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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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28. August 2012

Aktuelle Forschung

Das hereditäre Mammakarzinom

K. Rhiem, R. K. Schmutzler, Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinikum Köln.

Wenn in der Familie gehäuft Brust- oder Eierstockkrebserkrankungen auftreten, stellt sich die Frage nach einer familiären Krebsbelastung. Die Erkrankungsrisiken jedes einzelnen Familienmitgliedes können heutzutage immer genauer definiert werden. Aber was bedeutet dies für betroffene Frauen, und welche präventiven Maßnahmen können die betreuenden Ärzte anbieten? Deutschlandweit können sich Betroffene und Ratsuchende an die Zentren des Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs wenden (http://www.krebshilfe.de/brustkrebszentren.html). In diesen werden sie interdisziplinär beraten und betreut. Neben der genetischen Beratung umfasst das Betreuungskonzept Angebote zu Genanalysen, intensivierten Brust-Früherkennungsuntersuchungen, prophylaktischen Operationen und maßgeschneiderten Therapieverfahren.

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Für das Jahr 2012 prognostiziert das Robert-Koch-Institut auf Grundlage der Krebsregisterdaten 74.500 Neuerkrankungen an Brustkrebs in Deutschland (1). Für rund 5% dieser Erkrankungen ist eine prädisponierende Genveränderung in den bekannten Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 ursächlich. Weitere 5% der Familien mit gehäuften Brustkrebsfällen zeigen Hinweise auf Veränderungen in bisher noch unbekannten Genen. Risikofamilien für erblichen Brustkrebs können durch eine Stammbaumanalyse identifiziert werden. Eine „Checkliste zur Erfassung einer familiären Belastung für Brust- und Eierstockkrebs“ kann Mitgliedern aus Risikofamilien und betreuenden Ärzten einen ersten Anhalt geben, ob ein Risiko vorliegt und eine Beratung in einem spezialisierten Zentrum sinnvoll ist (http://www.krebsgesellschaft.de/download/fb_erbliche_belastung_110106.xls). Durch eine anschließende molekulargenetische Analyse kann das individuelle Risiko für jede einzelne Person der Familie identifiziert werden. Frauen ohne eine familiäre Belastung für Brust- und Eierstockkrebs in Deutschland haben ein durchschnittliches Lebenszeitrisiko von 13% an einem Mammakarzinom zu erkranken (1). Dagegen haben Mutationsträgerinnen eine deutlich erhöhte lebenslange Erkrankungswahrscheinlichkeit von 60-85% für Brustkrebs und von 20-60% für Eierstockkrebs. Erkrankte und ratsuchende Mitglieder von Risikofamilien werden seit 1996 deutschlandweit in den Zentren des Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs interdisziplinär beraten und betreut. Nachdem zunächst die Deutsche Krebshilfe die Zentren gefördert hat, werden seit 2005 die Leistungen im Rahmen spezieller Verträge mit den Kostenträgern angeboten und ständig evaluiert. Die angebotenen Präventionsmaßnahmen werden prospektiv auf ihren Einfluss auf Überleben und Lebensqualität überprüft. In begleitenden nationalen und internationalen Forschungsprojekten werden wissenschaftliche Fragestellungen bearbeitet. Erkrankten Mutationsträgerinnen wird die Teilnahme an klinischen Studien mit zielgerichteten Behandlungsverfahren angeboten.

Genetische Grundlagen des familiären Mammakarzinoms

Der erbliche Brust- und Eierstockkrebs wird autosomal-dominant mit verminderter Penetranz geschlechtsunabhängig an statistisch 50% der Nachkommen vererbt. Da die Erkrankung auf Zellebene autosomal rezessiv ist, treten Krebserkrankungen erst nach Inaktivierung des gesunden zweiten (Wildtyp-)Allels in Zellen auf. Dieses zweite Ereignis tritt in der Regel erst im Erwachsenenalter und bei ca. 80% der Mutationsträgerinnen auf, was die sogenannte unvollständige Penetranz dieser Erkrankung erklärt.

Nach der Entdeckung der beiden Hochrisikogene BRCA1 und BRCA2 in den Jahren 1994 und 1995 dauerte es 15 weitere Jahre, bis es dem Deutschen Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs 2010 gelang, das dritte Hochrisikogen „RAD51C“ zu identifizieren (2).

Alle drei Hochrisikogene haben eine Schlüsselfunktion in der DNA-Doppelstrangreparatur (3, 4). Während die bereits lange bekannten Tumorsuppressorgene BRCA1 und BRCA2 bei rund 25% der familiären Mammakarzinome mutiert vorliegen, liegt das neu identifizierte Gen RAD51C in ca. 1,5% der Familien mit hochpenetranter Wirkung verändert vor. In den spezialisierten Zentren des Konsortiums wird Familien, die entsprechende Einschlusskriterien erfüllen, derzeit eine RAD51C-Gen-analyse im Rahmen prospektiver Validierungsstudien angeboten. Nachdem mit der Entdeckung von RAD51C der Beweis für die Existenz weiterer Hochrisikogene geführt worden ist, ist noch ein weiteres Hochrisikogen (RAD51D) identifiziert worden (5).

Möglich ist aber auch, dass in 50% der familiären Mammakarzinome und 20% aller Brustkrebsfälle die Interaktion niedrig und moderat penetranter Gene ursächlich für die Krebsentstehung ist. International kooperierende Arbeitsgruppen haben in aktuellen, genomweiten Assoziationsstudien Gene mit einer niedrigen Heterozygotenfrequenz identifiziert, die eine moderate Risikoerhöhung für die Mammakarzinomentstehung bedeuten (z.B. CHEK2, BRIP1 und PALB2) (6, 7). Diese Gene sind ebenso wie BRCA1, BRCA2, RAD51C und RAD51D in die DNA-Doppelstrangreparatur eingebunden. Mutationen im CHEK2-Gen führen zu einem zwei- bis dreifach erhöhten Erkrankungsrisiko in der Allgemeinbevölkerung (8) und einem vier- bis fünffach erhöhten Risiko in Familien mit einer familiären Brustkrebsbelastung (9). Niedrig penetrante Gene sind z.B. FGFR2, TNRC9 oder MAP3KI (6, 10). FGFR2 erhält eine besondere Bedeutung aufgrund des hohen Anteils von 40% heterozygoter Mutationsträger in der gesamten Bevölkerung. So erhöht dieses Risikoallel das Risiko für die Entstehung eines Hormonrezeptor-positiven Mammakarzinoms um das 1,3-fache. Eine routinemäßige Testung niedrig und moderat penetranter Gene ist v.a. aufgrund des noch unklaren klinischen Nutzens derzeit nicht indiziert.

Zukünftig werden neue technische Verfahren eine genomweite Untersuchung in kurzer Zeit ermöglichen. Dadurch werden weitere, selten mutierte Hochrisikogene identifiziert und deutlich häufiger vorkommende Niedrigrisikovarianten detektiert werden. Diese können miteinander interagieren und in bestimmten Kombinationen erhöhte bzw. erniedrigte Erkrankungsrisiken verursachen (11). Solche Projekte zur Identifizierung dieser Gene stehen im Fokus wissenschaftlicher Projekte des Deutschen Konsortiums. Allerdings muss gleichzeitig auch das jeweilige klinische Erscheinungsbild (Phänotyp) und der klinische Erkrankungsverlauf erforscht werden. Nur so können Mutationsträgerinnen effiziente und risikoadaptierte Präventionsmaßnahmen zur Verfügung gestellt werden.

Interdisziplinäre Beratung und Gendiagnostik

In einer Art „Zweischritt-Verfahren“ kann ein individuelles Risikoprofil für Mitglieder aus Familien mit erblichem Brust- und Eierstockkrebs erstellt werden. 1. dienen anamnestische Informationen (Erkrankungshäufigkeiten in der Familie, Ersterkrankungsalter, betroffenes Organ) als Einschlusskriterien zu dem 2. angebotenen genetischen Test. Das Deutsche Konsortium Familiärer Brust- und Eierstockkrebs hat auf der Grundlage von Mutationsanalysen, die in den spezialisierten Zentren bei über 7.000 Risikofamilien durchgeführt wurden, diese Einschlusskriterien definiert. Sind diese (Tab. 1) erfüllt, besteht eine statistisch ≥ 10%ige Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Mutation und es wird dann eine computerbasierte, individuelle Risikokalkulation (Cyrillic) und multidisziplinäre Beratung in einem der spezialisierten Zentren empfohlen (12).

 

Tab. 1: Einschlusskriterien des Deutschen Konsortiums Familiärer Brust- und Eierstockkrebs zur multidisziplinären Beratung und Genanalyse in den spezialisierten Zentren (12).
 

Die interdisziplinäre Beratung umfasst entsprechend den Richtlinien der Bundesärztekammer die gynäkologische, humangenetische und psychologische Beratung. Ratsuchenden und Betroffenen wird es so ermöglicht, eine tragfähige Entscheidung zum Umgang mit ihrer Risikosituation zu treffen.

Eine Gentestung wird zunächst bei einer Person durchgeführt, die an Brust- oder Eierstockkrebs erkrankt ist (Index). Sollte eine eindeutig pathogene Mutation nachgewiesen werden, ist eine Testung von gesunden Familienmitgliedern möglich (prädiktive Testung). Wird eine Mutation ausgeschlossen, kann dieses Familienmitglied entlastet werden. Für dieses Familienmitglied besteht das Erkrankungsrisiko der Allgemeinbevölkerung. Eine solche Testung kann nicht erfolgen, wenn bei der Indexperson keine BRCA1/2-Mutation nachgewiesen (nicht-informativer Gentest) oder eine unklare Variante (UV) detektiert wird, deren Bedeutung für die Entstehung von Brust- und Eierstockkrebs bisher unklar ist. Wenn eine solche Konstellation vorliegt, wird den gesunden Familienmitgliedern die Teilnahme an den Vorsorgemaßnahmen dann empfohlen, wenn ein verbleibendes statistisches Erkrankungsrisiko von ≥ 30% oder ein statistisches Risiko für das Vorliegen einer BRCA-Mutation (Heterozygotenrisiko) von ≥ 20% berechnet wird (12).

Klinik des BRCA-assoziierten Mammakarzinoms

BRCA1-Mutationsträgerinnen zeigen in Familien-basierten Untersuchungen ein lebenslanges Risiko von 85% an Brustkrebs und von bis zu 60% an Eierstockkrebs zu erkranken. Für BRCA2-Mutationsträgerinnen liegt das lebenslange Erkrankungsrisiko für Brustkrebs ebenfalls bei etwa 85%, das Risiko für ein Ovarialkarzinom ist mit 20% niedriger als bei BRCA1-Mutationsträgerinnen. BRCA1-assoziierte Mammakarzinome lassen sich durch morphologische, immunhistochemische und molekulargenetische Charakteristika eindeutig von BRCA2-assoziierten Mammakarzinomen und denen altersadaptierter Kontrollen unterscheiden. Eine solche spezifische Differenzierung ist für BRCA2- und non-BRCA1/2-Mamma-karzinome nicht möglich (13, 14). RAD51C-assoziierte Mammakarzinome zeigen einen klinischen Verlauf, der dem von BRCA2-Mutationsträgerinnen ähnelt (5). BRCA1-assoziierte Karzinome zeigen häufig den basalen Subtyp, mit einem triple-negativen Phänotyp (Östrogen- und Progesteronrezeptor-negativ, Her2/neu-negativ), einer typischen Morphologie („pushing margins“, lymphozytäre Infiltration) und sind überwiegend entdifferenziert (14, 15). Die rasch proliferierenden Tumoren zeigen eine schwache Korrelation zwischen Tumorgröße, Lymphknotenstatus und Überleben (16). Obwohl es Hinweise auf eine bevorzugt hämatogene Metastasierung insbesondere bei triple-negativen Mammakarzinomen gibt, ähnelt die Datenlage bezüglich des 10-Jahres-Überlebens der des sporadischen Mammakarzinoms (17). Für Mutationsträgerinnen mit Ovarialkarzinomen konnte eine kürzlich publizierte Meta-Analyse sogar ein deutlich verbessertes Überleben gegenüber Patientinnen mit einem sporadischen Ovarialkarzinom gezeigt werden (18).

Kontralaterales Brustkrebsrisiko

Das Risiko für ein kontralaterales Mammakarzinom ist bei Mutationsträgerinnen in Abhängigkeit von jeweils betroffenem Gen (BRCA1 oder BRCA2) und dem Ersterkrankungsalter der Patientin gegenüber dem von Brustkrebspatientinnen ohne Mutationsnachweis bzw. Patientinnen mit sporadischem Brustkrebs erhöht. So haben BRCA1-Mutationsträgerinnen, die vor dem 40. Lebensjahr an einem Mammakarzinom erkranken, ein Risiko von fast 63% für ein kontralaterales Karzinom in den folgenden 25 Jahren. BRCA2-Mutationsträgerinnen, die nach dem 50. Lebensjahr ihre Erstdiagnose erhalten haben, haben hingegen ein Risiko von etwa 17% (19). Diese Daten, die das Deutsche Konsortium im Rahmen der weltweit größten Untersuchung zu diesem Thema erarbeitet hat, ermöglichen eine individuelle Risikoberatung als Grundlage für eine informierte Entscheidung der Betroffenen für oder gegen prophylaktische Operationen. In diese muss unbedingt die Prognose der Ersterkrankung einfließen. Oft wird aus Angst vor einer kontralateralen Neuerkrankung der prophylaktische Eingriff erwogen, obwohl das Risiko eines Rezidivs bzw. einer Metastasierung der aktuellen Erkrankung höher ist. Im Hinblick auf die zunehmende Anzahl prophylaktischer kontralateraler Operationen bei unilateral erkrankten Brustkrebspatientinnen aus BRCA1/2-negativen Risikofamilien ist eine aktuelle Datenauswertung des Konsortiums wegweisend. Hierbei zeigt sich z.B. für eine Patientin mit der Brustkrebsdiagnose nach dem 50. Lebensjahr ein 5-Jahres-Risiko von 3,6% (10-Jahres-Risiko: 5,5%). Damit ergibt sich für das kontralaterale Mammakarzinom im Vergleich zu Frauen mit sporadischem Mammakarzinom kein signifikant erhöhtes Risiko (Rhiem et al., in Bearbeitung).

Intensivierte Früherkennung

Das mittlere Erkrankungsalter für das familiäre Mammakarzinom ist auf das 45. Lebensjahr vorverlegt. Die allgemeinen Früherkennungsmaßnahmen sind im Risikokollektiv der Mutationsträgerinnen und der Risikofamilien ohne Mutationsnachweis nicht ausreichend. Das Mammographiescreening startet erst ab dem 50. Lebensjahr, wenn die Hälfte der Frauen des Risikokollektivs bereits erkrankt ist. Außerdem werden aufgrund der Dichtigkeit des Drüsengewebes junger Frauen aus Risikofamilien, sowie der hohen Tumorproliferationsrate im Risikokollektiv alle drei bildgebenden Verfahren der Brustdiagnostik eingesetzt und die Untersuchungsintervalle verkürzt (Tab. 2).

 

Tab. 2: Intensiviertes Früherkennungsprogramm des Deutschen Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs (20).
 

Seit 2005 werden die in den Zentren des Deutschen Konsortiums erhobenen Daten zentralisiert erfasst. Hierbei zeigt die Kernspintomographie die höchste Sensitivität in dem speziellen, jungen Risikokollektiv. In Kürze werden die ersten prospektiv gewonnen Ergebnisse der Früherkennungsuntersuchungen publiziert. Die charakteristische Tumormorphologie BRCA1-assoziierter Karzinome führt zu sonographischen Kriterien, wie sie sonst eher bei gutartigen Brustveränderungen (z.B. Fibroadenome) gefunden werden. Dadurch konnte die Sensitivität der hochauflösenden Mammasonographie in der Früherkennung bei Frauen aus dem Risikokollektiv sig-nifikant gesteigert werden (21). Bisher ungeklärte Fragen zu der Kombination bildgebender Verfahren, den Untersuchungsintervallen und der Effektivität des Früherkennungsprogramms im Sinne der Mortalitätssenkung werden derzeit in begleitenden Forschungsprojekten untersucht. Früherkennungsuntersuchungen für das Ovarialkarzinom (halbjährliche transvaginale Sonographie, Bestimmung des Tumormarkers CA125) zeigten keine Effizienz und werden daher nicht empfohlen (22).

Prophylaktische Operationen

Für gesunde BRCA-Mutationsträgerinnen stehen als Risiko-reduzierende Operationsverfahren die prophylaktische beidseitige Mastektomie (PBM) und die prophylaktische beidseitige Salpingo-Oophorektomie (PBSO) bzw. die prophylaktische kontralaterale Mastektomie für unilateral bereits Erkrankte zur Verfügung. Über Nutzen und Risiken dieser Verfahren sollte im Rahmen der multidisziplinären, nicht-direktiven Beratung vor jedem standardisierten Operationsverfahren ausführlich informiert werden. In diese Beratung sollten die aktuelle Studienlage und die individuelle Risikoeinschätzung anhand des aktuellen Lebensalters eingehen. Die PBM senkt das Risiko für eine Brustkrebserkrankung um 90-95% und für die Brustkrebs-spezifische Mortalität (23, 24). Die komplette Mastektomie mit Entfernung des Mamillen-Areola-Komplexes stellt derzeit die sicherste Maßnahme dar, da in einem Kollektiv von Frauen nach subkutaner Mastektomie Mammakarzinome aufgetreten sind (17). Eine PBM sollte nicht vor dem 25. Lebensjahr bzw. 5 Jahre vor dem jüngsten Ersterkrankungsalter in der Familie durchgeführt werden (20). Bei der präoperativen Beratung sollte obligat das Angebot der hetero- oder autologen primären und sekundären Rekonstruktion erörtert werden. Im Vergleich zu Patientinnen mit sporadischem Mammakarzinom ist das 10-Jahres-Risiko für ein Rezidiv bei Mutationsträgerinnen nach brusterhaltender Operation nur gering erhöht (9% vs. 12%). Daher ist die brusterhaltende Operation auch bei Mutationsträgerinnen der Goldstandard.

Die PBSO reduziert das Ovarialkarzinomrisiko um 97% bei Weiterbestehen des Risikos für ein primär extraovarielles Ovarialkarzinom von ca. 1-2% (25). Zusätzlich reduziert dieser Eingriff das Brustkrebsrisiko um 50% (26) und das Risiko für ein kontralaterales Zweitkarzinom um 30-50% (27). Neben der Krebs-spezifischen Mortalitätssenkung konnten Domchek et al. für die PBSO eine 75%ige Reduktion der Gesamtmortalität zeigen (28). Empfohlen wird die PBSO bei abgeschlossener Familienplanung ab dem 40. Lebensjahr, insbesondere aufgrund der fehlenden effektiven Früherkennungsmaßnahmen (Tab. 3) (20). Eine hormonelle Substitution bis zum Eintritt in die natürlichen Wechseljahre (ca. 50. Lebensjahr) hebt die Reduktion des Brustkrebsrisikos nach PBSO nicht auf und wird empfohlen.

 

Tab. 3: Empfehlung zu prophylaktischen Operationen bei gesunden und an einem unilateralen Mammakarzinom vorerkrankten Hochrisikopatientinnen mit und ohne Mutation in den Genen BRCA1 oder BRCA2 (20).
 

Therapie des BRCA-assoziierten Mamma- und Ovarialkarzinoms

Die Systemtherapie von Patientinnen mit BRCA-assoziierten Karzinomen weicht derzeit nicht von der bei Patientinnen mit sporadischen Tumoren ab (12). Jedoch geben erste retrospektive und neueste prospektive Untersuchungen deutliche Hinweise darauf, dass BRCA-defiziente Tumorzellen eine erhöhte Sensitivität gegenüber Platin-Derivaten und der neuen Substanzgruppe der PARP-Inhibitoren (Poly ADP-ribose Polymerase) zeigen (29). Diese Substanzen verursachen eine substantielle DNA-Schädigung im Bereich der Replikationsgabel der Tumorzellen, die überwiegend durch die homologe Rekombination repariert werden muss. Diese ist aber durch den Ausfall der BRCA-Funktion defekt, so dass die Zellen absterben. In BRCA-defizienten Tumorzellen werden alternative DNA-Reparaturwege (z.B. die Einzelstrangreparatur) aktiviert. Die hoch-selektiv wirkenden PARP-Inhibitoren können diese alternativen Reparaturwege hemmen. Die nukleäre PARP-Überexpression in BRCA-assoziierten Karzinomen könnte dabei ein prädiktiver Marker für das Ansprechen auf PARP-Inhibitoren in familiären sowie einem Subkollektiv sporadischer, BRCA-ähnlicher Tumoren sein (30). Jedoch sind weitere umfangreiche klinische Studien erforderlich, um den Stellenwert von zielgerichteten Therapien, ob mit Platin-Derivaten oder PARP-Inhibitoren, zu untersuchen. Voraussichtlich im Winter 2012 startet am Zentrum in Köln eine internationale Phase-II-Studie mit dem PARP-Inhibitor Rucaparib® für Mutationsträgerinnen mit fortgeschrittenen Mamma- und Ovarialkarzinomen (http://frauenklinik.uk-koeln.de/zentrum_fam_brust_eierstockkrebs/forschung/klinisches-studienzentrum/parpi-studie).

Das BRCA-Netzwerk

Im Jahre 2008 haben Frauen aus Risikofamilien das BRCA-Netzwerk e.V. gegründet. Unter dem Motto dieser Selbsthilfeorganisation „Betroffene Reden – Chancen aktiv nutzen“ beraten und informieren Betroffene Gesunde und Erkrankte mit einer familiären Belastung. Neben der nicht-direktiven ärztlichen Beratung wird mit der Unterstützung aus Sicht der Selbsthilfe dem Faktum Rechnung getragen, dass nur selbst Betroffene die emotionale Situation angesichts der Abwägung Pro oder Contra Gentestung bzw. der Inanspruchnahme präventiver Maßnahmen nachempfinden können. Deutschlandweit sind mittlerweile über 16 lokale Gesprächskreise entstanden, die einen intensiven Erfahrungsaustausch vor Ort ermöglichen. Mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe ist ein Internetauftritt entstanden, der grundlegende Informationen, vielfältige Erfahrungsberichte und Tipps aus der Perspektive der Selbsthilfe darstellt. Die Seite informiert auch über die verschiedenen Aktivitäten des Vereins. Das Netzwerk ist seit 2009 in allen Leitungsgremien des Konsortiums vertreten. Darüber hinaus arbeiten Vertreterinnen des Netzwerks aktiv an wissenschaftlichen Fragestellungen des Konsortiums mit und sind national und international vernetzt.

 

 

 

Prof. Dr. med. Rita K. Schmutzler

Direktorin des Zentrums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs
Universitätsklinikum Köln
Kerpener Str. 34
50931 Köln

Tel.: 0221/478 86509
Fax: 0221/478 86510
E-Mail: rita.schmutzler@uk-koeln.de

 

 

 

PD. Dr. med. Kerstin Rhiem

Ltd. Oberärztin
Schwerpunkt Familiärer Brust- und Eierstockkrebs
Universitätsklinikum Köln
Kerpener Str. 34
50931 Köln

Tel.: 0221/478 4909
E-Mail: kerstin.riehm@uk-koeln.de

 

Abstract

K. Rhiem, R. K. Schmutzler, Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs, Universitätsklinikum Köln

The majority of breast carcinomas occur sporadically, while about 5-10% are hereditary carcinomas. They are associated with mutations in the predisposing high risk genes BRCA1 and BRCA2. Mutation carriers have a life-time risk of 60-85% for breast cancer and of 20-60% for ovarian cancer. Moleculargenetic analysis allows the identification of women at risk. Since 1997 the German Cancer Aid supports an interdisciplinary approach for high-risk families consisting of genetic counselling, testing and the offer of different preventive and therapeutic strategies. Participation in the structured surveillance program comprising mammography, ultrasound and MRI of the breast allows breast cancer diagnosis in early stages. Bilateral prophylactic mastectomy and salpingo-oophorectomy reduce breast and ovarian cancer incidence and mortality significantly. Moreover, bilateral salpingo-oophorectomy reduces breast cancer incidence by 50% and cancer associated mortality by 75%. Moreover, systemic treatment could be adjusted to the mutation status of the patients. E.g. breast carcinomas show a higher sensitivity against platinum-based chemotherapy compared to taxane-based chemotherapy. Moreover, the new mechanism of synthetic lethality induced by PARP-inhibitors in BRCA-associated carcinomas opens up new vistas in targeted anticancer therapy.

Keywords: breast carcinomas, hereditary carcinomas, BRCA1, BRCA2

 

Literaturhinweise:
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