Donnerstag, 24. August 2017
Benutzername
Passwort
Registrieren
Passwort vergessen?

Home
e-journal
Der Aktuelle Fall
CME online
News
Gesundheitspolitik
Fachgesellschaften
Therapiealgorithmen
Videos
Veranstaltungen
Broschüren


Suche
Archiv
Buchbestellung
Newsletter
Probe-Abo
Impressum


journalmed.de


Anzeige:
 
 
Anzeige:
 
 

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
16. Februar 2011

Das tumorassoziierte Fatigue-Syndrom

Manfred E. Heim, Sonnenberg-Klinik Bad Sooden-Allendorf, Petra Feyer, Klinik für Strahlentherapie, Radioonkologie und Nuklearmedizin, Vivantes-Klinikum Neukölln, Berlin

Müdigkeit, Erschöpfung und die Abnahme der Leistungsfähigkeit sind typische Probleme tumorkranker Menschen und können bereits vor der Diagnosestellung beobachtet werden. Fatigue ist jedoch nicht spezifisch für Krebserkrankungen, sondern tritt bei einer Vielzahl akuter und chronischer Erkrankungen auf. Im Gegensatz zur Erschöpfung nach körperlicher oder geistiger Anstrengung bei Gesunden führen eine Erholungsphase oder Schlaf nicht zu einer Besserung der Symptome. Fatigue ist ein komplexes multidimensionales Syndrom, das sowohl körperliche als auch affektive und mentale Anteile mit einschließt. Es fehlt eine präzise Definition. Grundsätzlich ist Fatigue bei Krebskranken ein subjektives Gefühl unüblicher Müdigkeit, das sich auf den Körper, die Gefühle und die geistigen Funktionen auswirkt, das mehrere Wochen bis Monate andauern kann und sich durch Ruhe und Schlaf nur unvollständig oder gar nicht beheben lässt [1].
Anzeige:
 
 
Über lange Zeit wurde das Phänomen der Fatigue bei Krebspatienten von Ärzten wenig beachtet. Eine gezielte Diagnostik fand nicht statt, non-verbale Ausdrucksformen wurden nicht beachtet und Patienten erlebten es als schwierig, ihren Zustand verbal auszudrücken.

Fatigue kann sich im gesamten Verlauf einer Krebserkrankung bei Diagnosestellung, Therapie, Nachsorge oder in der palliativen Versorgung manifestieren. Müdigkeit und Erschöpfung können als frühes Symptom einer Krebserkrankung auftreten. Unter Therapie, insbesondere unter Chemo- und/oder Strahlentherapie tritt ein akutes Fatigue-Syndrom je nach Intensität der Therapie bei 60 bis 80% aller Patienten auf. Im Allgemeinen bilden sich diese Probleme innerhalb von einigen Wochen bis Monaten zurück. Allerdings kann eine chronische Form des Fatigue-Syndroms in 30 bis 40% auch noch längere Zeit nach Abschluss der Therapie persistieren und sowohl die Lebensqualität als auch die berufliche Leistungsfähigkeit erheblich einschränken.

Diagnose

Für das Management und die Behandlung der tumorassoziierten Fatigue ist eine frühzeitige Diagnosestellung wichtig. Basis der Diagnostik ist die gezielte ärztliche Anamnese, die Schlafverhalten, Emotionalität, physische und mentale Müdigkeit und Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf und die aktuelle Medikation mit einbezieht. Als Screeningverfahren für alle Patienten haben sich eine lineare Analogskala (LASA in der Skalierung 0-10; NCCN 2010), oder ein Belastungsthermometer [2] bewährt.

Energie und Fatigue unterliegen dem subjektiven Erleben und einer Tagesrhythmik mit zunehmender Erschöpfung ab den Mittagsstunden [3]. In einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe war mit dem Multidimensional Fatigue Inventory (MFI)-Fatigue-Fragebogen eine zunehmende Erschöpfung (Fatigue) mit steigendem Lebensalter nachweisbar [4]. Für die Diagnose Tumorassoziierte Fatigue hat die Fatigue Coalition [5] analog zu anderen klinisch-diagnostischen Systemen, wie ICD, die folgenden Diagnosekriterien vorgeschlagen:

Diagnosekriterien für tumorassoziierte Fatigue analog zu ICD10-Kriterien:
• Deutliche Müdigkeit, Energieverlust oder verstärktes Ruhebedürfnis, welches in keinem Verhältnis zu aktuellen Veränderungen des Aktivitätsniveaus steht.
• Beschwerden allgemeiner Schwäche oder schwerer Glieder.
• Verminderte Fähigkeit zu Konzentration und Aufmerksamkeit.
• Verringerte(s) Motivation oder Interesse an Alltagsaktivitäten.
• Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf.
• Schlaf wird nicht als erholsam und regenerierend erlebt.
• Notwendigkeit starker Anstrengung, um Inaktivität zu überwinden.
• Deutliche emotionale Reaktionen auf Fatigue-Problematik (z.B. Traurigkeit, Frustration oder Reizbarkeit)
• Durch Müdigkeit bedingte Schwierigkeiten, alltägliche Aufgaben zu erledigen.
• Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis.
• Mehrere Stunden anhaltendes Unwohlsein nach Anstrengung.

- Sechs oder mehr dieser Symptome verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
- Aus Anamnese, körperlichen Untersuchungen oder Laborbefunden geht eindeutig hervor, dass die Symptome Konsequenzen einer Tumorerkrankung oder ihrer Behandlungen sind.
- Die Symptome sind nicht primär Konsequenzen einer komorbiden psychischen Störung, wie Major Depression, somatoforme Störung oder Delir.

Für klinische Studien wurden patientengenerierte Fragebögen entwickelt und validiert, um das Ausmaß der Fatigue psychometrisch zu erfassen (Tab. 1).

0
Tab. 1: Standardisierte Methoden zur Selbsteinschätzung von Tumorfatigue

Im Multidimensional Fatigue Inventory (MFI) sind fünf Dimensionen der Fatigue abgebildet (Allgemeine Fatigue, Körperliche und mentale Fatigue, reduzierte Aktivität und reduzierte Motivation), die die unterschiedlichen Facetten der Erkrankung beleuchten [6]. Für dieses Instrument liegen auch Vergleichsdaten für eine Bevölkerungsstichprobe aus Deutschland vor [4].

In die Klassifikation der Krankheiten (ICD) hat die Tumorfatigue noch keinen Eingang gefunden, so dass vorläufig als Hilfskonstruktion die Symptomklassifikation R53 (Unwohlsein und Erschöpfung) verwendet werden kann. Dagegen lassen sich die Dimensionen der Fatigue mit der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO gut beschreiben.

Differentialdiagnosen

Da Fatigue ein Symptom vieler Erkrankungen ist, sollte eine sorgfältige differentialdiagnostische Abklärung erfolgen. Dies ist besonders deshalb wichtig, um Zustände zu erkennen, die kausal behandelt werden können (Tab. 2. und 3).

1
Tab. 2: Somatische Differentialdiagnosen bei chronischer Müdigkeit

2
Tab. 3: Psychische/neuropsychiatrische Erkrankungen mit chronischer Müdigkeit

So sind z.B. Anämie oder Schilddrüsenunterfunktion häufig Folgeerscheinungen von Tumortherapien, die gezielt behandelt werden können. Eine sorgfältige Medikamenten-anamnese ist Bestandteil jeder Fatigueabklärung, da z.B. Analgetika, Psychopharmaka, Tyrosinkinaseinhibitoren und viele andere Medikamente zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit führen können. Oft kann der Zustand bereits durch Umstellung der Medikation gebessert werden. Eine Erhebung des Ernährungszustandes ist zur Klärung notwendig, ob eine behandlungsbedürftige Mangelernährung vorliegt.

Des Weiteren ist eine Abgrenzung von anderen in der ICD 10 beschriebenen Fatiguezuständen, wie postvirales Erschöpfungssyndrom, Neurasthenie, Erschöpfungsdepression oder Burnout-Syndrom erforderlich.

Angst und Depression treten bei Tumorpatienten häufig auf und sind charakteristischerweise mit Müdigkeit und Erschöpfung verknüpft. Eine klare Trennung von tumorassoziierter Fatigue und Depression ist oft nicht möglich, da beide Phänomene gleichzeitig auftreten können.

Bei Fatigue-Patienten sind jedoch primär meist der Antrieb und die Motivation vorhanden („ich will, aber kann nicht“), während dies depressiven Patienten oft fehlt.

In Anlehnung an die Vorschläge des National Comprehensive Cancer Network [7] hat sich ein Algorithmus zur Abklärung der Tumor-Fatigue bewährt (Abb. 1).

3
Abb. 1: Algorithmus zur Abklärung der Tumor-Fatigue in Anlehnung an die Vorschläge des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) LASA=Linear analog self assessment scale, MFI=Multidmensional Fatigue Inventory

Ursachen

Die genaue Ursache der chronischen Tumor-Fatigue ist nicht geklärt, da zahlreiche Faktoren zur Erkrankung beitragen können. Aus experimentellen und klinischen Untersuchungen wurden Hypothesen zu Mechanismen der tumorassoziierten Fatigue aufgestellt [8]. So führen Zytokine durch Reduktion der Corticotropin Releasing Hormon (CRH)-Bildung zur Hypothalamus- und Hypophysendysfuktion mit gestörter zirkardianer Rhythmik und abgeflachtem Cortisolsekretionsmuster. Dysregulation von 5-HT3-Rezeptoren im Hirn reduziert den motorischen Antrieb. Zytokine, wie TNF oder IL-1-Beta aktivieren vagale Afferenzen und hemmen Motoneuronen im Hypothalamus. Im Skelettmuskel von Fatiguepatienten konnten Störungen im Muskelstoffwechsel mit Defekt der ATP-Regeneration festgestellt werden. Bei Patienten mit chronischer Fatigue gibt es Hinweise für chronische Entzündung mit erhöhtem IL-1-Rezeptor-Antagonist (IL-1-RA) und T-Zellaktivierung.

Therapie

Aufgrund der Multikausalität der tumorassoziierten Fatigue beruht auch die Behandlung auf unterschiedlichen Therapie-ansätzen. Entsprechend dem Algorithmus sind zunächst Grundkrankheiten oder andere primäre Faktoren kausal zu behandeln.

Bereits die Information und Aufklärung von betroffenen Patienten über Wesen und Verlauf der Tumorfatigue wirkt oft entlastend und kann die Selbstregulation fördern. In einem ersten Schritt sollte der Energiehaushalt über Selbstmonitoring, wie z.B. Tagebuch und Aktivitätsplanung untersucht werden. Oft ist es erforderlich, den Energieverbrauch zu ökonomisieren durch:
• Prioritäten setzen
• Planen
• Delegieren
• Verzichten
• Modifizieren
• Aktivitäten in kleine Schritte aufteilen (Pacing)

Die Behandlung sollte grundsätzlich individuell und mehrgleisig ausgerichtet sein. Die wichtigsten Ansätze sind Bewegungstherapie, psychosoziale Unterstützung und medikamentöse Therapien (Tab. 4).

4
Tab. 4: Therapieempfehlungen bei Fatigue modifiziert nach NCCN 2010

Körperliches Training

Von allen nicht pharmakologischen Ansätzen ist die Wirksamkeit der körperlichen Bewegung am besten untersucht. Die früher häufig vertretene Empfehlung, sich bei Fatigue auszuruhen, hat sich als kontraproduktiv erwiesen. Der Teufelskreis von Erschöpfung, Bewegungsmangel, verminderter Leistungsfähigkeit, Schonung und weiter zunehmender Erschöpfung sollte unterbrochen werden. Körperliches Training sollte so früh wie möglich schon zu Beginn der Krebsbehandlung einsetzen. Je nach Trainingszustand ist nach einer sportmedizinischen Untersuchung mit Abklärung möglicher Kontraindikationen ein individueller Trainingsplan aufzustellen. Für das körperliche Training haben sich sowohl aerobes Ausdauertraining als auch Krafttraining als wirksam erwiesen. Ergänzend sollte auch Koordination und Flexibilität geübt werden. Zahlreiche positive Effekte körperlicher Aktivität sind nachgewiesen: Verbesserung von Herz- und Lungenfunktion, Besserung des Zucker- und Fettstoffwechsels, Zunahme der Muskelkraft, Erhöhung der Immunreaktivität und Verminderung von Ängsten und Depressionen. Phase-II- und Phase-III-Studien konnten positive Effekte körperlichen Trainings auf Tumorfatigue und Lebensqualität nachweisen. Die Effekte waren ausgeprägter bei Training nach Abschluss der Tumortherapie im Vergleich zu Training während der Therapie. Verschiedene Metaanalysen kontrollierter Studien [9-12] fanden übereinstimmend eine Besserung der Fatiguesymptomatik durch körperliches Training, sowohl Ausdauertraining als auch Krafttraining. Der überwiegende Teil der Studien wurde mit Brustkrebspatientinnen, einige auch mit Prostatakrebspatienten, durchgeführt. Bei Brustkrebspatientinnen in der Rehabilitation konnte durch ein strukturiertes Übungsprogramm, bestehend aus Krafttraining und Ausdauertraining („Fitness trotz Fatigue, Bewegung und Sport bei tumorbedingtem Müdigkeitssyndrom“, Deutsche Fatigue Gesellschaft), eine nachhaltige Besserung der Fatigue-Symptomatik erreicht werden [13].

Für das körperliche Training werden folgende Empfehlungen gegeben:
• Vor Beginn des Trainings sollte obligatorisch eine ärztliche Untersuchung durchgeführt werden (Risikofaktoren, kardialer Befund, Labor, Knochenstabilität, Belastungs-EKG).
• Je nach Trainingszustand wird ein individueller Trainingsplan aufgestellt.
• Ausdauertraining wird mit geringer Belastung begonnen, Intervalltraining, z.B. 2-5 Minuten fünf- bis sechsmal.
• Krafttraining zur Verbesserung von Muskelkraft und Muskelkoordination isometrisch (z.B. mit Theraband).
• Belastungsintensität 60 bis 80%, maximaler Puls bzw. maximale Kraft.

Ziel: 30 (bis 60) Minuten moderate körperliche Aktivität an allen Wochentagen.

Als Kontraindikationen für körperliches Training sind Schmerzen, fieberhafte Infekte, koronare Herzerkrankung mit instabiler Angina pectoris oder schlecht eingestellter Diabetes mellitus oder Hypertonie anzusehen.

Psychoonkologische Unterstützung

Schon während der Tumortherapie sollten Patienten und Angehörige über allgemeine Strategien zum Umgang mit der Fatigue beraten werden. Im weiteren Verlauf sind psycho-edukative Gruppen, unterstützende Psychotherapie und kognitive Übungsbehandlungen sinnvoll. In klinischen Studien haben sich besonders kognitiv-behaviorale und psychoedukative Gruppen als wirksam erwiesen [11, 14, 15]. Dabei kamen sehr unterschiedliche Interventionen zum Einsatz (Übersicht Tab. 5). In vielen Studien wurden primär Lebensqualitätsparameter evaluiert, die Fatigue war hier oft sekundärer Endpunkt.

5
Tab. 5: Cochrane Review: Psychosoziale Interventionen zur Verminderung von Fatigue während Tumortherapie (Goedendorp et al. 2009)
CT=Chemotherapie, RT=Radiotherapie, MFI=Multidimensional Fatigue Inventory, SCFS=Schwartz Cancer Fatigue Scale, FSI=Fatigue Symptom Inventory, SADS=Seasonal Affective Disorder, VAS=Visual Analogue Scale, POMS=Profile of Mood States, FACT-F=Functional Assessment of Cancer Therapy-Fatigue

Viele Patienten mit tumorassoziierter Fatigue leiden unter Schlafstörungen, teils mit Insomnie, teils mit Hypersomnie. Bei diesen Patienten empfiehlt sich, primär nicht-pharmakologische Therapien einzusetzen. Psychoedukative Gruppen mit Information über Schlafhygiene, Entspannungstraining, kognitiv-behaviorale Therapien mit Stimuluskontrolle und gezielter Schlafentzug können zu einer Besserung der chronischen Schlafstörung führen [16, 17]. Auch naturheilkundliche Verfahren, Massagetechniken, Yoga oder mindfullness-based-stress-reduction (MBSR) können bei Schlafstörungen und Fatigue hilfreich sein.

Medikamentöse Therapien

Zahlreiche klinische Studien haben pharmakologische Therapien bei tumorassoziierter Fatigue geprüft. In einer Metaanalyse [18] erwiesen sich Erythropoetin zur Behandlung der Chemotherapie-induzierten Anämie und Methylphenidat als Psychostimulans als wirksam. Die Leitlinien zum Einsatz von Erythropoetin bei Krebspatienten wurden mehrfach überarbeitet [19]. Es besteht Konsens, Erythropoetin nur bei der chemotherapieassoziierten Anämie mit Hämoglobinwerten ≤ 10 g/dl einzusetzen. Ohne Chemotherapie und/oder Radiotherapie besteht keine Indikation zum Erythropoetineinsatz in der Onkologie.

Die Ergebnisse für zentral aktivierende Medikamente sind uneinheitlich. Die meisten Untersuchungen wurden mit dem Psychostimulans Methylphenidat durchgeführt, das die Wiederaufnahme von Dopamin/Norepinephrin in das präsynaptische Neuron hemmt. Die Wirkung ist offenbar dosisabhängig. Aktuelle randomisierte Studien konnten eine Besserung, besonderes bei ausgeprägter Fatigue nachweisen [20] (Tab. 6).

6
Tab. 6: Randomisierte Studien mit Methylphenidat bei tumorassoziierter Fatigue
CRF=Cancer related fatigue, ret.=retardiert

Eine von der Deutschen Fatigue Gesellschaft koordinierte multizentrische randomisierte Doppelblindstudie mit retardiertem Methylphenidat wird derzeit ausgewertet.

Das Atemanaleptikum Modafinil ist für die Behandlung der Narkolepsie und der therapieresistenten Schlafapnoe zugelassen und führt zur selektiven Aktivierung von Hippocampus, Thalamus und zentraler Amygdala. In einigen offenen Studien wurde mit einer Dosis von 200 mg täglich eine Besserung der Tumor-Fatigue beobachtet. In einer randomisierten Doppelblindstudie wurden signifikante Besserungen bei schwerer Fatigue gesehen [21]. Mit Antidepressiva, wie z.B. Paroxetin war keine Besserung der Tumorfatigue nachweisbar [18].

Der Mikronährstoff Carnitin ist für die mitochondriale Fettsäureoxidation und den Energiestoffwechsel essentiell. Nach zytostatischer Chemotherapie mit Cisplatin und Ifosfamid wurde ein Carnitinmangel aufgrund erhöhter renaler Ausscheidung beobachtet. In mehreren klinischen Studien aus Italien konnte durch L-Carnitin-Substitution eine Normalisierung des Plasma-Carnitins, Besserung der Schlafqualität und Reduktion der Tumor-Fatigue beobachtet werden [22].
Naturheilkundliche und komplementäre Methoden wurden in einigen Beobachtungsstudien, z.B. mit Mistelextrakt [23] untersucht. Kontrollierte Untersuchungen mit ausreichender Fallzahl stehen jedoch noch aus.

In einer placebokontrollierten Studie mit 282 Tumorpatienten und tumorassoziierter Fatigue wurde mit 1 bis 2 g Ginseng (Panax quinquefolius) über 8 Wochen eine deutliche Besserung der Tumor-Fatigue beobachtet [24].

Sozialmedizin

Wegen der Häufigkeit und Chronizität hat die tumorassoziierte Fatigue erhebliche Auswirkungen auf Alltagsaktivitäten und die berufliche Leistungsfähigkeit. Die subjektiv erlebte Fatigue mit ihren Funktionsstörungen kann durch Training und kompensatorische Strategien zwar gebessert werden, schränkt aber die Leistungs- und Funktionsfähigkeit im Beruf ein (Capacity). Rehabilitation, Motivation und fördernde Umweltfaktoren können die Leistung (Performance) unter Umständen erhalten. Leider wird der tumorassoziierten Fatigue im Sozialrecht zu wenig Bedeutung beigemessen.

Gründe hierfür sind u.a.:
• Keine eigenständige Erkrankung in der ICD
• Zahlreiche Differentialdiagnosen objektiv (biomedizinisch) nicht zu quantifizieren
• Multifaktorielle Ursachen
• Heterogener Verlauf

Die Leitlinien zur sozialmedizinischen Beurteilung der Leistungsfähigkeit (DRV-Bund 2006) werden dem Phänomen der tumorassoziierten Fatigue nicht gerecht: „Am ehesten im Sinne einer psychischen Belastungsreaktion ist auch das „tumorbedingte Fatigue-Syndrom“ zu betrachten. Die Existenz, Ätiologie und Wertigkeit dieses Syndroms wird unter Experten kontrovers diskutiert“. Zweifellos gibt dieses Statement nicht den aktuellen wissenschaftlichen Stand wieder.
Zukünftig sollten daher systematisch Daten zur Prävalenz und zum sozialmedizinischen Verlauf der tumorassoziierten Fatigue erhoben werden. Leitlinien zur Diagnostik und Therapie sowie zur qualifizierten sozialmedizinischen Begutachtung der Tumor-Fatigue sind zu entwickeln.

Fazit

Die tumorassoziierte Fatigue ist eine häufige Folge von Tumorerkrankung und Tumortherapie und schränkt die Lebensqualität der betroffenen Patienten erheblich ein. Ärzte sollten Patienten bereits bei Diagnose und Therapiebeginn über dieses Phänomen aufklären und wenn möglich präventive Maßnahmen einleiten. Nach Abschluss der Therapie bzw. am Beginn der Rehabilitation sollte ein Screening aller Patienten auf Tumor-Fatigue erfolgen. Anschließend ist durch differentialdiagnostische Abklärung zu prüfen, ob eine kausale Therapie möglich ist. Die Behandlung der Tumor-Fatigue sollte multimodal (körperliches Training, psychosoziale Unterstützung, evtl. medikamentöse Behandlung) ausgerichtet sein. Weitere kontrollierte Studien sind notwendig, um die Wertigkeit medikamentöser Therapien zu überprüfen. Wegen der außerordentlichen sozialmedizinischen Bedeutung der Tumor-Fatigue sind dringend Leitlinien für Diagnostik, Therapie und Begutachtung zu entwickeln.

7 Prof. Dr. Manfred E. Heim

Sonnenberg-Klinik
Hardtstraße 13
37242 Bad Sooden-Allendorf

Tel.: 05652/54916

E-Mail: heim@sonnenberg-klinik.de


Abstract

Prof. Dr. Manfred E. Heim, Sonnenberg-Klinik

Cancer-related fatigue is a frequent consequence of tumor-disease and tumor therapy and is a most distressing symptom which affects the quality of life. In this overview, recommendations for diagnosis, assessment and further differential evaluation are given. Every tumor patient should be screened for the presence of fatigue. The specific pathophysiologic mechanisms involved in cancer-related fatigue are not known. All patients should be assessed for treatable contributing factors.

If there is no specific treatment available patients should receive a complex rehabilitation program including education and counseling, activity enhancement and psychosocial interventions. Clinical studies suggest some evidence for pharmacological therapy as a fatigue treatment. Chronic cancer-related fatigue can reduce the professional performance of patients substantially. There are still deficits in the evaluation and the social-medical examination of concerned patients. Guidelines for diagnosis, treatment and the examination of professional capacity are urgently needed.

Keywords: Cancer-related fatigue, quality of life, psycho-oncology, social medicine, physical training in cancer


Literatur:
1. Glaus A: Fatigue in patients with cancer. Analysis and assessment. Recent Results Cancer Res 1998;145:172.
2. Mehnert A, Müller D, Lehmann C, Koch U (2006). Die deutsche Version des NCCN Distress-Thermometers – Empirische Prüfung eines Screening-Instrumentes zur Erfassung psychosozialer Belastung bei Krebspatienten. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 54(3):213-223.
3. Heim M, Niklas A, Heim ME: Cancer related fatigue: Screening and circadian pattern in oncologic rehabilitation. Onkologie 2010;33(Suppl.6):182.
4. Schwarz R, Krauss O, Hinz A: Fatigue in the general population. Onkologie 2003;26:140-144.
5. Curt GA, Breitbart W, Cella D et al.: Impact of cancer-related fatigue on the lives of patients: new findings from the Fatigue-Coalition. Oncologist 2000;5(5):353-360.
6. Smets EM, Garssen B, Bonke B, De-Haes JC: The Multidimensional Fatigue Inventory (MFI)-psychometric qualities of an instrument to assess fatigue. J Psychosom Res 1995;39:315.
7. National Comprehensive Cancer Network (NCCN): Cancer-related Fatigue, V.I.2010, www.nccn.org
8. Andrews P, Morrow G, Hickok J, et al.: Mechanisms and models of fatigue associated with cancer and its treatment: evidence from preclinical and clinical studies. In: “Fatigue in cancer”, eds. Armes J, Krishnasamy M, Higginson IJ. Oxford University Press, New York 2004: pp51-77.
9. Knols R, Aaronson NK, Uebelhart D, et al.: Physical Exercise in Cancer Patients During and After Medical Treatment: A systematic Review of Randomized and Controlled Clinical Trials. J Clin Oncol 2005;23:3830-3842.
10. McNeely ML, Campell KL, Rowe BH, et al.: Effects of exercise on breast cancer patients and survivors: a systematic review and meta-analysis. CMAJ, 2006;175:34-41.
11. Kangas M, Bovbjerg DH, Montgomery GH: Cancer-related fatigue: a systematic and meta-analytic review of non-pharmacological therapies for cancer patients. Psychol Bull 2008;134:700-741.
12. Cramp F, Daniel J: Exercise for the management of cancer-related fatigue in adults. Cochrane Database Syst Rev 2008:CD006145.
13. Heim ME, Elsner v. d. Malsburg ML, Niklas A: Randomized controlled trial of a structured training program in breast cancer patients with tumor-related chronic fatigue. Onkologie 2007;30:429-434.
14. Goedendorp MM, Gielissen MF, Verhagen CA, Bleijenberg G: Psychosocial interventions for reducing fatigue during cancer treatment in adults. Cochrane Database Syst Rev 2009:CD006953.
15. Jacobsen PB, Donovan KA, Vadaparampil ST, Small BJ: Systematic review and meta-analysis of psychological and activity-based interventions for cancer-related fatigue. Health Psychol 2007;26:660-667.
16. Morin C, Espie C: Insomnia, a clinical guide to assessment and treatment. New York, Kluver Academie: 2003.
17. Schutte-Rodin S, Broch L, Buysse D, et al.: Clinical guideline for the evaluation and management of chronic insomnia in adults. J Clin Sleep Med 2008; 4:487-504.
18. Minton O, Richardson A, Sharpe M, et al.: A systemic review and metaanalysis of the pharmacological treatment of cancer-related fatigue. J Natl Cancer Inst 2008;100:1155-1166.
19. Rizzo JD, Somerfiled MR, Hagerty KL et al.: Use of epoitin and darbepoitin in patients with cancer: 2007 American Society of Clinical Oncology Clinical Practice Guideline Update. JCO 2008;26:132-149.
20. Moraska AR, Sood A, Dakhil SR et al.: Phase III, randomized, double-blind, placebo-controlled study of longacting methylphenidate for cancer-related fatigue: North Central Cancer Treatment Group NCCTG-NO5C7 Trial. J Clin Oncol 2010;28:3673-3679.
21. Morrow GR, Jean-Pierre P, Roscoe JA et al.: A phase III randomized, placebo-controlled, double-blind trial of a eugeroic agent in 642 cancer patients reporting fatigue during chemotherapy: J Clin Oncol: Proc. ASCO 2008,504(9512).
22. Cruciani RA, Dvorkin E, Homel P et al.: L-carnitine supplementation in patients with advanced cancer and carnitine deficiency: a double-blind, placebo-controlled study. J Pain Symptom Manage 2009; 37:622-631.
23. Wode K et al.: Die Mistel in der Behandlung des Fatigue-Syndroms bei Krebs. Ein Fallbericht. Merkurstab 2010;2:162-170.
24. Barton DL, Soori GS, Bauer B: A pilot, multidose, placebo-controlled evaluation of american ginseng (panax quinquefolius) to improve cancer-related fatigue. J Clin Oncol. Proc. ASCO 2007,9001
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
Anzeige:
 
 
Anzeige:
 
 
 
 
Themen
NET
CML
CUP
Nutzen Sie auch die Inhalte von journalmed.de, um sich zu Informieren.
Mediadaten
Hilfe
Copyright © 2014 rs media GmbH. All rights reserved.
Kontakt
Datenschutz
AGB
Fakten über Krebs
 
ASCO 2017