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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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10. September 2018

Elektrochemotherapie von inoperablen Hauttumoren und Hautmetastasen

D. Niebel, J. Sirokay, J. Landsberg, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinikum Bonn.

Elektrochemotherapie (ECT) ist eine Therapieoption für nicht operable kutane und subkutane Metastasen verschiedener Tumorentitäten. Dabei wird eine Therapie mit Cisplatin oder Bleomycin mit intraläsionalen elektrischen Impulsen, die die Zytostatika-Aufnahme in die Tumorzelle erhöhen, kombiniert. Etwa 10% aller metastasierten Tumorpatienten entwickeln Hautmetastasen. Diese stellen in der palliativen Situation trotz effektiver neuer medikamentöser systemischer Therapieverfahren wie z.B. Immun-Checkpoint-Inhibitoren eine klinische Herausforderung dar. Für die Patienten sind Hautmetastasen durch sichtbaren Progress der Erkrankung psychisch belastend und gehen häufig mit Symptomen wie Juckreiz, Schmerzen, Blutungen und Geruchsbildung einher. Die ECT kann bei richtiger Indikationsstellung das Armamentarium des Onkologen sinnvoll ergänzen. Wir stellen hier eine Übersicht über Durchführung und den möglichen Einsatz der ECT bei kutanen und subkutanen Metastasen dar.
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Angesichts der Vielzahl verschiedener spezifischer verfügbarer onkologischer Therapieansätze zum heutigen Zeitpunkt soll zu Beginn des Artikels das Grundprinzip der Elektrochemotherapie erläutert werden:
 
Um die Wirkung von verabreichten Zytostatika zu steigern, bedient man sich bei der ECT eines biophysikalischen Verfahrens, das „Elektroporation“ genannt wird. Viele Zytostatika wirken intrazellulär, penetrieren die Zellmembran aber aufgrund molekularer Eigenschaften wie z.B. Hydrophilie nur unzureichend oder unterliegen einer schnellen Wiederausschleusung durch Transporterproteine. Eine Dosissteigerung, um einen höheren Gradienten von extra nach intrazellulär zu erreichen, wäre nur auf Kosten deutlich erhöhter systemischer Toxizität zu erreichen. Um dies zu umgehen, werden durch Anlegen einer Gleichspannung (bis zu 1.000 V) in kurzen Pulsen von 100 µs mittels Nadel- oder Pflasterelektroden im Bereich von kutanen Metastasen oder inoperablen Hauttumoren die Eigenschaften der Zellmembranen der Krebszellen so moduliert, dass die Penetration von lokal oder systemisch applizierten Chemotherapeutika (i.d.R. Bleomycin oder Cisplatin) deutlich gesteigert wird (Abb. 1) (1). Neben dieser klassischen Wirkungsweise wird auch ein gefäßhemmender Effekt beschrieben, der insbesondere bei gut vaskularisierten Tumoren eine Rolle spielen kann (2). Dieses Verfahren wurde erstmalig bei Patienten mit fortgeschrittenen Hals- und Kopf-Tumoren eingesetzt (3) und im Verlauf wurde die Wirksamkeit durch die lokale Erhöhung der Zytotoxizität an Metastasen verschiedenster Tumoren gezeigt (4). Erste klinische Studien in Hauttumoren wurden Anfang der 1990er an Patienten mit kutanen Plattenepithelkarzinomen (cSCC) durchgeführt. Die Wirksamkeit ist insbesondere in kleinen Läsionen bis 2 cm hoch, mit wachsender Erfahrung der behandelnden Zentren wurden aber auch deutlich größere Läsionen der ECT zugeführt. In solchen Fällen ändert sich die praktische Durchführung u.a. in Form der verwendeten Elektroden (siehe Textabschnitt Elektroden).
 
Theoretisch denkbar, jedoch technisch aufwändig ist eine Anwendung auch in endoskopisch erreichbaren Tumoren und Metastasen wie z.B. stenosierenden Sigmakarzinomen (5), der Fokus dieser Arbeit sollen aber, wie oben bezeichnet, kutane Läsionen sein.
 
 
bb 1: Wirkprinzip der ECT (mod. nach (1)). Applizierte Zytostatika erreichen schwerlich das Zellinnere, folglich ist die zytotoxische Wirkung auf Tumorzellen eingeschränkt. Durch Anlage einer Gleichspannung in hochfrequenten Pulsen können die Eigenschaften der Zellmembran so verändert werden, dass eine gesteigerte Permeation des Wirkstoffes möglich ist („Elektroporation“). Folglich gelangt der Wirkstoff an seinen Zielort und kann zur gewünschten Zytolyse führen.
bb 1: Wirkprinzip der ECT

 
 
Elektroden
 
Abhängig von der Ausdehnung, Tiefe und Anzahl der zu behandelnden Läsionen können unterschiedliche Elektroden verwendet werden:

Typ I: Plattenelektroden: für kleine/oberflächliche Läsionen
Typ II: Nadelelektroden mit paralleler Ausrichtung in 4 mm Abstand: für dickere/tiefere Läsionen bis 1 cm Tiefenausdehnung
Typ III: Nadelelektroden in hexagonaler Anordnung: Für Tumoren mit Durchmesser > 1 cm
 
 
Durchführung
 
Das Verfahren wird in Analgosedierung oder Vollnarkose durchgeführt, da es durch die elektrischen Impulse zu unangenehmen Muskelkontraktionen kommt und es insbesondere bei Nähe des behandelten Areals zu Gelenken bzw. Periost zu starken Schmerzen während des Verfahrens kommen kann. Hier sollte vor allem die Größe und Tiefenausdehnung des zu behandelnden Areals abgewogen werden, um interdisziplinär mit den anästhesiologischen Kollegen das geeignete Verfahren festzulegen. Wichtigster Prädiktor für stärkere Schmerzen unter Therapie ist insbesondere vorbestehender Schmerz z.B. durch Ulzeration (2).
 
Im Falle einer intravenösen Verabreichung der Zytostatika wird Bleomycin in einer Dosierung von 15.000 IU/m2 KOF verabreicht, das Medikament verteilt sich nach wenigen Minuten im Gewebe und in aller Regel wird ein Zeitfenster von etwa 40 Minuten angegeben, welches für eine ideale Aufnahmekapazität durch Elektroporation zur Verfügung steht (2).

Im Falle einer intratumoralen Gabe wird die Dosierung anhand des Tumorvolumens berechnet, hierbei ist keine Wartezeit zur Medikamentenverteilung notwendig. Die Wahl des Verfahrens (intraläsional vs. systemisch) orientiert sich an der Gesamtzahl der zu behandelnden Läsionen und der zu erwartenden verwendeten Dosis (5). Bleomycin kann sowohl systemisch als auch lokal angewendet werden, Cisplatin in diesem Zusammenhang nur lokal. Es können mehrere Hautareale in einer Sitzung behandelt werden, empfohlen wird eine gute Bilddokumentation vor und nach Therapie sowie eine digitale Aufzeichnung der verabreichten Impulse der Sitzung; dies erfolgt durch die verfügbaren Geräte i.d.R. automatisch, ist aber für eine lückenlose Dokumentation von großer Wichtigkeit. Im Falle des Vorhandenseins großer Gefäße in der Nähe des zu behandelnden Areals kann eine Ultraschall-assistierte Durchführung sinnvoll sein, um eine Gefäßverletzung durch die Elektroden zu vermeiden. Im Falle ulzerierter Hauttumoren kann eine periinterventionelle antibiotische Abdeckung analog einer perioperativen Antibiotika-Prophylaxe (PAP) erwogen werden; hierbei sollten lokale Resistenzen berücksichtigt werden, im Zweifel sollte eine Beratung durch einen Infektiologen erfolgen. Das Risiko einer Infektion scheint durch den Eingriff an sich aber nicht wesentlich erhöht zu sein. Aufgrund des Anästhesieverfahrens bedürfen die Patienten einer anschließenden Überwachung und ggf. einer stationären Betreuung.
 
Zum Wundmanagement kommen gewöhnliche, den Wundverhältnissen angepasste Wundverbände zur Anwendung, spezifische Maßnahmen sind nicht notwendig, Wasserkontakt ist direkt nach der Prozedur möglich. Im Falle ulzerierter Läsionen sind nicht haftende Wundverbände und ggf. antiseptische Wundgele zu empfehlen.
 
Es sollte im Anschluss an die Behandlung auf eine ausreichende analgetische Bedarfsmedikation geachtet werden. Für größere Tumoren bzw. Metastasen ist ggf. eine Wiederholung des Verfahrens in Zyklen notwendig. Zwischen den einzelnen Sitzungen sollte eine Karenz von zumindest 4 Wochen eingehalten werden; nach diesem Zeitraum lässt sich das Ansprechen gut beurteilen und die Möglichkeit einer erneuten Durchführung kann geprüft werden. Generell werden Nachkontrollen zumindest in monatlichen Abständen empfohlen (2). Im Falle ausgedehnter Nekrosen kann ein oberflächliches Debridement notwendig werden.
 

Vorteile und Nachteile
 
Vorteile des Verfahrens werden mit guten kosmetischen Ergebnissen und geringen Patientenbeeinträchtigungen im Vergleich gegenüber chirurgischen Maßnahmen beschrieben. Rezidivierend blutende Tumoren können ebenso wie stark schmerzhafte Läsionen meist rasch kontrolliert werden, somit bietet sich hier in der palliativen Situation eine gangbare Option (5).
 
An Nebenwirkungen sind vor allem lokale Komplikationen zu nennen (Rötung, Schwellung). Daneben treten auch postinterventionell häufig Schmerzen im behandelten Areal und ggf. Muskelschmerzen auf, diese sind jedoch i.d.R. mit NSAR beherrschbar. Eine analgetische Medikation mit Opioiden kann jedoch notwendig sein. Es kann zu Hautnekrosen kommen, welche selten ausgeprägte Ausmaße annehmen, eine Abheilung ist unter fachgerechter Wundversorgung i.d.R. spätestens nach 12 Wochen zu erwarten. Eine Nachsorge in 4-wöchentlichen Abständen ist wie oben beschrieben zur Abwendung vermeidbarer Komplikationen notwendig. In den meisten Studien wird betont, dass schwerwiegende Nebenwirkungen sehr selten auftreten, was im palliativen Patientenkollektiv ein enorm wichtiges Argument ist (6). Trotz der guten Verträglichkeit sind der technische Aufwand und die notwendige Sedierung in Allgemein- oder Regionalanästhesie durch die unangenehm empfundenen Muskelkontraktionen durch die Stromimpulse Nachteile der ECT.
 
Es sollte erwähnt werden, dass das Vorhandensein eines Schrittmachers bzw. ICD (implantable cardioverter-defibrillator) eine Kontraindikation für eine Behandlung im thorakalen Bereich darstellt. Im Falle einer Behandlung im Bereich des Thorax sollte ein EKG zum Ausschluss von vorbestehenden kardialen Arrhythmien erfolgen. Im neuesten „Standard Operating Procedure“ (SOP) zur Durchführung einer ECT wird allerdings ein kardiales Device nur als Kontraindikation betrachtet, wenn das -Behandlungsareal in unmittelbarer Nähe des Gerätes liegt (2). Gegebenenfalls kann das Device/ICD unter kardiologischer Unterstützung zeitlich befristet abgeschaltet werden, um eine ECT zu ermöglichen.


Monitoring unter Therapie
 
Vor Einleitung einer entsprechenden Therapie müssen Kontraindikationen ausgeschlossen sein, die unter fortgesetzter Therapie weiterer Überwachung bedürfen. Hierbei handelt es sich neben bekannten Unverträglichkeiten auf die verwendeten Wirkstoffe und vorbestehender Blutungsneigung (relative Kontraindikation besteht bei Verwendung von Typ II/III-Elektroden falls der Gerinnungswert INR > 1,5 oder die Thrombozytenzahl < 70.000/l beträgt) z.B. um Schwangerschaft und Stillzeit.
 
Im Falle von Bleomycin sollte des Weiteren ausgeschlossen werden:
  • vorherige Administration einer kumulativen Gesamtdosis von > 400.000 IU/m2 KOF
  • Bekannte Lungenfibrose
  • Schwere Niereninsuffizienz
 
Des Weiteren müssen die Patienten einem geeigneten Anästhesieverfahren zugeführt werden können.
 
 
Verfügbarkeit
 
Anhand des o.g. dargestellten Verfahrens wird ersichtlich, dass die Durchführung anspruchsvoll ist und spezialisierten Zentren vorbehalten bleiben sollte. Die Identifikation geeigneter Patienten ist eine herausfordernde Aufgabe und die Indikation sollte im interdisziplinären Tumorboard gestellt werden. Eine Behandlung im Rahmen von Studien ist wünschenswert und notwendig, da trotz mittlerweile mehrjähriger Erfahrung mit der Technik die Datenlage unzureichend ist. Prinzipiell ist die Therapie etabliert und in Deutschland flächendeckend verfügbar. Über die Homepage www.weisse-liste.de der Bertelsmann Stiftung finden sich unter dem Begriff Elektrochemotherapie Einrichtungen in Deutschland. Dies kann eine Hilfe darstellen, um für Patienten eine heimatnahe Behandlung in einem onkologischen Zentrum zu ermöglichen. Eine Kontaktaufnahme mit dem Zentrum vor Zuweisung zur Behandlung ist aus unserer Sicht notwendig, um praktische Abläufe zu klären und Zeitverluste zu vermeiden.
 
 
ECT zur Behandlung von Hautkrebs und kutanen Metastasen
 
Epitheliale Hauttumoren
 
Hautkrebs ist die häufigste Krebserkrankung des Menschen und zeigt eine weiterhin steigende Inzidenz. Insbesondere epitheliale Hauttumoren wie Basalzellkarzinome (BCC) und kutane Plattenepithelkarzinome (cSCC) nehmen als Erkrankung des älteren Menschen im Rahmen des demographischen Wandels stetig zu.
 
Therapie der Wahl ist eine Exzision in sano unter durchgehender histologischer Schnittrandkontrolle (Mikrographisch kontrollierte Chirurgie/MKC). Im Falle von Inoperabilität können bei Basalzellkarzinomen Inhibitoren des Sonic Hedgehog-Signalweges eingesetzt werden, eine Radiatio ist ebenfalls wirksam (7).
 
Die Therapie des inoperablen cSCC ist schwierig. Erste Wahl stellt hier i.d.R. die Strahlentherapie dar. Abhängig von dem zu behandelnden Areal und dem ECOG-Status des Patienten kann diese Therapieform eine große Belastung darstellen, schließlich handelt es sich häufig um hochbetagte bzw. geriatrische Patienten, nicht selten besteht relevante Komorbidität. Für die lokal inoperable und die metastasierte Situation können neben Inhibitoren des EGFR-Signalweges wie z.B. Cetuximab auch klassische Chemotherapeutika (Cisplatin, 5-Fluourouracil) zum Einsatz kommen (8). Die Wirksamkeit von Checkpoint-Inhibitoren (CI) wie Anti-PD-1-Antikörper zur Behandlung von fortgeschrittenen cSCC werden aktuell in klinischen Studien getestet und werden voraussichtlich in den nächsten Jahren eine gut verträgliche Therapiealternative darstellen (9). Ausgedehnte destruierende Befunde oder auch patientenspezifische Situationen erfordern in jedem Fall eine individuelle Herangehensweise. Eine ECT kann in bestimmten Situationen erwogen werden, diese wird in der aktuellen deutschen Leitlinie allerdings im Gegensatz zur europäischen Konsensus-Leitlinie von 2015 nicht explizit genannt (8, 10, 11).
 
Zum Einsatz der ECT in epithelialen Hauttumoren finden sich in der Literatur verschiedene Fallserien. Meist werden ein Ansprechen deutlich über 50% und teilweise anhaltende Remissionen erreicht. Für BCC und cSCC wurde in einer nicht randomisierten Studie sogar eine Komplettremission (CR) in > 80% der behandelten Patienten beschrieben, hier ist die geringe Fallzahl von 113 Patienten zu beachten. BCC scheinen ein sogar höheres Ansprechen zu zeigen als SCC, dies ist allerdings konsistent mit anderen Therapieformen (10, 11). Obwohl die ECT als palliative Option zu betrachten ist, sprechen sich einige Autoren auch für eine mögliche neo-adjuvante Anwendung aus (13).
 
 
Melanom
 
Auch der schwarze Hautkrebs zeigt eine steigende Inzidenz sowohl bei älteren als auch jüngeren Menschen. Während diese Erkrankung früher im fortgeschrittenen Stadium eine infauste Prognose verhieß, gibt es heute zahlreiche neue Behandlungsoptionen, von denen Patienten auch langfristig profitieren können.
 
Das klinische Spektrum der metastasierten Melanomerkrankung ist breit. Während einige Patienten einen raschen Progress mit Befall innerer Organe aufweisen, die vordringlich eine systemische Therapie benötigen, zeigen andere Patienten teilweise über Jahre rezidivierend lokoregionäre kutane Metastasen und In-Transit-Metastasen. Handelt es sich um Einzelläsionen, ist eine vollständige Exzision das therapeutische Verfahren der Wahl. Besteht jedoch eine inoperable disseminierte kutane Metastasierung, kann in einem individuellen Therapieansatz unter Umständen mit intraläsionalen Verfahren ein langfristiger Benefit erreicht werden.
 
„State of the Art“-Therapie des metastasierten Melanoms
 
Die aktuelle Deutsche S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms hält für den behandelnden Arzt mittlerweile in verschiedenen Situationen eine Vielzahl an Therapieoptionen für seine Patienten bereit.
 
Gerade in der Situation des disseminiert kutan metastasierten Melanoms ohne Hinweis auf viszerale Metastasen (Stadium III-IV nach AJCC 2017) bieten sich diverse Optionen. Die Einleitung einer Systemtherapie mit CI (Monotherapie mit Anti-PD-1-Antikörpern ggf. in Kombination mit Anti-CTLA-4-Antikörpern) kann genauso erwogen werden wie im Falle von Patienten mit Nachweis einer aktivierenden BRAF-Mutation die zielgerichtete Therapie mit BRAF-Inhibitoren in Kombination mit MEK-Inhibitoren. Des Weiteren ist speziell für die lokoregionäre Metastasierung auch das onkolytische Virus Talimogen laherparepvec zugelassen, welches lokal in zugängliche kutane Metastasen oder Lymphknotenmetastasen gespritzt wird. Auch eine intraläsionale Therapie mit anderen Immunaktivatoren wie IL-2 ist möglich, tritt aber angesichts oben angeführter Therapieoptionen in den Hintergrund. Weitere intraläsionale Verfahren befinden sich in klinischer Erprobung. Andere Therapiemodalitäten wie eine Bestrahlung oder eine hypertherme Extremitätenperfusion sollten ebenfalls erwähnt werden.
In der beschrieben Situation kann auch die ECT Anwendung finden, die Wirksamkeit bei Melanom-Metastasen ist vergleichbar mit der Behandlung anderer kutaner Metastasen. In einer kürzlich publizerten prospektiven, multizentrischen Studie wurden 151 Melanom-Patienten mit ECT behandelt. Dabei zeigten 74% der Patienten eine komplette bzw. eine Teilremission (14). Die ECT wurde bei 63% der Patienten in Allgemeinanästhesie, bei 24% in Lokal-anästhesie mit Sedierung und bei 13% in alleiniger Lokalanästhesie durchgeführt.
 
In jedem Falle ist darauf hinzuweisen, dass Patienten idealerweise im Rahmen von Studien behandelt werden sollten, da die Evidenzlage hier nicht ausreichend fundiert ist. Die letztgenannte Therapieoption wird in der Leitlinie mit dem Empfehlungsgrad „0“ klassifiziert (15).
 
In der Literatur findet sich ein Fallbericht über einen systemischen antitumoralen Effekt der Behandlung, wie man sie auch für tumorlytische intraläsionale Verfahren z.B. von Talimogen laherparepvec berichtet (16). Hierbei handelt es sich um ein seltenes Phänomen. Die meisten Autoren gehen nicht von einem möglichen systemischen Effekt der Behandlung aus. Nichtsdestoweniger gibt es Fallberichte bzw. retrospektive Auswertungen, die zeigen, dass unter einer kombinierten Therapie in Form von ECT und Immuntherapie z.B. mit CI eine synergistische Wirkungssteigerung im systemischen Sinne auftritt (1). Eine mögliche Erklärung für diesen beschriebenen Effekt ist eine verbesserte tumorspezifische Immunantwort nach vermehrter Antigenpräsentation nach Tumorzellzerfall im Rahmen der Behandlung wie sie z.B. auch unter Kombination mit einer Strahlentherapie beschrieben wird („Abscopal Effect“).
 
Im Falle eines guten Therapieansprechens von Organmetastasen unter Checkpoint-Inhibition, aber unzureichendem Therapieansprechen der kutanen Metastasen kann eine Ergänzung der Systemtherapie um die ECT erwogen werden (2).
 
 
Merkelzellkarzinom
 
Das Merkelzellkarzinom ist ein seltener Hauttumor des älteren Menschen, der ein aggressives Wachstum zeigt und zu früher Metastasierung neigt. Die empfohlene Behandlung ist wie bei anderen Hauttumoren die vollständige Exzision (mit Sicherheitsabstand), zusätzlich wird eine adjuvante Strahlentherapie empfohlen. Prinzipiell sind die Tumoren sowohl Radio- wie auch Chemotherapie sensibel, allerdings dauern Remissionen nach initial gutem Ansprechen häufig nur kurz an. Für die metastasierte Situation ist in Deutschland mittlerweile mit Avelumab ein Anti-PD-L1-Antikörper zugelassen. Nichtsdestoweniger finden sich auch hier Fallberichte in der Literatur, die einen Einsatz der ECT beschreiben, insbesondere bei inoperabler Situation im Kopf-Hals-Bereich kann dies in Erwägung gezogen werden, wenn eine chirurgische Therapie mutilierende Ausmaße bedeuten würde (17, 18).
 
 
Kutane Metastasen
 
Solide Tumoren können im fortgeschrittenen Stadium Hautmetastasen ausbilden, dies betrifft neben der Melanomerkrankung am häufigsten Stadium IV-Erkrankungen epithelialer Tumoren wie Mamma-, Bronchial-, Prostata- oder kolorektales Karzinom. In mehreren klinischen Studien zeigte sich eine Wirksamkeit der ECT in verschiedensten kutanen Metastasen; ein Ansprechen wird in ca. 60-80% der Patienten, eine CR in bis zu 35% der Patienten erreicht (6).
 
Dies bezieht sich allerdings in der Regel auf Tumoren in einer Ausdehnung unter 3 cm, für größere Tumoren werden etwas niedrigere Ansprechraten berichtet (2). Da im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung und einem möglichen bisher fehlenden Ansprechen auf Systemtherapie ein sichtbarer Progress der Erkrankung an der Haut mit einer ausgeprägten psychischen Belastung wie auch mit unangenehmen Symptomen wie Geruchsbildung, Juckreiz, Blutungen und Schmerzen einhergehen kann, kann die ECT hier im Sinne einer Palliation sehr hilfreich sein und sollte, wenn keine Kontraindikationen bestehen, dem Patienten angeboten werden.


Fazit und Ausblick
 
Inoperable kutane Tumoren und Metastasen stellen eine große Herausforderung in der onkologischen Therapie dar. Zusammenfassend kann unter bestimmten Umständen eine Elektrochemotherapie neben anderen Verfahren wie Radiotherapie zur Behandlung von inoperablen kutanen Metastasen und inoperablen Hauttumoren erwogen werden. Die ECT wird in spezialisierten Zentren deutschlandweit angeboten; wichtig ist, potentiell geeignete Patienten zu identifizieren und diese den entsprechenden Behandlungszentren zuzuweisen. Die Indikation ist streng und interdisziplinär, idealerweise in Tumorboards zu stellen, da es sich i.d.R. um eine rein palliative Therapieoption handelt. Wann immer möglich sollte die definitive bzw. kurative operative Therapie im Falle von singulären Metastasen oder epithelialen Hauttumoren bevorzugt werden. Individuelle Patientenfaktoren insbesondere im geriatrischen Patientenkollektiv oder Patientenpräferenz können hier jedoch wichtige Ausnahmen darstellen.
 
Zukünftig könnte das Verfahren durch Abwandlungen an Bedeutung gewinnen. Eine Weiterentwicklung stellt die sog. Elektrogentherapie dar, die das Prinzip der Elektroporation nutzt, um die Permeation von Nukleinsäuren in den Zellkern von Tumorzellen zu verbessern (1). Durch eine veränderte Antigenpräsentation im Sinne einer DNA-Vakzinierung soll eine verbesserte immunologische Tumorantwort erzielt werden, erste klinische Studien laufen bereits.
 
Zusätzlich bieten neue Therapieansätze wie z.B. die intraläsionale Injektion von onkolytischen Viren, die mit Talimogen laherparepvec bereits für das lokoregionär metastasierte Melanom zugelassen sind, vielversprechende, weniger schmerzhafte Therapieoptionen für Hautmetastasen.
 
 
Es besteht kein Interessenkonflikt.

 
Dennis Niebel Dr. med. Dennis Niebel
 
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Universitätsklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53127 Bonn
 
Tel.: 0228/28716637
E-Mail: dennis.niebel@ukbonn.de








 

 
Judith Sirokay Dr. med. Judith Sirokay
 
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Universitätsklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53127 Bonn
 
Tel.: 0228/28716231
E-Mail: judith.sirokay@ukbonn.de










 
Jennifer Landsberg Prof. Dr. med. Jennifer Landsberg
 
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Universitätsklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53127 Bonn
 
Tel.: 0228/28716231
E-Mail: jennifer.landsberg@ukbonn.de





 
ABSTRACT

D. Niebel, J. Sirokay, J. Landsberg, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinikum Bonn.
 

Electrochemotherapy (ECT) is a treatment option for cutaneous and subcutaneous metastases of different tumor entities. It combines chemotherapy with cisplatin or bleomycin with intralesional electrical pulses that enhance drug delivery into the tumor cells. Around 10% of patients with metastatic tumor disease develop skin metastases. Despite effective new systemic treatment options like e.g. immune checkpoint inhibitors, the management of skin metastases is still challenging. Patients with skin metastases suffer psychologically from visible tumor progress and physically from itching, pain, bleeding and odourous lesions. ECT may be a viable option for distinct indications. Here we describe practical aspects and its possible use in cutaneous and subcutaneous metastases.
 

Keywords: Electrochemotherapy, electroporation, intralesional therapy, melanoma, non-melanoma skin cancer (NMSC)
 

 
Literatur:
(1) Calvet CY & Mir LM. The promising alliance of anti-cancer electrochemotherapy with immunotherapy. Cancer Metastasis Rev 2016;35:165.
(2) Gehl J, Sersa G, Matthiessen LW et al. Updated standard operating procedures for electrochemotherapy of cutaneous tumours and skin metastases. Acta Oncologica 2018;57(7):874-882. doi: 10.1080/0284186X.2018.1454602.
(3) Belehradek M, Domenge C, Luboinski B et al. Electrochemotherapy, a new antitumour treatment. First clinical phase I-II trial. Cancer 1993;72:3694-700.
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(5) Mir LM, Gehl J, Sersa G et al. Standard operating procedures of the electrochemotherapy: Instructions for the use of bleomycin or cisplatin administered either systemically or locally and electric pulses delivered by the CliniporatorTM by means of invasive or non-invasive electrodes. EJC Supplements 4 (2006);14-25.
(6) Spratt DE, Gordon Spratt EA, Wu S et al. Efficacy of skin-directed therapy for cutaneous metastases from advanced cancer: a meta-analysis. J Clin Oncol 2014; 32(28)3144-55.
(7) Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). Kurzleitlinie Basalzellkarzinom der Haut, 2012, AWMF Registernummer 032/021. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-021l_S2k_Basalzellkarzinom_2013-verlaengert.pdf (Zugriff am 03.04.2018).
(8) Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). Kurzleitlinie Plattenepithelkarzinom der Haut, 2012, AWMF Registernummer 032/022. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-022l_S2k_Plattenepithelkarzinom_2013-verlaengert.pdf (Zugriff am 03.04.2018).
(9) National Library of Medicine. Study of REGN2810 in Patients With Advanced Cutaneous Squamous Cell Carcinoma. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02760498 (Zugriff am 18.05.2018).
(10) NICE Guidelines. Electrochemotherapy for primary basal cell carcinoma and primary squamous cell carcinoma. https://www.nice.org.uk/guidance/ipg478/resources/electrochemotherapy-for-primary-basal-cell-carcinoma-and-primary-squamous-cell-carcinoma-pdf-1899869938127557 (Zugriff am 03.04.2018).
(11) Di Monta G, Caracò C, Simeone E et al. Electrochemotherapy efficacy evaluation for treatment of locally advanced stage III cutaneous squamous cell carcinoma: a 22‑cases retrospective analysis. J Transl Med 2017;15:82.
(12) Stratigos A, Garbe C, Lebbe C et al. Diagnosis and treatment of invasive squamous cell carcinoma of the skin: European consensus-based interdisciplinary guideline. Eur J Cancer 2015;51:1989-2007.
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(14) Kunte C, Letulé V, Gehl J et al. Electrochemotherapy in the treatment of metastatic malignant melanoma: A prospective cohort study by InspECT. Br J Dermatol 2017; 176(6):1475-85.
(15) Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Melanoms, Langversion 2.0, 2016, AWMF Registernummer: 032/024OL. http://leitlinienprogramm-onkologie.de/Melanom.65.0.html (Zugriff am: 03.04.2018).
(16) Falk H, Lambaa S, Johannesen HH et al. Electrochemotherapy and calcium electroporation inducing a systemic immune response with local and distant remission of tumors in a patient with malignant melanoma – a case report. Acta Oncol 2017;56(8):1126-1131.
(17) Scelsi D, Mevio N, Bertino G et al. Electrochemotherapy as a new therapeutic strategy in advanced Merkel cell carcinoma of head and neck region. Radiol Oncol 2013 Oct 8;47(4):366-69.
(18) Curatolo P, Mancini M, Clerico R et al. Remission of Extensive Merkel Cell Carcinoma After Electrochemotherapy. Arch Dermatol 2009;145(4):494-495.
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