08.06.2010 Interview mit Dr. Nicolas J. Dickgreber: Präzisierung der NSCLC-Therapie durch exakte Tumorklassifikation und erweiterte histologische Befundung
Die Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) orientiert sich zunehmend an den histologischen Merkmalen des Tumors, zumal dessen morphologische Eigenschaften die Therapiewahl erheblich beeinflussen: So haben Patienten mit einem Nicht-Plattenepithelkarzinom (Adeno- und großzelliges Karzinom) einen signifikanten Überlebensvorteil, wenn sie eine Erstlinientherapie mit Pemetrexed (Alimta®) in Kombination mit Cisplatin erhalten. Darüber hinaus spielt das pathologisch-anatomische Staging anhand der TNM-Klassifikation eine wichtige Rolle bei der Therapiefindung. Der Pneumologe Dr. Nicolas J. Dickgreber von der Medizinischen Hochschule Hannover fasst das aktuelle Vorgehen bei fortgeschrittenem NSCLC, Thema eines von der Lilly Deutschland GmbH unterstützten Symposiums* zum 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. in Hannover, zusammen.
Die wichtigste Neuerung des seit Januar 2010 gültigen TNM-Systems ist die exakte Klassifikation der Tumorgröße. [1] Welche Vorteile hat dies hinsichtlich Prognose und Wahl der Therapie?
Das TNM-Stagingsystem bildet die Grundlage für individuelle interdisziplinäre Therapieentscheidungen, wobei in der Tat die Kriterien Tumorgröße und Lokalisation (T) stärker als bisher berücksichtigt werden. Auch die Stadiengruppen wurden neu definiert. Die jetzt deutlich vergrößerte Datenbasis ermöglicht eine differenziertere Beschreibung der Tumore und damit eine bessere Einschätzung der Prognose. Das erleichtert die Therapieentscheidung, die allerdings nicht nur von Prognosefaktoren, sondern auch von prädiktiven Markern wie der Tumorhistologie und der individuellen Befindlichkeit des Patienten – etwa seinem Leistungs-Index und den funktionellen Reserven – abhängt.
Welche Rolle spielt die Histologie für die medikamentöse Therapie bei fortgeschrittenem NSCLC?
Den deutlichsten Beleg für den Stellenwert der Histologie bei der Therapiewahl lieferte eine Phase-III-Studie zur Erstlinientherapie beim fortgeschrittenen NSCLC (Stadien IIIb/IV). [2]
Darin erreichten Patienten mit Nicht-Plattenepithelkarzinom (Adeno- und großzelliges Karzinom) unter Therapie mit Pemetrexed/Cisplatin eine signifikante Lebenszeitverlängerung gegenüber einer Therapie mit Gemcitabin/Cisplatin. Dies ist ein erster wichtiger Schritt in Richtung Therapieindividualisierung, denn nunmehr hängt es von der Differenzierung zwischen plattenepithelialer und nicht-plattenepithelialer Histologie ab, welcher Therapieweg eingeschlagen wird.
Die mediane Überlebenszeit konnte unter Pemetrexed/Cisplatin in der Erstlinientherapie bei Patienten mit Adenokarzinom auf 12,6 Monate gegenüber 10,9 Monaten unter dem bisherigen Standard Gemcitabin/Cisplatin verlängert werden. Was bedeutet das für die Wahl der Ersttherapie bei fortgeschrittenem NSCLC?
Adenokarzinome stellen einen Großteil der Nicht-Plattenepithelkarzinome. Der für diesen Subtypus erzielte Überlebensvorteil mit Pemetrexed/Cisplatin gegenüber Gemcitabin/Cisplatin sollte in Therapiealgorithmen berücksichtigt werden. Demnach sollten nicht vorbehandelte Patienten mit Nicht-Plattenepithelkarzinom vorzugsweise z. B. die Kombination Pemetrexed/Cisplatin erhalten.
Welche Bedeutung wird die Histologie Ihrer Meinung nach bei der Therapiewahl zukünftig haben?
Die Histologie spielt nicht nur in der Erstlinientherapie sondern auch für die Zweitlinientherapie eine wichtige Rolle. So haben Patienten mit einem Nicht-Plattenepithelzellkarzinom (Adeno- und großzelliges Karzinom) unter einer Monotherapie mit Pemetrexed in der Zweitlinie einen größeren Benefit als Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom. [3] Zukünftig wird auch die Individualisierung der Therapie auf molekularer Basis voranschreiten. So ist die gute Wirksamkeit von Pemetrexed bei Adenokarzinomzellen möglicherweise auf eine niedrige Expression der Thymidylatsynthase bei diesem histologischen Typ zurückzuführen. [4] Als weiterer Marker ist der Nachweis aktivierender EGFR (epidermaler Wachstumsfaktorrezeptor)-Mutationen von besonderem Interesse, weil sich daraus Vorteile für eine Therapie mit einem Tyrosinkinase-Inhibitor herleiten lassen.
Welche Rolle wird die Chemotherapie in Zukunft bei der Behandlung von Lungenkrebs spielen?
Die Chemotherapie unter Anwendung von neueren Zytostatika und zielgerichteten Substanzen bestimmt auch künftig das Vorgehen bei fortgeschrittenem NSCLC und wird in zahlreichen Studien geprüft. In der palliativen Therapiesituation des fortgeschrittenen NSCLC spielt die Chemotherapie für die Verlängerung der Überlebenszeit auch in Zukunft eine entscheidende Rolle.
Quellen:
1. Goldstraw P.; Thorac Oncol 2009; 4(6):671-3.
2. Scagliotti G et al.; J Clin Oncol 2008; 26: 3543-355.
3. Peterson P et al.; WCLC 2007; Seoul, Abstr. #P2-328.
4. Ceppi P et al.; Cancer 2006; 107: 1589-1596.
* Symposium „Individualisierte Behandlung von Lungentumoren: Was ist möglich?“, 51. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V., Hannover, 18. März 2010
Mit freundlicher Unterstützung der Lilly Deutschland GmbH, DEALM00447