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Medizin

03. Juli 2019 Tumorschmerztherapie: Morphin als Goldstandard überholt

Lange Zeit galt Morphin als Goldstandard in der Therapie von Tumorschmerzen. PD Dr. Michael A. Überall, Nürnberg, präsentierte auf dem Weltkongress der European Association for Palliative Care (EAPC) in Berlin Daten aus dem DGS-PraxisRegister Schmerz. Diese zeigen: Insbesondere bei der Verträglichkeit gibt es signifikante Unterschiede innerhalb WHO-Stufe-3-Retardopioide, die es in der Schmerztherapie zu berücksichtigen gilt.
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Geringere Abbruchraten mit Hydromorphon

So beendeten beispielsweise 35,8% der Patienten, die mit Morphin behandelt wurden, die Therapie vorzeitig aufgrund von Verträglichkeitsproblemen. Demgegenüber wiesen mit Hydromorphon Retard-Medikamenten therapierte Patienten eine mittlere Abbruchrate von 13,9% auf. Mit einer durchschnittlichen Abbruchrate von 5%, zeigten einmal täglich einzunehmende Hydromorphon-Präparate, wie z. B. Hydromorphon Aristo® long, eine noch bessere Verträglichkeit bei Tumorschmerzpatienten. Bestätigt wird diese Überlegenheit durch den Anteil von erfolgreichen Erstbehandlungen – dieser war bei Hydromorphon in der 24-Stunden-Galenik am höchsten.

DGS-PraxisRegister Schmerz

Seit etwa 18 Jahren werden Daten von Schmerzpatienten im DGS-PraxisRegister Schmerz erfasst. Dieser Datenschatz ermöglicht wertvolle Einblicke in die aktuelle Versorgungslage deutscher Schmerzpatienten. Bis Ende 2018 wurden bereits 209.038 Daten eingepflegt, davon sind 17.832 Daten von Patienten mit tumorbedingten Schmerzen. Von diesen wurden 16.762 mit oralen WHO-Stufe-3-Retardopioiden behandelt. Da viele Patienten mehrere Behandlungsdurchläufe mit Retardopioiden durchliefen, wurden insgesamt 31.842 Therapien aufgezeichnet (1).

Signifikante Vorteile in der Verträglichkeit

Die Verträglichkeit eines Opioids ist nicht nur entscheidend für den Therapieerfolg, sondern auch ein wichtiger Faktor für den Erhalt der Lebensqualität von Tumorschmerzpatienten. Die Wahl eines nebenwirkungsarmen Medikaments kann frühzeitige Therapieabbrüche stark reduzieren. Aus diesem Grund lohnt sich ein genauer Blick auf die Patientencompliance der einzelnen oralen WHO-Stufe-3-Retardopioide. Hier offenbaren sich schnell signifikante Unterschiede: Bei der Behandlung mit Morphin-Präparaten brachen etwa 36% und bei Oxycodon rund 32% der Patienten eine Therapie aufgrund von Verträglichkeitsproblemen ab. Wohingegen Patienten, die mit Hydromorphon-Präparaten therapiert wurden über deutlich weniger Verträglichkeitsprobleme (13,9%) berichteten.
Mit einer dokumentierten Abbruchrate von 5% erzielten 24-Stunden-Hydromorphon-Präparate noch bessere Ergebnisse (2). „Die kontinuierliche Freisetzung des Wirkstoffs und die daraus resultierende gleichmäßige Analgesie sowie die geringe Interaktion mit verschiedenen Medikamenten und die Möglichkeit, auch bei Niereninsuffizienz und Leberfunktionsstörungen zu behandeln, macht Hydromorphon in vielen Fällen zum Mittel der ersten Wahl“, so Überall.

Morphin als Erstlinientherapie überholt

Nur jeder fünfte Patient reagierte auf Morphin und jeder dritte Patient auf Oxycodon mit einer zufriedenstellenden Schmerzlinderung. Weitaus positivere Ergebnisse erzielten Hydromorphon-Medikamente – hier war etwa jede zweite Behandlung erfolgreich. Mit einer Erfolgsquote von 66% schnitten Hydromorphon-Präparate in der 24-Stunden-Galenik noch besser ab. Trotz der eindeutigen Vorteile der Hydromorphon-Medikamente, wurde Morphin in 29% der Behandlungen als Erstlinientherapie verwendet. „Auf Basis der Datenbasis und der klaren Verträglichkeitsvorteile von Hydromorphon-Präparaten, sollte ein Umdenken in der Wahl der oralen WHO-Stufe-3-Retardopioide stattfinden“, erklärte Überall. „Der häufige Einsatz von Morphin – insbesondere zum Beginn einer Schmerztherapie – scheint anhand der derzeitigen Datenlage nicht mehr gerechtfertigt“, resümierte Überall.

End-of-dose-failure: 24-Stunden-Hydromorphon-Präparate überzeugen

Schmerzepisoden, die auftreten, wenn die analgetische Wirkung der Basisschmerzmedikation vorzeitig nachlässt, werden als end-of-dose-failure bezeichnet. Bei auf Morphin eingestellten Patienten wurden etwa 31% end-of-dose-failure beobachtet, bei Oxycodon ca. 26% und bei Hydromorphon-Standard rund 21%, wohingegen bei Hydromorphon-24-h-Präparaten ein end-of-dose-failure von lediglich 7,4% beobachtet wurde. „Die Ursache hierfür scheint die pharmakologische 24-Stunden-Abdeckung zu sein“, so das Fazit von Überall.

Bessere Verträglichkeit

Die aktuellen Erkenntnisse aus dem DGS-PraxisRegister Schmerz zeigen, dass es an der Zeit ist, sich kritisch mit den Wirkstoffprofilen der unterschiedlichen Opioide genauer auseinanderzusetzen. Das langjährige Dogma, dass Morphin ein Goldstandard sei, scheint auf Basis der Daten nicht mehr gerechtfertigt. Hydromorphon-Präparate – insbesondere mit einer 24-Stunden-Galenik – sind deutlich verträglicher für Patienten. Dies spiegelt sich auch in den deutlich höheren Erfolgsquoten von 24-Stunden-Hydromorphon-Medikamenten im Vergleich zu Oxycodon und Morphin-Präparaten wider.

Quelle: Aristo

Literatur:

(1) Überall MA, Müller-Schwefe GHH 2019, PraxisRegister Schmerz / IDocLive; Data on File, Stand 31.12.2018.
(2) Mod. nach M. Überall, Präsentation im Rahmen des „16th World Congress of the European Association for Palliative Care“, Mai 2019 in Berlin.


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