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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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05. März 2013

Serie: Onkologische Notfälle - Teil 7

Onkologische Notfälle: Das Tumorlysesyndrom - Prophylaxe und Therapie

A. Jakob, St. Josefsklinik, Medizinische Klinik - Hämatologie und Onkologie, Ortenau Klinikum Offenburg.

Hochwirksame und moderne zielgerichtete Therapien haben in den letzten Jahren das Behandlungsspektrum in der Onkologie erheblich erweitert und zu einer Verbesserung der Prognose von Patienten mit bösartigen Erkrankungen geführt. Im Rahmen der Behandlung kann es zu einer raschen Destruktion des Tumors kommen mit Freisetzung von Abbauprodukten, die den Organismus belasten und gefährden können. Die hierdurch bedingten metabolischen Störungen werden als Tumorlysesyndrom bezeichnet. Das Tumorlysesyndrom wurde bislang v.a. im Zusammenhang mit der Behandlung von Leukämien und schnell wachsenden Lymphomen als bedrohliche Komplikation wahrgenommen. In den letzten Jahren mehren sich die Berichte, dass auch unter den neuen wirksamen Therapien solider Tumoren das Tumorlysesyndrom häufiger auftreten kann, mit der Gefahr einer erhöhten Morbidität und Letalität. Die frühzeitige Risikoabwägung, Erkennung und Therapie des Tumorlysesyndroms müssen daher heute essentielle Bestandteile jeglicher onkologischer Behandlung sein (1).

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Pathogenese und Definition

Durch den raschen und massiven Tumorzellzerfall werden intrazelluläre Komponenten in den Extrazellulärraum freigesetzt. Charakteristisch sind die Entwicklung einer Hyperurikämie, Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie mit begleitender Hypokalzämie sowie Anämie und Azidose. In schweren Fällen können ein akutes Nierenversagen, Krämpfe und/oder lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auftreten.

Zentraler pathogenetischer Faktor für die Schädigung der renalen Funktion ist die Harnsäure, die aus dem Abbau der Purine entsteht und insbesondere im sauren Milieu zu Kristallen präzipitiert (Abb. 1). Die Harnsäurekristalle schädigen die Nierentubuli und führen zur Funktionseinschränkung der Nieren (Uratnephropathie).
 

Abb. 1: Pathogenese des Tumorlysesyndroms.
 

 

Tab. 1: Definition von Labor-Tumorlysesyndrom und dem klinischen Tumorlysesyndrom nach Cairo und Bishop, 2004 (modifiziert nach (2, 3)).
 

Ein Labor-Tumorlysesyndrom liegt vor, wenn innerhalb von 3 Tagen vor bis 7 Tage nach Behandlungsbeginn mindestens 2 der folgenden metabolischen Störungen auftreten: Hyperurikämie (> 8,0 mg/dl), Hyperkaliämie (> 6 mmol/l), Hyperphosphatämie (> 4,5 mg/dl), Hypokalzämie (korrigiertes Ca < 7 mg/dl; ionisiertes Ca < 1,12 mg/dl) oder bei einem jeweils > 25%-Anstieg bzw. -Abfall vom Ausgangswert (Howard et al. halten eine 25% Laboränderung als Diagnosekriterium nicht für relevant genug).

Ein klinisches Tumorlysesyndrom liegt vor, wenn eine Labor-Tumorlyse assoziiert ist mit einem erhöhten Kreatinin oder mit Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen oder Tod. Eine symptomatische Hypokalzämie ist ebenfalls diagnostisch.

Für die klinischen Manifestationen des Tumorlysesyndroms wurde von Cairo und Bishop eine Graduierung vorgeschlagen, die in Tab. 2 dargestellt ist. Die Graduierung ist insbesondere für Studien wichtig, damit die Ergebnisse besser verglichen und Therapieempfehlungen präziser abgestimmt werden können.
 

Tab. 2: Graduierung der klinischen Manifestationen des Tumorlysesyndroms nach Cairo und Bishop.
ON=oberer Normbereich.
 

Epidemiologie

Aufgrund unterschiedlicher Patientenkollektive und mangels standardisierter Kriterien sind die Daten zur Inzidenz des Tumorlysesyndroms sehr variabel und nicht vergleichbar. Retrospektive Analysen weisen darauf hin, dass bei aggressiven Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL) ein Labor-Tumorlysesyndrom in bis zu 42% der Fälle auftritt. Ein klinisch relevantes Tumorlysesyndrom tritt im Rahmen der Behandlung mit einer Frequenz von ca. 5-6% auf (4). Bei sehr aggressiven NHL wie dem Burkitt-Lymphom oder bei akuten lymphoblastischen Leukämien wird eine Tumorlysesyndrom-Inzidenz von bis zu 23,8% berichtet (5). Fast die Hälfte der Patienten mit einem klinisch relevanten Tumorlysesyndrom müssen unbehandelt dialysiert werden, bei einer Letalität von bis zu 15%. Das Tumorlysesyndrom ist somit eine ernste, potenziell lebensbedrohliche Komplikation der modernen Tumortherapie.

Seltener, aber unter den neuen zielgerichteten Therapien zunehmend häufiger, tritt das Tumorlysesyndrom bei indolenten Erkrankungen wie der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) oder bei soliden Tumoren auf. In einer retrospektiven Analyse von 6.137 Patienten mit CLL wurde eine Inzidenz von 0,33% dokumentiert (6). Bei soliden Tumoren mehren sich die Fallberichte, aber es gibt noch keine Angaben zur genauen Inzidenz (1).

Risikofaktoren


Risikofaktoren für die Entstehung eines Tumorlysesyndroms resultieren aus der Biologie des Tumors, der Art der Behandlung und der Begleiterkrankungen. Je aggressiver die Erkrankung und je wirksamer die Therapie, umso höher das Risiko, insbesondere bei begleitender Nierenfunktionsstörung. In Tabelle 3 sind die wichtigsten Risikofaktoren zusammengestellt. Eine internationale Expertengruppe unter der Leitung von M. Cairo von der Columbia University, New York, hat anhand von 63 Parametern mit 36 hypothetischen Fallbeispielen eine Gewichtung der verschiedenen Risikofaktoren vorgenommen und eine entsprechende Odds-Ratio berechnet - unter Anwendung der RAND/UCLA Appropriateness Method, die dazu dient, die Angemessenheit von Therapieentscheidungen mathematisch fassbar zu machen -, so dass Hochrisikopatienten besser identifiziert und frühzeitig behandelt werden können (7). Ein hieraus abgeleitetes Computerprogramm zur Risikoabwägung und Entscheidungshilfe für prophylaktische oder therapeutische Maßnahmen ist in Vorbereitung.
 

Tab. 3: Risikofaktoren für die Entwicklung eines Tumorlysesyndroms in Abhängigkeit von der Biologie der Erkrankung, der Therapie und der Begleitcharakteristika. Einige Faktoren wurden gewichtet und eine Odds-Ratio berechnet mit entsprechender Standardabweichung (SD). Durch Addition der Einzelfaktoren errechnet sich die Gesamtratio und hieraus ergibt sich die Risikokategorie.
NHL=Non-Hodgkin-Lymphom; ALL=akute lymphatische Leukämie; AML=akute myeloische Leukämie; CLL=chronische lymphatische Leukämie; DLBCL=diffuse large B-cell lymphoma; Leukos=Leukozytenzahl/µl.

Durch Berechnung der Gesamt-Odds-Ratio (OR) (Addition der Einzelfaktoren) lassen sich 3 Risikokategorien definieren, wobei in der Hochrisikogruppe die Inzidenz eines klinisch relevanten Tumorlysesyndroms bei über 25% liegen dürfte mit erheblicher Mortalität. Allerdings steht eine prospektive Validierung dieser Risikogruppen an einem größeren Patientenkollektiv noch aus, und für die tägliche Praxis erscheint dieses System zu kompliziert.

Für die tägliche Praxis eignet sich ein einfacheres System besser, das ausgehend von der zu Grunde liegenden onkologischen Diagnose mit wenigen Laborparametern auskommt. 2008 hat eine Gruppe von Experten eine Konsensusempfehlung unter der Leitung von Prof. Coiffier publiziert (8). Tabelle 4 zeigt die von der Gruppe vorgeschlagene Risikostratifizierung. Das Ziel ist die rasche Identifikation von Patienten mit erhöhtem Risiko, die frühzeitig einer intensivierten Überwachung und einer prophylaktischen Therapie zugeführt werden sollten.
 

Tab. 4: Risikostratifizierung ausgehend von der Diagnose.
NHL=Non-Hodgkin-Lymphom; ALL=akute lymphatische Leukämie; AML=akute myeloische Leukämie; CLL=chronische lymphatische Leukämie; DLBCL=diffuse large B-cell lymphoma; Leukos=Leukozytenzahl/µl.
 

Ausgehend von Laborparametern und der klinischen Situation des Patienten haben Howard et al. einen Algorithmus vorgeschlagen, der eine rasche Risikostratifizierung des Patienten erlaubt mit Implikationen zu Monitoring und Therapie (2). Nachdem der Algorithmus im New England Journal publiziert worden ist, scheint er zunehmend international Akzeptanz zu finden, obschon eine prospektive Evaluation aussteht und die Evaluationskriterien nicht scharf definiert sind (Abb. 2).
 

Abb. 2: Assessment und Risikostratifizierung des Tumorlysesyndroms (TLS) (2). Der Algorithmus ermöglicht anhand von Laborparametern und klinischer Evaluation des Patienten zum Zeitpunkt der Diagnosestellung die Risikostratifizierung für die Entwicklung eines Tumorlysesyndroms.
 

Symptomatik

Das klinische Bild ist sehr variabel. Als Leitsymptome können Störungen der Vigilanz (Apathie, Desorientiertheit, Somnolenz), Herzrhythmusstörungen, eine verminderte renale Ausscheidung (Oligurie-Anurie mit Flüssigkeitsretention) und eventuell auch eine Blutungsneigung (Disseminierte intravasale Gerinnung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren im Rahmen des Gewebezerfalls) auftreten. Eine Hypokalzämie manifestiert sich überwiegend durch zerebrale Symptome wie erhöhte Krampfbereitschaft und Verwirrtheit. Plötzliche Todesfälle stehen meist im Zusammenhang mit Elektrolytentgleisungen (Hyperkaliämie und Hypokalzämie) und Herzrhythmusstörungen.

Prophylaxe und Management

Wichtig ist das Erkennen von Patienten mit besonderem Risiko (siehe oben) und ein engmaschiges Monitoring, v.a. zu Beginn einer zytoreduktiven Therapie.

Monitoring

Patienten mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Tumorlysesyndroms sollten engmaschig überwacht werden. Mehrmals täglich sollten die Vitalparameter registriert und tägliche Laborkontrollen durchgeführt werden. Insbesondere auf die Flüssigkeitsbilanz muss geachtet werden mit täglicher Gewichtsbestimmung und bei Bedarf 12-stündlicher Bilanzierung. Wird ein Tumorlysesyndrom klinisch manifest, ist in der Regel die Indikation zur intensiv-medizinischen Überwachung gegeben.

Allgemeine Therapiemaßnahmen

Hydrierung

Mit einer forcierten Hydrierung wird die bestmögliche renale Exkretion der harnpflichtigen Substanzen sichergestellt. Bei Erwachsenen wird eine tägliche Menge von etwa 2.000-3.000 ml/m2 von leicht hypotonen oder isotonen kristallinen Lösungen (5%-Glucose und 0,9%-Kochsalzlösungen im Wechsel) vorgeschlagen. Die Urinausscheidung sollte 100 ml/h nicht unterschreiten und das Körpergewicht nicht wesentlich zunehmen. Zur Forcierung der Diurese wird Furosemid verwendet.

Alkalisierung


Harnsäure zeigt die beste Löslichkeit bei einem pH von 7,5. Die Alkalisierung bringt aber nur Vorteile für die Exkretion von Harnsäure und verhindert nicht die Xanthinnephropathie unter der Gabe von Allopurinol. Die unter Allopurinol anfallenden Stoffe Xanthin und Hypoxanthin sind im Alkalischen sogar geringer löslich. Bei Verwendung der Uratoxidase (Rasburicase), die die Harnsäure in Allantoin spaltet, ist die Alkalisierung ebenfalls nutzlos. Das Risiko für eine Präzipitation von Kalziumphosphat steigt im Alkalischen, und das freie Kalzium im Serum wird durch Alkalisierung zusätzlich gesenkt (daher keine Empfehlung mehr). Zusammenfassend sind die Basismaßnahmen in Tab. 5 dargestellt.
 

Tab. 5: Basismaßnahmen zur Prophylaxe und Therapie eines Tumorlysesyndroms.
 

Therapie mit Allopurinol

Allopurinol hemmt die Xanthinoxidase und somit die Bildung von Harnsäure. Es werden die löslicheren Substanzen Xanthin und Hypoxanthin ausgeschieden (Abb. 3). Allerdings ist Allopurinol potenziell nephrotoxisch, so dass bei Kreatininwerten, die um das 1,5-Fache über der Norm liegen, die Dosis reduziert werden sollte. Es gibt nur wenige kontrollierte Studien beim Tumorlysesyndrom. Bei Patienten mit zu Beginn der Behandlung erhöhten Harnsäurespiegeln konnte in 88% eine Normalisierung erreicht werden, meist in 1-3 Tagen. Bei weiteren 7% konnte ein Abfall der Harnsäure um 1 mg/dl erzielt werden und bei 13% kam es zu einem Anstieg der Kreatininwerte (9). Allopurinol ist in Deutschland nur als orale Applikationsform verfügbar, und es muss auf Interaktionen mit Purinanaloga (z.B. 6-Mercaptopurin oder Azathioprin) geachtet werden. Allopurinol verhindert nicht die Xanthinnephropathie.
 

Abb. 3: Allopurinol hemmt die Xanthinoxidase und verhindert hierdurch die Bildung von Harnsäure, während die Uratoxidase Harnsäure zu dem sehr gut löslichen Allantoin spaltet.
 

Therapie mit Rasburicase

Rasburicase ist rekombinant hergestellte Uratoxidase, ein natürliches Enzym, das bei den meisten Säugetieren vorkommt - nicht beim Menschen -, und die Umwandlung von Harnsäure zu dem sehr gut löslichen Allantoin bewirkt (Abb. 3). Hierdurch kommt es zu einer raschen Elimination der Harnsäure aus dem Serum. Allantoin ist 10-fach besser wasserlöslich als Harnsäure und wird renal ausgeschieden. An 29 gesunden Männern und in 3 Phase-I/II-Studien konnte die Wirksamkeit belegt und eine gute Verträglichkeit dokumentiert werden.

In einer randomisierten Studie hat sich Rasburicase als deutlich effektiver als Allopurinol gezeigt (10). Bereits 4 Stunden nach Gabe von Rasburicase konnte der Harnsäurespiegel um 86% gesenkt werden (vs. 12,1% mit Allopurinol, Abb. 4). Eine Hyperurikämie konnte zu 99% wirksam durch Rasburicase verhindert werden. Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion kam es innerhalb von 12 Stunden zu einer Verbesserung des Serumkreatininwertes.
 

Abb. 4: Vergleich der Wirksamkeit von Rasburicase und Allopurinol: Rasburicase senkt den Harnsäurespiegel bereits 4 Stunden nach Therapiebeginn um 86% (10).
 

Rasburicase wurde v.a. bei Kindern und Erwachsenen mit akuten Leukämien und hochmalignen NHL erprobt. Jeha et al. haben die Daten von 1.069 Patienten (682 Kinder und 387 Erwachsene) zusammengefasst. In nahezu 100% wurde eine effektive Harnsäuresenkung erzielt, sowohl bei prophylaktischer Anwendung bei Hochrisikopatienten als auch bei der Therapie von Patienten mit Hyperurikämie (11). Die Therapiedauer lag im Mittel bei 3 Tagen. Im Vergleich mit historischen Daten konnte bei vergleichbarer Erkrankung und onkologischer Therapie die Rate an dialysepflichtigen renalen Komplikationen und die Mortalität signifikant reduziert werden.

Die französische GELA-Studiengruppe konnte bei 100 Patienten mit aggressiven NHL ein Ansprechen von 100% dokumentieren ohne Nebenwirkungen (12). Bei 81% der Patienten war eine Therapie über 3 Tage ausreichend, 10% benötigten 4 Tage und 4% 5-6 Tage.

Rasburicase ist gut verträglich

Die Substanz ist sehr gut verträglich. Als häufigste Nebenwirkungen wurden beschrieben: Fieber (6,8%), Übelkeit (1,7%), Erbrechen (1,4%), Diarrhoe (0,9%), Kopfschmerzen (0,9%) und allergische Reaktionen (0,6%). Bei Patienten mit einem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel sollte Rasburicase vermieden werden, wegen der Gefahr der Induktion einer Hämolyse und Methämoglobinämie (einzige Kontraindikation).

Behandlungsschema und -dauer

Rasburicase wird in einer Dosierung von 0,2 mg/kg/Tag als 30-Minuten-Kurzinfusion appliziert. Die bisher empfohlene Behandlungsdauer war mit 5-7 Tagen angegeben. Allerdings mehren sich Daten, dass auch kürzere Behandlungen über 1-3 Tage effektiv sein können (18). In den oben zitierten Studien waren im Mittel 3 Tage Therapie erforderlich. Trifilio et al. haben bei 43 Erwachsenen, die unter einer aggressiven Chemotherapie standen und erhöhte Harnsäurespiegel zeigten, eine fixe Einzeldosis von 3 mg Rasburicase appliziert. Der Harnsäurespiegel konnte um 43-65% gesenkt werden. Bei nur 6 Patienten war eine zweite Dosis erforderlich und bei keinem Patienten kam es zu einer schweren renalen Dysfunktion, allerdings zeigte sich bei 4 Patienten ein Kreatininanstieg (13). Die gleichen Ergebnisse hat die Mannheimer Studiengruppe anhand von 26 Patienten mit hämatologischen Neoplasien publiziert (14). Eine Einmal-Gabe von 3 mg war in den meisten Fällen ausreichend, allerdings nicht bei Patienten mit progredienter Erkrankung und anhaltender Tumorlyse und auch nicht bei Patienten mit vorbestehender chronischer Niereninsuffizienz.

Wichtig ist auch zu berücksichtigen, dass der im Labor gemessene Harnsäurespiegel unter einer Therapie mit Rasburicase unter Umständen nicht mit dem in-vivo übereinstimmt, da bei längerem Probentransport und nicht sofortiger Bearbeitung geringe Mengen der zirkulierenden Rasburicase ausreichen, um in der Blutprobe einen fortwährenden Abbau der Harnsäure zu bewirken (bei einer Verzögerung um 1 Stunde sinkt der Harnsäurewert um 20%) (19). Die Blutprobe muss daher sofort bearbeitet werden oder gekühlt aufbereitet werden.

Die derzeit empfohlene Dosierung beträgt 0,15-0,2 mg/kg Körpergewicht 1x täglich als Kurzinfusion mit einer Behandlungsdauer von bis zu 7 Tagen. Die Dauer der Behandlung sollte sich an der klinischen Situation und am adäquat bestimmten Harnsäurespiegel orientieren.

Zulassungsstatus

Rasburicase (Fasturtec®) ist in Deutschland zugelassen zur Prophylaxe und Behandlung einer akuten Hyperurikämie, zur Verhinderung eines akuten Nierenversagens bei Patienten mit hämatologischen Malignomen mit einer hohen Tumorlast und dem Risiko einer raschen Tumorlyse oder -verringerung nach Beginn einer Chemotherapie. Rasburicase hat seit 2001 den Orphan Drug Status in Europa.

In den USA war die Substanz nur in der Pädiatrie zugelassen. Im Oktober 2009 hat die amerikanische Zulassungsbehörde FDA Rasburicase für das initiale Management der Urikämie bei Erwachsenen mit Leukämien, Lymphomen und soliden Tumoren zugelassen, bei denen im Rahmen der Behandlung mit einem Tumorlysesyndrom und Anstieg der Harnsäurespiegel zu rechnen ist. Die Zulassung basiert auf einer Multicenter-Studie (EFC 4978), bei der 275 Patienten mit einem erhöhten Tumorlyserisiko in einen von 3 Therapiearmen randomisiert wurden:

• Arm A: Tag 1-5: Rasburicase (0,2 mg/kg/Tag über 30 min i.v.)
• Arm B: Tag 1-3: Rasburicase und Tag 3-5: Allopurinol 300 mg/Tag p.os
• Arm C: Tag 1-5: Allopurinol

Die Arme, die Rasburicase enthielten, zeigten ein signifikant effektiveres Absenken der Harnsäurespiegel als im Allopurinolarm (p=0,0009). Arm A und B waren nicht signifikant unterschiedlich und es zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Tumorlysesyndrom-Inzidenz (16). Erstmals wurde in dieser Studie die kombinierte Therapie mit Rasburicase und Allopurinol geprüft.

Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie und Hypokalzämie werden jeweils entsprechend der allgemeinen Therapieempfehlungen der Intensivmedizin behandelt.

Fazit

Hochwirksame und moderne zielgerichtete Therapien in der Onkologie können mit einem massiven Tumorzellzerfall verbunden sein, der zu einer lebensbedrohlichen metabolischen Entgleisung führen kann. Ein adäquates supportivtherapeutisches Management muss essenzieller Bestandteil jeder onkologischen Therapie sein und sollte auch Maßnahmen zur Prophylaxe und Therapie des Tumorlysesyndroms beinhalten. Die rekombinante Uratoxidase hat in den letzten Jahren das therapeutische Spektrum erweitert und sollte bei Hochrisikopatienten prophylaktisch und bei jedem manifesten Tumorlysesyndrom therapeutisch eingesetzt werden. Patienten sollten wann immer möglich in Studien eingebracht werden. Derzeit können Patienten, die im Rahmen der Deutschen ALL-Studien behandelt werden und ein hohes Tumorlyse-Risiko haben, in eine Begleitstudie rekrutiert werden, die randomisiert Rasburicase mit Allopurinol vergleicht (www.kompetenznetz-leukaemie.de).

Therapieempfehlungen

Gemäß internationaler und nationaler Leitlinien empfiehlt sich für die Praxis der Prophylaxe (Abb. 5) und der Therapie des manifesten Tumorlysesyndroms (Abb. 6) folgendes Vorgehen (8, 17):
 

Abb. 5: Prophylaxe des
Tumorlysesyndroms (17).
 
Abb. 6: Therapie des manifesten Tumorlysesyndroms (17).
 

Prophylaxe

1. Alle Patienten, die ein Risiko eines Tumorlysesyndroms haben, sollten ein adäquates Monitoring und eine Hydrierung erhalten. Eine generelle Alkalisierung wird nicht empfohlen.
2. Die Patienten sollten bezüglich der Entwicklung eines Tumorlysesyndroms anhand der oben genannten Risikofaktoren eingestuft werden.
3. Patienten mit geringem oder moderatem Risiko erhalten die Basismaßnahmen und Allopurinol. 1-2x täglich Laborkontrollen.
4. Patienten mit hohem Tumorlyse-Risiko erhalten die Basismaßnahmen und Rasburicase. Laborkontrollen alle 6-8 Stunden.
5. Patienten mit geringem oder moderatem Risiko und einer Hyperurikämie sowie Kontraindikationen bezüglich Allopurinol erhalten die Basismaßnahmen und Rasburicase.

Therapie des manifesten Tumorlysesyndroms


1. Alle Patienten erhalten die Basismaßnahmen mit engmaschiger Überwachung, präferentiell auf einer Intensivstation. Laborkontrollen alle 4-6 Stunden.
2. Die Therapie der Wahl ist Rasburicase insbesondere bei Patienten mit Hyperurikämie.
3. Allopurinol kann allenfalls bei Patienten mit normaler Harnsäure in Erwägung gezogen werden.
4. Die Dosis von Rasburicase sollte 0,2 mg/kg/Tag betragen und die Therapiedauer 3-7 Tage.

Weitere Studien sollten die Dosis und die Therapiedauer untersuchen sowie Kriterien finden für das vorzeitige Beenden der Therapie.


 

Dr. med. Andreas Jakob

Chefarzt
Ortenau Klinikum Offenburg, St. Josefsklinik
Medizinische Klinik - Hämatologie und Onkologie
Weingartenstraße 70
77654 Offenburg

Tel.: 0781/472 2501
E-Mail: dr.jakob@gmx.net


Abstract

A. Jakob, St. Josefsklinik, Medizinische Klinik - Hämatologie und Onkologie, Ortenau Klinikum Offenburg

Tumor lysis syndrome is a life-threatening oncologic emergency that may occur spontaneously or in response to anticancer therapy. It is caused by massive tumor cell lysis with the release of large amounts of potassium, phosphate, and nucleic acids into the systemic circulation. This can result in renal failure, seizures, cardiac dysrhythmia and death. Although tumorlysis syndrome develops mostly in patients with non-Hodgkin´s lymphoma or acute leukemia, its frequency is increasing among patients with solid tumors due to new effective targeted therapies. The changing patterns of tumor lysis syndrome as well as its frequency in the the clinical setting result in unnecessarily high rates of illness and fatality. Prophylactic measures are widely available for patients at risk of tumor lysis syndrome, and are considered highly effective. This review of the tumor lysis syndrome summarizes current strategies for definition, risk assessment, prophylaxis and therapy.

Keywords:
Tumor lysis syndrome, hyperuricemia, rasburicase, allopurinol, risk factors, management


Literaturhinweise:

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