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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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10. November 2014

Konventionelle Medizin und Integrative Onkologie im Schulterschluss:

Bilanz zwei Jahre nach Neueröffnung des Zentrums für Integrative Medizin (ZIM) am Kantonsspital St. Gallen

K. Kramer, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Universitätsklinikum Ulm.

In St. Gallen fand vor zwei Jahren, am 4. Oktober 2012, ein Symposium zur Feier der Eröffnung des Zentrums für Integrative Medizin am Kantonsspital St. Gallen (KSSG) statt. Über 150 Teilnehmer würdigten die Neugründung des Zentrums für Integrative Medizin (ZIM). Das Interesse war so groß, dass ein Hörsaal mit live-Übertragung der Haupt-Veranstaltung noch zusätzlich eingerichtet wurde. Das ZIM hat sich aufgrund der großen Patientennachfrage und auf dem Hintergrund von seit fünf Jahren regelmäßig in St. Gallen ausgerichteter Symposien "Integrative Onkologie und Forschung" entwickelt und etabliert. Das ZIM in St. Gallen hält neben der konventionellen Medizin zusätzlich noch weitere Therapiebereiche vor und integriert unter Berücksichtigung der Salutogenese die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) mit Akupunktur und Tuina, Anthroposophische Medizin, äußere Pflegeanwendungen wie Einreibungen, Wickel, Heileurythmie als achtsame Bewegungstherapie, Maltherapie als eine der künstlerischen Therapien sowie die Osteopathie als eine ganzheitliche Körpertherapie. Im Juni 2012 wurde dem Projekt "Integrative Medizin am Kantonsspital St. Gallen" der 3. Preis des Innovationspreises der Staatsverwaltung des Kantons St. Gallen verliehen.

"Integrative Medizin ist heute sehr gefragt", so der Leiter des Zentrums für Integrative Medizin am Kantonsspital St. Gallen, Dr. Marc Schläppi. Man weiß, dass ca. 50% der (Schweizer) Patienten Komplementärmedizin anwenden, wobei mehr als 70% davon dies ihrem behandelnden Arzt verschweigen. Als Gründe für eine komplementäre Onkologie werden u.a. die heute zunehmend agierende und selbstbestimmte Generation genannt. "Wir berücksichtigen damit den Anspruch des Kohärenzgefühls - Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit - unserer Patienten", sagt der Chefarzt der Klinik für Onkologie im KSSG, Professor Dr. Thomas Cerny. Die überzeugendsten Studiendaten fänden sich derzeit im Bereich der Palliativmedizin, aber auch zahlreiche Studien wie randomised clinical trials (> 7.000) und Reviews (> 6.000) zur komplementären und alternativen Medizin seien über die anerkannten medizinischen Literaturdatenbanken zugänglich. Das National Cancer Institute (NCI) in den USA wendet jährlich ein Budget von US $ 400 Mio für die Forschung der komplemetären und alternativen Medizin (CAM) auf und geht mit gutem Bespiel voran. Es geht darum, dass die Wechselwirkungen ebenso wie die Wirkungen dieser von den Patienten zunehmend beanspruchten Therapierichtungen seriös evaluiert werden.

Charakterisierend für diese integrative Medizin am KSSG ist der salutogenetische Ansatz nach Aaron Antonovsky (*1923 †1994), ausgehend von der Frage, was hält den Menschen gesund? (Salus=Gesundheit). Intention einer Medizin i.S.d. Salutogenese ist es, die Patienten "zum Schwimmen zu befähigen" (Schwimmlehrer), die konventionelle Medizin ist Meisterin "vor dem Ertrinken zu retten" (Rettungsschwimmer) (1). Beide Herangehensweisen werden von den Menschen unserer heutigen Gesellschaft gebraucht und beide müssen weiterentwickelt werden. Eine Besonderheit innerhalb der integrativen Medizin am KSSG sind die äußeren Anwendungen, wie rhythmische Einreibungen, Wickel oder Kompressen mit wässrigen, alkoholischen oder öligen Auszügen, welche im Sinne der Salutogenese alle unterstützend wirken. Studiendaten deuten auf die Wirksamkeit der rhythmischen Einreibungen hin.

Therapierichtungen


Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) erkennt neben den physiologisch-biochemischen Tatsachen ebenso ein den menschlichen Leib durchwirkendes Fließen („Chi“), welches bei der Diagnose und Therapie Berücksichtigung findet. Über Gesunderhaltung und Erkrankung entscheidet das Gleichgewicht der Kräfte, welches es auch für die Therapie wieder zu finden gilt. Zwei sich komplementär ergänzende Kräfte werden unterschieden, YIN (Kälte, Nacht, Mond, Frau) und YANG (Hitze, Tag, Sonne, Mann). Mit spezifischen Kräuterauszügen (Decoct) wird das Fließen im Leib wieder gesundheitsfördernd angeregt und harmonisiert. Tuina ist so etwas wie "Akupressur" (tui=schieben; na=greifen) und kann als eine weniger invasive Alternative zur Akupunktur angewendet werden. Die Wirksamkeit der TCM ist in der eigenen Erfahrung am KSSG ebenso wie nach der Literatur bei ausgewählten Indikationen, unbestreitbar.

Die Anthroposophische Medizin (AM) basiert auf der naturwissenschaftlich gegründeten Medizin, wobei diese erweitert wird, indem neben den physiologisch anatomischen Kenntnissen die gesamte Funktionalität der Lebenswelt sowie das geistig seelische des Menschen als Ganzes Berücksichtigung finden. Die AM ist damit eine naturwissenschaftlich fundierte, individualisierte holistische Medizin und gleichsam Prototyp einer integrativen Medizin. Neben den vier Wirkbereichen des physischen, lebendigen, seelischen und geistigen wird der Mensch in seiner Funktionalität als ein dreigliedriges Wesen dargestellt, in dem der Nerven-Sinnespol (NS) im oberen Menschen (Bewusstsein, Denken, Abbau u.a.) und der Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol (SWG) im unteren (unbewusst, Wachstum, Aufbau u.a.) durch das Rhythmische System (RS) der Mitte ineinander vermittelt werden. Gesunderhaltung ist damit eine Gleichgewichtsfrage dieser Kräftewirkungen (d.h. es ist kein Zustand). Die anthroposophisch-medizinische Therapie ist eine dem jeweiligen Patienten in seiner Ganzheit individuell zugehörige Therapie. Das Spektrum umfasst Heilpflanzen, Mineralien, evtl. auch tierische Präparate - (potenziert oder substantiell in oraler, s.c. oder i.v. Applikation) - ebenso äußere Anwendungen wie auch künstlerische Therapien. Eine Besonderheit innerhalb der künstlerischen Therapie in der AM ist die Heileurythmie. Eurythmie ist eine Körperbewegungskunst. Der Patient kann in der Heileurythmie für sich aktiv etwas tun, was er zu allermeist in seiner Wirkung spüren lernt.

 

Abb. 1: v.l.o.n.r.u.: Heileurythmie, Mistel, Wickel, Dr. M. Schlaeppi bei der Eröffnungsfeier, H33: Eingang Zentrum für Integrative Medizin am KSSG.
 

Auf Grundlage vielfältiger Wirksamkeitsnachweise in wissenschaftlichen Publikationen, wird in der Anthroposophischen Medizin am Kantonsspital St. Gallen ein individualisiertes an den Studienstandard adaptiertes, methodologisches Vorgehen berücksichtigt (2-6).

Osteopathie ist eine ganzheitliche Körpertherapie, eine systematische manuelle Heilmethode, welche diagnostische und therapeutische Verfahren einschließt. Basis für die Osteopathie sind die Naturwissenschaften. (1864 begründet durch Andrew Taylor *1828 †1917 in England). Die Osteopathie geht davon aus: Leben ist Bewegen. Die Osteopathie weiß um ihre Grenzen, bevorzugt vor ihrer Anwendung eine klare Diagnose und setzt in der Regel im Funktionellen an.

Die Maltherapie ist geprägt von Wahrnehmung. Der Patient ist selber tätig. Der Mensch lernt über das Erleben. Der Patient stellt sich oft selbst dar. Sichtbarkeit entsteht da, wo Licht und Dunkelheit zusammenwirken. Die Maltherapie begleitet helfend die innere Entwicklung im Krankheits- und Genesungsprozess.

Organisatorisch orientieren sich in St. Gallen die verschiedenen Kliniken und Institute an den individuellen Erfordernissen der Patienten und nicht der Patientenpfad an der Architektur bzw. Zugänglichkeit dieser Einrichtungen.

Das Zentrum für Integrative Medizin in St. Gallen zeigt an einem renomierten Haus der Maximalversorgung, dass die integrative Medizin, indem sie auf die konventionelle wissenschaftliche Medizin aufbaut und zur Erweiterung bereit ist, den Gegensatz zwischen komplementärer Medizin und der modernen Medizin überwinden kann. Die Nachfrage der überwiegenden Mehrheit der Patienten wird dadurch ernst genommen und ein entsprechendes Angebot vorgehalten. Den Patienten wird dadurch das Zermahlen-Werden zwischen den Fronten der technischen, wissenschaftlichen Medizin auf der einen Seite sowie der humanen, den ganzen Menschen und die Natur berücksichtigenden Medizin auf der anderen Seite zunehmend erspart.

Zusammengefasst gilt für die Integrative Medizin im KSSG:

Die IM ist ein freiwilliges ergänzendes Angebot zur etablierten konventionellen Medizin. Es werden ausgewählte Methoden angewendet. Die IM steht auf dem Boden einer sachlichen und klaren Diagnostik, ihre Anwendung erfolgt professionell und indikationsbezogen. Der Verlauf wird dokumentiert und evaluiert. Prospektive Studien sind notwendig.

Das Besondere in St. Gallen: Geschäftsleitung, Chefärzte sowie Ärzte, Pflegende und Patienten fördern gemeinsam synergetisch das Zentrum für Integrative Medizin zum individuellen ganzheitlichen Wohle der Patienten. Das Kantonsspital St. Gallen statuiert damit ein Vorzeigebeispiel in Europa, das in der Maximalversorgung seinesgleichen sucht und nicht nur wegen der positiven Patientenresonanz eine Empfehlung zur Nachahmung sein dürfte.


 

 

Priv.-Doz. Dr. med. Klaus Kramer (M.Sc.)

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Universitätsklinikum Ulm
Albert-Einstein-Allee 23
89081 Ulm

E-Mail: klaus.kramer@uniklinik-ulm.de



 

 

Zweijahres-Bilanz im Zentrum für Integrative Medizin

Interview mit Dr. med. Marc Schlaeppi, Leiter des Zentrums für Integrative Medizin, Kantonsspital, St. Gallen.


Das Interview führte Priv.-Doz. Dr. med. Klaus Kramer, Universitätsklinikum Ulm, am 6. Oktober 2014, zwei Jahre nach der Eröffnung des Zentrums für Integrative Medizin im Kantonsspital St. Gallen (CH).

Kramer: Im Juni 2012 wurde dem Projekt "Integrative Medizin am Kantonsspital St. Gallen" der 3. Preis des Innovationspreises der Staatsverwaltung des Kantons St. Gallen verliehen. Wie beurteilen Sie die integrative Medizin zwei Jahre nach der Gründung einer eigenständigen Abteilung am Kantonsspital St. Gallen?

Schlaeppi:
Die Resonanz ist positiv, sehr positiv. Die Nachfrage ist so hoch, dass Wartezeiten für Neuzugänge entstanden und wir zusätzliches Personal anstellen mussten, um der Nachfrage gerecht zu werden. Seitens der Patienten finden wir eine sehr breite Annahme der integrativen Medizin. Einerseits gibt es seitens der ärztlichen Kollegen der Nachbarabteilungen und Zuweiser viele synergistische Kooperationen, andererseits aber auch befremdete Reaktionen. Hier gilt es gut zu kommunizieren und im Sinne der Integration für eine Verständigung zu wirken.

Kramer: Welches sind die am häufigsten behandelten Erkrankungen in Ihrer Abteilung?

Schlaeppi:
Die am häufigsten behandelten Erkrankungen sind vor allem Tumorerkrankungen und auch Schmerzpatienten inklusive rheumatologischer und neurologischer Erkrankungen. Zu den häufigen Tumorerkrankungen gehören Mammakarzinom, andere gynäkologische Krebserkankungen sowie Tumoren des Gastrointestinaltraktes.

Kramer: Worin liegen die Chancen, worin die Grenzen der integrativen Medizin?

Schlaeppi:
Die integrative Medizin ist vor allem eine Chance für die Patienten in ihrem umfassenden Anliegen in einem Haus als ganzer Mensch ernst genommen und unter Minimierung möglicher Konflikte synergistisch medizinisch ganzheitlich versorgt zu werden. Dabei geht es um einen Weg der Integration. Grenzen sind auf diesem prozessualen Weg der Integration zunehmend wandelbar und sollten idealerweise dadurch irgendwann überwunden sein.

Kramer: Wie gestaltet sich die Vergütung der von Ihnen praktizierten integrativen Medizin im Zeitalter von DRGs?

Schlaeppi:
Die Vergütung der integrativ-medizinischen Leistungen ist ambulant - (mit Ausnahme der Pflegeanwendungen) - kein Problem. Bei den äußeren Pflegeanwendungen gibt es derzeit ein Missverhältnis, wodurch der aufgebrachte Aufwand, ebenso wie noch bei der gesamten stationären integrativen Medizin, nicht angemessen ausgeglichen wird. Hier sind die entsprechenden Anträge bei SwissDRG bereits national eingereicht worden.

Kramer: Worin liegen aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die Zukunft der integrativen Medizin?

Schlaeppi:
Eine der wichtigsten Herausforderungen für die Zukunft der integrativen Medizin ist eine Versorgungsforschung mit Klärung geeigneter Qualitätskriterien zu etablieren und das unter Einschluss der Kostenfrage. Dabei werden wir in St. Gallen in der Evaluation der bei uns behandelten Patienten sowohl von der hauseigenen Zentrale für klinische Studien (CTU) wie auch von der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Heusser (Lehrstuhl für integrative Medizin von der Universität Witten/Herdecke, Deutschland) professionell unterstützt. Bereits publizierte Studiendaten deuten darauf hin, dass mit der integrativen Medizin die Kosten keinesfalls obligat steigen (7).

Vielen Dank für das Gespräch!



Literaturhinweise:
(1) Lindström B, Eriksson M. Salutogenesis. J Epidemiol Community Health. 2005; 59(6):440-2.
(2) Fønnebø V, Grimsgaard S, Walach H et al. Researching complementary and alternative treatments - the gatekeepers are not at home. BMC Med Res Methodol. 2007; 7:7.
(3) Kienle GS, Keine H, Albonico HU. Anthroposophische Medizin in der klinischen Medizin - Wirksamkeit, Nutzen, Wissenschaftlichkeit, Sicherheit (HTA-Bericht), Schattauer 2006.
(4) Kienle GS, Glockmann A, Grugel R et al. Klinische Forschung zur Anthroposophischen Medizin - Update eines „Health Technology Assessment“-Berichts und Status Quo. Forsch Komplementmed. 2011; 18:269-82.
(5) Deng GE, Frenkel M, Cohen L et al. Evidencebased clinical practice guidelines for integrative oncology: complementary therapies and botanicals.J Soc Integr Oncol. 2009; 7(3):85-120.
(6) www.mskcc.org/cancer-care/integrative-medicine
(7) Kooreman P, Baars EW. Patients whose GP knows complementary medicine tend to have lower costs and live longer. Eur J Health Econ. 2012; 13(6):769-76.

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