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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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29. September 2014

Möglichkeiten der Rekonstruktiven Chirurgie im Kopf-Hals-Bereich

C. Freudlsperger, K. Freier, C. Mertens, J. Hoffmann, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Heidelberg.

Die primäre Rekonstruktion bei Weichteil- und Knochendefekten in der Kopf-Hals-Region ist insbesondere nach ablativer Tumorchirurgie die Grundvoraussetzung zur Wiederherstellung von Ästhetik und Funktion. Mit Erfolgsraten von über 90% stellt der mikrovaskuläre Gewebetransfer hierbei die Therapie der Wahl dar. Heutzutage steht eine große Auswahl unterschiedlicher mikrovaskulärer Transplantate (freier Lappen) zur Verfügung, wobei für die Auswahl der jeweiligen Technik neben der Größe und der Beschaffenheit des zu rekonstruierenden Gewebes auch der Gesundheitszustand und die Prognose des Patienten eine entscheidende Rolle spielt. Insgesamt sollte der Erhalt der Lebensqualität des Patienten im Vordergrund stehen. Gerade nach Resektion im zahntragenden Bereich stellt ferner die kaufunktionelle Wiederherstellung eine Herausforderung dar, die in der Regel die Insertion dentaler Implantate zur Verankerung eines Zahnersatzes notwendig macht.

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Für die Rekonstruktion bei Defekten der Kopf-Hals-Region stellt der mikrovaskuläre Gewebetransfer (freie Lappen) in der Regel die Therapie der Wahl dar. Neben der Wiederherstellung von Hart- und Weichgewebsdefekten nach ausgedehnten Traumata, Bestrahlungs- oder Medikamenten-induzierten Kieferosteonekrosen, werden mikrovaskuläre Transplantate vor allem für die Wiederherstellung der Ästhetik und Funktion nach ablativer Tumorchirurgie von Kopf-Hals-Tumoren verwendet. Unter Kopf-Hals-Tumoren versteht man eine Gruppe von bösartigen Neubildungen, die ihren Ursprung in der Regel an den Schleimhäuten der Mundhöhle, des Rachens und des Kehlkopfes nehmen und bei denen es sich in über 90% der Fälle um Plattenepithelkarzinome handelt.

Für die bösartigen Neubildungen der Mundhöhle und des Rachens geht das Robert-Koch-Institut für das Jahr 2014 von circa 13.800 (9.900 Männer; 3.900 Frauen) Neuerkrankungen in Deutschland aus, womit diese Krebserkrankungen bei den Männern die sechsthäufigste Krebsentität darstellen (1).

Ziel der Behandlung von Kopf-Hals-Tumoren ist es zum einen eine dauerhafte oder möglichst lange loko-regionäre Tumorkontrolle bei zum anderen geringen funktionellen oder ästhetischen Beeinträchtigungen zu erreichen. Als wichtigste Funktionen sollen dabei die Artikulation, Phonation sowie die Kau- und Schluckfunktion erhalten oder wiederhergestellt werden. Nach tumorchirurgischen Eingriffen im Bereich der Zunge und des Mundbodens ist für die Sprach- und Schluckfunktion der Erhalt einer beweglichen Zunge, die in der Lage ist in Kontakt mit dem Gaumen zu treten, essentiell (2).

Aufgrund der fehlenden Evidenz zur Frage der definitiven Lokaltherapie soll die Entscheidung zur chirurgischen Therapie unter Berücksichtigung der Erreichbarkeit tumorfreier Resektionsgrenzen und der postoperativen Lebensqualität getroffen werden (3, 4). In Anbetracht vergleichbarer loko-regionärer Kontrollraten nach primärer Radiochemotherapie, muss ein hoher Anspruch an die postoperative Funktionalität nach komplexen Tumorresektionen mit anschließender Rekonstruktion gestellt werden. Die Diskussion, ob eine nicht-chirurgische Therapie im Vergleich zur chirurgischen Therapie mit einer höheren Lebensqualität verbunden ist, wird weiterhin kontrovers diskutiert (5).

Die Rekonstruktion bei Hart- und Weichgewebsdefekten der Kopf-Hals-Region nach ablativer Tumorchirurgie hat mit der Einführung des mikrovaskulären Gewebetransfers signifikante Fortschritte erfahren. Diese ermöglicht heute, mit Erfolgsquoten von circa 90 bis 95%, bei überschaubarem Aufwand und nur unwesentlicher zusätzlicher Belastung des Patienten, zuverlässig vorhersagbare Therapieergebnisse (6). Im Vergleich zu den klassischen gestielten Transplantaten erlaubt der freie Gewebetransfer im Hinblick auf Form und Funktion eine individuelle Anpassung des Gewebes an den Defekt.

Für die Entnahme eines mikrovaskulären Transplantats zur Kopf-Hals-Rekonstruktion stehen etwa 15 Spenderregionen zur Verfügung, wobei die Wahl des jeweiligen Transplantats neben der Größe und Beschaffenheit des zu rekonstruierenden Gewebes von zahlreichen patientenassoziierten Parametern abhängig ist. Hier sind sowohl Nikotin- und/oder Alkoholkonsum, kardiovaskuläre Risikofaktoren als auch broncho-pulmonale Begleiterkrankungen von entscheidender Bedeutung (7). Letztendlich muss bei der Wahl des Transplantats auch der Gesamtprognose des Patienten Rechnung getragen werden.

Ausgedehnte Voroperationen am Hals, Infektionen, ein allgemein schlechter Gefäßstatus oder eine erfolgte Strahlentherapie der zu rekonstruierenden Region limitieren die Möglichkeiten einer mikrochirurgischen Rekonstruktion (8). Hier stellen die gefäßgestielten Transplantate wie der Pectoralis-major- und der Latissimus-dorsi-Lappen noch eine Alternative zu den mikrovaskulären Transplantaten dar.

Trotz der großen Auswahl an unterschiedlichen Transplantaten haben sich bestimmte Lappentypen wie insbesondere der radiale Unterarmlappen als sog. "Arbeitspferde" für die Kopf-Hals-Rekonstruktion bewährt. Der radiale Unterarmlappen (Radialislappen) zeichnet sich durch die Möglichkeit einer hervorragenden Modellierbarkeit, eine geringe Dicke und einen langen kaliberstarken Gefäßstiel aus und eignet sich besonders zur Rekonstruktion bei flachen, wenig Volumen fordernden Defekten an den mobilen Abschnitten der Mundhöhle. Als nachteilig wird die Entnahmestelle des Lappens angesehen, die an einer ästhetisch exponierten und funktionell beanspruchten Körperregion liegt und in der Regel mit einem Spalt- oder Vollhauttransplantat abgedeckt werden muss.

In den letzen Jahren wird im zunehmenden Maße der Anterolaterale Oberschenkellappen (ALT-Lappen) aufgrund seiner geringen Entnahmemorbidität als Alternative zum Radialislappen eingesetzt (9). Der ALT-Lappen kann als subkutaner, fasziokutaner oder muskulokutaner Lappen gehoben werden und ist aufgrund seiner adäquaten Gefäßstiellänge und seiner variablen Größe insbesondere bei voluminösen Defekten zur Rekonstruktion geeignet (Abb. 1). In einer eigenen Untersuchung von 41 ALT-Lappen zur Kopf-Hals-Rekonstruktion wurde eine durchschnittliche Transplantatgröße von 67 cm2, eine Gefäßstiellänge von 11 bis 16 cm und eine Erfolgsrate von 93% beschrieben (10). Zusätzlich konnte in allen Fällen ein primärer Wundverschluss im Bereich der Entnahmestelle durchgeführt werden.

Für die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie kommt gerade der Rekonstruktion des Kieferknochens und der damit verbundenen Möglichkeit zur kaufunktionellen Rehabilitation eine besondere Rolle zu.

 

Abb. 1: Zungenrekonstruktion mit ALT-Transplantat. (A) Präoperative Ansicht eines Plattenepithelkarzinoms im Bereich des rechten Zungenrandes.(B) Intraoperative Ansicht nach Tumorresektion im Sinne einer Hemiglossektomie. (C) Fasziomyokutanes ALT-Transplantat mit Gefäßstiel. (D) Postoperative Ansicht der Zungenrekonstruktion nach mikrochirurgischer Gefäßanastomose.
 

Rekonstruktion bei Defekten des Unterkiefers

Wenn die Tumorresektion eine Entfernung des Kieferknochens erforderlich macht, sollte in geeigneten Fällen die Kontinuität des Unterkiefers durch kastenförmige Resektion oder Resektion der Innenspange erhalten werden. Kontinuitätserhaltende Resektionen sind in aller Regel dann möglich, wenn der makroskopische Tumorabstand zum Unterkiefer mehr als 5 mm beträgt oder wenn im Falle klinisch direkt anliegender Tumoren die intraoperative Schnellschnittuntersuchung am Periost keinen Tumorbefall aufweist (11). Selbst bei Beteiligung des Periostes kann in geeigneten Fällen die Kontinui-tät des Unterkiefers erhalten werden, wenn weder in der Bildgebung noch im intraoperativen Befund eine Arrosion der Kortikalis erkennbar ist (12).

Ist eine Segmentresektion nicht vermeidbar, so kann durch eine adäquate Rekonstruktion des Unterkiefers mit einem mikrovaskulären Knochentransplantat eine mit kontinuitätserhaltenden Techniken vergleichbare Lebensqualität erreicht werden (13). Ein Ausbleiben einer Unterkieferrekonstruktion führt häufig zu Störungen des physiologischen Schluckvorgangs, was für die Patienten unter Umständen eine Ernährung über eine PEG-Sonde notwendig macht und/oder ein dauerhaftes Tracheostoma zur Aspirationsprophylaxe erfordert.

Für die Nomenklatur bei Defekten des Unterkiefers finden unterschiedliche Klassifikationen ihren Einsatz, wobei sich die HCL-Einteilung nach Jewer international durchgesetzt hat (14). Mit "H" wird hierbei ein hemimandibulärer Kontinuitätsdefekt bezeichnet, der sich von der Symphyse bis zum Kondylus ausdehnt. Bei "C" handelt es sich um einen zentralen Kontinuitätsdefekt, der sich bis zu den Eckzähnen erstreckt und "L" stellt einen lateralen Kontinuitätsdefekt dar, der vom Eckzahn bis zur Gelenkfortsatzbasis unter Aussparung des Kondylus reicht.

Diese Einteilung berücksichtigt die Tatsache, dass die Resektion von Teilen des Unterkiefers an unterschiedlichen Lokalisationen mit verschiedenen Funktionsstörungen im orofazialen und stomatognathen Systems verbunden sind. So können postero-laterale Unterkieferkontinuitätsdefekte (Corpus und Ramus ascendens mandibulae) vorübergehend mit Titan-Rekonstruktionsplatten überbrückt werden, wobei auch hier im Langzeitverlauf das Risiko der Plattenexposition oder -fraktur berücksichtigt werden muss. Im Gegensatz dazu, führen Kontinuitätsdefekte im anterioren Segment zu erheblichen Störungen des Atmens und Schluckens und erfordern in der Regel mikrovaskuläre Knochentransplantate, da hier die Verwendung von Rekonstruktionsplatten mit einer äußerst hohen Rate an Plattenexpositionen verbunden ist (15).

Bei der Wiederherstellung von Unterkieferkontinuitätsdefekten zeigen sich die Limitationen avaskulärer, autologer Transplantate. Während sie bei der Wiederherstellung relativ kurzer Kontinuitätsunterbrechungen noch zu zuverlässigen Ergebnissen führen, ist bei längeren Unterbrechungen eine vorhersagbare Rekonstruktion nicht mehr möglich (16, 17). Zudem ist im bestrahlten Gebiet keine sichere Versorgung der avaskulären Transplantate aus der Umgebung gewährleistet. Auch eine intraorale Exposition ist mit avaskulären Transplantaten nicht möglich. Daher kommen bei der Rekonstruktion des Unterkiefers freie, mikrovaskulär reanastomisierte Knochentransplantate zum Einsatz. Durchgesetzt haben sich vor allem mikrovaskuläre Fibula-, Beckenkamm- und Skapulatransplantate. Verglichen mit avaskulärem Knochen oder alloplastischen Materialien zeigen sie eine höhere Transplantatüberlebensrate (18) und eine geringere Infektionsrate (17, 19, 20). Zudem sind geringere Knochenresorptionen und eine höhere Knochenstabilität gewährleistet.

Fibulatransplantat

Das osteoseptokutane Fibulatransplantat, erstmalig 1989 von Hidalgo zur Rekonstruktion des Unterkiefers beschrieben (21), bietet sowohl die Möglichkeit ausgedehnte Knochen- als auch kombinierte Knochen- und Weichteildefekte zu versorgen. Osteotomien innerhalb des Knochens erlauben eine Wiederherstellung des Kieferwinkels (Angulus mandibulae) mit der Möglichkeit der Extension bis zur Gelenkgrube (Fossa glenoidalis), falls die Rekonstruktion des Kiefergelenks notwendig ist. Eine relativ dünne Hautinsel, die bis zu einer Größe von 12x 7 cm entnommen werden kann, ist ideal zur 3-dimensionalen intraoralen Weichgewebsrekonstruktion, erfordert jedoch eine parallel zur Knochenachse liegende Orientierung. Der größte Nachteil dieses Transplantats ist jedoch der geringe Knochendurchmesser. Beim zahnlosen Patienten mit atropher Mandibula kann das Transplantat ausreichen, um gleichzeitig die Gesichtskontur zu unterstützen und den Alveolarfortsatz wiederherzustellen. Beim bezahnten Patienten resultiert jedoch ein ausgeprägtes vertikales Defizit zwischen dem nativen, zahntragenden Alveolarfortsatz und dem transplantierten Knochen. Dies kann die spätere Implantatinsertion und damit eine adäquate prothetische Versorgung erschweren. In der Literatur werden verschiedene operative Verfahren zur Kompensation dieser Höhendifferenz beschrieben. So ist u.a. eine Doppelung der Fibula ("double-barrel") möglich (22) (Abb. 2). Dieses Verfahren macht es zwar schwieriger, größere Defekte zu überbrücken, dafür schafft es eine ausreichende vertikale Knochenhöhe für die Verankerung langer Implantate. Andere Verfahren lösen dieses Problem durch Folgeoperationen in Form von Knochenblocktransplantationen oder vertikalen Distraktionen (23, 24).
 

Abb. 2: Unterkieferrekonstruktion mit Fibulatransplantat. (A) Präoperative Ansicht eines Plattenepithelkarzinoms mit Infiltration des Unterkiefers. (B) Röntgenologische Situation nach Unterkieferrekonstruktion mit mikrochirurgischem Fibulatransplantat in "double-barrel" Technik und Insertion dentaler Implantate. (C) Intraorale Ansicht nach Eingliederung eines implantatgetragenen Zahnersatzes.
 

Die Entnahmemorbidität des Fibulatransplantats ist mit vorübergehenden Gangstörungen und Schwellung insgesamt als gering einzuschätzen, jedoch sollte bei der Entnahme etwa 6-8 cm Knochen proximal und distal belassen werden, um die Stabilität des Knie- und Fußgelenks nicht zu gefährden. Vor der Entnahme ist ferner die bildgebenden Darstellung (Angio-CT oder -MR) der arteriellen 3-Gefäß-Versorgung der unteren Extremität obligat, um eine ausreichende Durchblutung des Fußes sicherzustellen.
Beckenkammtransplantat

Wegen seines vor allem in der vertikalen Dimension voluminösen Knochenangebots, stellt dieses Transplantat seit seiner Erstbeschreibung von Taylor 1975 die Methode der ersten Wahl zur Rekonstruktion bei Kontinuitätsdefekten des Unterkiefers dar, die sich bis zur Hälfte des Unterkiefers ausdehnen (25) (Abb. 3). Für das an der A. circumflexa ileum profunda gestielte mikrovaskuläre Beckenkammtransplantat wurden außerdem 2 Weichteilanteile beschrieben, die jeweils zur Deckung von intra- oder extraoralen Weichgewebsdefekten verwendet werden können. Hierbei eignet sich der über den Ramus ascendens der A. circumflexa ileum profunda versorgte dünne M. obliquus internus ideal zur Rekonstruktion der intraoralen Schleimhaut. Da bei der Entnahme der Crista iliaca die hier inserierende Bauchmuskulatur abgelöst werden muss, ist das postoperative Risiko einer Narbenhernie erhöht. Außerdem ist durch die anatomische Nähe des Transplantats zum Peritoneum eine Verletzung intraperitoneal gelegener Organe möglich.
 

Abb. 3: Unterkieferrekonstruktion mit Beckenkammtransplantat. (A) Röntgenologische Ansicht des osseointegrierten Beckenkammtransplantats mit Rekonstruktionsplatte fixiert. (B) Radiologische Kontrolle nach Entfernung des Osteosynthesematerials und Insertion dentaler Implantate.
 

Rekonstruktion bei Defekten des Oberkiefers und des Mittelgesichts

Die Rekonstruktion bei Defekten des Oberkiefers und/oder des Mittelgesichts stellt sowohl in ästhetischer wie auch funktioneller Hinsicht hohe Anforderungen an den Chirurgen. Tumorresektionen im Mittelgesichtsbereich sind für den Patienten und dessen Angehörige nicht nur mit erheblichen funktionellen sondern auch mit einer hohen psychischen Belastung verbunden. Eine umfassende Einteilung von Oberkiefer- und Mittelgesichtsdefekten wurde 2010 von Brown beschrieben. Dabei wird sowohl das vertikale als auch das horizontale Ausmaß berücksichtigt, aus der sich je nach Defekt-Klasse eine klare Empfehlung für das jeweils zur Rekonstruktion am besten geeignete Transplantat ableiten lassen (26).

Die Rekonstruktion des Oberkiefers und des harten Gaumens ist generell mit vaskularisierten Transplantaten oder Obturator-Prothesen möglich. Während die Verwendung von Obturatoren die Dauer der Operation deutlich verringert, kann die Lebensqualität bei schlechter Passung der Prothese mit damit verbundener Durchlässigkeit und Druckstellen am Prothesenrand, Sprachschwierigkeiten oder Flüssigkeitsaustritt aus der Nase deutlich vermindert sein. In der Studie von Moreno wurden nach Resektion des Oberkiefers insgesamt 73 Patienten mit einem Obturator und 40 Patienten mit einem vaskularisierten Transplantat versorgt. Hierbei zeigte sich, dass die Rekonstruktion mit einem vaskularisierten Transplantat zu einem besseren Ergebnis in Bezug auf die Schluckfunktion und die Sprache führte (27). Bei der Verwendung von vaskularisierten Transplantaten zur Oberkiefer- oder Gaumenrekonstruktion dienen Weichgewebs- oder knöcherne Transplantate. Während Weichgewebslappen eine Trennung der Mund- von der Nasenhaupthöhle ermöglichen, kann ein Herabsinken des Transplantats die Versorgung mit einer Prothese unmöglich machen. Dahingegen bieten knöcherne Transplantate die Möglichkeit später dentale Implantate zu inserieren, um darüber einen Zahnersatz zu fixieren.

Skapulatransplantat

Neben dem Fibulatransplantat und dem Beckenkammtransplantat ist der Skapulalappen der erstmals von Swartz 1986 beschrieben wurde, das am häufigsten zur Rekonstruktion des Oberkiefers verwendete Transplantat (28).

Der an der A. subscapularis gestielte Skapulalappen bietet die Möglichkeit ausgedehnte, kombinierte Knochen- und Weichteillappen zu entnehmen (Abb. 4). So kann der laterale Rand der knöchernen Skapula in Kombination mit einem horizontal orientierten Skapula- oder einem vertikal orientierten Paraskapula-Weichteillappen gehoben werden. Zusätzlich kann das Transplantat über die A. thoracodorsalis um den M. latissimus dorsi mit entsprechender Hautinsel erweitert werden. Außerdem kann der sogenannte "Scapula tip" (Angulus inferior scapulae) über den Ramus angularis der A. thoracodorsalis als separates Knochentransplantat entnommen werden.
 

Abb. 4: Oberkiefer- und Mittelgesichtsrekonstruktion mit Skapulatransplantat. (A) Intraorale Ansicht vor Rekonstruktion. (B) Stereolithographisches Modell zur Darstellung der Defektgröße. (C) Gehobenes Skapulatransplantat und Anpassung an den Defekt. (D) Röntgenologischer Nachweis der Osseointegration des Skapulatransplantats. (E) Virtuelle implantologische Planung. (F) Intraorale Ansicht nach Eingliederung eines implantatgetragenen Zahnersatzes.
 

Der Skapulalappen zeichnet sich gerade im Vergleich zum Beckenkammtransplantat durch einen längeren Gefäßstiel aus, was gerade bei der Rekonstruktion des Oberkiefers von Vorteil ist.

Der wesentliche Nachteil dieses Transplantats liegt in der Notwendigkeit, den Patienten nach der Tumorresektion und Gefäßpräparation umzulagern, was eine parallele Präparation des Lappens unmöglich macht. Auch wenn der Skapulalappen als osteokutanes Transplantat zur Rekonstruktion des Unterkiefers verwendet werden kann, ist er wegen der Grazilität des Knochens insbesondere für den Ersatz des Oberkiefers geeignet (28).

Mediale Femurkondyle

Für die Rekonstruktion bei knöchernen Defekten, die einerseits zu ausgedehnt sind für avaskuläre Knochentransplantate, jedoch für die Verwendung oben genannter vaskularisierter Knochentransplantate zu klein erscheinen, eignet sich die mikrochirurgische mediale Femurkondyle (Abb. 5). Die vaskularisierte mediale Femurkondyle wurde erstmals von Sakai 1991 beschrieben und findet seitdem ihre Anwendung vor allem in der Hand- und Extremitätenchirurgie (29). Außer Sensibilitätsstörungen auf der medialen Seite des Knies sind keine schwerwiegenden Entnahmemorbiditäten beschrieben. Aufgrund der Möglichkeit die mediale Femurkondyle als osteochondrales Transplantat zu heben, eignet es sich insbesondere zur Rekonstruktion des Kiefergelenks.
 

Abb. 5: Oberkieferrekonstruktion mit medialer Femurkondyle. (A) Röntgenologische Situation vor Oberkieferrekonstruktion. (B) Gehobenes mikrochirurgisches Knochentransplantat von der medialen Femurkondyle. (C) 3-Dimensionale Ansicht des osseo-integrierten Knochentransplantats. (D) Röntgenologische Ansicht nach Insertion dentaler Implantate.
 

Dentale Rehabilitation

Neben der Rekonstruktion des Knochens steht die kaufunktionelle Wiederherstellung im Vordergrund. Oft ist jedoch das Tragen von konventionellen, schleimhautgetragenen Voll- oder Teilprothesen nicht möglich, so dass die Insertion von dentalen Implantaten für eine stabile Verankerung des Zahnersatzes notwendig wird. Ein weiterer Aspekt, der für eine Implantatversorgung spricht, ist die Tatsache, dass Implantate durch die funktionelle Belastung des Knochens dessen Resorption verringern können (30).

Im Gegensatz zum mikrovaskulären Beckenkammtransplantat, welches aufgrund des ausreichenden vertikalen Knochenangebots eine Implantatinsertion in ausreichender Länge ermöglicht, muss unter Umständen beim Fibula- oder Skapulatransplantat eine sekundäre Augmentation mit freien Knochentransplantaten vorgenommen werden. Eine implantatgetragene dentale Rehabilitation ermöglicht einen funktionellen Kauakt, die Unterstützung der Unterlippe und die Wiederherstellung der Ästhetik. Jedoch hängt der Kauakt neben der dentalen Rehabilitation ebenfalls von der verbliebenen oder wiederhergestellten Zungenfunktion ab, die für die Verteilung der Nahrung zwischen den Schneidekanten und Kauflächen der Zähne sowie zum Bolustransport nach pharyngeal benötigt wird.

Fazit

Insbesondere nach ausgedehnter Tumorresektion im Kopf-Hals-Bereich stellt der mikrovaskuläre Gewebetransfer den Goldstandard in der rekonstruktiven Chirurgie dar. Durch den gestiegenen Anspruch an die postoperative Lebensqualität kommt es zu einem erhöhten Bedarf an funktionell und ästhetisch ansprechenden rekonstruktiven Maßnahmen. Hierfür steht je nach Ausdehnung und Struktur des Defekts eine Vielzahl unterschiedlicher mikrovaskulärer Transplantate zur Verfügung.

In der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie spielt vor allem die knöcherne Rekonstruktion des Ober- und Unterkiefers eine wichtige Rolle. Die adäquate kaufunktionelle Rehabilitation erfordert hierbei die Insertion dentaler Implantate zur Verankerung eines Zahnersatzes.

 

 

PD Dr. med. Dr. med. dent. Christian Freudlsperger

Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

Tel.: 06221/56 3444
Fax: 06221/56 4222
E-Mail: Chr.Freudlsperger@med.uni-heidelberg.de



Abstract


C. Freudlsperger, K. Freier, C. Mertens, J. Hoffmann, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Heidelberg

Primary reconstruction in case of defects in the Head and Neck area especially after ablative tumor surgery is mandatory for aesthetic and functional rehabilitation. Introduction of free tissue transfer significantly improved the outcome and represents the gold standard with success rates of over 90%. Today, a broad variety of different free flaps is available, however for the selection of the most suitable flap not only the size and the type of defect has to be taken into account but also the patient’s general health status and his clinical prognosis. The main goal should be to preserve or reconstitute the patient’s quality of life. After resection of the upper or the lower jaw, full reconstruction of the stomatognathic system is challenging and often requires the use of dental implants to fix a dental prosthesis.

Keywords: head and neck cancer, reconstruction, microvascular surgery, fibular free flap, iliac crest free flap, scapular free flap



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