Donnerstag, 19. Oktober 2017
Benutzername
Passwort
Registrieren
Passwort vergessen?

Home
e-journal
Der Aktuelle Fall
CME online
News
Gesundheitspolitik
Fachgesellschaften
Therapiealgorithmen
Videos
Veranstaltungen
Broschüren


Suche
Archiv
Buchbestellung
Newsletter
Probe-Abo
Impressum


journalmed.de


Anzeige:
 
 
Anzeige:
 
 

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
16. Februar 2011

ASH 2010 – Interview

Immunthrombozytopenie: „Romiplostim hat Musik in die Therapie gebracht“

Nach jahrelangem therapeutischen Stillstand hat die Behandlung der Immunthrombozytopenie (ITP) durch die Verfügbarkeit neuer Medikamente wie Romiplostim einen deutlichen Fortschritt erfahren. Professor Dr. med. Mathias J. Rummel, Gießen, erläutert im Gespräch, welche aktuellen Daten auf der 52. Jahrestagung der Amerikanischen Hämatologen (ASH) in Orlando vorgestellt worden sind und wie die Therapie anhand der gerade aktualisierten Leitlinien in der Praxis aussieht.
Anzeige:
 
 
0 Was bedeutet die ITP für die Patienten?

Die ITP ist eine Erkrankung, die sehr erklärungsbedürftig ist, da alle Patienten natürlich unter großer Angst leiden, wenn sie erfahren, dass sie einen Thrombozytenmangel aufweisen. Die größte Angst besteht vor inneren Blutungen. In ausführlichen Gesprächen müssen wir die beste Lösung für den Patienten finden. Es gibt eine Anzahl von Betroffenen, die trotz ITP bei 40.000 bis 50.000 Thrombozyten pro Milliliter und ansonsten ohne Blutungszeichen gut leben können. Die Patienten müssen lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Eine medikamentöse oder andere Therapie ist bei ihnen zum Teil nicht nötig. Es ist eine wichtige Aufgabe des Arztes, dem Patienten dies zu erklären und ihm beizustehen, damit er sich nicht alleingelassen fühlt mit seiner Erkrankung.

Wie wird in Deutschland leitliniengerecht behandelt?

Die aktualisierten Leitlinien in Deutschland beinhalten einige sehr präzise Aussagen, andere Aussagen wiederum lassen viele Interpretationsmöglichkeiten zu. Wenn nachgewiesenerweise eine ITP mit niedrigen Thrombozytenspiegeln vorliegt, wird laut Leitlinien als erster Schritt eine Behandlung mit Kortison eingeleitet. Allerdings erweist sich diese Therapie nicht bei allen Patienten als effektiv. Zum anderen gibt es ebenfalls viele Betroffene, die die hohen Kortisondosierungen, die anfänglich gegeben werden, nicht tolerieren. Nicht selten kommt es zu dramatischen Nebenwirkungen. Dann muss Kortison abgesetzt werden. Wenn Kortison nicht wirkt oder auf Grund der Nebenwirkungen nicht verwendet werden kann, werden die Leitlinien wesentlich unpräziser. Als zweite Therapiewahl stehen die Splenektomie oder andere Immunsuppressiva wie Azathioprin oder Cyclophosphamid zur Verfügung. Da auch diese Medikamente häufig mit schweren Nebenwirkungen verbunden sind, gilt es, die Balance zu finden zwischen Wirkung und Nebenwirkung.

Nun stehen seit einiger Zeit Thrombopoetin-Rezeptor-Agonisten wie Romiplostim zur Verfügung. Welche Bedeutung haben diese für die Therapie der ITP?

Die neuen Medikamente wie Romiplostim haben die Thera-piemöglichkeiten ganz entscheidend verändert, weil sie mit die wirksamsten Medikamente sind. Sie weisen eine höhere Wirksamkeit als die anderen Substanzen auf und sie haben auch eine sehr geringe Nebenwirkungsrate. Also liegen hier ideale Medikamente mit hoher Wirksamkeit bei gleichzeitig geringerer Komplikationsrate vor. Die Leitlinien sind auf diese neue Medikamente eingegangen, haben aber weder in Amerika noch in Deutschland in ihrer aktuellen Fassung eine Gewichtung oder Reihenfolge vorgenommen, da zum Zeitpunkt der Leitlinienerstellung noch keine vergleichenden Studien für die verschiedenen Medikamente vorlagen. Es ist allerdings klar betont worden, dass der höchste Evidenzcharakter, also die größte Datenlage und -sicherheit aus kontrollierten Studien zu den neuen Substanzen wie Romiplostim vorliegen. Deswegen sollten die neuen Substanzen bevorzugt zum Einsatz kommen, weil hier aus jüngsten, hochqualitativen Untersuchungen Daten existieren, die klare Erkenntnisse zu den Wirkungen und Nebenwirkungen ermöglichen.

Letztlich sind im NEJM Daten veröffentlicht, die erstmalig zeigen, dass Romiplostim dem bisherigen Standard of Care überlegen ist. Wie bewerten Sie diese Daten?

In dieser randomisierten Studie konnte der Arzt selbst entscheiden, welche Therapie er als Standard of Care einsetzt. Das Resultat dieser Studie war so interessant, dass es sogar von einem solch hochrangigen Journal wie dem NEJM akzeptiert wurde. Ganz klar kam heraus, dass nur 9% der Patienten im Romiplostim-Arm sich einer Splenektomie unterziehen mussten, während sie im Vergleichsarm 36% der Patienten betraf, mit einem signifikanten Unterschied. Das heißt, dass Romiplostim in der Lage war, die Splenektomie zu ersetzen oder wenigstens zu verzögern. Damit wird eine ganz entscheidende Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten erzielt.

Die zum ASH vorgestellten Subanalysen zeigen weitere wichtige Daten. Zum Besispiel gibt es eine Analyse zu Patienten, die die Krankheit erst ein Jahr oder kürzer haben. Patienten mit dieser Erkrankungsdauer werden sehr genau in den deutschen Leitlinien abgebildet, und es wird empfohlen, bei ihnen die Splenektomie noch nicht zu erwägen, da bei ihnen gut die medikamentösen Therapien empfohlen werden können. Die Subanalyse für diese kurz erkrankten Patienten zeigt ebenfalls eine Überlegenheit von Romiplostim [1].

Was können Sie über die Lebensqualität der Patienten sagen?

Eine weitere, sehr interessante Analyse vergleicht die Lebensqualität von beiden Gruppen. Dies ist von großem Interesse, da die Lebensqualität bisher in Studien kaum beleuchtet wurde. Hier kommt klar heraus, dass die Patienten im Romiplostim-Arm eine bessere Lebensqualität aufwiesen als unter der Standardtherapie. Romiplostim ist einfach wirksamer, und wenn dann die Thrombozyten ansteigen, bedeutet dies für die Patienten eine steigende Lebensqualität. Die Patienten haben wieder mehr Zuversicht, aktiv zu werden, sie finden öfter in den Beruf zurück, sie trauen sich wieder, in den Urlaub zu fahren oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zudem heißt es für die Betroffenen, dass sie weniger Angst und Sorgen vor Blutungen haben. Insofern ist es sehr eindrucksvoll, dass die verbesserte Lebensqualität unter Romiplostim auch in einer kontrollierten Studie belegt werden konnte [2].

Können wir daher zukünftig auf eine Splenektomie verzichten?

Die Datenlage zeigt eine klare Evidenz, dass das Medikament hochwirksam bei Patienten mit Milz ist und dass einer Milzentfernung unter Umständen auch vorgebeugt werden kann. Die Frage ist, ob dies das richtige Vorgehen ist. Das ist eine Frage, die nur in langen Diskussionen mit Patienten besprochen, aber nicht unbedingt beantwortet werden kann. Es sollte dem Patienten erklärt werden, dass die Splenektomie in 60% aller Fälle laut Langzeitdaten zu einer völligen Symptomfreiheit führt. Es ist eine Perspektive für den Patienten zu wissen, dass er – wenn er zu den 60% gehört – in Zukunft ohne Symptome und Medikamente leben kann. Allerdings ist die Sorge der Patienten berechtigt, dass sie zu den 40% gehören, bei denen eine Splenektomie keine Wirkung zeigt oder, dass sie bald einen Rückfall bekommen. Dagegen ist natürlich ein Medikament ein einfacher Versuch, der im Zweifelsfall auch wieder beendet werden kann. Nach einer Milzentfernung kann das Organ nicht einfach wieder ersetzt werden. Diese Entscheidung für eine Behandlungsoption erfordert ausführliche Gespräche mit dem Patienten. Allerdings erleben wir in der täglichen Praxis, dass sich durch die Verfügbarkeit von Romiplostim die Haltung der Betroffenen deutlich zugunsten eines Medikaments geändert hat.

Was sind Ihre Wünsche für die Behandlung der ITP in den nächsten Jahren?

Nach jahrelangem therapeutischen Stillstand hat Romiplostim – wie man es so schön umgangssprachlich sagt – richtig Musik in die Therapie gebracht. Momentan werden mehrere verschiedene Wege und Substanzen geprüft, aber auch neue pathophysiologische Ansätze werden studiert. Ich hoffe, dass wir diese Aufbruchsstimmung nutzen, um auch zukünftig Studien bei dieser Erkrankung durchzuführen, um noch mehr Erkenntnisse zu generieren. Ich bin sehr zuversichtlich, denn einen solchen Wandel in der ITP-Therapie habe ich erst jetzt erlebt, in den letzten zwanzig Jahren war so ein Umschwung nicht in Sicht.

Das Interview führte Bettina Reich

Literatur:
1. Boccia R et al. The Effects of Romiplostim or Standard of Care (SOC) on Splenectomy and Treatment Failure of Patients Who Had Immune Thrombocytopenia (ITP) for Less Than or Equal to One Year, ASH 2010, Abstract 3702
2. Rummel MJ et al. Patient Quality of Life (QOL) In Nonsplenectomized Immune Thrombocytopenia (ITP) Patients Receiving Romiplostim or Medical Standard of Care (SOC), ASH 2010, Abstract 569
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
Anzeige:
 
 
Anzeige:
Zur Fachinformation
 
 
 
Themen
NET
CUP
CML
Nutzen Sie auch die Inhalte von journalmed.de, um sich zu Informieren.
Mediadaten
Hilfe
Copyright © 2014 rs media GmbH. All rights reserved.
Kontakt
Datenschutz
AGB
Fakten über Krebs