben: 11 Monate vs. 12 Monate; Gesamtüberleben: 24 Monate vs. 24 Monate) [7].

Basierend auf primär interessanten Effektivitätsdaten monozentrischer Phase-II-Studien zu einem intensiven adjuvanten Radiochemotherapie-Protokoll mit Cisplatin, infusionalem 5-FU und Interferon-alfa wurde eine einarmige, multizentrische ACOSOG-Studie (Z05031) initiiert: diese Studie wurde jedoch nach Rekrutierung von 89 Patienten (geplant n=93) aufgrund von Bedenken bezüglich der Toxizität gestoppt (96% der Studienpatienten mit Toxizitäten ≥ Grad 3) [8]. Auf dem diesjährigen ASCO-Kongress wurde nun eine randomisierte deutsche Studie vorgestellt, die ein vergleichbares Radiochemotherapie-Protokoll mit Cisplatin, infusionalem 5-FU und Interferon-alfa mit einem Standardarm (5-FU/FA Bolusregime über 6 Monate) verglich [9]: insgesamt wurden 110 Patienten randomisiert, das mediane Überleben im Radiochemotherapie-Arm war mit 32,1 Monaten länger als im Referenzarm mit 5-FU/FA (28,4 Monate), dieser Unterschied war statistisch jedoch nicht signifikant (p=0,49). Auch das krankheitsfreie Überleben war nicht signifikant unterschiedlich (24,8 Monate vs. 22,1 Monate, p=0,4302). In Subgruppenanalysen zeigte sich jedoch, dass möglicherweise v. a. R1-resezierte Patienten einen Benefit von der Therapieintensivierung erfahren könnten, zudem war die Lokalrezidivrate im Radiochemotherapie-Arm signifikant reduziert (29% vs. 56%). Insgesamt bleiben aber weiter Bedenken bezüglich der Toxizität dieses Regimes bestehen, und ein Einsatz außerhalb von klinischen Studien oder an nicht-spezialisierten Zentren sollte immer eine Einzelfallentscheidung bleiben.

Aufgrund dieser nicht eindeutigen Datenlage zum Stellenwert der adjuvanten Radiotherapie nach potentiell kurativer Resektion eines Pankreaskarzinoms dürften sich die zukünftigen Therapiestrategien in der postoperativen Behandlung vor allem auf eine Intensivierung der systemischen Chemotherapie konzentrieren (ESPAC-4 Studie: Gemcitabin + Capecitabin vs. Gemcitabin; CONKO-005 Studie: Gemcitabin + Erlotinib vs. Gemcitabin beim R0-resezierten Pankreaskarzinom). Des Weiteren ist sicher auch in der Adjuvanz eine verbesserte Patientenselektion (z. B. mittels prädiktiver Faktoren für die Gemcitabin-Effektivität und -Toxizität) anzustreben.

Auch beim (potentiell) resektablen Pankreaskarzinom existiert durchaus auch eine gute Rationale für den Einsatz einer neoadjuvanten Therapie: die Verträglichkeit einer präoperativen Therapie könnte besser sein als die einer adjuvanten Behandlung, ein Downsizing/Downstaging könnte die chirurgischen Ergebnisse (z. B. R0-Resektionsrate) verbessern, und gegebenenfalls könnten durch den Einsatz einer neoadjuvanten Therapie auch solche Patienten identifiziert werden, die rasch eine systemische Erkrankung entwickeln und daher nicht von einem radikal-chirurgischen Vorgehen profitieren [10]. Da zu dieser wichtigen Fragestellung jedoch randomisierte Studien bisher fehlen, hat ein neoadjuvantes Therapiekonzept außerhalb kontrollierter Studien derzeit im klinischen Alltag keinen Stellenwert. Die interessantesten Daten zu dieser Fragestellung liegen derzeit aus Phase-II-Studien vor, die den Einsatz einer präoperativen Gemcitabin/Platin-basierten Radiochemotherapie untersucht haben [11, 12].


Therapie des lokal-fortgeschrittenen Pankreaskarzinoms

In den letzten Jahren wurde das lokal-fortgeschrittene Pankreaskarzinom zunehmend als eigene Krankheitsentität definiert: basierend auf Subgruppenanalysen mehrerer großer Phase-III-Studien zeigte sich, dass diese Patienten mit einer lokal nicht-resektablen, nicht-metastasierten Erkrankung eine bessere Prognose (medianes Überleben im Bereich von 10 bis 12 Monaten) haben als Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom, jedoch aber nicht von einer Gemcitabin-basierten Kombinationstherapie zu profitieren scheinen [1]. Dies gilt sowohl für Kombinationschemotherapien (z. B. Gemcitabin + Cisplatin oder Gemcitabin + Oxaliplatin), als auch für die Kombination von Gemcitabin mit dem oralen EGFR-Tyrosinkinaseinhibitor Erlotinib [13]. Daher wird derzeit für diese Patientengruppe immer noch die Gemcitabin-Monotherapie als Standardbehandlung international anerkannt [1].

Auch beim lokal-fortgeschrittenen Pankreaskarzinom ist – ähnlich wie in der Adjuvanz – der Stellenwert der Bestrahlung derzeit noch nicht eindeutig definiert. Während eine französische randomisierte Phase-III-Studie (Radiochemotherapie mit Cisplatin/5-FU gefolgt von Gemcitabin-Erhaltung vs. alleinige Gemcitabin-Monotherapie) keinen Überlebensvorteil für eine primäre Radiochemotherapie definieren konnte [14], zeigten die präliminären Daten einer US-amerikanischen ECOG-Studie (E4201) eine mögliche Verlängerung des Gesamtüberlebens für den Einsatz einer Gemcitabin-basierten Radiochemotherapie vs. einer alleinigen Gemcitabintherapie (11,0 Monate vs. 9,2 Monate, p=0,034) [15]. Die Remissionsraten und das progressionsfreie Überleben waren in den beiden Therapiearmen der ECOG-Studie jedoch nahezu identisch; außerdem wurde diese multizentrische Studie aufgrund der schlechten Rekrutierung nach dem Einschluss von 74 Patienten gestoppt (initiales Rekrutierungsziel: n=316), und es fand sich eine unerwartet hohe Rate an Grad 3/4 Toxizitäten von 93% im Radiochemotherapie-Arm. Aufgrund dieser Limitierung lassen jene Daten noch keine definitive Aussage zum Stellenwert der primären Radiochemotherapie beim lokal fortgeschrittenen Pankreaskarzinom zu [16].


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Abb.1: Gruppe A: Patienten mit lokal fortgeschrittenem Pankreaskarzinom, die nach initial 3-monatiger Chemotherapie eine Erkrankungskontrolle erreichten und einer sequentiellen Radiochemotherapie (CRT) zugeführt wurden (medianes Überleben: 15,0 Monate). Gruppe B: Patienten mit lokal fortgeschrittenem Pankreaskarzinom, die nach initial 3-monatiger Chemotherapie eine Erkrankungskontrolle erreichten und dann weiter mit einer alleinigen Chemotherapie (CT) behandelt wurden (medianes Überleben: 11,7 Monate) (aus Huguet F et al, J Clin Oncol 2007; 25: 330) [17])

Ein innovatives Konzept zur multimodalen Therapie des lokal-fortgeschrittenen Pankreaskarzinoms wurde 2007 erstmals von der französischen GERCOR Studiengruppe postuliert [17]: basierend auf den retrospektiven Daten aus einer gepoolten Analyse von GERCOR Phase-II- und Phase-III-Studien konnten die Autoren zeigen, dass für Patienten bei denen mittels einer initialen alleinigen Chemotherapie eine Erkrankungskontrolle (Remission oder stabile Erkrankung) erreicht werden kann, ein Überlebensvorteil durch den dann sequentiellen Einsatz einer Radiochemotherapie erzielt werden könnte (vs. der alleinigen Fortführung der Chemotherapie) (Abbildung 1). Dieses Konzept wurde bisher in mehreren Phase-II-Studien beim lokal fortgeschrittenen Pankreaskarzinom prospektiv untersucht. Daten aus randomisierten Studien zu diesem Vorgehen fehlen jedoch noch, so dass dieser interessante Ansatz (außerhalb kontrollierter klinischer Studien) derzeit noch nicht als ein Therapiestandard angesehen werden kann.

In Europa rekrutiert derzeit eine große, vierarmige multizentrische Phase-III-Studie (LAP07-Studie, Leitgruppe: GERCOR; > 900 Patienten), an der sich auch AIO („Arbeitsgemeinschaft für Internistische Onkologie“)-Zentren beteiligen werden. In allen vier Therapiearmen erhalten die Patienten mit lokal fortgeschrittenem Pankreaskarzinom eine primäre Induktionschemotherapie mit Gemcitabin (+/- Erlotinib) über 4 Monate, an die sich bei Patienten ohne Progression dann in zwei Armen eine Capecitabin-basierte Radiochemotherapie anschließt (vs. Fortführung der systemischen Chemotherapie). Primärer Studienendpunkt ist das Gesamtüberleben; außerdem beinhaltet die Studie auch ein translationales Begleitprojekt zur Definition potentieller prädiktiver Faktoren.


Therapie des metastasierten Pankreaskarzinoms

Beim metastasierten Pankreaskarzinom gilt seit 1997 die Gemcitabin-Behandlung als Therapie der Wahl [1]. Nachdem eine Vielzahl von Phase-III-Studien zu einer Gemcitabin-basierten Kombinationschemotherapie keinen Überlebensvorteil gegenüber der Gemcitabin-Monotherapie belegen konnten, wurde eine statistisch signifikante (jedoch klinisch moderate) Verlängerung des Gesamtüberlebens erstmals 2007 für die Kombination von Gemcitabin mit dem oralen EGFR-Tyrosinkinaseinhibitor Erlotinib beschrieben [13]. Durch die Hinzugabe von Erlotinib konnte das mediane Überleben von 5,9 Monate auf 6,2 Monate (1-Jahresüberlebensrate: 23% vs. 17%) verbessert werden (p=0,038). Basierend auf diesen Daten wurde Erlotinib von der EMEA im Januar 2007 zur Therapie des metastasierten Pankreaskarzinoms auch in Deutschland zugelassen. Besonders schienen in der Zulassungsstudie jene Patienten zu profitieren, die unter der Erlotinib-Behandlung ein akneiformes Hautexanthem entwickelten [13].

Diese Daten konnten kürzlich in einer multizentrischen AIO-Studie bestätigt werden: auch in dieser prospektiven Phase-III-Studie hatten Erlotinib-behandelte Patienten mit Hautexanthem ein signifikant verlängertes Gesamtüberleben (8,7 Monate vs. 3,7 Monate, p<0,0001) [18]. Diese Cross-over Phase-III-Studie verglich randomisiert eine Therapiesequenz mit Gemcitabin + Erlotinib (150 mg/d) gefolgt von Capecitabin versus eine Therapie mit Capecitabin + Erlotinib (150 mg/d) gefolgt von Gemcitabin. Die Therapieumstellung auf die Second-line-Behandlung im jeweiligen Studienarm erfolgte bei Therapieversagen der First-line-Therapie (wie z. B. Progress, Toxizitäten, Patientenwunsch), primärer Studienendpunkt war die Zeit bis zum Therapieversagen nach Zweitlinientherapie (TTF2, non-inferiority Design). Diese TTF2 (4,2 Monate vs. 4,4 Monate, p=0,43) war in beiden Armen – ebenso wie das Gesamtüberleben (6,6 Monate vs. 6,9 Monate, p=0,78) – nicht signifikant unterschiedlich. Mehr als 50% der 281 randomisierten Patienten konnten in dieser Cross-over-Studie der prospektiv-definierten Second-line-Chemotherapie zugeführt werden. Diese Daten zeigen, dass auch eine Gemcitabin-freie, Capecitabin-basierte First-line-Therapie – im Rahmen einer definierten Therapiestrategie – beim Pankreaskarzinom zu vergleichbaren Überlebenszeiten führen kann wie die Standardbehandlung mit Gemcitabin.

Auf dem ASCO 2010 wurden zudem auch die ersten Daten der französischen Prodige 4/ACCORD 11 Studie vorgestellt: diese große randomisierte Phase-III-Studie (342 Patienten) verglich bezüglich des primären Endpunktes Überleben eine Gemcitabin-Standardtherapie mit einer experimentellen Kombinationschemotherapie bestehend aus infusionalem 5-FU, Leukovorin, Oxaliplatin und Irinotecan („FOLFIRI NOX“ Schema). Alle Effektivitätsendpunkte konnten durch die FOLFIRINOX-Therapie statistisch signifikant – und klinisch relevant – verbessert werden: Ansprechrate (32% vs. 9%, p=0,0001), progressionsfreies Überleben (6,4 Monate vs. 3,3 Monate, p<0,0001) und Gesamtüberleben (11,1 Monate vs. 6,8 Monate, p<0,0001) [19].

Ein nicht nur wissenschaftlich, sondern auch klinisch wichtiger Aspekt ist sicherlich die Toxizität dieser intensiven 4-fach Kombinationschemotherapie; im Vergleich zu Gemcitabin wurde durch FOLFIRINOX die Rate an Grad 3/4 Neutropenie signifikant erhöht (46% vs. 19%), auch die febrile Neutropenie (5,4% vs. 0,6%) und der Einsatz von G-CSF (43% vs. 5%) war im experimentellen Arm häufiger. Nahezu alle angegebenen nicht-hämatologischen Toxizitäten (wie Neuropathie, Übelkeit, Diarrhoe, Fatigue und Alopezie) waren im FOLFIRINOX-Arm ebenfalls signifikant häufiger – jedoch mit Grad 3/4 Toxizitätsraten < 20%. Für den klinischen Alltag wird diese Therapie daher nur für metastasierte Patienten in gutem Allgemeinzustand (ECOG-Performance- Status 0 oder 1) und ohne signifikante Co-Morbiditäten/Organfunktionseinschränkungen (wie z. B. einer Hyperbilirubinämie) eine mögliche Option darstellen. Trotz der sehr vielversprechenden Effektivitätsdaten muss beim klinischen Einsatz dieser Kombinationschemotherapie sicher auch immer eine optimale supportive Therapie durchgeführt werden und ein engmaschiges Monitoring von Toxizitäten durch erfahrene Behandler erfolgen.


Ausblick: Translationale Forschung beim Pankreaskarzinom

In der Onkologie haben sich in den letzten Jahren zunehmend prädiktive Biomarker für Biologicals auch im klinischen Alltag etabliert (z. B. KRAS-Mutation für anti-EGFR-Antikörper beim kolorektalen Karzinom, aktivierende EGFR-Mutationen für anti-EGFR-Tyrosinkinaseinhibitoren beim nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom). Nachdem beim fortgeschrittenen Pankreaskarzinom (enttäuschenderweise) bisher alle großen randomisierten Studien zu Biologicals wie Cetuximab, Bevacizumab und Axitinib negativ waren [20-22], geraten auch bei dieser Tumorentität translationale Daten für die Definition relevanter prognostischer und prädiktiver Biomarker immer mehr in den wissenschaftlichen Blickpunkt.

Aus den translationalen Daten der Zulassungsstudie (PA.3) für Erlotinib konnten bisher keine relevanten Biomarker definiert werden, jedoch wurden hier nur 181 Tumorblöcke von den insgesamt 569 Studienpatienten akquiriert und der EGFR-Pathway bei diesen Proben molekular-pathologisch charakterisiert [23]. Die AIO Cross-over-Studie (AIO-PK 0104), die erstmalig auf dem ASCO 2010 vorstellt wurde, konnte bisher Tumorblöcke von 204 (73%) der 281 randomisierten Patienten untersuchen und erstmalig zeigen, dass der KRAS-Mutationsstatus beim fortgeschrittenen Pankreaskarzinom möglicherweise mit dem Überleben assoziiert ist (medianes Überleben: KRAS-Mutation = 6,6 Monate vs. KRAS-Wildtyp = 8,0 Monate, p=0,011) [18]. Weitere Analysen zur Charakterisierung molekularer Marker des EGFR-Pathways laufen hier noch.

Für den VEGF-Pathway wurden 2009 erstmals translatio-nale Daten aus der AViTA-Studie (Gemcitabin + Erlotinib vs. Gemcitabin + Erlotinib + Bevacizumab) berichtet: hier konnte ein Polymorphismus im Gen des VEGF1-Rezeptors (SNP rs9582036) als potentieller prädiktiver Marker für einen Überlebensbenefit durch den Einsatz von Bevacizumab charakterisiert werden [24]. Jedoch wurden auch hier nur 154 der 607 randomisierten Patienten in einer post-hoc-Subgruppenanalyse untersucht, so dass diese präliminären Daten noch als Hypothesen-generierend angesehen werden müssen.


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Abb. 2: Prädiktiver Effekt der hENT-1 Expression für die Effektivität (bzgl. dem Endpunkt Überleben) einer adjuvanten Gemcitabin-Chemotherapie in der RTOG 97-04-Studie [25] (aus Farrell JJ et al., Gastroenterology 2009; 136: 193)


Neben der Definition prädiktiver Marker für den Einsatz von Biologicals wird derzeit aber auch intensiv an der Charakterisierung molekularer Faktoren für die Effektivität zytostatischer Therapien (wie z. B. Gemcitabin) geforscht. Im Rahmen der großen RTOG 97-04 Studie zur adjuvanten Radiochemotherapie beim resezierten Pankreaskarzinom, die u. a. den Einsatz einer adjuvanten Chemotherapie mit 5-FU versus Gemcitabin untersucht hat (s. oben), konnten Tumorproben von 229 Patienten auf die Expression des hENT-1 Membranproteins hin untersucht werden [6, 25]. Dieses Transportprotein ist mit für die intrazelluläre Aufnahme von Gemcitabin verantwortlich und konnte in dieser translationalen Analyse als prädiktiver Faktor für die Effektivität einer adjuvanten Gemcitabin-Therapie definiert werden [25]. Bei Patienten mit hENT-1 Expression im Tumorgewebe wurde ein signifikant längeres krankheitsfreies Überleben und Gesamtüberleben beschrieben als bei Patienten ohne hENT-1 Expression; eine Differenz, die jedoch bei 5-FU behandelten Patienten nicht beobachtet wurde (siehe Abbildung 2).

Die zukünftigen Therapiestrategien beim Pankreaskarzinom dürften sich daher zum einen auf einer Weiterentwicklung der zielorientierten Therapie (wie z. B. IGF-1R Antikörper) bei molekular klar definierten Subgruppen konzentrieren [26-28], zum anderen aber auch auf eine weitere Optimierung der zytostatischen Therapie (z. B. durch neue Taxanformulierungen wie nab-Paclitaxel). Auch die Differenzierung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem versus metastasiertem Pankreaskarzinom wird sich zukünftig in den klinischen Studien widerspiegeln: aufgrund der unterschiedlichen Erkrankungsbiologie sind hier z. B. auch innovative Substanzen, die Metastasierungsprozesse inhibieren können (wie die Serinprotease/uPA-Inhibitor WX671), von bedeutendem wissenschaftlichen Interesse [28].

Gerade in der neoadjuvanten und adjuvanten Therapie, sowie in der Behandlung des lokal fortgeschrittenen Pankreaskarzinoms wird zukünftig auch der Stellenwert multimodaler Therapieplanungen (Strahlentherapie, Chemotherapie, Biologicals) durch Daten aus prospektiven klinischen Studien klarer definiert werden können.


Abstract

Stefan Böck, Volker Heinemann, Medizinische Klinik und Poliklinik III, Klinikum der Universität München – Campus Großhadern.

In pancreatic adenocarcinoma progresses in the adjuvant and palliative treatment are currently the main focus of clinical and scientific interest. While there is still no evidence from randomized trials for a neoadjuvant (preoperative) therapy, the adjuvant (postoperative) treatment has been established as an international standard of care. In non-resectable tumors, the locally advanced (non-metastatic) carcinoma of the pancreas is increasingly recognized as a separate biological disease entity requiring specific treatment strategies. In metastatic disease, only the two drugs gemcitabine and the oral EGFR tyrosine kinase inhibitor erlotinib have received regulatory approval to date. Future translational research will help to identify subgroups of patients that are most likely to benefit from the individualized use of biologicals in pancreatic cancer.

Keywords: Biologicals, chemotherapy, pancreatic cancer


3


Dr. med. Stefan Böck

Medizinische Klinik und Poliklinik III
Klinikum der Universität München – Campus Großhadern
Marchioninistr. 15, 81377 München

Tel. 089 / 7095 - 2208
Fax. 089 / 7095 - 5256
E-Mail: stefan.boeck@med.uni-muenchen.de


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  • Pembrolizumab + Lenvatinib: Vielversprechende Ansprechraten bei vorbehandelten fortgeschrittenen Tumoren
  • HNSCC: Pembrolizumab als Monotherapie und als Partner einer Platin-basierten Chemotherapie erfolgreich in der Erstlinie
  • Ösophaguskarzinom: Relevante OS- und PFS-Verlängerung durch Pembrolizumab + Chemotherapie in der Erstlinie
  • 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-024-Studie bestätigen deutliche Überlegenheit für Pembrolizumab mono vs. Chemotherapie beim NSCLC mit hoher PD-L1-Expression
  • Neuer Anti-ILT4-Antikörper zeigt in Kombination mit Pembrolizumab erste vielversprechende Ergebnisse bei fortgeschrittenen Tumoren
  • Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch das fernmetastasenfreie Überleben bei komplett resezierten Hochrisiko-Melanomen im Stadium III
  • HIF-2α-Inhibitor MK-6482 beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom: Vielversprechende Wirksamkeit auch bei Nicht-RCC-Läsionen
  • Neuer Checkpoint-Inhibitor: Vielversprechende erste Studiendaten für Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab in Kombination mit Pembrolizumab