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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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08. September 2015

Chirurgie bei Lungenkrebs

J. Fertmann, H. Winter, R. Hatz.

Aufgrund der erst spät auftretenden klinischen Symptome qualifizieren sich auch heute zum Zeitpunkt der Erstdiagnose nur eine Minderzahl der Patienten mit einem primären Bronchialkarzinom für eine chirurgische Resektion (ca. 30% bei nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC), ca. 5% bei kleinzelligem Bronchialkarzinom (SCLC)). Für diese Patienten in einem frühen, operablen Stadium stellt die chirurgische Tumorentfernung die beste Chance auf einen relevanten Gewinn an Lebenszeit dar. Um ein Höchstmaß an onkologischer und perioperativer Sicherheit für diejenigen Patienten zu gewährleisten, die schließlich einem lungenresezierenden Eingriff zugeführt werden, ist eine sorgfältige und individuelle Indikationsstellung unabdingbar. Diese sollte heute an einem spezialisierten Zentrum im interdisziplinären Verbund erfolgen und sich im Wesentlichen auf 3 Faktoren stützen, nämlich die präoperative histologische Sicherung des Tumors wann immer möglich, ein präzises Tumorstaging sowie die Abklärung der funktionellen Operabilität des Patienten für das geplante Resektionsausmaß.

Abklärung der funktionellen Operabilität

Um eine ausreichende pulmonale und kardiale Belastbarkeit des Patienten für den vorgesehenen lungenresezierenden Eingriff sicherzustellen, muss entsprechend der ETS/ESTS-Guidelines eine Risikostratifizierung anhand der spirometrisch gemessenen Lungenvolumina, Parameter des pulmonalen Gastaustausches sowie der perfusionsszintigraphisch ermittelten prädizierten postoperativen Lungenfunktion erfolgen. Der detaillierte Workflow hierzu ist in aktuellen Publikationen im Detail dargestellt (1, 2). Kurz zusammengefasst sollten 80% der altersentsprechenden Norm für FEV1 und DLCO erreicht werden, um den Patienten ohne weitere ergospirometrische Messung der maximalen Sauerstoffaufnahme unter Belastung (VO2max) für die Operation freigeben zu können. Sollte der Patient für einen oder beide Parameter unter dem geforderten Limit liegen, muss eine prädizierte postoperative VO2max von > 20 ml/kg/min oder > 75% des altersentsprechenden Solls vorliegen, um eine Lungenresektion bis hin zur Pneumonektomie ohne signifikant erhöhte postoperative Letalität vornehmen zu können. Patienten mit einer ppo VO2max von < 10 ml/kg/min oder < 35% des Sollwertes kommen für eine onkologische Resektion nicht in Frage. Liegt die ppo VO2max zwischen 10-20 ml/kg/min oder 35-75% des altersentsprechenden Solls, muss eine Perfusionsszintigraphie durchgeführt werden, um die prädizierten postoperativen Werte für FEV1 und DLCO berechnen zu können. Erst wenn diese > 30% der altersentsprechenden Norm betragen, kann der Patient für den geplanten lungenresezierenden Eingriff bis hin zur Pneumonektomie freigegeben werden.

Die kardiale Belastungsfähigkeit wird durch anamnestische Abfrage von Risikofaktoren, EKG und Ergometrie abgeklärt. Ergeben sich Auffälligkeiten, muss eine weitergehende Diagnostik entweder nicht-invasiv mittels Myokardszintigraphie oder invasiv durch eine Koronarangiographie veranlasst werden, um den Patienten vor dem geplanten lungenresezierenden Eingriff hinsichtlich eines eventuell vorliegenden kardialen Risikos optimieren zu können.


Präoperatives Staging

Um eine stadienadaptierte Indikation zur Operation bei Vorliegen eines Bronchialkarzinoms stellen zu können, ist ein sorgfältiges Staging unabdingbar. Hierzu gehört die Abklärung der lokalen Tumorausbreitung mittels Bronchoskopie und CT-Thorax, ggf. ergänzt durch ein MRT-Thorax zur verbesserten Abgrenzung gegenüber den benachbarten Strukturen. Eine Fernmetastasierung muss durch ein cMRT (alternativ ein cCT), ein CT der Oberbauchorgane mit Darstellung von Leber und Nebennieren, zumindest aber eine Sonographie der Oberbauchorgane sowie eine Skelettszintigraphie ausgeschlossen werden. Gegebenenfalls kann alternativ auch ein FDG-PET-CT durchgeführt werden, das auch bereits eine Dignitätseinschätzung bei morphologisch malignitätssuspekten mediastinalen Lymphknoten ermöglicht.

An spezialisierten Zentren erfolgt die Abklärung einer mediastinalen Lymphadenopathie heute in der Regel durch eine transbronchiale Nadelaspiration (TBNA), den endobronchialen Ultraschall mit Nadelaspiration (EBUS-NA), den transösophagealen Ultraschall mit Nadelaspiration (EUS-NA) oder die transthorakale Nadelaspiration (TTNA). Sollte eine konklusive Abklärung hierdurch nicht zu erreichen sein, steht die klassische Mediastinoskopie zur Verfügung, die eine bioptische Sicherung der LK-Stationen L3v, L2r/l, L4r/l sowie L7 zulässt. In einigen Zentren wird alternativ die videoassistierte mediastinale Lymphadenektomie (VAMLA) durchgeführt, die über ein spezielles aufklappbares Mediastinoskop die vollständige Ausräumung der oben angegebenen mediastinalen Lymphknotenkompartimente erlaubt (3). Als invasivere Methoden können zusätzlich die thorakoskopische mediastinale Lymphknoten-PE oder die anteriore Mediastinotomie (OP nach Chamberlain) gewählt werden. Diese Verfahren können selbstverständlich auch zur indirekten histologischen Sicherung des Primärtumors verwendet werden, wenn auf bronchoskopischem Wege oder durch transthorakale Direktpunktion die feingewebliche Abklärung nicht möglich war.


Chirurgische Zugangswege und Operationsverfahren

Als onkologisch radikaler Standardeingriff zur adäquaten chirurgischen Therapie eines operablen Bronchialkarzinoms wird die Lobektomie des betroffenen Lappens gefordert. Diese muss durch eine systematische mediastinale und hiläre Lymphadenektomie ergänzt werden. Dabei sind bei linkspulmonalen Operationen mindestens die Stationen L 5, 6, 7, 8 und 9-12 auszuräumen, bei Eingriffen auf der rechten Seite die Stationen L 2R, 4R, 7, 8 und 9-12. Entsprechend der Lagebeziehung des Tumors zu den Interlobien und den zentralen Lungenstrukturen muss ggf. auf ausgedehntere anatomische Resektionen wie die untere oder obere Bilobektomie oder die Pneumonektomie eskaliert werden.

Bei einer offenen Resektion findet in den meisten Zentren heute die antero-laterale Thorakotomie Verwendung, die im 4. oder 5. Intercostalraum durchgeführt wird und einen guten Zugang zu den Hilusstrukturen bei gleichzeitig weitgehender Muskelschonung ermöglicht. Nur noch selten wird die deutlich traumatischere posterolaterale Thorakotomie durchgeführt. Für erweiterte Resektionen in fortgeschrittenen Tumorstadien werden mitunter seltener benötigte Zugangswege wie Thorakotomien mit Querdurchtrennung des Sternums („Hemiclamshell“), komplette Sternotomien in Längsrichtung oder nach posterolateral erweiterte Thorakotomien (Shaw-Paulson) eingesetzt.

In den letzten Jahren hat sich an high-volume Zentren ein minimalinvasives Vorgehen bei peripher gelegenen, nodal-negativen Bronchialkarzinomen im Frühstadium (Stadium IA, IB, IIA) etabliert. Diese als VATS („video-assisted thoracoscopic surgery“)-Lobektomie bezeichnete Technik wird in der Regel über 3-4 Portzugänge ausgeführt, deren größter maximal 4 cm messen soll, zur Bergung des Resektats dient und typischerweise im 5. Intercostalraum im Bereich der Medioclavicularlinie zu liegen kommt. Wird dieser als „utility incision“ von Beginn des Eingriffes an ausgeführt, gelingt eine Lobektomie nomalerweise über insgesamt lediglich 3 Zugänge.

Der wesentliche Vorteil der VATS-Technik liegt in einem deutlich reduzierten Zugangstrauma, das vor allem auf den Verzicht auf das Spreizen von Rippen zurückzuführen ist. Hierdurch ergibt sich ein reduzierter postoperativer Ressourcenverbrauch, der sich durch einen verkürzten Krankenhausaufenthalt bei reduziertem Analgetikabedarf und kürzerer Drainagenliegedauer begründet (4). Die wesentlichen Nachteile sind eine im Rahmen der Lernkurve zumindest anfangs deutlich verlängerte Operationszeit sowie höhere intraoperative Kosten, die sich im Wesentlichen durch die benötigten Staplersysteme generieren (5). Die perioperative Sicherheit hinsichtlich Morbidität und Mortalität ist bei einem ausreichend hohen Operationsvolumen bei beiden Verfahren vergleichbar (6). Bezüglich des onkologischen Outcomes zeigt sich die VATS-Lobektomie der offenen Resektion insbesondere bei der Lokalrezidiv- rate mindestens ebenbürtig (7).

In einigen thoraxchirurgischen Zentren wurde in den letzten Jahren als Alternative zur VATS-Lobektomie die Roboter-gestützte Lobektomie etabliert. Diese Technik soll ein intuitiveres Operieren bei verbesserter optischer Auflösung und 3-dimensionalem Erleben des Operationssitus ermöglichen. Hierdurch ergibt sich als wesentlicher Vorteil eine noch präzisere Operationsdurchführung, die insbesondere die mediastinale Lymphknotendissektion im Vergleich zur VATS-Lobektomie weiter optimieren und den intraoperativen Blutverlust reduzieren soll (8). Dem Operateur wird zudem ein ergonomischeres Arbeiten ermöglicht. Demgegenüber stehen die extrem hohen Anschaffungs- und Wartungskosten der Robotersysteme sowie die zumindest anfänglich signifikant verlängerten Operationszeiten. Obwohl direkte Kostenvergleiche aufgrund multipler Einflussfaktoren schwierig sind, ist derzeit von Mehrkosten eines Roboter-gestützten Eingriffes im Vergleich zu einer VATS-Lobektomie von mindestens 3.000-4.000 USD auszugehen (9).

In Analogie zur VATS-Lobektomie werden für den Eingriff 3-4 Inzisionen benötigt, zur Bergung des Präparates wird meist eine hiervon ebenfalls auf eine Länge von maximal 4 cm erweitert. Einzelne Zentren führen die Roboter-gestützte Lobektomie aber auch unter Verzicht auf eine utility incision durch (10).

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt stehen randomisierte Studien, die direkt Roboter-geführte mit VATS-Lobektomien vergleichen, sowie insbesondere eine breite Datenbasis zum onkologischen Langzeit-Outcome aus. Die aktuell zur Verfügung stehenden Daten aus Einzelserien weisen allerdings darauf hin, dass die perioperative Morbidität und Mortalität der Roboter-gestützten Lobektomie dem VATS-Eingriff gegenüber vergleichbar ist (11), und auch das onkologische Ergebnis ebenbürtig ist (12). Ob die Vorteile der Methode die deutlichen Mehrkosten aufwiegen können und die Roboter-gestützte Lobektomie sich so in der Breite durchsetzen wird, werden erst die Ergebnisse von randomisierten Multizenterstudien zeigen können.


Rolle der Chirurgie beim SCLC

Nach derzeitiger Datenlage profitiert von einer chirurgischen Resektion nur eine kleine Subgruppe der Patienten mit gesichertem SCLC, nämlich bei Vorliegen eines UICC-Stadiums I-II bei T1-2N0(N1) Tumoren ((very) limited disease) (13). Leider befinden sich bei Erstdiagnose eines SCLC weniger als 20% aller Patienten in einem derartigen Frühstadium (14). Die Operation ist dabei immer in ein multimodales Therapiekonzept eingebettet und bedarf der engen interdisziplinären Abstimmung. Bei Patienten im Stadium I (N0) können so durch vollständige chirurgische Resektion mit nachfolgender adjuvanter Chemotherapie 5-Jahres-Überlebensraten bis 60% erzielt werden. Kann die Diagnose eines SCLC erst intraoperativ in der Schnellschnittdiagnostik gesichert werden, wird bei Erreichbarkeit eines R0-Status und funktioneller Operabilität die onkologische Resektion mit vollständiger mediastinaler und hilärer Lymphadenektomie empfohlen (13). Hingegen ist die Bedeutung einer sekundären chirurgischen Resektion nach vorangehender Radiochemotherapie noch nicht abschließend geklärt und Gegenstand von klinischen Studien.


Chirurgie beim NSCLC

Die Rolle der Chirurgie bei der Therapie des NSCLC ist stadienadaptiert und muss sich deshalb immer auf ein sorgfältiges präoperatives Staging stützen. In den Frühstadien ist ein primär operatives Vorgehen klar indiziert:


NSCLC Stadium I und II

In den nodal-negativen Stadien IA und IB können durch eine radikale onkologische Tumorresektion mit ausreichenden tumorfeien Resektionsrändern sowie einer systematischen mediastinalen und hilären Lymphadenektomie 5-Jahres-Überlebensraten zwischen 57% und 71% erreicht werden (15). Hierzu ist standardmäßig als einzig onkologisch radikaler Eingriff die Lobektomie des betroffenen Lappens zu wählen. Diese kann klassisch über eine Thorakotomie durchgeführt werden oder mit vergleichbarer Mortalität und Morbidität als VATS-Lobektomie. Hinsichtlich der onkologischen Radikalität ist diese der offenen Operation zumindest ebenbürtig und hat sich deshalb an thoraxchirurgischen Zentren mittlerweile als Standardverfahren für das nodal-negative (cN0/pN0), nicht lappenüberschreitende NSCLC im Frühstadium (CT1a-cT2a, keine Infiltration von Thoraxwand, Zwerchfell und Mediastinum; kein endobronchiales Tumorwachstum) etabliert.

Auch im relativ heterogenen Stadium II (T1a-T3, N0-N1) bedeutet eine erzielte R0-Resektion noch ein 5-Jahres-Überleben von 33-57% (16), so dass ein primär operatives Vorgehen auch hier klar empfohlen ist. Prognostisch besteht in diesem Stadium kein Unterschied zwischen einem lokal fortgeschrittenen, aber nodal-negativen Tumor (T3N0) und einem Tumor mit günstigerem T-Stadium, aber mit positiven N1-Lymphknoten (T2N1). Bei T3N0-Tumoren mit Tumorinfiltration der Thoraxwand, des Zwerchfells, des Perikards oder der mediastinalen Pleura sind zum Erreichen eines R0-Status auch erweiterte Resektionen mit en-bloc-Entfernung dieser angrenzenden Strukturen onkologisch sinnvoll. Eine intraoperative Schnellschnittdiagnostik zur Sicherung tumorfreier Absetzungsränder ist hierbei obligat. Die Rekonstruktion der Kompartmentgrenzen macht dabei nicht selten den Einsatz von alloplastischem Material notwendig.

Bei zentralem Tumorsitz mit Infiltration eines Lappenbronchus oder von Pulmonalarterie und -vene ist zum Erreichen einer R0-Resektion unter Umständen eine bronchoplastische oder angioplastische Erweiterung notwendig. Am Bronchus kann dies als sog. sleeve resection erfolgen, bei der das tumortragende Lappenostium als T-förmiges Resektat mit einem Hauptbronchussegment entfernt wird und eine End-zu-End-Anastomosierung von zentralem und peripherem Hauptbronchus-Absetzungsrand durchgeführt wird. Hiermit gelingt es oft, funktionelles Lungenparenchym zu erhalten („parenchyme-sparing“) und die Nachteile einer Pneumonektomie bei vergleichbarer onkologischer Radikalität zu vermeiden (17). In Analogie können an Pulmonalarterie und -vene tangentiale oder segmentale Resektionen vorgenommen werden, die dann entweder mittels Direktnaht, Anlage einer End-zu-End-Anastomose oder unter Einsatz von Gefäßprothesen zu rekonstruieren sind.

Limitierte Resektionen unterhalb der Lappenebene (atypische Resektion, sog. „wide excision“, Subsegmentresektionen, anatomische Segmentresektionen) sind auch im Stadium I/II nur denjenigen Patienten vorbehalten, deren funktionelle Reserven die onkologisch indizierte anatomische Resektion (Lobektomie, Bilobektomie, Pneumonektomie) nicht zulassen. In diesem Fall muss eine signifikant schlechtere Prognose mit erhöhter Lokalrezidivrate in Kauf genommen werden. Eine Ausnahme hiervon könnte für T1N0-Tumoren bestehen (18), für die eine randomisierte Studie keinen signifikanten Vorteil einer Lobektomie gegenüber einer sublobären Resektion hinsichtlich des 5-Jahres-Überlebens zeigte (19). Nachdem die Überlebensdaten dieser Studie später nochmals revidiert werden mussten (20), wird gegenwärtig in mehreren randomisierten Studien in den USA, Deutschland und Japan überprüft, ob T1(a)-Tumoren durch eine anatomische Segmentresektion onkologisch adäquat therapiert sind.


NSCLC Stadium IIIA und IIIB

Bei den Lungenkarzinomen im Stadium III handelt es sich um eine heterogene Tumorgruppe, die bereits eine Infiltration lokal benachbarter Strukturen bzw. eine lymphogene Aussaat in N2/N3-Stationen aufweist. Eine Fernmetastasierung liegt bei diesen Tumoren noch nicht vor.

Ein Großteil der Karzinome im Stadium IIIA ist dabei potentiell technisch operabel, macht aber teilweise ausgedehnt erweiterte Eingriffe nötig, bei denen letztlich nicht immer zuverlässig eine lokale R0-Resektion erzielt werden kann. Zudem resultiert eine alleinige chirurgische Therapie bei diesen Patienten meist nicht in einer relevant verbesserten Prognose. Sie sollten deshalb an erfahrenen Zentren nach interdisziplinärer Evaluation einem multimodalen Therapiekonzept zugeführt werden. Dieses beinhaltet in der Regel eine Induktionschemotherapie und/oder Radiatio, ein sorgfältiges insbesondere mediastinales Restaging, die operative Resektion bei Ansprechen sowie eine weitere adjuvante Therapie in Abhängigkeit vom endgültigen pathologischen Staging. Dieses Vorgehen stützt sich auf Daten aus randomisierten Studien (21, 22), die zeigen, dass nach Vorbehandlung eine höhere Rate an R0-Resektionen erreicht werden kann.

Bei T4-Tumoren im Stadium IIIA, die gesichert keinen mediastinalen Lymphknotenbefall aufweisen (N0/N1) und bei Satellitentumor im selben Lungenlappen, Infiltration von Vena cava oder Aorta, Atrium, Carina, Ösophagus oder Wirbelkörper durch einen erweiterten Eingriff potentiell technisch resektabel sind, wird ebenfalls eine Induktionstherapie mit aggressiver chirurgischer Resektion nach Reevaluation empfohlen.

Im Stadium IIIB liegt entweder eine N3-Situation vor oder eine Infiltration in benachbarte Organe, die nicht in toto mitreseziert werden können. Da somit eine postoperative R0-Situation nicht zu gewährleisten ist, verbietet sich in der Regel eine chirurgische Therapie bei diesen Patienten. Dies gilt insbesondere für ein T4-Stadium aufgrund einer Pleurakarzinose bzw. eines malignen Pleuraergusses. In Einzelfällen kann allerdings nach neoadjuvanter Chemotherapie +/- Radiatio ein Downstaging der mediastinalen Lymphknoten erreicht werden. Wenn das Ansprechen auf die Induktionstherapie CT-morphologisch oder besser mediastinoskopisch zu sichern ist, kann gegebenenfalls im interdisziplinären Setting über eine sekundäre operative Resektion entschieden werden.


Sulcus-superior-Karzinome

Auch bei der Therapie der Pancoast-Tumoren des oberen Brustkorbes kommt der Chirurgie eine Rolle im Rahmen von multimodalen Therapiekonzepten zu. Hierbei wurde der klassische Therapieansatz mit chirurgischer Tumorresektion nach vorangehender Radiatio mittlerweile durch ein trimodales Konzept ersetzt, bei dem die betroffenen Patienten zunächst eine neoadjuvante Platin-basierte Radiochemotherapie erhalten und bei Ansprechen anschließend radikal reseziert werden mit zumindest einer anatomischen Lappenresektion und einer radikalen mediastinalen und hilären Lymphadenektomie. Hierdurch konnte die Rate an erzielten R0-Resektionen erhöht (23) und somit das mediane Überleben signifikant verbessert werden (24).

Da diese Tumoren meist durch die lokale Invasion der benachbarten Strukturen wie den Plexus brachialis, A. und V. subclavia, den Sympathikus-Grenzstrang sowie knöcherne Strukturen wie die erste und zweite Rippe und Brustwirbelkörper auffallen, ist eine Ergänzung der präoperativen Bildgebung durch ein MRT-Thorax obligatorisch. Nur so kann die Chance auf eine R0-Resektion abgeschätzt werden. Da neben einer R1/R2-Situation auch das Vorliegen von N2-Lymphknotenmetastasen die Prognose von Pancoast-Karzinomen signifikant verschlechtert, ist zudem eine präoperative Abklärung des mediastinalen Lymphknotenstatus mittels Mediastinoskopie zu fordern.

Obwohl Fernmetastasen bei Sulcus-superior-Karzinomen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose eher selten sind, sollte gerade die Indikation zu erweiterten Resektionen nur im interdisziplinären Konsensus im Rahmen eines Tumorboardentscheides gestellt werden.


Oligometastasiertes Stadium IV

Bei Vorliegen von Fernmetastasen eines Bronchialkarzinoms (Stadium IV) sind generell lungenresezierende Eingriffe nicht mehr indiziert, und die betroffenen Patienten sollten einer palliativen Chemotherapie zugeführt werden. Ausnahmen stellen Patienten mit singulären, isolierten Nebennierenmetastasen dar. Ist eine weitere Fernmetastasierung sicher ausgeschlossen, wird sowohl bei synchronem als auch bei metachronem Auftreten der Nebennierenmetastase deren Resektion nach Sanierung des Primärtumors empfohlen. Das 5-Jahres-Überleben liegt dabei in beiden Fällen bei etwa 25% (25).

Eine weitere Ausnahme kann für Patienten mit einer isolierten und limitierten zerebralen Fernmetastasierung gelten. In retrospektiven Analysen konnte gezeigt werden, dass bei sicherem Ausschluss einer extrazerebralen Fernmetastasierung, Vorliegen von höchstens 3 Hirnmetastasen mit einem maximalen Diameter von 3 cm sowie zuverlässigem Ausschluss einer N2/N3-Lymphknotenmetastasierung diese Patienten von einem resezierenden Eingriff profitieren können (26, 27). Dabei wird zunächst die chirurgische bzw. radiochirurgische Therapie der zerebralen Metastasen empfohlen, gefolgt von der onkologisch korrekten Resektion des Primärtumors mit radikaler mediastinaler und hilärer Lymphadenektomie.


Thoraxchirurgie in palliativer Intention

Auch bei Patienten, bei denen bei fortgeschrittenem Tumorleiden eine Tumorresektion in kurativer Absicht nicht mehr in Frage kommt, hat die Thoraxchirurgie einen Stellenwert in der interdisziplinären palliativen Versorgung. Ziel muss dabei die symptomatische Therapie teils quälender Beschwerden, eine Verbesserung der Lebensqualität sowie eine Verlängerung der Zeit sein, die die betroffenen Patienten außerhalb des Krankenhauses oder von Palliativeinrichtungen im heimischen Umfeld verbringen können. In der Regel werden nicht lungenresezierende Eingriffe durchgeführt, beispielsweise die VATS-Pleurodese bei symptomatischen malignen Pleuraergüssen, die Anlage von Verweil-Pleurakathetern (PleurX-System®) oder die thorakoskopische Perikardfensterung bei malignen symptomatischen Perikardergüssen (28). Auch resezierende Eingriffe können in Einzelfällen in der Palliativsituation indiziert sein, bedürfen aber einer sorgfältigen interdisziplinären Nutzen-/Risikoabwägung. Indikationen hierfür sind endobronchiale Blutungen, intraparenchymatöse Abszessbildung bei Tumorzerfall oder durch Tumorobstruktion bedingte Retentionspneumonien, die bronchoskopisch-interventionell nicht effektiv angegangen werden können. Durch die Ausweitung der technischen Möglichkeiten der interventionellen Bronchoskopie in den letzten Jahren wie z.B. der endobronchialen Laserung, Argon-Plasma-Koagulation oder der endobronchialen Stentversorgung sind diese Eingriffe allerdings selten geworden.


Zusammenfassung

Nach wie vor befindet sich bei Erstdiagnose eines Bronchialkarzinoms die Mehrzahl der Patienten bereits in einem inoperablen Spätstadium, so dass das 5-Jahres-Überleben im Gesamtkollektiv weiter nur bei etwa 15% liegt. Gelingt die Erstdiagnose in einem frühen Stadium, lassen sich durch eine radikale chirurgische Resektion allerdings gute Ergebnisse für die betroffenen Patienten erzielen, beispielsweise ein rezidivfreies 5-Jahres-Überleben im Stadium T1N0M0 von circa 80%. Die Indikationsstellung zur Operation sollte heute nach sorgfältigem präoperativen Staging und interdisziplinärer Evaluation des Patienten an einem spezialisierten Zentrum erfolgen. Auch in fortgeschrittenen Tumorstadien kommt der Chirurgie noch eine Rolle im Rahmen von multimodalen Therapiekonzepten zu. Im palliativen Setting kann die Thoraxchirurgie zudem einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten mit weit fortgeschrittenem Tumorleiden leisten.

 

Jan Fertmann, München

Dr. med. Jan Fertmann

Abteilung für Thoraxchirurgie,
Klinik für Allgemein-, Viszeral-,
Transplantations-, Gefäß- und
Thoraxchirurgie, Klinikum der
Universität München – Campus Großhadern
Marchioninistr. 15
81377 München

E-Mail: jan.Fertmann@med.uni-muenchen.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ABSTRACT
 



J. Fertmann, H. Winter, R. Hatz, Abteilung für Thoraxchirurgie, Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Thoraxchirurgie, Klinikum der Universität München – Campus Großhadern

Due to the late onset of symptoms only the minority of patients with primary lung cancer qualify for surgery at the time of diagnosis (about 30% with non small cell lung cancer and 5% with small cell lung cancer). But for patients in an early tumor stage surgery is the best chance for a relevant survival benefit. A strictly diagnosis ist absolutely necessary to ensure a maximum level of safety. The diagnosis should be performed by an interdisciplinary team and in specialized centers. Diagnosis essentially provides for the following: the histological proof, the precise tumorstaging and the feasability of the planed resection.



Keywords: surgery, lung cancer, survival benefit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

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