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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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05. September 2014

Das Kleinzellige Lungenkarzinom (SCLC) 2014: Platin-haltige Chemotherapie bleibt Standard

M. Serke, F. Stanzel, M. Westhoff, Lungenklinik Hemer.

Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom (SCLC), meist im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, profitieren rasch von einer Standard-Zweifachchemotherapie, allerdings bleibt die Prognose bei im Stadium IV meist nur kurzem progressionsfreien Überleben schlecht. Im Stadium III ist die kombinierte Chemo-Strahlentherapie die Therapie der Wahl mit einer kurativen Chance von 10-20%. Nach in der Regel anfänglich gutem Ansprechen muss aber im Verlauf häufig mit einem Rezidiv bzw. einer Metastasierung gerechnet werden, sodass dann eine Zweitlinientherapie angeboten werden kann. Die Prognose ist nach wie vor ungünstig, sodass frühzeitig palliative Maßnahmen eingesetzt werden sollten. Wesentliche therapeutische Fortschritte hat es beim SCLC in den letzten Jahren nicht gegeben.

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Epidemiologie und Prognose

Im Jahr 2010 erkrankten in Deutschland etwa 52.000 Männer und Frauen an bösartigen Lungentumoren, ca. 42.500 verstarben 2010 an dieser Erkrankung (1). Der Anteil der kleinzelligen Lungenkarzinome (small cell lung cancer: SCLC, "Kleinzeller") beträgt ca. 15%. Wir rechnen in Deutschland mit jährlich 7.000-8.000 SCLC-Neuerkrankungen mit einem steigenden Anteil von Frauen. Das SCLC ist ursächlich eng mit dem Zigarettenrauchen assoziiert.

Das SCLC ist eine besondere Entität unter den Lungenkarzinomen, bei der die intensiven therapeutischen Bemühungen um neue Therapieansätze bisher keinen wegweisenden Fortschritt erbringen konnten. Hierzu im Gegensatz konnten beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) in den letzten 10 Jahren mit der Identifizierung von Zielstrukturen für eine zielgerichtete ("targeted") Therapie große Fortschritte erreicht werden. Beim SCLC mit hoher genetischer Instabilität und Variabilität hat sich bisher kein "Target" für eine zielgerichtete Therapie nachweisen lassen.

Das SCLC ist charakterisiert als schnell wachsender Tumor mit hoher Zellteilungsrate, raschem Tumorwachstum und frühzeitiger Metastasierung. Dies bedingt die schlechte Prognose, weil sich trotz anfänglicher hoher Chemotherapie- und Strahlensensibilität schnell Resistenzen und z.T. frühe Rezidive entwickeln können. Das mediane Überleben beim frühen LD-SCLC beträgt 18 bis 24 Monate mit einem 5-Jahresüberleben von 10-20% unter simultaner Chemo-Strahlentherapie. Beim metastasierten (Stadium IV) SCLC beträgt das mediane Überleben nur 9 bis 10 Monate und das 2-Jahresüberleben ist gering mit nur 10%.

Klinisches Bild


Typisch für das SCLC ist eine kurze Anamnese mit sich rasch entwickelnden tumorbedingten Symptomen wie Dyspnoe, Husten oder Zeichen der oberen Einflussstauung. Bei einigen SCLC können paraneoplastische Syndrome, wie z.B. das Syndrom der inadäquaten ADH-Produktion auftreten. Typische CT-Bilder sind ausgedehnte mediastinale Lymphknotenvergrößerungen mit zentraler Raumforderung.

Staging und Diagnostik


Zur Diagnostik des SCLC gehören, wie beim NSCLC, das CT von Thorax und Oberbauch, MRT-Hirn und Knochenszintigramm (oder PET). Das PET ist außerordentlich sensitiv beim SCLC und sollte beim LD-SCLC zum Metastasenausschluss dann angewandt werden, wenn eine kurative Therapie geplant ist. Das MRT-Hirn ist sensitiver als das CT. Es gehört zur Standard-Diagnostik und deckt Hirnmetastasen bei 10-15% von asymptomatischen SCLC-Patienten auf. Die Histologie mit Immunhistochemie wird meist EBUS-bronchoskopisch aus den mediastinalen Lymphknoten gesichert (2).

Traditionell wurden SCLC je nach Ausdehnung in "limited-LD-disease" oder "extensive-ED-disease"-SCLC eingeteilt, basierend auf einer Einteilung der Veterans Administration Lung Study Group (VALSG)-Klassifikation. Heutzutage erfolgt die Stadieneinteilung nach dem TNM-System (Tab. 1). Die deutsche S3-Leitlinie (2) und die ESMO-Guideline von 2010 (3) empfehlen den Gebrauch der UICC-Version 7 Stadiierung für das SCLC (4) und rät vom Gebrauch der "alten Veterans"-Einteilung ab. Grob eingeteilt entsprechen die Stadien I-IIIA einem LD-Stadium mit ipsilateralen Lymphomen, die Stadien IIIB/IV entsprechen einem ED-Stadium. Auf jeden Fall sollten ev. operable LD-SCLC-Patienten nach dem TNM-System stadiiert werden, man sollte aber wissen, dass die meisten therapiebegründenden SCLC-Chemotherapie-Studien das alte "Veterans LD-ED-System" zugrunde gelegt haben.

 

Tab. 1: TNM-System und Stadieneinteilung nach UICC (International Union Against Cancer).
 

Erstlinienchemotherapie (Cis-)Platin/Etoposid (PE)

Die meisten, ca. 70% der SCLC-Patienten, werden im fernmetastasierten Stadium IV diagnostiziert. Sie sollten primär eine Chemotherapie erhalten (2), denn unbehandelt liegt die Lebenserwartung beim SCLC bei nur ca. 4-6 Monaten.

Die Chemotherapie ist die Basis aller Therapien beim SCLC, die Standardtherapie ist die Zweifachkombination Platin/Etoposid (PE). Mehrere Vergleiche zwischen Platin/Etoposid und nicht-platinhaltigen Kombinationen, wie z.B. ACO zeigten einen Vorteil zugunsten der Platin/Etoposid-Kombination, speziell beim LD-SCLC, sodass diese Zweifachkombination seit Beginn des Jahrtausends die Standardtherapie des SCLC ist. Metaanalysen zeigten einen Überlebensvorteil von platinhaltigen gegenüber den nicht-platinhaltigen Kombinationen (5). Sechs Zyklen Platin/Etoposid sind Standard in der 1. Linie beim LD- und ED-SCLC.

Es hat sich eingebürgert, beim lokal fortgeschrittenen LD-SCLC mit ev. kurativem Ansatz in der Kombination mit der Bestrahlung Cisplatin als Kombinationspartner zu wählen. Bei metastasierter Erkrankung (ED-SCLC) ist Cisplatin gegenüber Carboplatin bezogen auf das Überleben nicht überlegen, sodass individuell zwischen Cis- oder Carboplatin entschieden werden kann. Die moderne antiemetische Supportivtherapie erlaubt bei den meisten Patienten eine Cisplatin-haltige Therapie ohne wesentliche unerwünschte Begleitwirkungen im Sinne von Übelkeit oder Erbrechen.

Eine jüngere amerikanische Metaanalyse (6) verglich Patienten mit einer Cis- oder Carboplatin-haltigen Chemotherapie beim SCLC in 1. Linie. Es zeigte sich ein nur leichter Vorteil zugunsten von Cisplatin im Gesamt- und progressionsfreien Überleben. Unterschiedlicher waren die Toxizitäten mit höherer Hämatotoxizität unter Carboplatin und größerer gastrointestinaler Toxizität (Übelkeit/Erbrechen) unter Cisplatin. Wir empfehlen die Kombination Carboplatin/Etoposid bei eingeschränkter Nieren- oder kardialer Funktion und bevorzugen, wenn möglich, Cisplatin.

Viele Studien mit neuen Therapieansätzen zeigten keinen Fortschritt. So blieben Studien z.B. mit Picoplatin, einem neuen Platin-verwandten, mit einem Bcl-2 Antisense-Oligonucleotid Oblimersen in Verbindung mit Carbo/Eto oder mit Belotecan, einem neuen Topoisomerase-Inhibitor oder Matrix-Metalloproteinasen (MMP) mit z.B. Marimastat, negativ (7).

Therapieverlauf


Die meisten SCLC-Tumore sprechen anfangs auf die Chemotherapie sehr gut an mit einer Response-Rate von 50-70%. Allerdings müssen relativ früh Rezidive bzw. progrediente Metastasen beobachtet werden, sodass das mediane Überleben beim ED-SCLC zwischen 10 und 12 Monaten liegt.

Die Erhaltungstherapie, beim NSCLC mittlerweile etabliert, konnte sich beim SCLC nicht durchsetzen. Keine der Erhaltungstherapie-Studien konnten ein verbessertes Überleben nachweisen (2, 3).

Kurative Chance im Stadium I-III (LD-SCLC) unter multimodaler Therapie

Im Stadium III (oder LD-SCLC) besteht eine kurative Chance. Hier ist bei gutem Allgemeinzustand die simultane Chemo-Strahlentherapie mit möglichst frühem Beginn der thorakalen Strahlentherapie Standard, gefolgt von der prophylaktischen Hirnbestrahlung (PCI). Die thorakale Bestrahlung, zusätzlich zur Chemotherapie appliziert, verbessert die lokale Kontrolle und das Überleben, wobei eine frühe Bestrahlung parallel zum ersten bis dritten Kurs Chemotherapie prognostisch günstiger ist als eine spätere Bestrahlung. Eine kürzlich abgeschlossene Auswertung von 200 LD-SCLC-Patienten aus großen US-Therapiestudien (CALGB) ergab ein medianes Überleben von knapp 2 Jahren (19,9 Monate) und ein 5-Jahres-Überleben von 20%. Nach 2 Jahren waren noch 26% der Patienten progressionsfrei. Günstige Prognosefaktoren in dieser Untersuchung waren ein jüngeres Alter und weibliches Geschlecht der Patienten (8).

Obwohl die Chemotherapie die Grundlage der Therapie beim SCLC ist, hat die Chirurgie einen Stellenwert als lokale Therapie im multimodalen Konzept des SCLC. Nur wenige SCLC-Patienten werden in sehr frühen Stadien ohne mediastinalen Lymphknotenbefall diagnostiziert, aber in den Stadien IA (T1N0M0), IB (T2N0M0) und IIA(T1N1M0) sah man an ausgesuchten und chirurgisch behandelten Patienten nach multimodaler Therapie und OP sehr gute 5-Jahresüberlebensraten von 50% (4), sodass die Resektion im multimodalen Konzept in frühen Stadien mit in das Therapiekonzept einbezogen werden sollte, obwohl die Frage zum Stellenwert der OP beim SCLC in größeren randomisierten Studien bisher nicht beantwortet werden konnte. Eine Datenbankanalyse vergleicht beim LD-SCLC in den Stadien IIB-IIA das Überleben mit und ohne OP und findet deutlich bessere Ergebnisse für die ausgewählten Patienten unter einer trimodalen Therapie (Radio-Chemo inklusive OP) (9). Wir empfehlen die OP nicht bei Patienten mit N2-Befall oder der Notwendigkeit einer Pneumonektomie.

Prophylaktische Hirnbestrahlung PCI


Die prophylaktische Hirnbestrahlung (PCI) gilt als Standard beim LD-SCLC oder ED-SCLC bei gutem Tumoransprechen, seitdem eine Metaanalyse mit PCI ein um 5,4% verbessertes 3-Jahresüberleben (20,7 vs. 15,3%) (10) im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne PCI nachwies. Auch beim ED-SCLC mit Ansprechen auf die Chemotherapie (11) setzte sich die PCI als Standardtherapie durch. Allerdings ist die PCI 2014 beim ED-SCLC wieder in die Diskussion geraten, da eine japanische Studie (12) den vermuteten Vorteil der PCI, diesmal nach MRT-Ausschluss von asymptomatischen Hirnmetastasen vor der PCI, nicht bestätigte, sondern eher einen Überlebensnachteil zeigte mit einem kürzeren Gesamtüberleben in der PCI-Gruppe.

Therapieüberwachung und Rauchstopp


Patienten mit SCLC sollten engmaschig auf Therapieansprechen und unerwünschte Wirkungen überwacht werden. Vor jedem Zyklus müssen Blutbild und Nierenfunktion überprüft werden. Wenn anfangs erhöht, eignet sich das LDH gut als Verlaufsparameter, CT-Kontrollen empfehlen sich nach je 2-3 Zyklen Chemotherapie (3).

Nach Abschluss der Chemotherapie empfiehlt sich eine engmaschige Beobachtung, häufig sind 6-wöchige klinische Kontrollen und 3-monatliche CT-Thorax-Oberbauch-Kontrollen angemessen.

Patienten, die noch rauchen, sollten zum Nichtrauchen motiviert werden. Eine Metaanalyse deutete an (13), dass ein Rauchstopp beim frühen SCLC die Prognose verbessert. Daten aus 9 Studien zeigten ein 5-Jahres-Überleben beim LD-SCLC von 63% bei Patienten, die das Rauchen einstellten gegenüber 29% bei denen, die weiter rauchten.

Ältere

Ältere SCLC-Patienten in gutem Allgemeinzustand (ECOG 0-1) und intakter Organfunktion sollten die Standard-Platin-basierte Chemotherapie, eher aber mit Carboplatin, erhalten. SCLC-Patienten allerdings mit ungünstigen Prognosefaktoren (Tumor-unabhängig reduzierter Allgemeinzustand, schwere Komorbiditäten) können nur eine vorsichtige Mono-Chemotherapie tolerieren, bei der größere Toxizitäten vermieden werden. Ein Chemotherapieversuch, meist als Monotherapie bietet sich dann an, wenn der schlechte Allgemeinzustand Folge des SCLC ist.
Elektrolytentgleisungen SIADH

Beim SCLC zeigen sich häufig paraneoplastische Syndrome, z.B. mit Elektrolytveränderungen mit Hyponatriämie. Sie kann neurologische Symptome bis zu Krampfanfällen und Koma auslösen und ist ein ungünstiger Prognosefaktor. Auslöser ist eine inadäquate ADH-Produktion, die zu einer Unfähigkeit der Nieren führt, freies Wasser auszuscheiden. Das Syndrom der inadäquaten ADH-Produktion (SIADH) tritt bei 5-10% der SCLC-Patienten auf. Flüssigkeitsrestriktion und eine Therapie mit Tolvaptan bessern die Symptome, am wirksamsten ist aber eine effektive Therapie des SCLC.

SCLC-Rezidiv und Zweitlinientherapie


Bei praktisch allen Patienten mit ED-SCLC und bei 80% der LD-SCLC muss früher oder später eine Tumorprogression festgestellt werden und es stellt sich damit die Frage der Zweitlinientherapie. Patienten mit SCLC-Rezidiv haben eine schlechte Prognose, besonders die mit refraktären Tumoren und dem Progress schon unter der Erstlinienchemotherapie oder innerhalb von 60-90 Tagen nach der ersten Linie. Topotecan ist in der 2. Linie beim Chemotherapie-sensiblen Rezidiv zugelassen (14) und weniger toxisch als z.B. ACO oder EPICO, sodass bei gutem Allgemeinzustand die Zweitlinientherapie mit Topotecan angeboten werden sollte. Nach einem langem therapiefreien Intervall (über 6 Monate) und guter Verträglichkeit der Erstlinientherapie würden wir die Erstlinientherapie mit Carbo/Eto erneut versuchen (Rechallenge), bevor Topotecan eingesetzt wird.

Ein Vergleich von Topotecan mit Amrubicin (15) zeigte für Amrubicin ein höheres Ansprechen, besonders bei Chemo-refraktärer Erkrankung. Der erwartete Überlebensvorteil zeigte sich aber nicht, sodass Amrubicin bisher in Europa nicht zugelassen wurde.

Wir wissen, dass beim SCLC in 1. und 2. Linie die Steigerung von 2 auf 3 Medikamente die Toxizität zwar erhöht, aber auch das Ansprechen verbessert werden kann. Zusammengefasst ist bei Patienten in sehr gutem Allgemeinzustand, bei denen ein rasches Ansprechen auf die Zweitlinien-Therapie erwünscht wird, eine „Rechallenge“ mit zumindest einer Zweifachkombination eine gute Option.

In palliativer Absicht können als Einzelfallentscheidung bei gutem Allgemeinzustand durchaus weitere Therapielinien mit z.B. Paclitaxel, Gemcitabin, Amrubicin, Irinotecan, Vinorelbin oder Bendamustin (16) versucht werden, ohne dass hierzu große Therapiestudien oder Zulassungen vorliegen.

Thorakale Bestrahlung


Das SCLC ist sehr strahlensensibel, dennoch hat die Bestrahlung, abgesehen vom LD-SCLC mit kurativer Chemo-Strahlentherapie, beim SCLC in der Regel einen palliativen Charakter, z.B. bei schmerzenden ossären Metastasen oder bei Tumoren, die lokale Probleme auslösen mit z.B. Atelektase, Stenose oder Infiltration. Das Ansprechen ist gut, Rezidive, meist außerhalb des Bestrahlungsfeldes, sind zu erwarten. Eine konsolidierende thorakale Bestrahlung wird für ED-SCLC-Patienten mit kompletter Remission außerhalb des Thorax und gutem intrathorakalem Ansprechen empfohlen (2).

 

Abb. 1: LD-SCL vor (A) und nach (B) Chemo-Strahlentherapie.
 

Hirnmetastasen

Patienten mit symptomatischen Hirnmetastasen erhalten eine hochdosierte Kortikoidtherapie (in der Regel Dexamethason 3x 4-8 mg) und eine rasche Ganzhirnbestrahlung. Bei asymptomatischen Hirnmetastasen kann die Chemotherapie sofort begonnen und die Hirnbestrahlung später geplant werden, da auch unter der Chemotherapie zum Teil mit einem intrazerebralen Ansprechen gerechnet werden kann. Bei klinischen oder radiologischen Zeichen eines zentralen Progresses allerdings sollte rasch bestrahlt werden. Die stereotaktische Hirnbestrahlung kann eine effektive Option bei Patienten mit vorbestrahlten Hirnmetastasen sein.

Neue Therapieansätze beim SCLC

a) Vakzine-Therapien: Negative SILVA-Studie beim SCLC


Tumorvakzine sollen das körpereigene Immunsystem in die Lage versetzen, Tumorantigene effektiver zu bekämpfen. Als Zielstruktur für eine Vakzine-Therapie wurde ein an der Zelloberfläche liegendes Gangliosid GD3 identifiziert, welches beim SCLC an der Oberfläche nachweisbar ist. In der mit großen Hoffnungen begleiteten Phase-III-Studie SILVA an 515 Patienten mit LD-SCLC und Vakzinierung als Erhaltungstherapie nach der Chemo-Strahlentherapie fand sich leider kein Vorteil durch die Vakzinierung, sodass dieses Therapieprinzip die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen konnte (17).

b) Immunmodulation

Schon vor 10-20 Jahren wurde Interferon beim SCLC eingesetzt, in der Hoffnung, eine Immunantwort zu steigern, allerdings ohne überzeugende Ergebnisse (7).

Immun-Checkpoint-Inhibitoren: Ipilimumab

Das körpereigene Immunsystem mit dem T-Zell-System unterliegt einem fein regulierten Zusammenspiel von hemmenden und aktivierenden Einflüssen. Die für die Immunantwort verantwortlichen inhibitorischen Moleküle werden "Immun-Checkpoint-Proteine" genannt (7) und hier wird ein therapeutisches Eingreifen versucht.

Ipilimumab ist, ein humaner monoklonaler IgG1-Antikörper gegen das zytotoxische T-Lymphozyten-assoziierte Antigen 4 (CTLA-4), einem hemmenden transmembranalen Checkpoint-Protein, das auf aktivierten T-Zellen und Monozyten vorkommt. Durch eine Hemmung von CTL-4 soll die T-Zell-Antwort gegen das Tumorantigen gesteigert werden, was beim metastasierten malignen Melanom effektiv ist und zu einer Zulassung führen konnte. Gegenwärtig wird dieses Therapieprinzip beim ED-SCLC, wie auch beim NSCLC in Therapiestudien in Verbindung mit der Chemotherapie untersucht. Erste Ergebnisse deuten an, dass auch der Zeitpunkt der Ipilimumab-Gabe einen Einfluss auf den Therapieerfolg haben kann (18).

Weitere Immun-Checkpoint-Proteine wie PD-1 und PDL-1 werden beim NSCLC und evtl. auch beim SCLC geprüft.
 
Angiogenese: Tumorwachstum erfordert auch ein Gefäßwachstum, weshalb ein Eingriff in die Antiangiogenese über monoklonale Antikörper oder kleine Moleküle (TKI) gegen VEGF (vascular endothelial growth factor) ein wirksames Therapieprinzip sein kann. Bei über 80% der SCLC wird VEGF überexprimiert, sodass man hoffte, hierüber das SCLC zu beeinflussen. Anfänglich positive Ergebnisse mit einem Anti-VEGF beim ED-SCLC bestätigten sich später nicht, man sah lediglich der Standard-Therapie vergleichbare Ergebnisse (19). In Verbindung mit einer Bestrahlung beim LD-SCLC traten vermehrt tracheoösophageale Fisteln auf, sodass dieser kombinierte Therapieansatz wieder verlassen wurde.

Thalidomid, das auch antiangiogene Eigenschaften haben soll, ergab beim SCLC in Ergänzung zu Carboplatin/Etoposid keinen Überlebensvorteil, wiederum blieb das Gesamtüberleben bei 10,5 Monaten (20).

Molekular gesteuerte Therapie - Targeted Therapy

Genmutationsanalysen konnten beim NSCLC gut behandelbare „targetabel“-Genmutationen nachweisen und ermöglichten die Entwicklung der individualisierten Therapie. Beim SCLC zeigten Genomanalysen häufig Genveränderungen, z.B. im Tumorsuppressor-Gen p53 und im Retinoblastom (RB)-Gen. Allerdings weist das SCLC eine sehr hohe Mutationsfrequenz im Tumor auf mit pro Tumor beobachteten 150-200 Mutationen. Das TP53-Gen ist bei ca. 90% der SCLC aktiviert, das RB1-Gen bei 60-70% inaktiviert. Moderne Testverfahren wie das "Whole-Genome-Sequencing" zeigen beim SCLC unter anderem Genveränderungen wie einen PTEN-Verlust oder high-level FGFR-1-Amplifikationen sowie eine Vielzahl weiterer Mutationen, ohne dass bisher beim SCLC ein charakteristischer Phänotyp aufgedeckt werden konnte, der einen gezielten Therapieangriff erlaubt.

Es bleibt bei der universellen Chemosensitivität des SCLC, allerdings kombiniert mit der schnellen Entwicklung von Resistenzmechanismen.

Zusammenfassend bleibt das SCLC eine kaum kurativ zu behandelnde Entität innerhalb der Lungenkarzinome mit einem Anteil von ca. 15% der neu diagnostizierten Lungenkarzinome. Das SCLC ist mit intensivem Nikotinkonsum assoziiert, die Standardtherapie in erster Linie bleibt unverändert seit 15-20 Jahren die Kombination mit Platin/Etoposid, unter der in der Regel ein Ansprechen und ein Gesamtüberleben bei metastasierter Erkrankung von im Median 10 Monaten zu erwarten ist. Für die Zweitlinientherapie bleibt Topotecan Standard mit einem progressionsfreien Überleben von durchschnittlich 3 Monaten, wobei bei sensitivem Relapse auch ein "Rechallenge" mit der Erstlinientherapie in der Regel Platin/Etoposid empfehlenswert ist. Symptomatisch-palliative Verfahren gehören zur Therapie des SCLC und haben einen hohen Stellenwert bei dieser Erkrankung. Eine Neuzulassung beim SCLC gab es in den letzten 10 Jahren nicht, sodass hier noch große Wünsche an die Forschung beim kleinzelligen Lungenkarzinom bestehen.



Dr. med. Monika Serke

Lungenklinik Hemer, Thorakale Onkologie
Theo-Funccius-Str. 1
58675 Hemer

Tel.: 02372/908 2201
Fax: 02372/908 9201
E-Mail: Monika.serke@lkhemer.de



 

Abstract

M. Serke, F. Stanzel, M. Westhoff, Lungenklinik Hemer


The current treatment options for SCLC are limited and prognosis remains poor. The majority of patients with SCLC present with disease spread to regional lymph nodes and/or distant metastatic sites. Chemotherapy produces high response rates with two drug combinations, but in nearly all patients progressive disease will occur and survival is poor. Current treatment standard is chemotherapy with an etoposid-platinum (EP) regime. Standard treatment for LD-SCLC is chemo-radiotherapy, followed by PCI promising a curative chance in about 20% of LD-SCLC patients.

Keywords: SCLC, Standard treatment, chemo-radio-therapy, etoposid-platinum (EP) regime




Literaturhinweise:
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