27. Oktober 2015

EHA 2015: Febrile Neutropenie bei Chemotherapie in den Griff bekommen

Ausgabe 09 / 2015

Eine nicht unerhebliche Zahl von Patienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen, erleidet eine febrile Neutropenie, die lebensbedrohliche Infektionen nach sich ziehen kann. Die Dauer und die Häufigkeit einer febrilen Neutropenie lassen sich effektiv eindämmen, wenn rekombinante humane Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktoren (G-CSF) wie Lipegfilgrastim (Lonquex®) eingesetzt werden. Empfohlen wird pro Chemotherapie-Zyklus eine 6-mg-Dosis von Lipegfilgrastim. Sie wird etwa 24 Stunden nach der Chemotherapie subkutan in Abdomen, Oberarm oder Oberschenkel injiziert.

Besonders hoch ist das Risiko einer febrilen Neutropenie bei Patienten ab 65 Jahren und bei Frauen, bei schlechtem Ernährungsstatus, reduzierter Immunfunktion und mangelhaftem Allgemeinzustand. Stark gefährdet sind darüber hinaus Patienten, die unter einer vergleichbaren Chemotherapie schon früher eine schwere Neutropenie durchgemacht hatten oder bereits an einer Neutropenie (unter 1.000 µl) oder einer Lymphozytopenie leiden.

Liegt das Risiko einer Neutropenie über 20%, empfehlen internationale Leitlinien die prophylaktische Gabe eines G-CSF, betonte Dr. Matti Aapron vom Multidisziplinären Onkologischen Institut im schweizerischen Genolier. Pendelt das Risiko einer Neutropenie zwischen 10 und 20%, sollte der Einsatz eines G-CSF je nach Patient abgewogen werden. Keine Prophylaxe ist indiziert, wenn das Risiko weniger als 10% ausmacht.

Trotz der klaren Empfehlungen werden die Leitlinien bei soliden wie nicht-soliden Tumoren nicht streng genug befolgt, wie Aapron auf dem Wiener Symposium beklagte. Den einschlägigen Beweis für dieses Manko lieferte eine Übersichtsstudie, an der 213 deutsche Zentren mit insgesamt 1.928 Patienten beteiligt waren. Die Erhebung sollte Aufschluss darüber geben, in welchem Umfang die EORTC-Guidelines eingehalten oder nicht beachtet werden.

Die Zahlen sprechen für sich: Von den 666 Patienten mit Bronchialkarzinom wurden 86,1% nicht entsprechend den Leitlinien behandelt (versus: 13,9%). Bei den 286 Patienten mit malignen Lymphomen lag das Verhältnis bei 15,8% zu 84,2%. Bei den 976 Patienten mit Mammakarzinom wurden die EORTC-Leitlinien bei 23,7% missachtet. Das Verhalten der Onkologen hat zur Folge, dass einem nicht gerade kleinen Anteil der Patienten die dringend indizierte Therapie mit G-CSF vorenthalten wird, kritisierte Aapron.

 
(kbf)
Symposium „Contemporary Therapeutic Strategies in B-Cell Lymphomas“, anlässlich des 20. Kongresses der European Hematology Association (EHA), 11.06.2015, Wien, Veranstalter: Teva Oncology